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JKl 274* Donnerstag, den 27. November 1884.

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Fuldarr

Deutsches Reich.

Berlin, 26. November.

£;** Ein Artikel der,N. A.Ztg/ über die braun­schweigische Erbfolgefrage führt aus, es liege kein Beweis vor, daß der Herzog von Cumber­land den ernsten offenen Wille habe, seinen früheren Standpunkt als unversöhnlicher Gegner von Kaiser und Reich aufzugeben. Die Gefolgschaft des Her­zogs bestehe aus den Hospitanten des Centrum«, welches bezüglich der Treue zu Kaiser und Reich auf einer Linie mit der pol­nischen und der französischen Fraktion rangire und deren Führer der thätigste und ge­schickteste Gegner des protestantischen KaisetthumS sei. In dem Augenblicke, in welchem das Centrum eine feindseligere Stellung als bisher gegen die Regierung einnehme, könne man dem Reiche nicht zumuthen, in Braunschweig ein Hauptquartier wel- fischer Politik aufzuschlagen. Die Regierung sei stets konsequent für das monarchische Prinzip und die Rechte der deutschen Fürsten eingetreten, doch könne sie nicht den Frieden von 45 Millionen Menschen den Sonderinteressen eines noch so vor­nehmen und alten Hauses aufopfern. — Die ,Frkf. Ztg/ bemerkt dazu:

„Was bas Leibblatt bes Kanzlers gestern gegen bie Erbfolge Cumberlanbs in Braunschweig vorgebracht hat, ist im Grunbe nichts Anberes, als eine schroffe Berurthei- lung bes Legitimitätsprinzipes. Es macht im Hanbum- drehen aus ber Erbfolge eine politische nnb eine Macht- Frage ; es will dasselbe geregelt wissen nichr unter bem Gesichtspunkte des historischen „Rechtes", sonbern unter demjenigen der Zweckmäßigkeit; ja es stellt mit dürren Worten den „Sonderinteressen eines noch so alten und vornehmen Hauses" den „Frieden von Fünfundvierzig Mil­lionen" gegenüber. Was zu dieser prächtigen Definition des Fürstenthums wohl die anderen „alten Häuser" sagen werben? Das ist Luft vom Jahre 66 — ber Br u- berkrieg soll anscheinenb ein biplomatisches Nachirags- kapitel erhalten: Und wenn heute Braunschweig an der Reihe ist, wer weiß wer morgen daran kommt und wie oft wohl die Kollisston fürstlicher Sonderinteressen mit dem Interesse Deutschlands gewissen Leuten ihre Dienste ihnen wird?

* Der gegenwärtige Reichstag zählt 142 Mit­glieder, die dem vorigen Reichstag nicht angehörten. Unter denselben befinden sich 24 Mitglieder der Centrumsfraktion, 35 Konservative, 13 Reichs­parteiler, 29 Nationalliberale, 15 Deutschfrei­sinnige, 2 Volksparteiler, 6 Welfen, 5 Polen, 10 Sozialdemokraten, 1 Däne und 1 Elsässer. Von diesen neugewählten Mitgliedern gehörten

jedoch 7 Konservative, 2 Reichsparteiler, 2 Na­tionalliberale und 1 Sozialdemokrat dem Reichs­tage bereits in früheren Legislaturperioden an, so daß gegenwärtig 130 der Mitglieder oder fast ein Dritttheil der Gesammtzahl zum ersten Male einen Reichstagssitz einnehmen.

(*) Seitens der Reichsregierung sind namhafte Fabrikbesitzer aufgeordert worden, sich über die Nothwendigkeit einer Ausgestaltung unserer Fab­rikgesetzgebung zu äußern und bezügliche Vor­schläge zu machen. — Sachsen hat sich in den zuständigen Bundesrathsausschüssen gegen das Post­sparkassengesetz erklärt und dessen Ablehnung beantragt. Auch die süddeutschen Staaten haben große Bedenken gegen das Gesetz.

* Die umgearbeitete Dampfer - Subven­tionsvorlage lautet:

:S 1. Der Reichskanzler wirb ermächtigt, bie Einrich­tung unb Unterhaltung von regelmäßigen Post Dampf- schiffsverbinbungen zwischen Deutschland einerseits unb Ost- asien, sowie Australien unb Afrika anberseits, auf eine Dauer bis zu 25 Jahren an geeignete Unternehmer zu übertragen unb in ben hierüber abzuschließenden Verträgen Beihülfen bis zum Höchstbetrage von jährlich 5,400,000 Mark aus Reichsmitteln zu bewilligen. § 2. Die int § 1 bezeichneten Verträge bedürfen zu ihrer Gültigkeit ber Ge­nehmigung bes Bunbesrathes. Die Verträge, sowie bie auf Grund derselben geleisteten Zahlungen sind dem Reichstage bei Vorlage des nächsten Reichshaushalts-Etat mitzutheilen. § 3. Die nach § 1 zahlbaren Beträge sind in ben Reichs- haushalts-Etat einzustellen.

Aus den Erläuterungen heben wir Folgendes hervor: Es ist zunächst in Aussicht genommen, folgende Dampferlinien emzurWen'. i. Für den Verkehr mit Ostasien: a. eine Hauptlinie von der deutschen Küste nach Hongkong, über Rotterdam bezw. Antwerpen, Suez, Colombo, Singapore; b. eine entweder von Triest (bezw. Venedig) über Brindisi, oder von Genua über Neapel führende Zweiglinie nach Alexandrien, welche zugleich als Zugangslinie für die unter II a erwähnte austra­lische Hauptlinie dienen soll; c. eine Zweiglinie zwischen Hongkong und Aokohama über Shanghai, Nagasaki und einen noch zu bezeichnenden Hafen in Korea. II. Für den Verkehr mit Australien: a. eine Hauptlinie von der deutschen Küste nach Sidney über Rotterdam bezw. Antwerpen, Suez, Adelaide und Melbourne; b. eine Zweiglinie von Sidney nach den Tonga und Samoa-Inseln und zurück nach Sidney. III. Für den Verkehr mit West- und Ost-Afrika: eine Hauptlinie von der deutschen Küste nach Zanzibar über Rotterdam

(bezw. Antwerpen), Havre (bezw. Cherboug) Gorve, Angra Pequena, Capstadt, Natal, Delagoabay und Mozambique. Im Anschluß an diese letztere Haupt­linie wird eine Umgestaltung der schon jetzt be­stehenden deutschen Dampferlinie nach der westafri­kanischen Küste beabsichtigt, vermöge deren der Post­dienst nach den westafrikanischen Plätzen regelmäßig ausgeführt werden kann.

* Was die Frage der D a m p f e r - S u b v e n^- tionirung und überhaupt dieKolonialpoli- tik anbelangt, schreibt der ,Bad. Beob/ treffend, so ist oft genug betont worden, daß die Cen­trumspartei sich keineswegs von Hause aus feindlich den kolonialen Bestrebungen des Reiches und den hierzu erforderlichen Hilfsmitteln entgegen­stellt. Mögen darum die Mittelparteiler in ihren Organen das Centrum wegen seiner vorsichtigen Haltung in der Kolonialfrage noch so oft schelten und der „Reichsfeindschaft" bezichtigen, diese Vor­würfe werden den „festen Thurm" nicht erschüttern. Er wird unerbittlich auf bem Standpunkte behar­ren, daß es eine politische Thorheit wäre, einen so weit ausschauenden, absolut neuen und folgen­schweren Zweig der Politik durch die rosige Brille der „nationalen" Eitelkeit und der auf­schäumenden Schwärmerei zu betrachten. Solche Projekte muffen nüchtern erwogen werden, ins­besondere muß die bei unserer traurigen Finanz­lage so sehr wesentliche Geldfrage mit großer Ruhe und Besonnenheit in's Auge gefaßt werden. Sagt doch der Kaiser, selbst in ferner. daß die

Anfänge kolonialer Bestrebungen nicht alle Erwar­tungen, die sich daran knüpfen, erfüllen können. Besser hätten bie übet tri ebenen Kolonialschwär­mereien ber nationalen und mittelparteilicheil Presse gar nicht auf das rechte Maß zurückverwiesen wer­den können. Also nur immer kaltblütig, ihr „natio­nalen" Kolonialschwärmer! Die Centrumspartei steht ben kolonialen Bestrebungen bes Reiches be­sonnen, aber nicht unsympathisch gegenüber. Wenn sie gegen irgeiib etivas Front macht unb machen wirb, so ist es nur gegen bie über das vernünftige unb bescheidene Maß hinausschießende Uebertreibung, die Vermiscbung r> alpolitischer Ziele mit idealen Schwärmereien. Für solche ist gegenwärtig in Deutschland gar keine Veranlassung vorhanden.

* Braunschweig, 26. Nov. Windthorst er­klärte heute Nachmittag dem hiesigen Amtsgerichte für Cumberland dessen Erbschaftsantritt.

65) l C X (l (Nachdr. Derb.)

oder

Auf dunklen Wegen.

Roman von E. Wagner.

„Wollen Sie sich setzen, Lady Markham?" sagte Sie kalt.

„Ich danke. Nur Theiluahme trieb mich zu Ihnen. Haben Sie gute Nachrichten erhalten?" und sie sah Alexa forschend an.

„Mein Vater war ganz wohl, als er ben Brief schrieb."

„Wie verschieben sinb boch bie Menschen. Ich hielt bie Briefe sehr in Ehren, bie mein Vater mir nach bem Pensionat schickte. Ich versichere Sie, ich habe sie noch alle, mit einem rothen Banb zusammengebunben. Ich würbe lieber Alles ent­behren, als bie lieben Anbenken an bie Vergangen­heit zerstören. Es mag sein, baß ich etwas sen­timental bin, Miß Strange. Junge Mädchen in den jetzigen Tagen vernichten ihres Vaters Briefe gleich, nachdem sie sie flüchtig gelesen haben, rote es scheint. Es hat fast den Anschein, als ob Sie sich fürchteten, den Brief zu behalten."

Der höhnische Ausdruck ihres Antlitzes, welcher bie letzten Worte begleitete, machte Alexa erzittern.

Wäre bisher noch ein Zweifel in ihr gewesen, so wurde es ihr jetzt zur Gewißheit, daß sie in Lady Markham eine erbitterte Feindin besaß. Sie be­griff deren kleinliche Mißgunst und Eifersucht und hielt es nicht für unmöglich, baß es berfelben ge­lingen möge, Laby Wolga gegen sie einzunehmen unb sie aus biefent Hause zu »erbringen.

Sie hielt e« für ein Glück, baß ihr eine Zuflucht in Montheron angeboten war. Ein längerer Auf­enthalt in bem Schlöffe ihrer Ahnen würbe ihre Mission begünstigen, aber ber Gebaute an bie Trennung von ihrer Mutter bereitete ihr neues Weh. Sie war nach Clyffebourne gekommen mit einem Gefühl von Abneigung unb Zorn gegen ihre Mutter, unb bas Zusammenleben mit derselben hatte in wenigen Tagen diese widerstrebenden Ge­fühle in die innigste kindliche Zuneigung und Siebe verwandelt. Es war ihr daher ein peinlicher Ge­danke, möglicherweise von ihrer Mutter im Zorn und Mißtrauen gegen sie wieder zu scheiden.

Lady Markham würde viel darum gegeben haben, hätte sie Alexa's Gedanken errathen können. Ihr Gesicht verfinsterte sich, als Alexa ihre beleidigenden Worte unbeantwortet ließ.

„Lady Wolga ist in ihrem Boudoir," sagte sie. „Ich sah sie au» dem Bibliothekzimmer kommen

und glaube, sie hat schon auf S gewartet, Miß Strange. Beim Lesen Ihres B:cfes haben Sie wahrscheinlich Ihre Pflicyt als 6) s llschasterin ver- geffen."

„Ich habe sie nicht vergess, n," erwiderte Alexa, ihre Erbitterung beherrschenv, „aber Lady Wolga hat mich auf eine halbe Stunde beurlaubt unb bie Zeit ist noch nicht verflossen."

„Dann will ich Sie allem lassen, Miß Strange," bemerkte Laby Markham. „M.in Besuch war ein burchaus freundschaftlicher; Sie müssen nun auch einmal bei mir vorsprechen, wenn Sie Zeit haben."

Sie entfernte sich unb eilte, mit neuem Stoff zur Verdächtigung versehen, zu Laby Wolga. Sie sand biese allein, Briefe unb anbere Papiere vor sich.

„Störe ich?" fragte sie.

„Durchaus nicht," lautete bie freundliche Ant­wort. „Setzen Sie sich, Lady Markham."

Lady Markham folgte ber Einlabung.

„Ich habe eben Miß Strange einen Besuch abgestattet, Wolga," sagte sie scheinbar sorglos. „Ich fürchtete, bas arme Mävchen möchte traurige Nachrichten vom Hause erhalten haben, ober ber Brief möchte ihr Heimweh verursacht haben. Aber was meinen Sie? Sie hatte den Brief zu Asche