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273. Mittwoch, den 26. November

Fuldaer

1884.

Die Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage eiliger »tnmen. Vierteljährlicher Akonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,®tettte und Blumen' in Fuida 1 Mk. 70 Pig., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einfältige Zeile oder beten Roum 15 Pfg., sog. Platzannorcen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Erstes Blatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. November.

* Die Kaiserin wird, wie man ausCoblenz meldet, voraussichtlich am 2. Dezember von dort nach Berlin zurückkehren.

* Zur Errichtung von Standbildern des Kai­sers ist in den letzten Jahren wiederholt die Genehmi­gung nachgesucht worden. Dieselbe ist stets abgelehnt worden, weil der Monarch an dem Grundsatz fest­hält, Standbilder, welche seine Person in ganzer Figur darstellen und für sich allein ein selbststän­diges Monument bilden sollen, bei Lebzeiten nicht zuzulassen.

* Hier konstituirte sich ein demokratischer Verein, welcher demnächst in die Oeffentlichkeit tre­ten wird.

* Dem ,Wests. Merkur', welcher die „Nachricht der .Germania', daß Herr Windthorst eine Inter­pellation in der braunschweigischen Frage einreichen wolle, als falsch bezeichnet", erwidert die ,Germ.': Wir bitten den .Wests. Merkur', uns anzugeben, wann wir diese Nachricht gebracht hät­ten. Wir haben wohl Aeußerungen liberaler Blät­ter citirt, welche eine derartige Interpellation fürch­teten und durch alle möglichen Erwägungen ver­hindern wollten, wir haben auch diese Aeußerungen kritisirt, aber niemals positiv behauptet, daß der Abgeordnete Dr. Windthorst eine Inter­pellation in der braunschweigischen Frage einreichen werde.

2 • Der ständige Ausschuß der W ei m arisch en Gewerbekammer hat beschlossen, eine Vorlage aus­zuarbeiten über die bei Vergütung der Sträflings^ arbeiten für Großhändler festzuhaltende Methode,> damit solche nicht zu einer schädlichen Konkurrenz ■ der Gewerbetreibenden ausarte. Die Vorlage soll den Gewerbekammern im Reiche zur Prüfung und weiteren Berathung zugestellt werden.

• Nachstehender Artikel, den wir auf Wunsch eines Abonnenten veröffentlichen, dürfte trotz einiger Verspätung noch immer geeignet sein, unsere Leser zu amüsiren. Derselbe lautet:

Hannover, 17. Nov. Welche — nun, sagen wir einmal Selbstverleugnung für die hannover­schen Nationalliberalen dazu gehörte, um an der blau-rothen Internationale festzuhalten, zeigt am

besten das Flugblatt, welches die Sozialdemokraten vor der Hauptwahl vom 28. October verbreiteten. Dasselbe zieht über die verschiedenen Parteien in der fürchterlichsten Weise, mit ganzen Bündeln der gröbsten Schimpfwörter her. So heißt es von den Deutsch-Konservativen: .Eine bornirtere Gesell­schaft kann wohl nirgends gefunden werden.' Ihre Führer sind .eine Handvoll Krautjunker, die nichts weiter gelernt haben, als ein Bißchen Noßtäuscherei, Volteschlagen, Becherspiel oder sonstige plumpe Schelmenstücke . . . Wenn Bismarck morgen seinen „Reichshund" Tyras zum Vicekanzler ernennen wollte, die Konservativen würden den letzter« sofort als den „zweitgrößten" Staatsmann unseres Jahr­hunderts verehren'. Aber das ist noch eine Kleinig­keit gegen die Behandlung, welche den National­liberalen widerfährt. Man lese: .Auch die National­liberalen sind unverfroren genug, wiederum einen Durchfalls-Kandidaten als „Opferlamm" in den kampf hineinzuzerren. Verlorene Liebesmühe! Diese Partei der Charakterlosigkeit und politischen Heu­chelei ist tobt und bereits in Fäulniß gerathen. Durch das bekannte Heidelberger Programm sind sie völlig zu den Konservativen übergelaufen. Ihr Führer, der „große" Rudolph v. Bennigsen, ist nicht Minister geworden, sondern von Bismarck schmählich an die Wand gedrückt und hat in Folge dessen die Flinte ins Korn geworfen. Seine ver­lassenen „Getreuen" sind nur eine Anzahl von Hanswürsten. Die Hundedemulh der National­liberalen ist durch das bekannte „geflügelte" Wort ihres frühem Parteigenossen Bamberger: „.Hunde sind wir ja doch I" sprüchwörtlich geworden. Jffrer erbärmlichen Feigheit und Charakterlosigkeit ist es zu verdanken, daß die Reaktion in Deutschland so stark geworden ist. Sie unterscheiden sich von den Konservativen nur dadurch, daß diese vor Bismarcks Kuirassirstiefeln auf den Knieen liegen, während \bie Nationalliberalen auf bem Bauche rutschen. ^Deshalb wirb bas Volk ihnen am 28. Oktober bett wohlverbienten Fußtritt versetzen. Wenn sie bann enblich einsehen sollten, daß die Wähler nichts mehr von ihnen wissen wollen, so können ja diese „begeisterten" Anhänger der „Kolonialpolitik" nach Angra Pequena und Klein-Popo oder unsertwegen auch zu den „Buschkleppern" aus- wandern.' — Es ist nicht möglich, die Beschimpfung noch zu steigern. Und die nationalliberale Antwort? Sie erfolgte am deutlichsten in der Nr. 45 der in

63)

x Kirn

(Nachdr. »erb.)

ober

Auf dunklen Wegen.

Roman von E. Wagner.

Es trat wieder ein kurzes Schweigen ein, dann sagte Renard:

„Weißt Du, Felice, weshalb ich heute Abend eigentlich hierher gekommen bin?"

„Jedenfalls, um meine Bekanntschaft zu er­neuern."

„Wir haben unsere Bekanntschaft über achtzehn Jahre erhalten, Felice. Du hast Dich stets ge­weigert, Mylady zu verlassen; aber wenn sie nun Mylord heirathet, weshalb sollten wir uns nicht auch heirathen? Denke an die Besuche, die ich Dir während der achtzehn Jahre gemacht habe. Ich bin gekommen und gegangen, ohne daß Du mir eine sichere Hoffnung gemacht hättest, und doch habe ich mich nie um ein anderes Mädchen ge­kümmert. Wenn ich wollte," fügte er stolz hinzu, „könnte ich eine Dame heirathen."

„Du, Pierre! Es ist nicht schön, sich so zu • brüsten."

„Es ist die Wahrheit. Al er ich habe es vor­

gezogen, auf Dich zu warten; doch länger will ich nicht warten; willst Du mich heirathen?"

„Ich habe mein Auskommen," sagte Felice vorsichtig. „Mylady ist stets großmüthig gegen mich gewesen, so daß ich mir ein hübsches Sümm­chen erspart habe. Aber Du, Pierre, würdest es schon nach einem Jahre so weit gebracht haben, daß ich Mangel leiden müßte. Du gebrauchst viel Geld und ich kann nie einen Mann heirathen mit den Gewohnheiten eines Verschwenders und mit dem Einkommen eines Dieners. Das hat mir schon lange im Sinn gelegen, und nun hast Du die Wahrheit."

Renard lachte.

„Wenn Du mir früher diesen Grund Deines Zögerns gesagt hättest, würde ich ihn Dir schon längst aus dem Kopfe getrieben haben," erklärte er. „Geld habe ich genug und habe es schon seit Jahren gehabt. Ich habe das Einkommen eines Gentlemans und kann mich also auch darnach kleiden. Ich habe ein hübsches Vermögen von einem Onkel geerbt —"

„Von welchem Onkel?" Ich kenne Deine Onkel, Pierre Renard;. sie waren Pariser Schuh­flicker und arm!"

„Es war der Großonkel meiner Mutter," sagte

Hannover erscheinenden .Nationalliberalen Blätter' vom 10. November. In einem Leitartikel: .Meister oder Brüel?' war zu lesen: .Der Vorstand des i hiesigen nationalliberalen Vereins wird eine Wahl- parole für die Stichwahl nicht ausgeben. Es ist ■ daher jedem einzcknenGesinnungsgenossen überlassen, ; seiner eigenen individuellen Üeberzeugung frei zu folgen, ohne Beengung durch irgend welche Gebote der Partei-Disziplin. Für wen entscheiden wir uns, für Meister ober für Brüel? Heute sinb wir in ber Ansicht bestärkt, baß die Wahl des sozialdema- , kratischen Kandidaten nicht allein zu wünschen ist, sondern thatkräftig unterstützt zu werden verdient! Wer den Bewegungen unserer deutschen Sozial- ! demokratie gefolgt ist, der wird sich der Wahr­nehmung nicht verschlossen haben, daß sie sich immer mehr von den gewaltsamen, nihilistiscyen Umsturzideen entfernt. Nachdem das soziale König- thum für die Enterbten des Volkes in die Schranken tritt, haben die robusten Anschauungen über die Nothwendigkeit der Anarchie, des Collectivismus, ber Zerstörung ber juristischen Familie unb ber Abschaffung aller offiziellen Religionen sich wesent­lich gemilbert, unb dieser Läuterungsprozeß inner­halb der sozialdemokratischen Massen dauert fort... Es war uns ein Bedürfniß, zunächst barzulegen, baß ein Eintreten für Meister — bas boch nur ' erfolgt „ber Roth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe" — mit ethischen und tief moralischen Er« i wägungen sehr wohl zu verlheidigen ist, so zu ver« theidigen, daß die Parteimoral dabei durchaus s nicht zu kurz kommt. Fordert also die Parteimoral kein gebieterisches Nein in Bezug auf die Unter­stützung einer sozialdemokratischen Reichstags-Kan­didatur, so bleibt zu ermessen, wohin sonstige viel- 1 leicht in der Taktik begründete Erwägungen drängen. Für die nationalliberalen Wahlen ist es ausge­schlossen, einen Mann zu wählen, ver darauf sinnt, seine particularistischen Schwärmereien eventuell durch eine Zertrümmerung des Reiches zu ver- wirklichen.' Die sozialdemokratische Gegenleistung in Köln ist bekanntlich ausgehlieben. Diese furcht- . bare Blamage aber hat die „Freunde" in Hannover nicht abgehalten, nicht bloß den Kuirassierstiefel des Reichskanzlers, sondern auch die genagelten Schuhe der Sozialdemokraten zu küssen. Der ver­diente Fußtritt für die „Hundedemüthigen" wird nicht ausbleiben.

Renard rasch und mit einiger Verwirrung. „Ec ! war Kaufmann in Cayenne. Du hast ihn nicht ' gekannt. Er vermachte mir ein großes Vermögen, und ich bin in der Lage, mir ein Gut in Frank­reich kaufen zu können. Wir können vornehme Leute werden, Du und ich, Felice, wenn Du willst. Ich könnte eine jüngere und hübschere Frau heirathen, aber ich bin meiner alten Liebe treu. Nun, wollen wir uns heirathen? Du sollst j ein Landhaus haben, sollst Gesellschaften geben und es soll Dir an nichts fehlen, was vornehme Damen bedürfen. Und deshalb frage ich Dich jetzt zum letzten Male, willst Du meine Frau werden?"

Die versprochenen Herrlichkeiten verfehlten nicht, auf Felice Eindruck zu macken.

„Wenn Mylady Lord Montheron heirathet," sagte sie, „und ich weiß, daß sie es thut, — dann will ich Dich heirathen." l

Renard äußerte seine Freude in lebhafter Weise.

„Aber um auf das Vermögen zurückzukommen," bemerkte Felice, in der plötzlich Zweifel aufgestie- ' gen, „ich habe bisher nie gehört, baß Deine Mut­ter einen reichen Bruder hatte. Deine Eltern waren arm —" 1

„Aber meiner Mutter Onkel war ein Kaufmann. |

Ich habe Geld in der Bank. Soll ich Dir mein X