1884
M 270
Zie ,Fulda- Z.itimg- «scheint täglich, Sonn- und Feiertag- ausgenommen. B:°r «liahrl,-her AbonnEtsprei« ohne «nngerlohn und Bestellgeld: 1 Ml. oO Pfg-, - mit de- 3 belletrMchen Lochenbeilag- ,Sterne und Blume«' m Fulda I M ^fg., aufwärts 1 3M.75 Pfg-
Inserate: Die einspaltig- Zeil« oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; be, Wiederholungen entiprechend« Rabatt.
Zweites Blatt.
O Stanley über den Kongo.
Am letzten Dienstag hielt Stanley, der berühmte Afrikareisende im deutschen Kolonialverein zu Berlin einen interessanten Vortrag in englischer Sprache. Es ist jetzt 7 Jahre her, sagte er, als ich mich im Heizen Afrikas in Njangwe befand, dem fernsten Orte, den Europäer vor mir erreicht hatten, 900 Meilen entfernt von der Ostküste, 930 von der Westküste. Vorher hatte ich auf meiner Reise zur Auffindung Livingstone's Alles geschaut, was an großen Seen das Innere Afrikas bietet, den Nyanga, den Tanaanyika und andere. Aber hier stand ich, das dunkele, unerforschte, riesenhaft ausgedehnte Wunderland vor mir, begierig, es zu durchdringen! Doch die Eingeborenen, die ich aufforderte, mich zu begleiten, weigerten sich, es zu thun. Meine bisherigen Reisegenoffen hatten Angst, mir zu folgen. Es sei so dunkel, so geheimnißvoll, sagten sie. Erst ein Versprechen an die Eingeborenen, ihnen 2600 Doll, zu zahlen, bewog sie, meinem den Strom hinabgleitenden Schiffe das Geleit zu geben, damit sie aufpaßten, daß mir keiner meiner Reisegesellen davonginge. So fuhren wir denn hinab den inächtigen Strom, eine ewige Nebelwolke vor uns, die ihn bedeckte, ihn verhüllte, gleich einem Vorhang, immer hoffend, daß wir uns siegreich hindurchkämpfen würden durch Finsterniß und Gefahren, aber auch immer ungewiß, ob wir dem Abgrunde zutrieben oder dem Licht! Aber als dann die Begleitmannschaft an dem voraus bestimmten Endpunkte ihres Weges Abschied von uns nahm, ein Lebewohl singend, als sie am Ufer standen, da ward uns bang um's Herz. Hätten Sie mit uns gehört die melodischen Töne, die von jenen Leuten gesungen wurden, herüberklingend zu uns über die wallenden Gewäffer, als wir fortglitten immer weiter hinauf nach Norden, in das Land der Ungewißheit hinein, Sie würden nicht weniger wie wir ergriffen worden sein von banger Wehmuth! Wohl hatten wir eine kleine Portion Muth uns bewahrt, so viel Muth etwa wie der kleine Knabe, der Furcht im Herzen und Trotz auf den Lippen den Gegner herausfordert mit den Worten: „So wag's einmal!" Aber hätte uns Jemand 5 Mark, ja 5 Groschen in jenem Augen- blicke geboten, um uns zur Rückkehr zu bestechen, wir Alle wären heimgekehrt, zufrieden, einen Vor
wand gefunden zu haben. Aber leider war Niemand da, der uns auch nur 5 Groschen geboten hätte, und so mußten wir denn vorwärts, immer vorwärts nach Norden, endlose, mühselige Tage entlang, bis endlich, endlich der Strom sich wandte nach Westen zu, sich nähernd dem Ziele unserer Irrfahrt. Wir haben sie überstanden, wir erreichten die Mündung des Kongo, wir sahen das atlantische Meer! Und was hatten wir erreicht? Blicken Sie hin (auf die Karte von Afrika weisend)! Ein Sechstel Afrikas, das von uns gänzlich unbekannt war, unbekannt den Deutschen, unbekannt den Engländern, unbekannt den sämmtlichen civilisirten Na- tionen der Erde, hatten mir erschlossen, erschlaffen ein Gebiet, das mich erinnert in seiner Fruchtbarkeit und in seiner Schönheit an das südliche Frankreich. Da sagte ich mir: Es gilt Mitgefühl, Interesse für diesen dunkeln Kontinent zu erwecken und ich will es thun! Ich kam nach Italien müde und abgespannt mit gebleichtem Haar und doch ein junger Mann. Da trafen mich zwei Abgesandte des Königs von Belgien, die mich fragten, ob ich zurück wolle nach Afrika. „Ich zurück? Nein, gewiß nicht, ich nicht! Nicht um alle Schätze der Welt!" Aber als ich dann ein tüchtiges Beefsteak gegessen und ein Glas Champagner getrunken hatte und im Theater gewesen war, als wieder Lebensfreude mir zurückkehrte, als Lebenslust wieder meine Adern durchglühte, da sagte ich, als sie wiederkamen. Ich will's mir überlegen! Und dann schrieb ich mein Buch „Durch den dunklen Kontinent". Ich ging auf die Reise, um Sympathie zu erwecken für Afrika. In 50 Städten habe ich Vorträge gehalten, auch nach Deutschland wäre ich gekommen, leider nur spricht man in Deutschland nicht Englisch. Die englischen Kaufleute waren ganz einverstanden mit meinen Plänen, aber sie sagten: Geld, Geld ist dazu nöthig. Was sie nicht wollten, hat der König von Belgien zu Stande gebracht. Er entsandte mich, um in Afrika den Weg zu bereiten für die Civilisation. Von 79 bis 84 habe ich dort gewirkt mit meinen Genossen. 43 Stationen auf einem Wege von 1100 englischen Meilen haben wir angelegt. Wären Sie eine Gesellschaft von Cook s Touristen, die den Kongo suchen wollten und würden Sie mich als Ihren Cook engagiren, ich könnte Sie bequem den Weg führen und das in Gegenden, die vor wenigen Jahren noch gänzlich unbekannt waren! Fragen Sie mich nun, was wir wollen, so sage ich: wir sind gewillt einems Jeden
die Hand zu bieten in dem freien Afrika, der dort an den zivilisatorischen Unternehmungen sich betheiligen will, einem Jeden, besonders aber den Deutschen! (Lebhaftes Bravo.) Dort ist ein Land, das dem Ackerbau, dem Handel die günstigsten Chancen eröffnet. Wir wollen es bewahren als eine Art internationalen freien Handelspark, in dem ein Jeder für sein Wohl und das der Ge- sammtheit arbeiten kann, ohne genöthigt zu sein, sich von geldgierigen Beamten die Erlaubniß dazu zu verschaffen. Wir brauchen Kaufleute aller Nationen. Was aber würben die sagen, wenn wir verlangten, daß ein Werthzoll von 60pCt. am Thor erhoben würde. Sie würden sich weigern, zu kommen. Sie würden sagen: „Jyr habt uns nichts zu bieten, als Fieber, eine heiße Sonne; dort giebts nur schwarze, häßlich riechende Männer und Weiber. Wir wollen nur kommen, wenn der Zutritt frei ist." Und freien Zutritt will die Internationale Association gewähren. Portugal aber will das nicht. „Ha, ha!" sagen die Portugiesen, ihr habt nicht mit uns gerechnet. Wir gestehen, daß wir nichts für den Kongo gethan haben, aber einer unserer Beamten hat vor 400 Jahren einmal die Mündung des Kongo gesehen und deshalb gehört der ganze Fluß uns!" Soll das der Fall sein? Gewiß nicht! Denn dann wäre es au» mit dem Plane der Civilisation des Äongolanbe«, die wir erhoffen und erstreben. Nun sagt man aber: da« Klima Afrika« ist schlecht und ungesund. Ich will Ihnen sagen. .Je es damit steht: Wir haben jetzt 160 junge weiße Burschen da, die weniger vom Klima zu leiden haben, als im ersten Jahre der Kolonisirung. Wer spirituose Getränke im Ueber- maß trinket, der wird leberleidend, wer aber mäßig hin und wieder zum Diner sein Glas Wein oder Bier trinkt - das ist unser Mann, der wird das Klima Afrikas ertragen. Brausende» Bravo folgte den lebhaften, Geist sprühenden Worten des Redners, der darin den Beweis ablegte, daß LebenS- freudigkeit ihn wieder völlig durchglüht. Stanley 1 ist ein Mann von mittlerer Figur, mit energischen j gesund aussehenden Zügen, die weit volleG sind al» : zu der Zeit, da er nach der Kongoreise zuerst au» Afrika heimkehrte. Seme Redeweise ist lebhaft, tonmalend, von drastischen Gestikulationen begleitet, so daß er selbst die fesselte, welche dem in englischer Sprache gehaltenen Vortrage nicht zu folgen vermochten.
xAlera
ober
Auf dunklen Wegen.
Roman von 6. Wagner.
„Sie sind blau wie die meinen," antwortete das Mädchen vorsichtig, „und er ist so herzensgut wie er edel ist."
„Ich wundere mich, daß Sie ihn verlassen konnten. Sie waren sein einziges Kind, wie Sie sagten?"
„Unser Hau« wurde von Räubern niederge- brannt, und der Hauptmann hatte geschworen, mich fortzuführen, deshalb war ich dort nicht sicher und bat meinen Vater, mich nach England reisen zu lassen. Es war hart für ihn, seine Zustim- mung geben zu müssen, aber er sah ein, daß e» so am Besten sei."
„Lord Kingscourt hatte unlängst ein gefährliches Abenteuer mit griechischen Banditen," sagte Lady Wolga. „Er wurde von ihnen längere Zeit gefangen gehalten, und darauf lag er mehrere Monate lang in der Hütte eines Weingärtners. Wie war der Name Ihre» Verfolgers?"
„Spiridion."
„So hieß auch derjenige, welcher Lord Kingscourt gefangen nahm. Sie sollten einmal mit dem Grafen darüber sprechen."
Alexa war mehrere Male schon versucht gewesen, Lady Wolga zu sagen, daß sie den Grafen schon in Griechenland kennen gelernt hatte. Es schien ihr ungerecht, vor ihrer Mutter ihre Bekanntschaft mit dem Grafen geheim zu halten. Das Bekanntwerten ihrer Beziehungen zu Lord Kingscourt konnte ihre Mission nicht beeinträchtigen oder ihrem Vater gefährlich werden. Ihr Gesicht wurde glühend roth, als sie schüchtern sagte:
„Haben Sie die ganze Geschichte von Lord Kings- conrt's Abenteuer gehört?'
„Gewiß, ich hörte sie von Lord Kingscourt selbst und von Mr. Berlin Kollys. Sie erzählten von ihrem Leben in der Räuberhöhle, von Spin- dion's Grausamkeit und von ihrer Befreiung im Augenblick der höchsten Gefahr durch ein junges griechisches Mädchen. Der Graf muß sein Herz an diese liebliche Griechin verloren haben. Er blieb drei Monate lang in ihrem Hause, wo er krank darniederlag."
„Lady Wolga," sagte sie entschlossen, „das
junge griechische Mädchen, welches Lord Kingscourt und Mr. Kollys befreite, bin ich."
„Sie?"
„Ja, Mylady. Und Lord Kingseourt war nicht krank in der Hütte eines Weingärtners, sondern in meines Vaters Hause. Unsere Diener pflegten ihn."
„Davon hatte ich keine Ahnung!" rief Lady Wolga.
„Ich würde es Ihnen schon früher gesagt haben, aber ich hatte keine Gelegenheit dazu," erklärte Alexa, „auch war ich noch nicht mit mir selbst einig, was ich thun sollte."
„Und Sie sind das junge griechische Mädchen, von welchem ich so viel gehört habe?" fragte die Lady. „Haben Sie mir Alles erzählt?"
„Nicht Alles," antwortete Alexa ihre Augen niederfchlagend. „Der Graf war mir zugethan und wollte mich heirathen, mein Vater aber verweigerte seine Einwilligung, und — das ist Alles. Als ich nach England kam, dachte ich nicht daran, daß ich mit dem Grafen zusammentreffen würde."
(Fortsetzung folgt.)