Sonnabend, den 22. November
Fuldner
das Jahr 1878 geboren, nicht erfaßt und nicht gewerthet, und sie werden auch noch nicht aus den jüngsten Wahlen den dort mit Millionen Zungen verkündeten Drang unseres Volkes heraushören nach einer endlichen konsequenten christlich-konservativen Politik. Bei uns wird noch immer die Regierungsweisheit darin gesehen, ein starkes Drittel der Nation unter beispiellosen Ausnahmegesetzen zu halten und die Katholiken bei der Wahrnehmung ihres wichtigsten politischen Rechtes zu zwingen, unter keinen Umständen eine Re- gierungs-Mehrheit zu Stande kommen zu lasten. Das ist, wie die ,Germ/ richtig bemerkt, das Grundübel, unter dem Deutschland leidet, dem es alles sittliche und materielle Verderben seit zwölf Jahren verdankt, an dem es zu Grunde gehen muß, wenn die Wunde nicht endlich geschlosten wird!
Deutsches Reich.
Berlin, 21. November.
(*) Der Kronprinz und die Kronprinzessin empfingen gestern Abend Stanley in längerer Audienz. — Das Galadiner zu Ehren der Kongo- Konferenz beim Kaiser wird morgen abgehalten. — Am nächsten Dienstag findet seitens der geographischen Gesellschaft ein Diner zu Ehren Stanley's uud der wistenschaftlichen Mitglieder der afrikanischen Konferenz statt.
» Die ,Nordd. Allg. Ztg.' bestätigt die Nachricht, daß die Anerkennung der Association internationale africaine, insofern sie nicht bereits erfolgt ist, durch die Staaten einzeln erfolgen werde. Ebenso wird bestätigt, baß diese Anerkennung unter anderem auch durch Deutschland schon erfolgt ist. Die Ernennung Mr. Stanley's zum technischen Delegirten der Vereinigten Staaten ist nunmehr in der Sitzung der afrikanischen Konferenz durch den amerikanischen Bevollmächtigten offiziell mitgetheilt worden.
(♦) In Bestätigung der Mittheilung, daß die Anerkennung des neuen Kongostaates durch Deutschland thatsächlich bereits erfolgt sei, geht der ,Wes. Ztg.' nachstehende Mittheilung zu: „Die Anerkennung der internationalen Associa- tion am Kongo ist anscheinend durch einen am 8. November in Brüssel unterzeichneten Vertrag zwischen Deutschland und der Association erfolgt, welcher Deutschland die Handelsfreiheit im ganzen Gebiete des Kongostaates zusichert."
zur Inangriffnahme der spruchreifsten Arbeiterschutzgesetzgebung entschlossen hat. Das ist ein verhängnisvoller Fehler, der durch die Initiative des Reichstags sofort gut gemacht werden muß; widrigenfalls wird die Sozialdemokratie mit diesen Fragen weitere Triumphe feiern. Bezüglich des Reichshaushalts für das nächste Rechnungsjahr ist die Thronrede ebenfalls überaus kurz. Sie spricht von einem „naturgemäßen Anwachsen der Ausgaben" und mahnt zur Erschließung „neuer Einnahmequellen" für das Reich. Von der berichteten Minderung der Einnahmen im laufenden Jahre, welche allerdings den Gedanken an Ersparungen näher legen würde, als an neue Steuern, ist nicht die Rede, und auch von den „neuen Einnahmequellen" wird nichts gesagt, als daß sie nicht in Reinerträgen einer reformirten Rübenzuckersteuer bestehen dürften. Worin sie bestehen sollen, bleibt also abzuwarten, und vielleicht haben die Mittheilungen Recht, daß der Reichskanzler hier die Hände in den Schoß legen und Anträge aus dem Reichstage erwarten wolle, da ja die Matrikularbeiträge jedes Defizit des Reiches übernehmen müssen — wenn der Reichstag die Matrikularbeiträge in der von der Regierung gewünschten Höhe bewilligt! Auch von etwaigen Gedanken an Zollerhöhungen ist nicht die Rede, und ebenso fehlt, was allerdings in diesen Zusammenhang nicht gehört, die Ankündigung eines neuen Versuches, endlich das Pensionsgesetz für die Armee- und Marine-Beamten und das Relik- tengLsetz zum Abschluß M bringen. Dagegen wird dann, aber mit ganz bekannten Mittheilungen die Dampfersubvention und die Kolonialpolitik erwähnt. Bezüglich letzterer soll der Reichstag sogar das ihm bisher fremde „Blaubuch" über die „gepflogenen auswärtigen Verhandlungen" erhalten! Mit der Kongokonferenz endlich und den allgemein friedlichen Ausblicken in die Beziehungen zu den anderen Staaten klingt die Thronrede aus.
Wie ganz anders hätte sie ausfallen können, wenn der Ruf der Regierung immer in erster Linie an die positiv christlichen Elemente des Volkes sich richtete! Dann hätte Kaiser Wilhelm diese Legislaturperiode mit dem Hochgefühl glücklicher innerer Zu stände eröffnen könn n. Aber des Kaisers Räthe haben die großen Momente, welche das Jahr 1871 und noch wieder
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Erstes Blatt.
* Die Thronrede, deren Wortlaut wir gestern mitgetheilt haben, beginnt mit der kaiserlichen Botschaft, mit welcher die letzte Legislaturperiode des Reichstages im November 1881 eröffnet worden ist. Krankheit des Kaisers hatte damals dazu geführt, diese seltene und besonders feierliche Form der Botschaft zu wählen, da eine Eröffnung der Legislaturperiode durch den Kaiser in Person unmöglich geworden. Die Thronrede spricht jetzt die „besondere Genugthuung" aus, daß die Ankündigungen der Botschaft in diesen drei Jahren durch die Kranken- und Unfallversicherung auf dem Wege zu ihrer Erfüllung wesentliche Fortschritte gemacht haben." Der Kaiser entnimmt daraus „am Abend seines Lebens die Zuversicht, daß der stufenweise Ausbau der begon- nenenReform schließlich gelingen werde", und bezeichnet noch einmal, als einem Zwecke der Reform, „für den inneren Frieden die Bürgschaften herzustellen, welche auch menschlicher Unvollkommenheit erreichbar sind." Sozialpolitische Vorlagen sind denn auch die ersten, welche von der Thronrede angekündigt werden. Sie beschränken sich aber auch auf Gegenstände, die als zunächst in Aussicht genommen bereits allgemein bekannt waren: „Ausdehnung der Unfallversicherung auf die Arbeiter der Land- .vilthschast und des Tr«sporjwese»s" und „Erweiterung der Sparkassen-Einrichtungen" durch Postsparkassen. Vor der Alters- und Jn- validitätsversicherung, auch nur von Vorarbeiten für dieselbe, geschieht bei der engsten Kürze der Thronrede keine Erwähnung, von der Art der Einrichtung der an sich durchaus wünschenswerthen Postsparkassen erfahren wir auch Nichts, obgleich nach den bisherigen Ankündigungen durch den sehr geringen Zinsfuß * und die Centralisirung aller dieser Spargelder durch das Reich sowohl dir günstige Wirkung dieser neuen Sparkassen auf die kleinen Sparer in Frage gestellt, als auch die Kommunalsparkassen durch Entziehung vieler ihnen sonst zufließender Gelder leicht geschädigt werden können. Am meisten aber beklagen wir, gegenüber dem sozialpolitischen Inhalt der Thronrede, daß auch jetzt noch die Negierung sich nicht einmal
(Nachdr. verb.)
ober
Auf dunklen Wegen.
Roman von E. Wagner.
„Ich könnte „nein" sagen," antwortete sie dann; „denn wenn ich von Stratford's Schuld überzeugt würde, könnte ich nie wieder einem Menschen vertrauen. Ihn, die edelste, reinste Seele sollte ich eines solchen Verbrechens schuldig glauben? Dann würde mein Glaube an Treue, mein Vertrauen zu der ganzen Menschheit zerstört sein für immer. Aber da ich weiß, daß Sie mich niemals von Stratford's Schuld überzeugen können, gebe ich Ihnen mein Versprechen, Sie zu heirathen, wenn ich das Vertrauen zu Stratford's Unschuld verliere."
Des Marquis Gesicht hellte sich auf.
„Ich werde ohne Aufschub an meine Aufgabe gehen," sagte er sichtlich erleichtert. „Ich habe ein gedrucktes Werk, welches die ganze Geschichte, einschließlich der Gerichtsverhandlung, ausführlich behandelt. Dieses will ich durchsetzen und die wichtigsten Punkte der Ueberführungen anzeichnen. Lesen Sie dieselben aufmerksam durch und Sie werden zweifellos anderer Ansicht werden."
X Alk!
„Und wenn ich dadurch nur in meinem Glauben bestärkt würde?"
„Ich werde im Stande sein, unsere Verlobung in einer Woche veröffentlichen zu können, Wolga," fuhr der Lord fort im Tone der Ueberzeugung. „Ich will nach Hause gehen und die Protokolle der Gerichtsverhandlung durchsehen. Wenn Sie den alten Kellermeister und einige Andere einem Verhör unterwerfen wollten, würden Sie sich leicht von der Wahrheit überzeugen können. Soll ich Ihnen einen jener alten Zeugen herüber- schicken?"
„Noch nicht. Vielleicht werde ich sie später verhören."
Der Marquis erhob sich. Er sprach von der Anordnung weiterer Festlichkeiten und entfernte sich dann.
Lady Wolga sah ihm, als er über den Rasenplatz ging und sich zu den Spielenden gesellte, mit jenem seltsamen Ausdruck ihres Gesichtes nach, der schon am Tage vorher Alexa so sehr erschreckt hatte. Eine Weile später sah sie ihn sein Pferd besteigen und die Allee hinabreiten. Sie ging in's Haus und schloß sich in ihrem Zimmer ein.
Sie erschien beim zweiten Frühstück wie gewöhnlich und nahm dann an den Zerstreuungen
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ihrer Gäste Theil, wobei sie herter wie rmmer war. Später unternahmen die Damen eine Fahrt auf dem Strandweg, Lady Wolga aber entschuldigte sich, daß sie sich nicht dabei betheiligen könne, begab sich auf ihr Zimmer und ließ Alexa bitten, zu ihr zu kommen.
Alexa kam alsbald und las ihr einige Gedichte vor, aber weder die Schönheit und der Inhalt der Gedichte, noch die weiche und doch so ausdrucksvolle Stimme des Mädchens vermochten sie zur Aufmerksamkeit zu veranlassen. Alexa bemerkte ihre Zerstreutheit und innere Unruhe und schrieb dieselbe dem heutigen Besuch des Marquis zu.
„Ich bin heute nicht ganz in der Stimmung zum Zuhören, Alexa," entschuldigte sich Lady Wolga. „Ich bin so sehr von anderen Dingen erfüllt, daß es mir unmöglich ist, meine Gedanken zu beherrschen. Sie sehen blaß aus, mein liebes Kind. War der gestrige Abend zu aufregend für Sie?"
„O nein, Mylady," erwiderte Alexa rasch.
„Ich habe," sagte Lady Wolga freundlich, „mehrmals auf Ihrem Gesicht einen Ausdruck ge- sehen, der nicht zu Ihrer Jugend paßt, — einen Ausdruck, der auf ein bestimmtes Vorhaben, eine