1884
Freitag, den 21. November
M 269
Fuldaer
(Nachdr. »trb.)
68)
entgeg.
be§2 Unternehmungsgeistes die Ausfuhr unserer Erzeugnisse dergestalt zu fördern, daß unsere Industrie zu lohnender Beschäftigung ihrer Arbeiter befähigt bleibt. — Im Einverständniß mit der französischen Regierung habe ich die Vertreter der meisten seefahrenden Nationen hierher eingeladen, um über die Mittel zu berathen, durch welche der Handel mit A f r i k a gefördert und vor Störungen durch internationale Reibungen gesichert werden kann. Die Bereitwilligkeit der betheiligten Regierungen, meiner Einladung zu entsprechen, ist ein Beweis der freundschaftlichen Gesinnung und des Vertrauens, von welchem alle Staaten des Auslandes dem deutschen Reiche gegenüber erfüllt sind. Diesem Wohlwollen liegt die Anerkennung der Thatsache zu Grunde, daß die kriegerischen Erfolge, die Gott uns verliehen hat, uns nicht verleiten, das Glück der Völker auf anderem Wege, als durch Pflege des Friedens und seiner Wohl« thaten zu suchen. Ich freue mich dieser Aner« kennung, und insbesondere darüber, daß die Freundschaft mit den, durch die Tradition der Väter, durch die Verwandschaft der regierenden Häuser und durch die Nachbarschaft der Länder mir ins- besonders nahestehenden Monarchen von Oesterreich und Rußland durch unsere Begegnung in Skierniewice der Art besiegelt werden können, daß ich ihre ungestörte Dauer für lange Zeit gesichert halten darf. Ich danke dem allmächtigen Gott für diese Gewißheit und für die darin beruhende starke Bürgschaft des Friedens.
„Der aber unschuldig war an diesem Verbrechen," unterbrach ihn Lady Wolga im Tone vollster Ueberzeugung, und ihre Augen blitzten hell.
„Unschuldig, sagen Sie? Er wurde der Thal überführt von dem Geschworenengericht der Peers. Seines Vaters Freund war der Richter, der das Urtheil verkündigte! Unschuldig!? Zum ersten Male seit jener schrecklichen Begebenheit habe ich jetzt das Wort „unschuldig" mit dem Namen Stratford Heron's in Verbindung gehört. Unschuldig! Meine arme Wolga, reiften Sie, daß das Wort eine Beschuldigung des Gerichts, ja selbst der Krone enthält."
Lady Wolga sah den Marquis streng an.
„Sie kannten ibn so gut. Glauben Sie, daß er schuldig war?"
„Wie könnte ich etwas Anderes glauben an- gesichts der überwältigenden Beweise, die gegen ihn vor Gericht vorgebracht wurden? Ich glaube, daß er seinen Bruder tödtete, aber ich bin über« zeugt, daß er es unüberlegt, im Zorne that, und so sagte ich vor Gericht aus. Ich suchte da» schreckliche Verbrechen zu entschuldigen, um seine Strafe zu mildern. Ich denke, er ging in seine» Bruders Zimmer, um eine Verständigung zu
Die Eröffnung des Reichstags,
cf Berlin, 20. November.
Der Kaiser eröffnete den deutschen Reichstag mit folgender Thronrede:
Geehrte Herren! Ich freue mich, daß es mir vergönnt ist, Sie selbst zu begrüßen und heiße Sie im Namen der verbündeten Regierungen willkommen. Es gereicht mir zu besonderer Genugthuung, daß die Wünsche, welche ich in meiner Botschaft vom 17. November 1881 an dieser Stelle kundgcgeben habe, seitdem auf dem Wege zu ihrer Erfüllung wesentlich Fortschritte gemacht haben. Ich entnehme daraus am Abend meines Lebens die Zuversicht, daß der stufenweise Ausbau der begonnenen Re- form schließlich gelingen und für den inneren Frieden im Reiche die Bürgschaften Herstellen werde, welche nach menschlicher Unvollkommenheit erreichbar sind. Unsere nächsten Schritte in dieser Richtung werden in der Ausdehnung der Unfallversicherung auf die Arbeiter der Landwirthschaft und des Transportwesens und in der Erweiterung der Sparkasseneinrichtungen bestehen, wofür die Vorlagen Ihnen zugehen werden.
Der Entwurf des Reichshaushaltsetats für das nächste Rechnungsjahr wird Ihnen unver- weilt vorgelegt werden. Die Fortentwickelung der Einrichtungen des Reiches bedingt naturgemäß ein Anwachsen seiner Ausgaben. Sie werden hierin mit mir eine Mahnung erkennen, neue Einnahmequellen für das Reich zu erschließen. Der Versuch, der Rübenzuckersteuer im Wege der Reform höhere Reinerträge abzugewinnen, wird für jetzt durch tue Nothlage der betheiligten Industrie und der in Mitleidenschaft stehenden Landwirthschaft erschwert. Die Herstellung des einheitlichen Zoll- und Handelsgebietes im Reich ist durch Verständigung mit der freien Hansestadt Bremen vorbereitet und wird die Bewilligung eines Beitrages hierzu Ihnen zur Beschlußnahme vorgelegt werden.
Wegen Subventionirung unserer Dampfschifffahrt werden Ihnen Mittheilungen über die unter den Schutz des Reichs gestellten überseeischen An- siedelungen und die darüber gepflogenen auswärtigen Verhandlungen zugehen. Wenn diese Anfänge kolonialer Bestrebungen nicht alle Erwartungen, die sich daran knüpfen, erfüllen können, so werden sie doch dazu beitragen, durch Entwicke- lung der Handelsverbindungen und durch Belebung
Ihnen gefiel."
„Ja, er war sehr gütig gegen mich," bestätigte der Marquis, nachdenkend den Kopf wiegend.
„Und welch' ein sonderbare» Mißgeschick war e». welches Sie zu seinem Erben machte!"
„Ein sonderbares, aber furchtbares Mißgeschick!" sagte der Marquis schaudernd. Er blickte Lady Wolga scheu an, senkte aber sogleich seine Augen wieder. Dieser Augenblick war ihm peinlich, da
er diese Wendung des Gesprächs nicht wünschte. Die Lady sah ihn eine Weile forschend an, dann sagte sie, zur Erleichterung des Marquis plötzlich auf dessen Angelegenheit zurückkommend:
„Ich sagte, daß ich Sie stets gern hatte, Roland, und darin habe ich die Wahrheit gesagt; aber einen Gatten soll man lieben, und Liebe ist eine Pflanze, die nicht auf Geheiß oder Wunsch gedeiht."
„Liebe wird mit der Zeit kommen. Werden Sie mein Weib, und ich will mir Ihre Liebe zu gewinnen versuchen. Der Erfolg meines Strebens ist mir sicher in eine.r Sache, die mein Herz ganz erfüllt. Liebe muß Liebe erzeugen! Sagen Sie, daß Sie mein Weib werden wollen, und Sie machen mich zu dem glücklichsten Menschen ayf der Welt."
„Ich kann das noch nicht sagen," entgegnete Lady Wolga sanft. „Ich habe einst geliebt und mein Herz ist treu dem Andenken jener Liebe. Lord Stratford Heron, entehrt und verurtheilt zu einem schrecklichen und schmachvollen Tode, besitzt noch meine Liebe und Treue —"
„Was ist das für eine Thorheit, Wolga! Sie lieben Stratford noch? Sitten Mann, welcher des Mordes schuldig befunden und zu Tode verurtheilt wurde —"
X Alk!« »der Auf dunklen Wegen Roman von 6. Wagner.
die politische Klugheit läßt eine solche Interpellation als ein gewagtes Experiment (?) erscheinen. Das Organ des Centrums scheint aber die Interpellation für eine ausgemachte Sache zu halten, denn es bemerkt heute: „Weder das gefährdete Ansehen im Reichstage, noch die sehr zweifelhafte Freundschaft der Konservativen wird den Abg. Dr. Windthorst abhalten, jederzeit das zu thun, was er für „recht und pflichtgemäß" hält." Gleichzeitig bringt die .Germania' ein Rechtsgutachten über die Braunschweiger Frage, das in dem unabweisbaren Resultat gipfelt: daß der Herzog von Cumberland als legitimer Thronfolger bereits in demselben Augenblicke Herzog von Braunschweig geworden ist, als der frühere Herzog starb, und daß eine Erledigung des braunschweigischen Thrones gar nicht eingetreten ist. Eine Verhandlung über diese Frage im Reichstage wird jedenfalls sehr interessant und für die Stellung Windthorst's und des Centrums bedeutungsvoll werden.
* Wie schon gestern erwähnt, hat der Staatsrath die Postsparkassen.Vorlage angenommen. Die von den Sektionen angenommen gewesene Bestimmung, nach welcher die Postsparkassen gehal- ten sein sollen, die Hälfte der bei ihnen deponirten Spareinlagen an die in ihrem Bezirke vorhandenen kommunalen Sparkassen abzuliefern, wurde vom Plenum abgelehnt. Die,Rat.-Ztg.' hört, daß der Beschluß des Plenums in Folge einer Rede des Reichskanzlers gefaßt wurde. Der Vorgang erscheint ihr sehr charakteristisch. „Der Staatsrath soll bekanntlich im Gegensatz zum Parlament das besonders sachverständige Element für die Erörterung der Gesetzentwürfe darstellen. In besonderem Grade sachverständig für die einzelnen An- gelegenheiten können aber nur die betreffenden A b - theilungen sein; das Plenum ist gerade so bunt zusammengesetzt, wie irgend ein Parlament. Nun machen die für den Postsparkassen-Entwurf sachverständigen Abtheilungen einen einzigen einschneidenden Abänderungs-Vorschlag — und ihn lehnt das Plenum ab! Der Zwischenfall ist interessant, weil er darüber Aufklärung verschafft, wie weit von dem Staatsrath „sachverständige" Vor- schlüge zu erwarten sind, welche der Regierung nicht genehm sind."
* Speier, 20. Nov. Das Preisgericht für die Beurtheilung der zur engeren Konkurrenz zugelassenen Entwürfe zu einer Gedächtnißkirche der
Berlin, 20. November.
• Die heutige Sitzung der Kommission der Kongokonferenz war der Anhörung mehrerer Experten, darunter Stanley's, gewidmet. Die Diskussion des ersten Konferenzpunktes hat noch nicht begonnen.
(♦) Die Sozialdemokraten werden in den ersten Tagen im Reichstage den Antrag einbringen, daß das Inkrafttreten des Krankenkassengesetzes noch etwa um 6 Monate, etwa bis zum 1. Juli 1885, hinausgeschoben werde.
• Die ,Franks. Ztg.' schreibt: „Man hält es immer noch für fraglich, ob Dr. Windthorst die braunschweigische Erbfolgefrage im Reichs, tage zum Gegenstand einer Interpellation machen wird. Es scheint ungewiß, wie weit er dabei auf die Unterstützung seiner Fraktion zählen kann, und
„Ich habe Sie geachtet und gekannt," nete Lady Wolga, „seitdem ich als Braut nach Mont Heron kam. Sie waren damals Roland Jngestre, derselbe freundliche und liebenswürdige Mann, der Sie jetzt sind. Ich habe Sie immer gern gehabt und wundere mich nicht, daß der arme, unglückliche James so großen Gefallen an Ihnen fand. Er war sehr gütig gegen Sie. Er bezahlte wieder und wieder Ihre Schulden, er hieß Sie stets in seinem Schlosse willkommen, und e» stand Ihnen frei, zu kommen und zu gehen, wann es
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