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1884

Sonnabend, den 15. November

He Fuldaer Reituna' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: \ Mk. 50 Pfq., — mit der belletriMchen Wochenbeilage ,Sterne UN» Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk 75 Pfg.

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Zweites Blatt.

Die deutsche Gesandtschaft in Persien.

lieber den Empfang der außerordentlichen deut­schen Gesandtschaft am Hofe des Schah von Per­sien liegen jetzt ausführliche Berichte vor. Die Gesandtschaft zog am 18. Oktober in Teheran ein und wurde dort mit allen möglichen Ehren in wahrhaft fürstlicher Weise empfangen. Nachdem sie ein persischer Reisemarschall (Mechmandar) in Enseli am Ufer des Kaspischen Meeres empfangen. Unter Kanonendonner landete die Mission und hielt durch Ehrenpforten ihren Einzug in die Stadt. Die Generalgouverneure von Rescht und Kasnien waren angewiesen worden, der Mission zu Ehren Banketts zu veranstalten, welchen, ebenso wie in Enseli, am Abend Illumination und Feuerwerk folgten. Nach Kasnien war von Teheran aus — also etwa 20 deutsche Meilen weit — Militär­musik entgegengesandt worden, welche die Gesandt­schaft bei ihrem Eintreffen in der Stadt mit den Klängen des „Heil dir im Siegerkranz" begrüßten. Vor den Thoren von Teheran wurde die Mission in einem Kiosk des Rennplatzes vom Emir-Toman (Marschall) Mazir-el-Molk im Namen des Schahs bewillkommnet und mit großer militärischer Eskorte in die Stadt geführt. Die Straßen waren von der Bevölkerung dicht besetzt, die Dächer waren von verhüllten Frauengestallten als Tribünen be­nutzt. Jedermann wollte den „Wasire Machtari allemann", den Vertreter des deutschen Kaisers sehen. Auch die sieben männlichen deutschen Mit­glieder der europäischen Kolonie in Teheran hatten sich dem deutschen Gesandten, Minister von Braun­schweig, vorgestellt und ihn feierlich bewillkommnet und bis an seine Wohnung begleitet. Letztere liegt in einem großen Garten des europäischen Viertels und macht einen sehr angenehmen Eindruck. In diesem Garten, „Laleson" genannt, war die Wache und ein Musikkorps aufgestellt, welches die National­hymne spielte. Inmitten des Parks liegt der Palast des Schah, der der Gesandtschaft zur Wohnung dienen wird. Um ganz sicher zu sein, daß es den willkommenen Gästen an nichts fehlen würde, hatte der Schah vor der Ankunft derselben persönlich auf das Sorgfältigste besichtigt und bezüglich der Einrichtung desselben umfaflende Befehle ertheilt,

53) | J J I (N-chdr. »er».)

ober

Auf dunklen Wegen.

Roman von 6. Wagner.

„Wenn es Dir gefällt, so halte Dir eine, Augusta," erwiderte der Marquis. „Ich habe Dir nie etwas abgeschlagen, was Du von mir wünschtest. Wenn Du eine Gesellschafterin haben willst, wie Lady Wolga, so verschaffe Dir eine. Du hast so viel, um den Gehalt bezahlen zu können, und ein freies Unterkommen findet sie in meinem Hause."

Mrs. Jngestre's Gesicht klärte sich auf und sie sprach dem Marquis ihren Dank aus.

„Ich habe eine große Neigung zu der Gesell­schafterin der Lady Wolga," sagte sie. Wäre es nicht hinterlistig, — ich glaube es würde sogar verrätherisch sein, Roland, — möchte ich Miß Strange engagiren."

Der Marquis antwortete nicht. Er war so sehr mit seinen eigenen Hoffnungen und Befürchtungen beschäftigt, daß er ihre Worte nicht hörte. Er trat wieder an'« Fenster, schlug die Gardinen auseinander und blickte hinaus, als MrS. Jngestre fortfuhr:

auch für die Bewirthung in aufmerksamer Weise Sorge getragen und zahlreiche Dienerschaft, Reit­pferde und Hofequipagen zur Verfügung gestellt. Die vier Mitglieder der Gesandtschaft sind im besten Wohlsein angekommen. Herr v. Braun­schweig imponirte durch seine jugendliche und dabei würdevolle Erscheinung und hat überall schon durch sein Aeußeres einen angenehmen Eindruck gemacht. Professor Brugsch-Bey wurde von einigen ihm noch vor 25 Jahren, wo er sich in Teheran aufhielt, Bekannten herzlich begrüßt. Am 20. Oktober fand beim Schah feierliche Audienz statt, in welcher Herr v. Braunschweig sein Beglaubigungs­schreiben überreichte. Vier in persischen Diensten stehenden Deutschen, dein Dr. med. Albu und drei ehemaligen preußischen Offiziren, wurden vom Schah Titel und Charakter von Obersten verliehen. — Die Aufgabe der deutschen Gesandtschaft, die wie gestern mitgetheilt, zu einer ständigen Mission g macht werden soll, wird sein, die politische und wirthschaftliche Entwickelung auf dem weiten Ge­biete zwischen der türkischen und der indischen Grenze, woselbst es bis jetzt an jeder deutschen selbstständigen Vertretung, fehlte, zu beobachten und den in Persien lebenden Deutschen, sowie dem deutschen Handel nach Persien Schutz _ und För­derung zu Theil werden zu lassen. Diese Aufgabe dürfte, nach dem gewordenen Empfang zu schließen, der neu errichteten Gesandtschaft wohl nicht allzu- schwer fallen.

Vermischtes.

§ Der Herbst vor 300 Jahren zeichnete sich ebenso wie der heutige durch schönes warmes Wetter aus. Die Chronisten wissen nämlich von dem Herbst des Jahres 1584 zu erzählen, daß er nicht nur Bäume und Sträucher im frischesten, dichtesten Grün prangen ließ, sondern daß sogar Rosen und viele andere Bäume sich von Neuem mit Blüthenschmuck bedeckten. Freilich erzählen uns auch die Chronisten, daß das ungewöhnlich warme Wetter böse drei- und viertägige Wechselfieber erzeugte und daß diese ebenso wie die Bräune unsere Gegenden heimsuchten. Auch eine andere böse Plage brachte der schöne Herbst, nämlich zahllose Heuschreckenschwärme, welche namentlich die Nieder­lausitz und die Mark bös heimsuchten.

sDas Wohnzimmer unseres Kaisers) Kaum dürfte sich eine bürgerliche Wohnung finden, in welcher so wenig Raum frei ist, wie hier. Das an sich schon nicht geräu­mige Gemach ist geradezu überfüllt von hunderterlei Gegen­ständen, die mit der eigentlichen Zimmer. Einrichtung keines­wegs etwas zu thun haben. Zumeist sind es Geschenke aller Art, die der Kaiser in der langen Reihe von Jahren

theils am Geburtstagsfest, theils am Weihnachtsfest em­pfangen hat, und die von den nächststehenden Mitgliedern der königlichen Familie herstammen. Thatsächlich gießt es in dem Zimmer des Kaisers keinen Stuhl, keinen noch so kleinen Tisch, der nicht irgendwie mit einem ober mehreren dieser Angebinde belegt wäre. Selbst die Sophas — welche der Kaiser übrigens niemals für sich benutzt — sind belegt mit Bildwerken und ähnlichen Dingen, so daß der Monarch für seine Person nur über den vor seinem Schreibtisch stehenden Stuhl, einen gepolsterten Ledersessel und einen jnit rother Seide überzogenen Fauteuil verfügt. Im Laufe der Jahre haben sich nun durch die Anhäufung solcher Andenken die Abstände zwischen den einzelnen größern Möbelstücken derart verringert, daß es an sich schon eini­ger Geschicklichkeit und großer Vorsicht bedarf, um bei einem Gange durch das Zimmer nicht irgendwo anzustoßen. Als vor einigen Wochen während der Abwesenheit des Monarchen ein Mal eine größere Gesellschaft die kaiserliche Wohnung in Augenschein nahm, bemerkte einer der frem­den Gäste: „Da habe ich es bei mir aber gemüth- licher; der Kaiser hat ja kaum Platz, um sich zu setzen."

(Das Alter der Souveräne) Allen Monarchen voran steht in dieser Hinsicht Kaiser Wilhelm, der bekannt­lich am 22. März 1797 geboren wurde und somit jetzt volle 87 Jahre zählt. Dann folgen der Reihe nach: Papst Leo XIII. mit 74 Jahren, geb. 2. März 1810, der König von Holland mit 67 Jahren, geb. am 19. Feb­ruar 1817,

der König von Dänemark mit 66 Jahren, geboren am 8. April 1818,

die Königin von England mit 65 Jahren, geboren am 24. Mai 1819,

der König von Württemberg mit 61 Jahren, geboren am 6. März 1823,

der König von Sachsen mit 56 Jahren, geboren am 23. Avril 1828,

der König von Schweden und Norwegen mit 55 Jahren, geboren am 21. Januar 1829,

der Kaiser von Oesterreich mit 54 Jahren, geboren am 18. August 1830,

der König der Belgier mit 49 Jahren, geboren 1835, der König von Portugal mit 46 Jahren, geboren am

31. October 1838,

der König von Rumänien mit 45 Jahren, geboren am 20. April 1839,

der Sultan mit 42 Jahren, geboren am 22. Sept. 1842, der König von Italien mit 40 Jahren, geboten am 14.

März 1844,

der Kaiser von Rußland mit 39 Jahren, geboren am 10. März 1845,

der König von Bayern mit 39 Jahren, geboten am 25. August 1845,

der König von Griechenland mit 39 Jahren, geboren am 24. Dezember 1845,

der König von Serbien mit 30 Jahren, geboren am 10. August 1854,

der König von Spanien mit 26 Jahren, geboren am 28. November 1857.

„Also meinst Du nicht, daß es Verrätherei sein würde, Roland? Ich weiß, Du würdest es mir sagen, wenn Du ein Unrecht darin erblicktest. Vielleicht kann ich heute Abend mit Miß Strange über die Sache sprechen. Nebenbei, Roland, glaubst Du, daß Lady Wolga heute Abend wirklich kom­men wird?"

Diese letzten Worte verstand der Marquis deutlich, weil sie behandelten, was seine Gedanken beschäftigte.

„Gewiß," sagte er; „sie hat es mir versprochen."

„Sie ist nicht innerhalb dieser Mauern gewesen seit dem Morgen nach dem Mord," bemerkte Mrs. Jngestre. „Es ist ein schweres Unternehmen, welches sie sich zumuthet. Wie kann sie es er­tragen — und vor allen Gästen? Sie muß Dir sehr zugethan sein, Roland. Ich denke, daß ihr Kommen ein Zeichen Eurer Verlobung ist?"

„Ja, ja, ich hoffe es! erwiderte der Marquis von Montheron, wieder unruhiger werdend.

„Du hoffst es?" fragte Mrs. Jngestre ver­wundert. „Ihr Erscheinen in diesem Schlosse nach einer Abwesenheit von achtzehn Jahren läßt keine andere Erklärung zu. Sie kommt als zukünftige Herrin! Sie wird finden, daß ich keine unwürdige Stellvertreterin gewesen bin. Wann wird die Hochzeit sein, Roland?"

Dem Marquis wurde die Nothwendigkeit einer Antwort erspart durch dar Eintreten einiger Gäste, — solcher, die schon wochenlang in seinem Hause waren. Er hatte dieselben, unter denen sich auch Lord Kingscourt befand, kaum begrüßt, als das lang erwartete Geräusch herannahender Wagen in der Ferne vernehmbar wurde. Ein paar Minuten später hielten die Wagen vor den Stufen des Portals, die Insassen stiegen aus und wurden in die Garderobenzimmer geführt.

Der Marquis von Montheron stand wie auf glühenden Kohlen, al« die Gäste von Clyffebourne in den Salon traten und er Lady Wolga nicht unter ihnen fand. Sein bleiches Gesicht und seine ängstlich suchenden Augen zeigten deutlich seine Enttäuschung. Schon wollte er Lady Markham nach Lady Wolga fragen, als diese und Miß Strange angemeldet wurden. Gleich darauf traten Beide ein, beide todtenbleich. Der Ausdruck in ihren Augen war ein gänzlich ungleicher. Lady Wolga hatte geweint. Ihre Augen sahen trübe und matt au«, während in Alexa's Augen eine fieberhafte Gluth brannte Endlich war sie uner- kannt aus dem Schauplatze der blutigen Familien­tragödie, deren dunkle Räthsel sie lösen wollte. — Das erste Ziel war erreicht. — (Forts, folgt.)