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M 263. Freitag, den 14. November 1884.

Fuldaer

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* Die Bismarck sche Politik.

(Schluß.)

Fürst Bismarck hat Schmeichler ohne Zahl und ohne Grenzen. Wir haben, führt das Cen­tralorgan der Katholiken Deutschlands, die ,Germ.', weiter aus, nie zu den Schmeichlern gehört, aber wir haben alles Große und Starke an ihm stets vollständig anerkannt. Wenn wir, auch in der auswärtigen Politik, in den siebenzigerJahren statt der intimeren Beziehungen zu Rußland, denen wir nicht trauten, und die mehrfach schädlich waren, unermüdlich das Bündniß mit Oesterreich als die einzig richtige Basis unserer auswärtigen Politik bezeichneten, so haben uns die Ereignisse und die Entschließungen des Fürsten Bismarck später selbst Recht gegeben, trotz der noch wenige Jahre vorher verkündeten „thurmhohen" Freundschaft mit Rußland. Seitdem haben wir die Meisterschaft in der Führung der auswärtigen Politik oft genug mit vollstem Eifer anerkannt, auch noch in letzter Zeit wieder z. B. die Art und Weise, wie bis jetzt England bezüglich der afrikanischen Fragen behan­delt worden ist. Auch in der inneren Politik ist Alles von uns anerkannt und unterstützt worden, was uns irgend möglich war. Jede kleine Wen­dung zum Guten im Kulturkämpfe sand vollinhalt­liche Würdigung, die von uns lange ersehnte Wen­dung vom Freihandel zum Schutzzoll ist von uns freudig begrüßt worden, wir haben es oft genug gerühmt, daß ein Mann im Alter und von der Geschäftslast der Kanzlers, nach langen unglück­lichen munchesterlichen Jahren des Gehenlassens, doch noch zuletzt die Rothwendigkeit positiver So­zialpolitik einsah, und haben auch auf diesem Ge­biete alle guten Schritte zum Siege führen helfen.

Kurz, wir haben die volle Neigung, den Reichs- kanzler zu rühmen, wo wir können, mit ihm zu arbeiten, wo es uns irgend möglich ist. Aber die Wahrheit und das Heil unseres Volkes geht uns über Alles, und deshalb sagen wir: Nemo ante mortem beatus. Des Reichskanzlers Name in der Geschichte steht noch nicht fest. Fürst Bismarck ist jetzt 22 Jahre preußischer Ministerpräsident, er wurde vor 17 Jahren Norddeutscher und vor 14 Jahren Deutscher Kanzler und hat in allen diesen Stellungen eine Selbstständigkeit und Freiheit der Entscheidungen und eine Machtfülle besessen, wie selten in der Geschichte irgend ein leitender Mini-

51) | C X H (Nachdr. verb.)

oder

Auf dunklen Wegen.

Roman von L. Wagner.

„Macht es Ihnen Vergnügen, mich zu sehen, Wolga?" fragte er mit weicher Stimme und sanft lächelnd.

In diesem Augenblick sah er Alexa, gegen welche er sich kalt verbeugte. Offenbar war ihm ihre Gegenwart nicht angenehm.

„Ich bin stets erfreut, Sie zu sehen, Roland," erwiderte Lady Wolga ernst. „Ich denke, Sie bedürfen der Versicherung nicht."

„Nein, nein. Sie sind stets so gütig gegen mich gewesen, bis auf einen Punkt," sagte er, seine Stimme so dämpfend, daß sie kaum Alexa's Ohr erreichte. „Ich kam herüber um mir eine besondere Gunst von Ihnen zu erbitten, Wolga."

„Und das ist?"

„Daß Sie man Haus heute mit Ihrer Gegen­wart beehren mögen. Sie haben sich bisher ge- weigert, das Schloß zu besuchen, Wolga; ich bitte Sie, sich nicht länger zu weigern. Sie haben mir halbwegs Hoffnung gemacht, daß Sie kommen würden.

ster. Aber in dieser Zeit der Bismarck'schen Re­gierung haben wir den unser Volk spaltenden und religiös-sittlich verwüstenden Kulturkampf erhalten; l in dieser Zeit außer dem glücklicherweise noch recht- - zeitig beseitigten Freihandel das soziale Manchester- , thum, und die jetzige Sozialpolitik ist zu langsam, c ist ungenügend, ist sogar mit schädlichen Neben- i zwecken behängt; Kulturkampf und Manchesterthum c und die jetzige ungenügende Sozialpolitik haben die l Sozialdemokratie ungeheuer anschwellen lassen l und endlich beweisen alle unsere Wahlen eine so , furchtbare Verschärfung der Gegensätze in unserem : Volke, daß der Krieg Aller gegen Alle in E Sicht kommt.

) Gelingt es dem Fürsten Bismarck nicht, diese : unter seiner Regierung aufgebrochenen Wunden des : deutschen Volkskörpers wieder zu schließen oder wenigstens ihre Heilung sicher anzubahnen, ehe er aus dem Leben scheidet, so könnte das Urtheil der Geschichte über den Kanzler wohl dahin lauten:

„Er war einer der größten Diplomaten aller Zeiten und besaß eine unerschütterliche Energie; mit diesen Gaben, gestützt auf die stärkste und best- geführte Armee der Welt, wußte er ein starkes Reich zu gründen und dasselbe friedlich durch alle äußeren Gefährdungen hindurch zu führen; aber er verstand nicht zu hindern, daß das deutsche Volk im Innern zerklüftete und verdarb und in Folge davon auch wieder aus seiner Machtstellung herabsank."

Einstweilen hat Fürst Bismarck in den jetzigen Wahlen wieder eine furchtbare Niederlage seiner inner« Politik zu verzeichnen, und zwar in dreifacher Hinsicht: Die von den Offiziösen heftig angefeindete Centrumspartei hat sich von Neuem als diejenige gezeigt, welche den festesten Besitzstand hat und auch den Besitzstand anderer Parteien durch Wahlbündnisse wesentlich mit beeinflußt; der Kanzler ist nicht Herr der inneren Lage, er hat keine Mehrheit, wie er sie wünschte und ist in allem Positiven auf die Hülfe der durch die Offiziösen tödtlich verletzten Centrumspartei angewiesen; die Hoffnung, trotz Fortdauer des Kulturkampfes und trotz theils ungenügender und theils verfehlter So­zialpolitik, doch durch diese Sozialpolitik und durch das Sozialistengesetz die Sozialdemokratie zu min­dern, diese Hoffnung hat total Fiasko gemacht, die Sozialdemokratie ist stärker und hoffnungsreicher als jemals. Das sind drei Niederlagen, die in

„Ich war willens zu gehen," unterbrach ihn Lady Wolga erregt. „Aber ich fürchte, ich über­schätze meine Kräfte. Das Schloß ist für mich voll schrecklicher Erinnerungen; ich kann es nicht in festlicher Stimmung besuchen."

„Doch Sie verbrachten dort die glücklichsten Stunden Ihres Lebens. Sie kamen als glückliche Braut dorthin; dort verlebten Sie die kurze Zeit Ihrer Ehe mit dem armen Stratford; dort wurde Ihr kleines Kind geboren. Vergeben Sie mir, Wolga, aber der Platz sollte Ihnen heilig sein, mehr als alle Plätze der Erde."

„Das ist er, — das ist er!"

„Ihre Zimmer sind nie benutzt worden seit dem Tage, an dem sie das Schloß verließen," fuhr der Marquis fort. „Die Haushälterin lüftet sie von Zeit zu Zeit, aber es ist nie darin etwas verändert worden. Wenn sie diese Zimmer be­treten, werden Sie sich heimisch fühlen, denn Alles ist noch, wie Sie es verlassen haben. Das Bett Ihres Kindes, das Spielzeug am Fuß­boden —"

Lady Wolga stöhnte leise und wandte ihr Gesicht ab.

„Ich sah, als ich eines Tages vor der offenen

elfter Stunde den Kanzler mahnen,Idoch endlich die Mittel zu ergreifen, die in der inneren Politik allein zum Heile dienen!

Deutsches Reich.

Berlin, 13. November.

(*) Ueber die Person des künftigen Präsiden­ten des Reichstages tauchen allerlei Ver« muthungen auf. Daß das Centrum als die stärkste Fraktion des Reichstages das erste An­recht auf den Präsidentensitz hat, geben liberale Blätter zu, sie meinen aber, das Centrum werde, wie bisher, sich mit der ersten Vice-Präsidenten­stelle begnügen, und dafür wiederum Freiherrn v. Frankenstein präsentiren. Man sieht es aller­seits als ganz selbstverständlich an, daß das Cen­trum in seiner Bescheidenheit sein Anrecht auf den Präsidentenstuhl einer anderen Partei ab­treten werde. —

* Das westafrikanische Geschwader ist gestern in Madeira eingetroffen und beabsichtigt am Sonntag seine Reise fortzusetzen.

* In Bezug auf die neue deutsche Gesandt­schaft in Teheran (Persien) enthält der Etat des Auswärtigen folgende Bemerkung: Einem wie­derholt ausgedrückten Wunsche Sr. Maj. des Schah gemäß, ist bereits eine außerordentliche Mission kommissarisch nach Teheran entsandt worden, welche insbesondere den Auftrag hat, der in Aussicht ge­nommenen ständigen Gesandtschaft die Wege zu ebnen.

** Zu der Sensationsnachricht der ,Frkf. Ztg.', Kardinal Jacobini werde in Berlin eintreffen, bemerkt die ,Köln. Vztg.', daß nicht der mindeste Anhalt für die Glaubwürdigkeit derselben vorliege.

(*) Zur Berathung anderweiter Vorschriften über die Beförderung von Benzin und auch deren feuergefährlichen Gegenstände, bei deren Transport in neuerer Zeit mehrfach Brandunfälle vorgekom­men sind, traten heute im Reichs-Eisenbahnamt Kommissare der Regierungen von Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg und Baden zusammen. Da neben den Rücksichten der Betriebssicherheit auch wesentliche Interessen des Handelsstandes und der Industrie in Frage kommen, so sind auch an« )ent Kreise der Letzteren Sachverständige mit zu den Berathungen zugezogen worden.

* Die Ernennung des Dr. Schwenninger zum außerordentlichen Professor an der Berliner

Thür vorüberging, einen Kinderschuh auf dem Teppich liegen, ein zierliches weißes Ding —"

Lady Wolga erhob ihre Hand.

„Lassen Sie das!" rief sie mit halb erstickter Stimme. „Ich kann es nicht ertragen! Und doch würde ich ein Vermögen darum geben, diese heiligen Räume wiederzusehen!"

Des Marquis von Montheron's Augen blitzten triumphirend.

„So kommen Sie heute!" drängte er. „Sie können sich auf kurze Zeit ans der Gesellschaft entfernen, um die Zimmer zu besuchen, und Nie­mand wird Ihre Abwesenheit bemerken. Das Schloß ist restaurirt und verschönert bis auf jene Zimmer, und Sie werden keine so schmerzlichen Erinnerungen, wie Sie sürchten, aus den Ecken hervorblicken sehen. Kommen Sie, Wolga. Ich bestehe darauf, daß Sie mir das Versprechen geben, mich heute mit Ihrem Besuche beehren zu wollen. Verdient meine lange Ergebenheit nicht endlich eine Belohnung? Mir zu Liebe besiegen Sie ihre krankhafte Furcht vor dem Betreten der lieben alten Räume, wo Sie einst herrschten und wo Sie wieder herrschen werden, als rechtmäßige und geehrte Herrin."

Sein einschmeichelnder, süßer, weicher Ton war