Einzelbild herunterladen
 

M 261. Mittwoch, den 12. November 1884*

Fuldaer

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint tSglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Bierteljührlicher Abonnementspreis ohne Brinzerlshn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda i Mk. 70 Psg., auswärts 1 Mk 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Seite oder deren Raum 16 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zweites Blatt.

Das Krankenkassenwesen in den katho­lische» Gesellen-Vereine».

(Aus der .Kölnischen Volkszeitung'.)

Die neue reichsgesetzliche Organisation des Krankenversicherungswesens hat natürlich auch in den katholischen Gesellen-Vereinen große Umände­rungen und Neuerungen nöthig gemacht. Der Zweck der Gesellen-Vereine ist ja neben der Pflege der geistigen und religiösen Jntereffen und der fachlichen Ausbildung auch die Pflege der wirth- schaftlichen Wohlfahrt des Handwerks, so daß da» Krankenkassenwesen zu ihrem eigensten Gebiet gehört. Die altern Einrichtungen waren jedoch theils ungenügend, theils nicht den Anforderungen der neueren Gesetzgebung entsprechend. Eine Um­gestaltung wurde als unumgänglich erkannt, wenn nicht die Gesellen-Vereine diesen wichtigen Zweig ihrer Thätigkeit allmälig absterben sehen wollten. Der Kölner Gesellen-Verein, besten Präses be­kanntlich General-Präses aller Gesellen-Vereine ist, ist hier in richtiger Würdigung seiner leitenden Stellung mit einer thatkräftigen und, wie jetzt schon gesagt werden darf, auch glücklichen Initia­tive vorangegangen. Schon vor dem Erscheinen

* Reichs-Krankenversicherungs-Gesetzes war die "-bastianus-Krankenkasse gegründet und rngwierigen und schwierigen Verhand­lungen mit »r kgl. Regierung zu Köln als „ein­geschrieben. Hülfskasse" zugelasten worden. Dieses Beispiel hat sofort gute Wirkung gethan, indem zahlreiche Gesellen-Vereine dasselbe nach- ahmten.

Inzwischen trat das Reichs-Krankenversicherungs- Gesetz in Kraft, welches mehrfache Umänderungen des Statuts, insbesondere eine Erhöhung der Leistungen bedingte. Im Aschlusse an diese wurde dann auch der Gedanke besprochen, eine Organi­sation des Krankenkassenwesens zu begründen, welche alle Gesellen-Vereine Deutsch­lands umfaßt. Auf der Gmeral-Versamm- lung des Präsides der katholischen Gesellen-Vereine in Köln im August dieses Jahres wurde nun dieser Gedanke allgemein gebilligt, und es ergab sich eine weitgehende Uebereinstimmung über die Ziele einer solchen Organisation. Die Erfolge, welche die St. Sebastianus-Krankenkasse unter der trefflichen Leitung des Vice-Präses des Gesellen- Vereins, Dr. Brüll, der im Vorstand sitzt, erzielt hatte, redeten lauter als alle Worte. So hat dieselbe bei einem Beitrag, der geringer ist als bei irgend einer andern Kasse, nämlich 50 Pfg. monatlich, und bei einem Krankengeld, das höher ist als bei irgend einer andern Kasse, nämlich 7,10 Mark wöchentlich, dennoch sogar finanziell überaus günstige Resultate erzielt. Mau hatte auf die Hochherzigkeit von Wohlthäteru gerechnet, welche für die katholischen Handwerksgesellen ein Opfer zu bringen bereit seien. Wenn diese Hoff­nung auch vollauf sich erfüllt hat, so hat sich doch gezeigt, daß Beihülfe nicht nöthig war. Alle frei­willigen Gaben konnten ungeschmälert dem Reserve­fonds überwiesen und die Ausgaben aus den laufenden Einnahmen gedeckt werden. So steht in den ersten zehn Monaten dieses Jahres einer Einnahme aus Mitgliederbeiträgen in Höhe von 4756 M. eine Ausgabe von nur 2274M. gegenüber, während der Reservefonds schon gegen 10,000 Mk. beträgt. Das Geheimniß dieses überraschenden Erfolges liegt darin, daß die Verwaltungskosten beinahe null sind. Alle Arbeiten für die Kasse, welche wahrlich nicht klein sind, geschehen freiwillig um Gotteslohn

durch die Vorstandsmitglieder, und alle Ein­nahmen ohne Abzug können ausschließlich zur Verpflegung der Kranken verwandt werden. Die Kasse hatte bis jetzt 1163 Mitglieder; von diesen sind etwa 300 wieder abgereift, so daß als Bestand die Zahl von etwa 800 Mitgliedern bleibt.

Auf Grund der so gesammelten Erfahrungen beauftragte sodann eine Diözesan-Konserenz des Präsides in Köln den Kölner Gesellen-Verein mit der Ausarbeitung eines Statuts, das für alle Gesellen-Vereine passen und eine einheitliche Or­ganisation schaffen soll. Diesem schwierigen Auf­trag wurde entsprochen, und nun ist jüngst das neue Statut von der königlichen Regierung in Köln, welche diesmal den Bestrebungen des Ge- sellen-Vereins in sehr dankenswerther Weise ent­gegenkam, mit folgendem Bescheid zurückgekommen: „Die am 6. Juni 1883 als eingeschriebene Hülfs­kasse zugelassene und unter Nr. 41 des Registers eingetragene St. Sebastianus-Krankenkasse zu Köln bleibt auf Grund des reuibirten Statuts als ein­geschriebene Hülfskasse ferner zugelasien. Dieselbe entspricht den Anforderungen des §.75 des Gesetzes betreffend die Kranken-Ver- sicherung der Arbeiter vom 15. Juni 1883." Damit genügt die Kasse allen Anforder­ungen, welche die moderne Gesetzgebung stellt. Kein versicherungspflichtiges Mitglied derselben kann gezwungen werden, einer andern Kaffe bei­zutreten. Bei einem monatlichen Beitrag von 60 Psg. gibt dieselbe fortan ein wöchent liches Krankengeld von 12 Mark. Karenzzeit und eine Masse sonstiger erschwerender Bedingungen find fortgefallen. Die Mitglieder der Kasse er­scheinen gegen Mangel und Roth in Krankheiten in allen Fällen gesichert und zwar zu dem denkbar niedrigsten Satze.

Zum Vergleich seien nur einige Sätze der be­kanntlich über ganz Deutschland centralifirten, von den Sozialdemokraten ans's eifrigste em­pfohlenen Arbeiterkaffen, die im Allgemeinen gut verwaltet sind, hier angeführt. Die Kaffe der Tischler gibt in der ersten Klasse bei einem wöchentlichen Beitrag von 20 Psg. ein wöchent­liches Krankengeld von 8 M.; in der zweiten Klasse sind die Sätze 25 Psg. und 10 M. und in der dritten Klasse 30 Pfg. und 12 M. Die Kasse der Schuhmacher gibt bei 20 Pfg. wöchentlichem Beitrag 9 M., bei 25 Pfg. 11 M., bei 30 Pfg. 13 M. Die Kasse der Schneider gibt bei 20 Psg. 9 M. 80 Pfg., bei 25 Pfg. 12 M. 25 Pfg. Der hohe Preis dieser Kassen wird wesentlich ver­ursacht durch die kostspielige Verwaltung der über ganz Deutschland centralifirten Kaffen.

In Anbetracht dieser Umstände erscheint die Organisation, welche das neue Statut der St. Sebastianuskasse anbahnen will, ganz besonders bemerkenswerth. Sie besteht lediglich in zwei ein­fachen Paragraphen des neuen Statuts. Der eine besagt, daß alle Mitglieder der Krankenkasse eines anderen Gesellen-Vereins, welche aus derselben nur aus dem Grunde ihrer Abreise ausgeschieden sind, ohne weiteres, ohne Kosten, ohne Schreiberei und ohne irgend welche Prüfung ihres Gesund­heitszustandes oder Alters, sofort ausgenommen werden. Der andere besagt, daß die Kasse überall innerhalb des Regierungsbezirks Köln ö'rtliche Verwaltungsstellen errichten kann. Es besteht näm­lich die Meinung, daß jeder größere Gesellen-Ver­ein eine eigene Klaffe gründen, und diese alle be­nachbarten kleinere Gesellen-Vereine durch örtliche Verwaltungsstellen mit sich verbinden solle. So wird Deutschland in eine Reihe von Kassenbezirken mit geographischer Abgrenzung getheilt werden, die jedoch bei der großen Zahl und allgemeinen Ver­

breitung der Gesellen-Vereine sehr klein werden. Köln wird z. B. höchstens zwei oder drei örtliche Verwaltungsstellen nöthig haben, da Bonn u. s. w. eigene Kassen gründen werden.

Durch diese Organisation ist die größte Billig­keit bei eben so großer Einfachheit und Uebersicht- lichkeit der Verwaltung erreicht. Dabei gewährt sie den Gesellen genau dieselben Vortheile und mindestens dieselbe Sicherheit, wie die sozial­demokratischen Kassen. Aber — das System bafirt lediglich auf dem Zusammenhalten der katholischen Arbeiter und der Opferwilligkeit der Präsides, di« meist Geistliche, aber zum Theil auch Laien find. Es legt diesen eine große Arbeitslast auf, die sie übernehmen müssen ohne jeglichen Entgelt, aus reiner christlicher Siebe zum arbeitenden Volk Mit solchen Faktoren kann eben nur der Katho-' lizismus rechnen, kein anderes System. Auf ihnen beruht die große sozialpolitische Wirksamkeit der katholischen Kirche. Durch sie ist und bleibt dieselbe die größte soziale Macht aller Zeiten, welche auch heute die sozialen Schäden in weitem Maße heilen würde, wenn sie nur dürste, wenn man ihr nicht in verhängnißvoller Kurzsichtigkeit und Engherzig­keit die nöthige Freiheit versagte.

Die Sozial - Demokraten haben bei der dies­maligen Wahlkampagne in Köln die Gesellen-Ver­eine vor allem sich aufs Korn genommen. Fast jede ihrer Versammlungen hat heftige Angriffe auf dieselben gebracht, die fast alle grundlos, meist sogar unwahr waren. Wir meinen, die Sozialdemo­kraten sollten sich die Werke des Gesellen-Vereins betrachten und dann urtheilen. Mit dem unablässi­gen Reden ist nichts gethan für die Besserung der Arbeiterverhältniffe. Dazu gehört ruhiges und unablässiges Schaffen. Die katholischen Arbeiter aber, die noch festhalten an ihrer heiligen Religion, mögen sich die Frage vorlegen, ob sie von der leidenschaftlichen Agitation der Sozial-Demokraten oder von der ernsten Arbeit der katholischen Fak­toren eher das Heil zu erwarten haben.

Man wird uns vielleicht entgegnen: Die Or­ganisation, wie sie oben geschildert ist, ist ja noch gar nicht fertig. Gewiß nicht; es ist eben über­haupt noch nichts fertig. Die St. Sebastianus- Kässe ist die allererste eingeschriebene Hülfs­kasse im Regierungsbezirk Köln, welche die oben angeführte Bestätigung erhalten hat. Selbst die Stadt Köln hat die von ihr ausgearbeiteten Sta­tuten für die Ortskrankenkassen als nicht dem Ge­setze genügend von der Regierung zurückgesandt erhalten. Die neuen Gesetze sind so weitschichtig und unhandlich, daß die neuen Einrichtungen auf ungebahnte Schwierigkeiten stoßen. Wir haben deshalb an dieser Stelle sehr früh zum rechtzeitigen Beginn der Vorbereitungen gemahnt. Das hat damals nicht gefruchtet; jetzt rächt es sich. Am 1. Dezember wird wohl sehr wenig von dem fertig sein, was das Krankenversicherungs-Gesetz verlangt.

Unter diesen Umständen ist es ein großer E r- folg, daß die St. Sebastianuskasse am ersten fertig ist. Auch dieweitereAusdehnung der Organisation in kürzester Frist ist gesichert, da alle andern Gesellen-Vereine schon die nöthigen Vorbe­reitungen getroffen haben und nur auf das neue Kölner Statut warteten. Wir begleiten das schöne Werk mit unfern besten Wünschen. Es entspricht so sehr dem Geist, der bisher die Gesellen-Vereine groß und segensreich gemacht hat, daß es zur Stärkung derselben, zur Festigung des gesunden und religiösen Sinnes unter den Gesellen und zur Hebung ihrer materiellen Sage zweiffellos in hohem Maße beitragen wird.

Verantwortlicher Redacteur: L. Deibel in Fulda. — Drul und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei lLudwia Lo rbacki.