Montag, den 10. November
Fuld<m
(Nachdr. v-rb.)
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schismatische Kirche durch ihre Wiedervereinigung mit Rom zu erneuern und zu reformiren, so wäre ein Weg der Rettung gegeben. Aber vorläufig ist nach menschlichem Ermefien keinerlei Aussicht auf eine solche Wendung der Dinge. Erst schreckliche Umwälzungen und ganz verzweifelte Zustände tonn« ten schließlich auf diese Bahn führen. Für jetzt verdunkelt sich auch das schärfste Auge, wenn es den Schleier durchdringen will, der das Räthsel der Zukunft Rußlands verhüllt.
(•) In Rußland
zeigt sich schon seit einigen Monaten das Bestreben, die Katholiken unter dem Scepter des Zaren zu vergewaltigen, den Klerus gegen die Bischöfe aufzuhetzen, die Rechte der Bischöfe zu beschränken und ihnen bei der Leitung der Diöcese Hindernisse in den Weg zu legen. Jüngst ist nun die russische Regierung noch einen Schritt weiter gegangen. Sie sucht ganz im Stillen entgegen der Vereinbarung mit dem h. Stuhle die Anzeigepflicht nach preußischem Muster einzuführen. Vom 1. Januar 1885 ab sollen die Gehälter an katholische Geistliche nur unter der Bedingung ausbezahlt werden, daß die Bischöfe die Gouverneure über alle Veränderungen im Personale der Geistlichkeit in Kennt- niß setzen und da, wo General-Gouverneure vorhanden sind, denselben über solche Veränderungen Vorschläge machen. Das absolute Rußland sucht also durch eine Brodkorbmaßregel eine Anzeige zu erzwingen, wie sie Dr. Falk verlangte. Aber in den Konsequenzen geht selbst Rußland nicht so weit, wie die preußischerffKulturkämpfer. Es soll in Rußland, falls keine Anzeige erstattet ist, den Betreffen- den nur das Gehalt gesperrt werden; ihre Funktionen werden aber nicht, wie in Preußen, als ungesetzlich angefochten und criminell geahndet. Preußen behält sonach, sell st im Vergleiche mit dem selbstherrlichen Zarenstaate, die Vorhut im Kultur- kämpfe.
Wir haben es ’^fo mit kulturkämpferischen Symptomen sogar in Rußland zu thun, in einem San e, dem es zur Vervollkommnung seiner verzweifelten Lage wahrlich an nichts mehr gefehlt hat. Diese kulturkämpferischen Symptome sind um so trauriger, als die nihilistische Revolution neuerdings wieder ganz unzweifelhafteBeweise ihrer fortdauernden Existenz und einer lebhafteren Thätigkeit gibt. Und doch enthüllen die gelegentlichen Entdeckungen nur einen Theil der Verschwörungen, von denen Rußland beständig unterwühlt wird. Es ist gar nicht bestritten, daß der Despotismus und die zahlreichen Mißbräuche in Rußland die gegründetste Veran- laffung zur Unzufriedenheit bieten. Jndeffen würde die „freiheitliche" Staatsordnung ebenso unzweifel- haft nicht im Stande sein, jene Mißstände zu heben. Es ist der Geist der russischen Gesellschaft, au« welchem die Uebel dieses großen Landes hervor- gehen. Eine auf der tobten und erstarrten grie-
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oder
Auf dunklen Wegen
Roman von E. Wagner.
„Ich denke," sagte sie zu Lady Markham, „daß ich noch niemals eine so große Neigung zu Jemanden empfunden habe, wie zu Miß Strange. Ich fühle mich zu ihr hingezogen und ihre Stimme dringt mir in die Seele. Es ist mir fast, al« wäre sie ein Theil meiner selbst. Meine Blicke richteten sich diesen Abend unwillkürlich wohl hundert Mal auf sie. Ich beabsichtige mit der Zeit mehr aus ihr zu machen als meine Ge- sellschafterin. Ich will mir ihre Liebe gewinnen und bitte Sie, Lady Markham, mir behilflich zu sein, ihr das Leben bei mir angenehm zu machen."
„Aber was wissen Sie von ihr, Lady Wolga? fragte Lady Markham voll Eifersucht. „Sie ist Ihnen jedenfalls gut empfohlen worden; aber was wissen Sie von ihrer Familie, ihrer Vergangenheit und ihrem wirklichen Charakter?"
„Ich werde dies Alles mit der Zeit erfahren." „Vielleicht, wenn es zu spät ist, zum Nachtheil Ihrer Ruhe und Ihres Friedens. Lady Wolga,
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Deutsches Reich.
Berlin, 9. November.
* Der .Reichsbote' will missen, daß die Eröffnung des Reichstags am 20. d., also an einem Donnerstag, stattfinden soll; der Termin ist nicht unwahrscheinlich.
* Eugen Richter berechnet in einer Studie über den neuen Neichsetat das Deficit auf 32 Millionen und meint, Erhöhungen der Matricularumlagen oder neue Steuern seien die unausbleiblichen Folgen des Deficits.
» Der Verband deutscher Müller hat beim Reichsversicherungs-Amt den Antrag eingebracht auf Berufung einer General-Versammlung behufs Bildung einer freiwilligen Berufsgenossenschaft für die Mahl-, Reis- und Oel-Mühlen des ganzen Deutschen Reiches. Unterstützt war dieser Antrag von 2599 Betriebsunternehmern mit 18,045 versicherungspflichtigen Personen.
* Eine Versammlung von Vertrauensmännern, welche den Plan der Errichtung eines Reichs« Handelsmuseums eingehend berathen hat, faßte am Schluffe der Verhandlung eine Resolution, in welcher die Errichtung eines Reichshandelsmuseums als eine Angelegenheit von größter wirth- schaftlicher Bedeutung und dringlichster Wichtigkeit bezeichnet wird. Zur weiteren Förderung der Angelegenheit wurde einKomito niedergesetzt, welches am 26. November in Berlin zusammentreten wird, um die Ausführung des Projekts zu berathen. Zunächst wird es sich um eine Verständigung über den Ort handeln, an welchem das Museum errichtet werden soll.
• Die überseeische Auswanderung aus dem Deutschen Reich über deutsche Häfen und Antwerpen betrug nach einer Mittheilung im Septemberzeug eines Andern sein; aber ich verspreche, ihren wahren Charakter zu ermitteln und sie zu entlarven.
Lady Wolga machte eine abwehrende Bewegung, die Lady Markham zugleich als ihre Entlastung ansah. Mit einem kalten „Gute Nacht!" verließ sie das Zimmer, enttäuscht über den Mißerfolg ihrer Anklage.
21. Kapitel.
Mutter und Tochter.
Als Alexa nach den aufregenden Erlebniffen des Abends in ihr Zimmer kam, fand sie ein Licht auf dem Kamingefims brennen und das Gemach von einem Hellen Feuer durchwärmt. Obwohl die Luft draußen mild war, erschien es doch nothwendig, alle bewohnten Zimmer beständig zu Heizen, weil Clyffebourne so lange unbenutzt gestanden hatte und deshalb die Räume kalt und feucht waren.
Alexa vertauschte ihren Gesellschastsanzug mit einem einfachen Hauskleid, dann rückte sie einen Stuhl an den Karnin und vertiefte sich in Gedanken, im Geiste die Ereignisse des Abends noch einmal durchlebend.
„Ein ereignißvoller Abend!" dachte sie. „Ich habe drei Personen gesehen, welche für mein Leben und meine Geschicke von der größten Bedeutung
chisch-orientalischen Kultur aufgebaute Gesellschaft besitzt aber nicht die Mittel, sich selbst zu refor- miren. Was sie vorn occidentalischen Geiste in sich ausgenommen hat, stammt aus der Epoche des Abfalles vom Christenthum und der Revolution. Alle Verirrungen von der französischen Aufklärungszeit an bis auf die neuesten extremen Richtungen de» revolutionären Geistes fanden in Rußland einen fruchtbaren Boden. In den durch das korrumpirte StaatSkirchenthum vorbereiteten, ober wenigstens keineswegs mit Wiberstaubskraft versehenen Geistern mußten die aus ben westlichen Ländern importirten Lehren des Unglaubens und des Umsturzes in rapider Weise sich ausbreiten und auch bald an intensiver Schärfe wachsen. In solcher Weise hat sich allmählich in Rußland der Gegensatz zwischen dem alten russischen Staate, der alten russischen Gesellschaft, der alten russischen Kirche mit ihrem Absolutismus, ihrer Korruption, ihrer geistigen Im- potenz und dem modernen Rußland mit seinen revolutionären Ideen, mit seinem Anarchismus, Nihilismus und Atheismus herausgebildet. Das moderne Rußland ist es, welches den Despotismus und die Korruption bekämpft, welches freiheitliche Institutionen fordert. Käme das 'moderne Rußland zum Siege, wie es ohne Zweifel schließlich siegen wird, so würde das nur den Sieg der extremen Revolution sein, welche das Land in ein Chaos stürzen müßte, aus dem nur ein neuer Despotismus eine notdürftige mechanische Ordnung schaffen könnte. So befindet sich Rußland in der That in einer geradezu verzweifelten Lage. Die alte russische Gesellschaft, die russisch- korrumpirte Staats- kirche, der mechanische Absolutismus gebieten über keinerlei geistige Kräfte, durch Reformen das Land vor der Revolution zu bewahren. Die Herrschaft der vom materialistischen Atheismus beherrschten Revolutionäre würde nur die Anarchie bedeuten. Die Zukunft keines anderen Landes in Europa ist so dunkel und ungewiß, wie die Rußlands. Ueberall anderswo gibt es in Staat, Kirche und Gesellschaft noch gesunde Elemente, welche eine siegreiche Real- tion gegen die Revolution und ihre schließliche Ueberwindung in Aussicht stellen. In Rußland giebt es trotz der vielen vortrefflichen Eigenschaften des russischen Volkes selbst solche Elemente nicht. Das korrumpirte StaatSkirchenthum erstickt das geistige Leben des Volkes, und wo dieses sich regt, da ist es eben revolutionär. Wäre es möglich, die
Sie haben einen Fehler begangen, dieses Mädchen in Ihr Haus zu nehmen. Sie ist hier zu irgend einem Zwecke, und dieser Zweck ist nicht, Ihre Interessen nach besten Kräften wahrzunehmen!"
Lady Markham hatte diese Worte mit Pathos, in einer Art prophetischer Verkündigung gesprochen.
„Weshalb sagen Sie das?" fragte Lady Wolga. „Wissen Sie etwas Schlechtes von ihr? Ich will keine Verdächtigung; aber wenn Sre bestimmt wissen, daß sie etwas Unrechtes gethan hat, so will ich Ihre Aussagen hören."
„Ich glaube, sie kennt - "
„Ich will keinen Glauben, keine Muthmaßungen hören," unterbrach sie Lady Wolga ruhig, aber entschieden. „Wenn Sie nur ein Mißtrauen, einen Verdacht haben, auf Grund dessen Sie Miß Strange anklagen, muß ich darauf verzichten, Ihnen Gehör zu schenken." ,
„Dann müssen Sie die Wahrheit selbst erfahren, Lady Wolga," erklärte Alexa's Anklägerin. „Ich wiederhole eS: Das Mädchen hintergeht Sie; und wenn Sie innerhalb eines Monats nicht selbst herausgefunden haben, daß sie nicht das ist, was sie scheint, will ich Ihnen Beweise liefern. Sie hat die Absicht, etwas gegen Ihren Frieden und Ihr Glück zu unternehmen. Sie mag nur das Werk