Fuldaer Jalung.
Donnerstag, den 6. November 1884*
(Nachir. »er».)
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in der letzten Wahlperiode viel gemäßigter auf; daher mag mancher frühere Freisinnige ihnen die Stimme gegeben haben, die er sonst dem Fortschritt gegeben hätte. So wirkte eine ganze Reihe von Ursachen zu der freisinnigen Niederlage mit. Es wird Sache des Freisinns sein, eine gründliche Gewissenserforschung anzustellen und danach seine Haltung namentlich in der Kirchenpolitik, der Handwerkerfrage u. s. w. zu ändern. Sonst ist der Rückgang unaufhaltsam.
Die Niederlage der Deutsch-Freisinnigen und ihre politische Bedeutung.
♦* Politisch ebenso bedeutsam als das Anwachsen der Sozialdemokratie ist die Niederlage der Deutsch-Freisinnigen. Es sind durchaus keine Pessimisten, welche der Partei einen Verlust von 30 bis 40 Mandaten prophezeien. Allerdings hängt die aenaue Ziffer von dem Ergebnisse der Stichwahlen ab, aber selbst bei reger Unterstützung durch das Centrum werden die Anhänger Richters um mindestens zwei Dutzend hinter der Zahl der Mandate zurückbleiben, die früher der Fortschritt und die Secession errangen, als beide noch getrennt marschirten. Der Verlust der Freisinnigen wird, falls die Stichwahlen sich auch gegen sie erklären, so stark sein, daß dem Fürsten Bismarck zu der ersehnten M i t t e l p a r t e i nur noch etwa 30 Stimmen fehlen. Daher erscheint das Gerücht, der Kanzler werde nach Bewilligung des Etats sein Glück in Neuwahlen suchen, nicht so unglaublich. Zäh ist ja Fürst Bismarck in hohem Grade und da« Mittelparteiprojekt wird von ihm um so weniger fallen gelaffen werden, als die Offiziösen in dem Wahlergebniß den ersten Schritt zur Verwirklichung des Gedankens erblicken
Außer dem Centrum und den Deutsch-Freisinnigen existiren ja nur kleine nicht gouvernementale Parteien. Bei der Zersplitterung dieser kleinen Parteien, deren Vertreter zudem noch selten in Berlin anwesend sind, ist die Gefahr der Mittelpartei nicht ganz beseitigt. Daher muß dasselbe Prinzip, das bei den allgemeinen Wahlen für die Centrums- Wähler galt, bei den Stichwahlen ebenfalls gelten, nur noch in höherem Maße. Die.Germania' gibt deshalb folgende Parole aus:
ftür uns Centrumsmitglieder steht in Grundsatz und Praxis seit vielen Jahren fest, welche Wahlbündnisse für die Stichwahlen uns am nächsten liegen und welche andere uns wenigstens möglich sind. Durchaus unmöglich sind für uns Wahlbündnisse mit den Nationalliberalen, Freikonservativen und Sozialdemokraten. Auch etwa angebotene Gegenleistung dieser drei Parteien in einem Wahlkreise, wo wir selbst in Stichwahl stehen, dürfte zu keinem Wahlbünd- niffe mit den drei genannten Parteien führen. Dagegen haben wir in der Stichwahl zu unterstützen die deutschhannoverschen Centrums-Hospitanten und d>e Polen, weil diese in Kirche und Schule, in Wirthschafts- und Sozial. Politik, in Vertheidigung der verfassungsmäßigen Rechte und Freiheiten und in Abwehr allzu großer Volksbelastung mit uns zusammenstehen. Die Unterstützung von Deutschkonservativen, Deutschfreisinnigen und Volkspartellern hangt von der Stellung des einzelnen Kandidaten zu den wich-
»der
Auf dunklen Wegen.
Roman von S. Wagner.
Alexa war fast überrascht, daß der Marquis ihrem Vater so durchaus unähnlich war.
Der Marquis war in mittlerem Alter, sah aber noch ziemlich jugendlich aus. Er war nicht groß, schmächtig, hatte ein langes, schmaler, bleiches Gesicht, dessen Hauptzug eine fast unangehm berührende Freundlichkeit war. Seine kleinen schwarzen Augen waren sanft und trübe in ihrem Blick und verriethen eine starke Neigung zur Melancholie. Weichheit und beinahe übertriebene Freundlichkeit waren die vorherrschenden Eigen- schäften seines Charakters; seine Stimme war tief und weich, seine Bewegungen vorsichtig und ge- räuschlos und seine Manieren zeugten von feiner Bildung. Ungeachtet all' dieser Sanftmuth und Freundlichkeit besaß er einen festen Willen und eine Beharrlichkeit in der Durchführung von Ideen, die ihm meistens zum Siege verhalf und rhn zu einem hervorragenden Mitgliede der Gesellschaft machte. . , .
Lord Montheron war nie verheiratet gewesen.
tigeren der eben genannten Fragen, hängt ferner von etwaiger Gegenleistung in einem unserer Stichwahlkrerse, hängt endlich auch davon ab, wer der Gegenkandidat ist. Denn der Eifer in der Bekämpfung der Mittelparteiler und der Sozialdemokratie darf uns bei den Stichwahlen nicht verlassen. Jeder Deutschkonservativc, Deutsch-Freisinnige und Volksparteiler ist gegen Nationalliberale, Freikonservative und Sozialdemokraten zu unterstützen. Wo aber diese drei letzteren Parteien unter sich zur Stichwahl stehen, sind sie sich selbst überlassen und ist Wahlenthaltung für uns die Regel."
Die Centrumspartei kann nur wünschen, daß der Fortschritt den wahren Ursachen seiner Niederlage nachforsche und dieselben beseitige. Eine Hauptursache war die etwas gewaltsame Zusammenschweißung so heterogener Elemente, wie die Secession und Fortschritt in sich bargen. Dieses Zusammen- schweißen hatte zur Folge, daß es der Partei mit dem einheitlichen, an innerlichem Zusammenhänge mangelte. Die Fusion wurde weder von allen Parteianhängern, noch von der ganzen Par- teipresse gut geheißen und das Ausgeben des früheren Namens verwirrte die nicht politisch geschulten Parteigänger und führte sie dem Gegner in die Hände. Das Volk hängt zähe an Aeußer- lichleiten, und darum war das Aufgeben des populären Namens „Fortschritt" ein großer Fehler. Durch die Fusion wurde zwar ein äußerlich einheitliches Gepräge gewonnen, aber die inneren Gegensätze blieben.
In der Kirchenpolitik und in derSozial- reform sind diese Gegensätze so scharf, daß die zusammengeschmiedete Partei nicht einmal einen Wahlaufruf herauszugeben wagte. Dabei fehlte es dem Freisinn an einem allgemein anerkannten Führer, denn stieß Richter's Leitung schon früher bei Hänel auf Opposition, so verlor der Erstere erst recht an Autorität nach der Vereinigung. Zu diesen inneren Gründen der freisinnigen Niederlage, an welcher die Partei selbst schuld ist, gesellen sich noch viele äußere, die keineswegs zu unterschätzen sind. Die Koalition der Konservativen, Freikonservativen und Nationalliberalen gegen die Freisinnigen machten letzteren den Wahlsieg ebenso schwer wie das Gewicht, welches das Beamten- t h u m überall zu Gunsten der Mittelpartei in die Wagschale warf. Die Freisinnigen wurden ja von Offiziösen als verkappte Republikaner ver- schrieen und jeder gute Beamte hielt es für seine Pflicht und seinen Vortheil, sich vor solchen Un- holden zu bekreuzen. Die Sozialdemokraten traten
Als er noch Roland Jngestre war, hatte er seiner Armuth wegen, nicht an'sHeirathen denken können, als er aber zu Rang und Reichthum gelangte, hatte er sich ganz dem Genüsse eines freien Lebens hingegeben, bis er vor einigen Jahren wieder mit Laby Wolga Clyffe zusammengekommen und in die Reihe ihrer Bewerber getreten war.
Dem Marquis konnte der seltsame, scharfe Blick Alexa'r, als er ihr gegenüber stand, nicht entgehen, und er fühlte ein gewisses Unbehagen bei diesem Blick. Die Schönheit ihres Gesichts fiel ihm auf, aber das reiche blonde Haar und die blauen Augen überraschten ihn; sie kamen ihm bekannt vor und erinnerten ihn an Jemanden, ohne daß er sich entsinnen konnte an wen. Dieser Umstand aber verursachte, daß er immer unruhiger wurde, je länger er das Mädchen ansah.
Alexa hatte nicht lange Zeit, das Antlitz des Marquis zu studiren, denn bald darauf trat eine ältliche, in Schwarz gekleidete Dame ein. Sie war Lady Markham, die Wittwe eines Barons, welcher fein nicht unbedeutendes Vermögen hm- durchgebracht und sie gänzlich arm zurückgelassen hatte, so daß sie gezwungen war, sich selbst em Unterkommen zu suchen. Seit längerer Zeit hatte Lady Wolga sie bei sich ausgenommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. November.
(*) Ueber den gestrigen Unfall des Kaisers kommt aus Hofkreisen folgende Mittheilung: Der Kaiser stieß bei einem Gang durch das Zimmer an eine Tischkante an, beim Umgehen dieses Hindernisses glitt er jedoch aus, wobei er sich eine Verletzung der rechten Brustseite zuzog, und kam zu Falle. Jndeß konnte er sich sofort, unterstützt von einem herbeieilenden Kammerdiener, wieder erheben und sich nach einem Sessel begeben, auf den er sich in aller Ruhe niederließ. Obwohl der hohe Herr über keine Schmerzen klagte, wurden von der besorgten Umgebung doch die Leibärzte herbei gerufen, welche konstatirten, daß der Kaiser keinerlei ernstliche Verletzungen erlitten, sondern nur leichte Hau-tkontusionen an der rechten Brust und Schulter sich zugezogen hat. Das Befinden des Kaisers war, wie versichert wird, unmittelbar nach dem Unfälle wie auch heute ein durchaus befriedigendes und giebt zu keinerlei Besorgnissen Anlaß. — Die Kaiserin pachte heute Nachmittag Baden-Baden zu verlassen und mit ihrem Gefolge gegen 5 Uhr zu mehrwöchentlichem Aufenthalte in Koblenz einzutreffen.
» Stichwahlen finden statt: 6. November in Hanau und Frankfurt a. M., 7. November in Karlsruhe, 8. November in Dortmund, 10. November in Marienburg-Elbing, 14. November in Ansbach, 11. November in Sachsen-Weimar (alle drei Kreise), in Fürth (Stauffenberg und Schauß), 13. November in Danzig, (Landkreis), 14. November in Bromberg.
♦ Der freimaurerische Bettelverein „Reichs- fechtschule" ist mit seinem Gesuch um Corpo- rationsrechte vom Ministerium abschlägig belieben worden. _______________
Lady Markham war von großer, hagerer Ge- statt mit einem Ernste auf ihrem Gesicht, daß sie wie die Ehrbarkeit selbst aussah. Ihr grau melirteS Haar war zum größten Theil unter einer Art von weißem Häubchen versteckt, unter dem sich ein paar lange, an jeder Seite ihres dünnen Gesichts herabhängende Locken hervorstahlen. Ihre Augen, mit einer goldenen Brille bewaffnet, waren klein und stechend und voller Argwohn. Sie war Lady Wolga sehr ergeben, welche sie mit der aus- gezeichnetsten Achtung und Höflichkeit behandelte und dazu eifersüchtig auf Jeden und Jede, der oder die sich um die Gunst der Lady Wolga bewarb, mit Ausnahme Lord Montheron's. Sie glaubte nämlich, daß Lady Wolga früher ober später einen ihrer zahlreichen Bewerber heirathen würbe unb hoffte, baß sie ihre alten Tag in behaglicher Ruhe zu Schloß Montheron werbe ver- leben können. Daher unterstützte sie bes Marqurs Bewerbung nach Kräften. Auf alle anbern Per- sonen aber, welche in etwas nähere Beziehungen zu Laby Wolga traten, war sie neibisch unb eifersüchtig, weil sie fürchtete, biefelben möchten ihr vorgezogen werben ober ihren Einfluß in einer Weise geltenb machen, baß ihre Interessen barunter leiben könnten.
Die .Fuldaer Zeitung- erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. 1 50 ~ ""