Einzelbild herunterladen
 

M 254. Dienstag, den 4. November 1884>

Fuldner

Sie .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Brnteliahrlrcher «bonnEtSpr^S ohne Bnngerlohn und Bestellgeld. 1 Mk. 50 Pfg., mit der belletriMchen «ochenbeilage .Sterne »Nd vlumen' m Fulda 1 M.-0 Psg-, auswärts 1 Mk. 75 Wg.

Inserate: Die einspaltige Ze^le oder deren Raum 15 Pfg.. log. Platzannoncen 10 Mg.; be, Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Wie der Wahlkreis Bochum dem Centrum verloren ging.

Ein nationalliberales Wahlbild.

Die nationalliberale Preffe des Wahlkreises Bochum ist vor Freude über den „Sieg" des nationallibe­ralen Dr. Haarmann närrisch geworden und feiert den­selben durch Beschimpfung des Gegners. Die Cen­trumspartei hat jedoch allen Grund, auf die von ihr erzielte Stimmenzahl stolz zu sein; denn die 22,000 Wähler, welche für Freiherrn v. Schor- lemer eintraten, thaten dies aus innerster lieber« zeugung, in sehr vielen Fällen sogar unter direkter Preisgebung ihrer materiellen Existenz. Bon den 25,000 Wählern jedoch, welche sich für Dr. Haarmann erhoben, mögen kaum 10,000 einem inneren Triebe gefolgt sein; die übrigen 15,000 gehorchten einem äußeren Zwang, wie er gemeiner und rücksichtsloser noch niemals geübt worden ist. Wäre die Wahl frei gewesen, so hätte Schorlemer weit über 30,000 Stimmen erhalten, während Dr. Haarmann die 10,000 gewiß nicht überschritten hätte.

In einem Wahlbezirke hat, wie man der,Wests. Ztg/ mittheilt, der liberale Wahlvorsteher jeden Zettel auseinander gefallen kund hineinge­guckt oder doch wenigstens den Schein angenommen, sodaß die Arbeiter kopfscheu wurden und, einer solchen Kontrole gegenüber es nicht wagten, andere als „liberale" Zettel abzugeben. In einem an­dern Wahlbezirke wurden die kolonnenweise zur Wahlurne geführten Arbeiter vor dem Wahllokale von mehreren Personen, darunter auch ein Gen» barm, auf ihre Wahlzettel untersucht. Fand sich einSchorlemer-Zettel vor, so wurde derselbe zer­rissen und dem Arbeiter dafür ein Haarmann>Zet« tel ausgehändigt. Zwei, den Arbeiter bis zur Wahlurne begleitende Beamte wachten darüber, daß er den Zettel nicht mehr vertauschte, sondern wirk­lich abgab. Auf einer anderen Zeche wurden den Arbeitern vor dem Wahllokale eigenthümlich gefal­lene liberale Zettel eingereicht. Mehrere Beamte saßen mit am Wahltische und wachten darüber, daß die Arbeiter diese Zettel auch wirklich abgaben. Eine Zeche in der Nähe von Wattenscheid hatte Wahlzettel aus dickem, fast gelbem Papier Her­stellen lassen, welche auch im Format von den Nor­malzetteln so bedeutend abwichen, daß die geheime Wahl dadurch thatsächlich illusorisch gemacht war.

Ein Werk in der Nähe von Blankenstein hatte Wahlzettel von ganz dünnem Papier Herstellen las­sen, auf welchem der Name des Dr. Haarmann mit violetter Anilinfarbe ausgezeichnet war und von der Rückseite, auch wenn der Zettel gefaltet war, ganz deutlich erkannt werden konnte. Auch hier war die geheime Wahl thatsächlich illusorisch ge­macht. In einem andern Wahlbezirke hatte man die Zettel für Haarmann durch Abschneiden der vier Ecken nach Außen kenntlich gemacht. Außer­dem ist eine ganze Anzahl von Fällen bekannt geworden, wo Stimmzettel, auf welchen der Name des Dr. Haarmann durchstrichen und der Schor- lemer's hineingeschrieben war, von den liberalen Wahlvorständen für ungültig erklärt worden sind. Es liebt aber ein Beschluß des Reichstages vor, wonach diese Zettel gültig sind. Daß an verschiedenen Orten die Leute, welche Schorlemer- Zettel austheilten, thätlich mißhandelt, in einem Bezirke sogar durch Messerstiche gefährlich ver­letzt wurden, daß weiter die Organe der öffent­lichen Sicherheit bei solchen Brutalitäten nicht immer die gehörige Energie entwickelten, sei nur beiläufig erwähnt.

Der Ausschuß des Central-Wahlkomite's der Centrumspartei würde es unter diesen Umständen geradezu für eine Pflichtverletzung erachten, wollte er diese Wahl unangefochten lassen. Er wird viel­mehr Alles thun, um die Kassation dieser durch Lug und Betrug, durch Pfiffe und Kniffe, durch Rohheit und Gewaltthätigkeit zu Stande gekommenen Wahl herbeizuführen.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. November.

*** Der Zusammentritt der west afrikani­schen Konferenz ist nun offiziell auf den 15. November anberaumt. Die Bevollmächtigten wer- den einige Tage vorher in Berlin eintreffen und sich an dem genannten Tage, einem Sonnabend, zum ersten Male versammeln, um voraussichtlich die Tagesordnung für die Konferenz festzustellen. Die eigentlichen berathenden Sitzungen werden wohl erst einige Tage später, etwa am 19. d. M. ihren Anfang nehmen. Man nimmt an, daß Fürst Bismarck die letzteren selbst leiten, in der ersteren aber wohl Graf Hatzfeld den Vorsitz führen wird.

* Nachdem jetzt die Wahlresultate amtlich fest-

gestellt sind, stellt sich das Ergebniß der Wahlen für die einzelnen Parteien folgendermaßen:

Mandate

Stichwahlen

bisherige^Srtze

Centrum

100

22

iLBSiog

Polen

16

5

£.13

Conservative

62

30

58

Reichspartei

25

11

8.25

Nationalliberale

40

44

45

Freisinnige

31

50

107

Demokraten

2

4

10

Sozialdemokraten

10

24

13

Dazu kommen

zwei

Stichwahlen

zwei Dänen

und zwei Elsaß-Lothringern.

Bei den Stichwahlen stehen sich gegenüber: in 3 Fällen Centrum und Konservative

„ 3 „ „ „ Reichspartei

„ 10 „ „ „ Nationalliberale

„ 2 „ ,, „ Freisinnige

„ 4 „ „ „ Sozialdemokraten

„ 3 „ Conservative und Nationalliberale

V 17 „ „ „ Freisinnige

„ 4 „ „ „ Polen

„ 3 „ „ „ Sozialdemokraten

„ 2 „ Reichspartei und Nationalliberale

„ 3 „ „ „ Freisinnige

,, 1 ,, „ „ Polen

„ 1 „ „ „ Demokraten

„ 1 „ „ „ Sozialdemokraten

„ 20 „ Nationalliberale und Freisinnige

„ 2 „ „ „ Demokraten

„ 7 „ „ „ Sozialdemokraten

„ 8 „ Freisinnige und Sozialdemokraten

„ 1 „ Demokraten „ „

„ 1 „ Dänen und Dänen

„ 1 „ Elsässer und Elsässer

• Das Centruin hat folgende Kreise behauptet: Braunsberg, Menstein (Ostpreußen), Glatz, Fran­kenstein, Oppeln, Kosel, Lublinitz, Beuchen, Katto- witz, Pieß, Rakibor, Leobschutz, Neustadt, .Falken­berg, Neisse (Schlesien), Heiligenstadt (Sachsen), Meppen, Osnabrück, Göttingen, Lüchow-Gartow, Steinfurt-Tecklenburg, Münster, Borken, Lüding­hausen, Paderborn, Warburg, Olpe, Lippstadt (Westfalen), Naffau-Montabaur, Fulda-Schlüchtern- Gersfeld, Kreis Köln, Bergheim, Bonn, Sieg, Wipperfürth, Düffeldorf, Essen, Mörs, Cleve, Kempen, Gladbach, Crefeld, Neuß, Neuwied, Cob« lenz, Ahrweiler, Cochem, Daun, Wittlich, Trier, Saarburg, Malmedy, Kreis Aachen, Stadt Aachen, Düren, Geilenkirchen (Nheinprovinz), Sigmaringen (Hohenzollern), Aichach, Ingolstadt, Wasserburg, Weilheim, Rosenheim, Traunstein, Landshut, Straubing, Passau, Pfarrkirchen Deggendorf, Kehlheim, Regensburg, Amberg, Neumarkt, Neu«

x Altia oder

Auf dunklen Wegen.

Roman von 6. Wagner.

„Ich denke, daß ich ihren Anforderungen ent­sprechen werde," sagte Alexa.

„Lassen Sie mich Sie spielen und singen hören," sprach Lady Wolga. „Ich mache Sie im Voraus darauf aufmersam, daß ich eine strenge Kunst­richterin bin und besonders in der Musik hohe Ansprüche mache."

Alexa stand auf und schritt leicht und geräusch­los auf das im Zimmer stehende große Klavier zu, schlug' den Deckel zurück, setzte sich vor das Instrument und ließ die Fingerspitzen prüfend über die Tasten gleiten; und begann bann eine schwierige Komposition eines Meisters ber neuesten Zeit mit einer Fertigkeit unb einem Verstänbniß zu spielen, welche ihre Zuhörerin entzückte. Als sie bamit zu Ende war, sang sie, ohne ein Urtheil über ihre Leistung abzuwarten, ein Lieb mit klangvoller, weicher Stimme.

„Sie sinb ein Talent, Miß Strange!" rief Lady Wolga begeistert, als die letzten Töne ver­klungen waren und das Mädchen sich erhob.

„Ihr Spiel ist das eines Künstlers und Ihre Stimme ist entzückend; sie würden unsere alten schottischen Balladen verherrlichen. Kennen Sie einige solche?"

Alexa verbeugte sich, nahm wieder vor dem Instrument Platz und fang eine rührende schot« tifche Ballade in einer Weise, welche Lady Wolga Thränen in die Augen lockte.

Es herrschte ein längeres Schweigen, als Alexa sich von dem Klavier entfernt hatte und auf ihren früheren Platz zurückgekehrt war. Sie hatte ein Lied gewählt, welches sie ihrem Vater oft vor­gesungen und das er besonders gern von ihr hören mochte.

Dieser Gesang hatte eine Fluth von ©rinnet« ungen in Lady Wolga geweckt; denn auch sie hatte diese alte Ballade in früheren glücklicheren Tagen oft gesungen, wenn ihr Gatte zu ihren Füßen gesessen und mit Entzücken ihrem Gesänge gelauscht hatte. Alexa sah die Thränen in den Augen ihrer Mutter und ahnte, welche Empfin­dungen ihr Gesang in der Seele derselben her­vorgerufen haben mußte, und ihr Herz fühlte sich in kindlicher Theilnahme unwillkürlich zur Mutter hingezogen.

Endlich richtete sich Lady Wolga auf, nahm

ein auf dem Tisch neben ihr liegendes französisches Buch und reichte es dem Mädchen mit der Bitte, zu lesen. Alexa gehorchte. Sie las so fließend wie eine Französin, ohne jeden fremdartigen Accent, und mit so großem Verstänbniß unb richtiger Betonung, daß auch darin Lady Wolga höchst be­friedigt war.

„Es ist genug," sagte sie. „Ich denke, ich werde mit Ihnen zufrieden sein. Das Salair, welches ich zahle, beträgt achtzig Pfund jährlich, vierteljährlich zahlbar. Sie werden behandelt, als ob Sie meine Schwester wären, Miß Strange. Ihr Gesicht ist zwar eine ausreichende Empfehlung, aber ich halte es für das Beste, den in solchen Sachen üblichen Formalitäten Genüge zu leisten. Sie sprachen von Empfehlungen."

„Ich habe nur eine," sagte Alexa, leicht er« röthend. „Mein alte Gouvernante, Mademoiselle Gauthier, welche jetzt in einer Schule in der Straße St. Honorö in Paris angestellt ist, wird Ihnen jede Auskunft über mich ertheilen." gfo. E

Sie legte Mademoiselle Gauthier'S Adreßkarte auf den Tisch.

„Wann können Sie kommen, Miß Strange?" „Zu jeder Ihnen beliebigen Zeit, Mylady."

„Tann wollen wir sagen übermorgen," sagte