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M 252.

Freitag, den 31. October

1884.

Fuldaer Altung.

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfo., — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne uttü Blumen' in Fulda 1 Ml. 70 Pfg., auswärts 1 SRI. 75 Pfg.

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Erstes Blatt.

Für die Monate November und Dezember werden Bestellungen auf die

»Juldaer Zeitung'

von allen Postanstalten, Landbriefboten und für Fulda von der Expedition (Buttermarkt 112) zum Preise von Mark 1,— (ohne Bestellgeld) jederzeit angenommen.

Neu eintretenden Abonnenten werden auf Ver­langen die bisher erschienenen Fortsetzungen des spannend geschriebenen Romans „Alexa", soweit noch vorräthig, gratis und franco nachgeliefert.

Gegen Weihnachten erhalten sämmtliche Abon­nenten einen schönen, in drei Farben ausge­führten Wandkalender gratis.

Allerheiligen und Allerseelen.

** Allerheiligen und Allerseelen! Wie erhebend sind diese zwei Feste, welche in unmittelbarer Folge gefeiert werden! Wir blicken zuerst zu denjenigen empor, welche den siegreichen Kampf hinieden ge­kämpft und die Krone empfangen haben, welche nur jenen zu Theil wird, die ausharren bis an's Ende. Haben wir in Betrachtung erhabener Vor­bilder unsere Vorsätze neu gekräftigt, unseren Muth neu gestählt, unserem Willen neue Energie ver­liehen, so führt uns der Blick hinab an den Ort des Jammers derjenigen, welche noch zu büßen haben, bi« die letzte Schuld gesühnt ist. Unser .Herz wird zum Erbarmen gerührt, wir fallen auf me Kniee, um die Gnade des Allerhöchsten anzu­flehen. - Wir vergessen unser eigenes Elend und fühlen ganz die Leiden der armen Seelen, die unsere Brüder und Schwestern sind. Kein anderer Tag im Jahre ruft uns das „memento mori“ so ernst in» Gedächtniß, wie der Allerseelentag.

Wir gehen auf den Friedhof, um an den Grä­bern der Verstorbenen zu beten und Kränze auf sie niederzulegen. Kein Geräusch der geschäftigen Welt stört den Frieden des Gottesackers. Hier schweigt die Welt, hier werden keine Spekulationen mehr ausgesührt. Ueberall Ruhe — und Friede. Am Eingang spielen frohe Kinder, nichts ahnend von den Schauern der Grabestiefe, mit verwelktem Laub. Dort nehmen müßige Spaziergänger ohne tiefere Gedanken die Grabdenkmäler und deren

Inschriften in Augenschein, sich über den Stil der Monumente unterhaltend. Hier andächtige Beter und von jenem Grabe her tönt bitterliches Schluch­zen. Sonst Todtenstille. Dort liegt ein Grab ganz vernachlässigt, der Hügel ist von Unkraut überwuchert, und die Buchstaben auf dem alten hölzernen Kreuze sind verwittert. Wer mag hier ruhen? Ein Vergessener jedenfalls, dem keine Thräne mehr nachgeweint wird. Vielleicht ist's ein Vater, dessen Söhne ihn im Strudel der Welt vergessen haben und am heutigen Allerseelentage, statt sich seiner zu erinnern, der sich für sie abge­müht und dadurch vorzeitig ins Grab mußte, ihren Vergnügungen nachgehen. Vielleicht auch ruhen seine Angehörigen ebenfalls schon in der Moder­gruft. Abermals wird ein heftiges Schluchzen vernehmbar und das Auge wendet sich unwillkür­lich nach der Stelle, von welcher das Weinen kommt. Dort kniet eine ärmlich gekleidete Frau, ganz über ein Grab gebeugt. Es ist nur ein Hügel, sorg­fältig gepflegt, doch ohne Prunk und Pracht. Kein steinern Denkmal ziert dasselbe. Rur eine Runi- nier Unterscheidet es von den anderen. Welchen Verlust mag die arme Frau wohl beklagen? Es war ihr Eins und Alles, ihr einziger Sohn. Und wieder erstickt ihr das Schluchzen fast die Stimme. Rahe dem Gottesacker steht ein Kirchlein. Wie wohl wird's dort dem Beter! Wie heimisch! Aber bald verlieren sich die Beter aus dem Kirchlein und die Lebenden von der Stätte der Todten. Sie gehen wieder ins alltägliche Leben zurück und haben den ernster Eindruck bald vergess-'n. Es sind Menschen. —

Begrabe deine Todten tief in dein Herz hinein, So werden sie dein Leben lebend'ge Todten sein; So werden sie im Herzen stets wieder auferstehn. Als gute, lichte Engel mit dir durch s Leben geh'n.

* * ♦

Hast du Jemand wehgethan, Und du hörst ein frommes Läuten Denke, o gedenke d'ran: Seinen Tod könnt' es bedeuten. Geh' ihm nach und bitte ab — Bis du ihm das Herz erweichest. Daß nicht einst an seinem Grab Zögernd du vorüber schleichest. —

Deutsches Reich.

Berlin, 30. October.

V Unter den bisher bekannten 201 Wahlen befinden sich 54 Stichwahlen, die übrigen verthei­

len sich auf die verschiedenen Parteien wie folgt: Conservative 25, Centrum 44, Nationalliberale 29, Deutschfreisinnige 17, Reichspartei 12, Elsässer 5, Sozialdemokraten 8, Polen 6 und Volkspartei 1. — Die Stichwahlen zum Reichstage für Berlin sind auf den 13. November angesetzt worden. — Das west afrikanische Geschwader, bestehend aus den Schiffen „Bismarck", „Gneisenau", „Olga" und „Ariadne" ist heute Vormittag von Wilhelms­haven ausgelaufen.

* Auffällig ist es, daß dem preußischen Institut des Staatsrathes sofort drei Vorlagen (Post­sparkassen , Erweiterung des Unfallgesetzes und Dampfervorlage) zugingen, die über den Bereich Preußens hinaus in die Aktionssphäre des deutschen Reiches eingreifen. Diese Erweiterung des Be» rathungsgebiets für eine speziell preußische Ein­richtung ist um so auffälliger, als die Rathsmit­glieder ausnahmslos Norddeutsche und durchweg Preußen sind. Man darf wohl demnächst im Reichstage eine Anfrage in Betreff dieses auffäl­ligen Schrittes erwarten. Da der Staatsrath nur eine berathende Stimme hat, der Bundesrath aber in der Wahl seiner Berather nicht beschränkt ist, so liegt hier allerdings keine Rechtswahl aber eine Billigkeitsfrage vor, die jedoch bei den jüngsten Symptomen des Zuges zum Einheits­staate nicht zu unterschätzen ist. Alles in Allem wird man gut thun, von dem wieder in Thätig- keit gesetzten Staatsrathe nicht allzu viel Gute» zu erwarten. — Die Abtheilungen des Staats­raths sind wie folgt zusammengesetzt •

I. Abtheilung für auswärtige Angelegenheiten und Kriegswesen: v. Albedyll, Dr. v. Bojanowski, Dr. Busch, v. Caprivi, Dr. Gneist, v. Hänisch, Graf zu Ltmburg-Stirum, Freiherr v. Manteuffel, Graf v. Moltke, Oehlschläger, Dr. Pape, v. Phi- lipsborn, Dr. von Ranke, Herzog v. Ratibor, Dr. Stephan, Graf v. Waldersee, Prinz August von Württemberg.

II. Abtheilung für Landwirthschaft, Domänen- und Forstverwaltung: Dietze, Donner, Graf v. Frankenberg-Ludwigsdorf, Glatze!, Freiherr v. Hammerstein, Herzbruch, v. Heyden, v. Köller, Marcard, Freiherr v. Minnigerode, Rötger, Dr. Freiherr v. Schorlemer-Alst.

III. Abtheilung für die Justiz: v. Bennigsen, Dr. v. Bojanowski, de la CroiS, Glatzel, Hamm, v. Helldorff, Homeyer, Dr. Kögel, Dr. Mejer,

. ^ | £ £ £ Machdr. »erb.)

»der

Auf dunklen Wegen.

Roman von 6. Wagner.

Lady Wolga wurde kalt und herzlos genannt, stolz und hochmüthig, ein Wesen, welches in einer glänzenden Hülle nur Verstand und sprudelnden Witz barg, aber kein Gefühl besaß; die armen Leute auf ihrer Besitzung jedoch konnten von Thaten erzählen, die sie betrübt und die von Menschen­freundlichkeit, Nächstenliebe und Herzlichkeit zeugten, — von rechtzeitigen und geeigneten Gaben, von Besuchen, die sie den Kranken machte, von Trost, den sie spendete, ja selbst von thatkräftiger Hilfe, die sie den Kranken leistete, indem sie dieselben pflegte und oft die Nächte bei ihnen wachte. Alle diese Leute hätten erzählen können von ihrer herz­lichen Theilnahme, ihrer Selbstvergessenheit und Opferwilligkeit, durch welche sie sich die Liebe Aller erwarb. Diesen Leuten war sie ein Trost und Frieden spendender Engel; vor der Welt aber ver­schloß sie ihr Inneres, und die Gesellschaft kannte sie nur als eine Frau ohne Herz oder mit einem Herzen von Stein, welche man wohl verehrte ihrer

strahlenden Schönheit wegen, die man aber für so unnahbar hielt wie einen Stern.

Ihr Name war nie mit dem eines Mannes in Verbindung gebracht worden von der Stunde an, als ihr Gatte aus dem Gefängniß entflohen war, bis vor einiger Zeit, als man zu flüstern begann, daß sie die Verlobte des jetzigen Marquis von Montheron sei. Es wurde allgemein angenommen, daß sie den Marquis bald heirathen werde. Sicher war, daß sie dem Gerücht von ihrer bevorstehenden Heirath nicht widersprochen hatte; sicher war auch, daß sie den Marquis in feinen Bewerbungen er« muthigte, daß sie seine Besuche gern anzunehmen schien, daß sie ihn freundlicher behandelte und ihn mehr begünstigte, als ihre anderen Bewerber.

An dem Morgen, als Alexa Strange in einem Wagen von dem Gasthofe zu Mont Heron nach Clyffebourne fuhr, saß • Lady Wolga Clyffe in ihrem Boudoir, mit dem Schreiben von Briefen beschäftigt.

Ihre Gäste beschäftigten sich in verschiedener Weise. Einige schrieben in der Bibliothek oder lasen, Andere gingen im Park spazieren und noch Andere befanden sich auf einer Fahrt auf der See.

Lady Wolga fuhr im Schreiben ihrer Briefe

fort und versiegelte einen derselben nach dem an­dern und schrieb die Adressen darauf. Plötzlich kam ihre rasch über das Papier fliegende Feder zu einem Halt. Sie richtete sich auf, lehnte sich im Stuhl zurück und blickte gedankenvoll durch'« Fenster hinaus auf die im Morgensonnenschein goldig blitzende See und die über das Wasser gleitenden Segel.

Obwohl beinahe achtunddreißig Jahre alt, sah Lady Wolga wie eine kaum fünfundzwanzigjährige aus. Sie hatte die bittersten Qualen, welche das Loos des Menschen fast unerträglich machen, durchkostet, aber ihr Kummer hatte keine Spuren der Zer­störung aus ihrem schönen Antlitz zurückgelassen. Sie war hoch und schlank von Gestq^,. mit vollen, ebenmäßigen Formen, und voll hohsitlicher Würde in Haltung und Miene. Ihre Züge, waren ■ fein geschnitten, ihre Farbe vom blendendsten Weiß, von welchem die sanfte Röthe der Wangen und das dunkle Roth der zarten Lippen angenehm ab­stachen; ihre Augen waren dunkel wie die Mitter­nacht, tief und seelenvoll, fähig sowohl des Aus­druckes seltener inniger Wärme, wie des Stolzes und der abstoßendsten Kälte. Es war ein erhabe­nes, edles Gesicht, wundervoll in seiner vollendeten, südlichen Schönheit, ein Gesicht, welches, »wenn