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Sonnabend, den 25. October

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Erstes Blatt.

* Der Tag der Entscheidung

ist nicht mehr fern. Lange hat das deutsche Volk nicht mehr vor einem solch' entscheidenden Wende­punkt gestanden wie jetzt, denn schon am nächsten Dienstag werden die Würfel fallen, ob der unselige Nationalliberalismus wieder belebt und der Staas- absolutismus gekrönt werden soll; ob der Kultur­kampf versumpfen und die Rechte des Volkes in die mittelparteiliche Zwangsjacke geschnürt werden sollen; oder ob fortgeschritten werden soll auf der gesunden Bahn der christlichen Sozialreform, und ob das Ende eines Kampfes erzwungen werden soll, der nun schon seit 12 Jahren das neue deutsche Reich spaltet und zerreißt. Es gibt Momente und Ereignisie in der Geschichte der Völker, welche als bedeutsame Merksteine dastehen, und welche ihrer Entwicklung auf lange Zeit hinaus den charakteri­stischen Stempel aufdrücken. Ein solcher Merkstein wird der nächste Dienstag sein. Kommt eine aus­schlaggebende Mittel Partei zu Stande, so ist dies ein Sedan für unsere konstitutionelle Verfas­sung, ein Sedan für die Volksrechte und die Frei­heit der Kirche; dann sinken die beiden brennenden Fragen der Gegenwart, die kirchen- und die sozial­politische, in den Sumpf der Staatsallmacht und einer willenlosen Lakaienpartei; siegen aber dieje­nigen Parteien, welche in der „vertrauensvollen 'ln.erordnrng" des- Verstands des Willens und

Gewissens unter die Regierungsmaßnahme nicht chste politische Weisheit erblicken, welchen ,, und Recht kein leerer Schall, keine Phrase ist, ..ann wird mit dem 28. October das Morgen- roth einer bessern Zukunft leuchten, und dann wird endlich und endgültig jenes düstere Gespenst der *Mittelpartei eingesargt werden, das schon wieder­holt wie ein drückender Alp auf Deutschland lastete. Die Begriffe des Volkes sind so verwirrt, daß die Unterstützung jener rückgratlosen und rücksichtslosen Partei, die in den 70 er Jahren so viel Elend und Unheil über uns brachte, als „nationale Gesin­nung" und als einzig berechtigter Patriotismus gepriesen und Jeder als „Reichsfeind und Vater- landsverräther" verschrieen wird, der sich ein selbst­ständiges Urtheil bewahren, die Kirche nicht demüthi- gen und den falschen Liberalismus nicht auf den Schild erheben will. Die Wahl wird darüber ent­

scheiden, ob das Staatsschiff nach links oder rechts steuert, denn Fürst Bismarck wird als Staatspoli- tiker den gegebenen Verhältniffen Rechnung tragen; sieht er, daß sein mittelparteiliches Ideal in die Brüche gegangen ist, so wird er ganz an de re Segel aufspannen, als wenn er eine un­bedingt gehorchende, kirchenfeindliche Mehr­heitspartei zur Verfügung hat. Die Wähler mögen bedenken, daß die Wiederbelebung des Na- tionalliberalismus gleichbedeutend ist mit der aus­sichtslosen Fortsetzung und Verschärfung des Kirchen­konfliktes, daß dieser Nationalliberalismus aber nicht nur die Kirche haßt, sondern daß er auch kein Herz für die Handwerker, Arbeiter und Landbebauer hat, daß er vielmehr die Kapitalisten und die Bör­senmänner in jeder Weise schützt und stützt; ferner mögen sie bedenken, daß nur mit Hilfe des Een- trums jene liberalen Gesetze beseitigt worden, welche den Ruin des deutschen Handels herbeigeführt haben: Die Wucherfreiheit, die Gewerbe­ordnung, die Freizügigkeit, dieWander- lager und den Hausirhandel.

Ja, es wäre in der That traurig, wenn es ge­lingen sollte, die Diittelpartei auf die Linie zu bringen; deshalb darf am Dienstag kein katholischer Wähler fehlen und aus Gleichgiltigkeit oder Bequemlichkeit es versäumen, seine Pflicht zu erfüllen.

Deutsches Reich.

* Äer fin 7 z47Öctoferr^

** In einer längeren Reihe von Artikeln über Wahlbündnisie kommt die.Germania' heute zu der Schlußfolgerung:

Also: keine Mittelpartei, auch keinen für dieselbe brauchbaren „Conservativen"! Im letzteren Falle Zähl­kandidaturen oder, wo zulässig, Unterstützung des Gegners! Nur wirkliche Conservative erhalten unsere Unterstützung!

*** Der Kaiser konferirte heute wieder längere Zeit mit dem Reichskanzler Fürsten Bismark und ertheilte Nachmittags dem neuernannten englischen Botschafter Sir Malet Audienz zur Entgegennahme dessen Beglaubigungsschreibens. Gestern wurde der Reichskanzler vom Kronprinzen empfangen, welcher zuvor mit dem Staatssekretär des Staats­raths v. Möller eine Unterredung hatte. — Nach der morgen Nachmittag 2 Uhr im Berliner Schlöffe unter dem persönlichen Vorsitz des Kronprinzen

stattfindenden Eröffnung des Staatsraths findet im Adlersaale des Kaiserlichen Palais ein Diner statt, wozu die königlichen Prinzen und die an­wesenden Mitglieder des Staatsraths geladen sind. — Die Regierungsräthe Buffe und Woedtke sind zu Geheimen Regierungsrälhen im Reichsamt des Innern ernannt worden. Letzterer hat nämlich die Grundzüge für die Alters- und Jnvaliditäts- verficherung der Arbeiter ausgearbeilet.

* Die Handelskammer zu Frankfurt a. M. hat sich der Mühe unterzogen, die verschiedenen Gesetze und politischen Verordnungen über die Sonn­tagsfeier zusammenzsteüen. Daraus ergiebt sich, daß die Bestimmungen über die Sonntags­feier in verschiedenen Staaten, Provinzen und. Städten des Reichs sehr iveit auseinander gehen, sowohl in der Materie selbst, als auch in der Festsetzung der betreffenden Feiertage. Die Handels­kammer zu Frankfurt a. M. hat deshalb an den .Reichskanzler die Bitte gerichtet, eine Gleichmäßig­keit der verschiedenen polizeilichen Verordnungen bezüglich der Sonntagsfeier iin Deutschen Reiche, sowohl hinsichtlich des Inhalts dieser Verordnung als hinsichtlichs Festsetzung der allgemeinen Feier­tage herbeiführen zu wollen.

* Das von der ,Weser Ztg.' mitgetheilte „Pa­tent" des Herzogs von Cumberland das allen regierenden Fürsten Deutschlands und den Senaten der freien Städte zugestellt worden ist, hat folgenden Wortlaut:

Wir, Ernst August, von Gottes Gnaden Herzog zu Braunschweig üit6 LNusönrg, KMigl. Prinz von Grvßüri- tannien und Irland, Herzog von Cumberland rc. rc. thun hiermit kund und zu wissen:

Demnach es dem unerforschlichen Willen der göttlichen Vorsehung gefallen hat. Unseres Hochgeehrten Herrn Oheims und Vetters, des durchlauchtigsten Herzogs und Herrn, Wilhelm, Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg Liebden aus dieser Zeitlichkeit abzuberufen, dadurch aber die Nachfolge in der Regierung des Herzogthums Braun­schweig auf Uns übergegangen ist, kraft der Rechte, welche in Unserem fürstlichen Gesammthause Braunschweig-Lüne­burg bestehen, so entbieten Wir allen Behörden, Dienern, Vasallen und Unterthanen des Herzogthums Braunschweig Unsere Gnade und eröffnen ihnen hierdurch, daß Wir mittelst dieses Patents das Herzogthum Braunschweig in Besitz nehmen und die Regierung über dasselbe antreten.

Wir werden die Regierung des Herzogthums nach Maß­gabe der Verfassung des deutschen Reiches, sowie der Lan­desverfassung führen und Wir versichern bei Unserem fürst­lichen Worte, entsprechend der Bestimmung int Parao aph 4 der Landschaftsordnung vom 12. October 1832, daß Wir die Landesverfassung in allen ihren Bestimmungen beobach­ten, aufrechterhalten und beschützen wollen.

34) Alen (N«chdr. »er6.)

oder

Auf dunklen Wegen.

Roman von E. Wagner.

Sie bestellte sogleich einen Wagen, während Alexa bis zur Ankunft deffelben die übrige Zeit benutzte, ein paar Zeilen an ihren Vater zu fchreiben, ihm ihre Ankunft in London und die Abreise nach Mont Heron unter dem Schutze einer Frau, welche sie von Paris aus begleitet hatte, mitzutheilen. Der Brief wurde auf dem Wege zum Bahnhof in einen Briefkasten gesteckt.

Eine Stunde später befand sich Alexa wieder in einem Wagen erster Klaffe und fuhr ihrem vorläufigen Bestimmungsort zu: dem Orte ihrer Geburt, der Heimath ihrer Vorfahren, dem Schlöffe, wo ihr Vater so glücklich gewesen und so viel gelitten hatte, und wo ihr Onkel auf so räthsel- hafte Weise ermordet worden war! Würde es ihr gelingen, dieses Räthsel zu lösen? Sie hatte eine Aufgabe vor sich, vor welcher ein Mann zurück­schrecken mochte, der mit der Enthüllung von Ge­heimnissen vertraut war und sie war nur ein schwaches unerfahrenes Mädchen. Halte sie sich zu viel zugetraut? Würde sie Verderben über

( sich selbst und ihren Vater bringen, den sie mehr liebte als ihr eigenes Leben. Oder würde ihr die Liebe die nöthige Kraft und der Selbster­haltungstrieb die nöthige Umsicht verleihen, um alle Hindernisse zu überwinden und sie zum Siege zu führen? Die Beantwortung all' dieser Fragen lag tief im Schooße der Zukunft verborgen, und nur die Zeit konnte den Schleier lüften, den Alexa schon jetzt vergeblich zu durchdringen suchte.

14. Kapitel.

An der Stätte der Thatsachen.

Mont Heron, der Stammsitz der Marquis von Montheron, lag auf einem steilen Felsen an der Küste Cornwallis. Die Mauern des Schlosses, von hartem Stein gebaut und grau wie der Felsen selbst, auf dem sie standen, schienen nur ein Theil desselben zu sein.

Die Wogen des Meeres schlugen tosend gegen den zerklüfteten Fuß des Felsens, und um sein Haupt brauste der Wind wild zur Winterszeit. Die Natur schien diesen Platz zu dem unwirth- lichsten in ganz England bestimmt zu haben; aber die Absicht der Natur war durch die Kunst ver­eitelt worden.

An das Hauptgebäude, welches die Wohnungen

enthielt, stießen Warmhäuser, Conservatorien und ein Palmenhaus. Auf der Seite landeinwärts neigte sich der Berg zu von der oberen Teraffe an zu einem schrägen Abhange, und hier führte eine breite Chaussee durch Blumen und Gemüse­gärten zu dem etwa eine halbe Stunde entfernten Dorfe Mont Heron.

Ursprünglich ein unbedeutendes Fischerdorf, war es jetzt ein zwar kleiner, aber sehr beliebter Bade­ort, hatte eine Kirche, zwei Gasthäuser, eine An­zahl Villen, welche während der Badezeit an Fremde vermiethet wurden, mehrere Badehäuser und hübsche Anlagen. Die Umgebung e nes kleinen Hafens und eine Sandbank nach Eintritt der Ebbe bildeten die Lieblingsorte der hier weilenden Fremden.

Das Dorf gehörte zum Schloß Mont Heron, und die Gasthäuser, Villen und Wohnhäuser brachten dem jetzigen Besitzer eine ansehnliche Summe an Mielhe ein.

Der größere und feinere der beiden Gasthöfe trug auf einem weißen Schilde das Wappen der Montherons und wurde „Gasthof zu Mont Heron" genannt. Es war ein großes, zweistöckiges Ge­bäude, umgeben von einem großen und hübschen Garten, welcher im Sommer sehr besucht ward.