Freitag, den 24. October
1884.
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„Gegen die Mittelpartei", so lautet die Parole der Centrumspartei auf der ganzen Linie. Seitdem von der offiziösen Presse ganz offen der Wahlspruch ausgegeben worden ist, es gelte am 28. October vor Allem, den Einfluß der Centrumspartei zu brechen und zu dem Zwecke eine aus Nationalliberalen und geeigneten Konservativen bestehende NegierungS- majorität, eine sogen. „Mittelpartei" zu begründen, hat das Centrum vorerst eine Zeit lang die Entwickelung dieses Planes abgewartet. Die konservative Partei hat leider in zahlreichen Wahlkreisen der offiziösen Lockung nicht widerstanden und sich willenlos an's nationalliberale Meffer geliefert. Die Gefahr einer erheblichen Stärkung der centrumfeindlichen und kirchenfeindlichen Mittelpartei wurde größer, und es trat deshalb an die Centrumspar- tei die unabweisliche Pflicht heran, mit allen gesetzlich und moralisch erlaubten Mitteln diesem Plane entgegenzuarbeiten.
Die in Folge deffen nothwendig gewordene Unterstützung der Opposition durch das Centrum hat in den wenigen Fällen, wo sie beliebt wird, einen negativen und einen positiven Zweck. Der negative Zweck ist der, das Zustandekommen der verhäng- nißvollen mittelparteilichen Majorität zu verhindern, und der positive, die Regierung indirekt durch sanften Zwang zu bewegen, mit dem bisherigen bestens erprobten Majoritätssystem weiter zu arbeiten, die soziale und wirthschaftliche Gesetzgebung unter Mitwirkung des Centrums ungestört fortzusetzen, und etwaige Versuch-', die Rechte des Reichstags oder des Volkes mit Hilfe der Nationalservilen und Halbkonservativen zu schmälern und zu beschneiden, an der Seite der wahrhaft liberalen Parteien zu verhindern. Wenn auch mit Hilfe des Centrums einige Deutsch Freisinnige mehr als bisher in den Reichstag kommen, dagegen aber die hochgespannten Hoffnungen der Mittelparteiler erbärmlich zu Schanden werden, so bleibt für alle Fälle diejenige Majoritäts-Kombination bestehen, auf die gestützt die Regierung bisher die sozialen und wirthschaft- lichen Reformen erfolgreich begonnen hat.
Zu den Lieblingswünschen, die sich mit der Hoffnung auf das Zustandekommen einer national- mittelparteilichen Majorität verbinden, gehört in allererster Linie die Fortdauer des Kulturkampfes, fei es in akuter Gestalt, sei es in der
fast noch schlimmeren Forni der Versumpfung. Daß die nationalliberale Partei es zunächst und jedenfalls auf eine Versumpfung des Kulturkampfes abgesehen hat, liegt zu klar auf der Hand, als daß es weiterer Ausführung bedürfte.
Die Linksliberalen wollen den Kulturkampf, den fie früher leider größtentheils mitverschuldet haben, heute nicht mehr. Sie haben dies auch im Reichstage mehrmals bewiesen, insbesondere bei der denkwürdigen Abstimmung über die Aufhebung des Priesterausweisungsgesetzes, bei der eine ^/g Majorität gegen ein einziges letztes Achtel der national- liberalen und einiger halbkonservativen Kulturkämpfer das denkbar schönste Verdikt über den Kulturkampf aussprach. Dennoch hat der Bundesrath nicht auf die 240 Gegner, sondern auf die letzten 34 Freunde des Kulturkampfes hören zu müssen geglaubt, und dem Reichstagsbeschluffe bisher seine Zustimmung nicht ertheilt. Daran sieht ein Jeder, der nicht ganz blind ist, welche Strömung in den oberen Regionen herrschend ist, und wie man sich den kulturkämpferischen Allüren der Nationalliberalen geneigt zu zeigen bestrebt ist. Wie weit aber diese Allüren in Wahrheit gehen, beweist ein nationalliberaler Wahlaufruf, den die Ober-Bar- nimer für ihren Kandidaten Hrn. v. Bethmann- Hollweg vom Stapel gelösten haben. Dieser Aufruf sagt ganz ungeschminkt und gerade heraus, was die ganze nationalliberale Klique im innersten Herzen denkt und ersehnt. Da heißt es wörtlich:
„Wenn ihr das Centrum stürzen wollt, so folgt dem Rufe euerer Führer! Dann kann die Regierung sich wieder auf euch stützen und braucht das verhaßte Centrum nicht.' Dann kann oer Kulturkampf von Neuem ausleben! Dann werden die Römlinge hinausgewiesen aus dem deutschen Reichstag, und damit erfüllt ihr euch und uns den heißesten Wunsch."
So ist's recht! Nur immer frisch mit der Wahrheit heraus! Wir misten ja doch nur zu gut, daß die nationalliberalen Friedensgesänge in Süd und Nord nichts als Lug und Trug sind. Möchten alle Katholiken im Reiche vor dem Wahltage von diesem schätzenswerthen Ausspruch der „Nationalen" in Ober - Barnim in Kenntniß gesetzt werden. Sie werden dann einsehen wie nöthig es ist, gegen diese Tyrannen mit allen erlaubten Mitteln Front zu niachen. Der 28. Oclo'ier wird, dessen sind wir gewiß, dafür sorgen, daß die mittel- parteilichen Bäume nicht in den Himmel wachsen.
33) X Alera (WeetK) oder
Auf dunklen Wegen.
Roman von E. Wagner.
Mr. Strange hielt es für gut, ihren Rath zu befolgen, denn die auf ihn gerichteten Blicke ermahnten ihn zur Vorsicht.
„Der Himmel segne Dich und beschütze Dich, meine liebe Alexa! Gott geleite Dich auf Deinen Wegen." Diese Worte hauchte der bekümmerte Vater kaum hörbar hervor; es war ihm so weh um's Herz, daß seine Stimme fast erstickte. „Dein Leben ist mir mehr werth, als das meinige. Lebe wohl! Mag die Vorsehung uns wohl und sicher wieder zusammenführen!"
„Und in Frieden und Glück, in Freude und Dankbarkeit gegen den Himmel!" fügte Alexa hinzu, den Blick aufwärts gerichtet. „Lebe wohl, lieber Vater!"
Sie riß sich los und eilte vorwärts.
Mr. Strange beobachtete sie, als sie an Bord ging. Sie fand einen Sitz und lehnte sich gegen die Ballustrade, zu ihrem Vater hinüberschauend mit Blicken, in denen ihre ganzeSeele lag. Matrosen liefen auf und ab, Kommandorufe erschallten. Passagiere
standen in Gruppen zusammen, laut sprechend und lachend; Alexa aber hörte von diesem Allen fast nichts. Ihre Gedanken waren drüben bei ihrem Vater, und es waren schwere Gedanken, voll Trauer und Bangen, welche selbst die Entschlossenheit, mit der sie ihrer schwierigen Aufgabe entgegenging, in diesem Augenblicke der Trennung zurückdrängten.
Mr. Strange trat aus dem Gedränge zurück auf einen Platz, von wo aus er seine Tochter bis zur Abfahrt und noch weiter sehen konnte. Er kam in Versuchung, sie im letzten Moment wieder zurückzurufen. Jetzt dachte er, er müsse von Sinnen gewesen sein, daß er seine Einwilligung zu ihrer Reise gegeben hatte. Er machte eine rasche Bewegung vorwärts, als wolle er sie an's Ufer zurückrnfen — doch zu spät! Das Schiff stieß vom Lande ab und — Alexa war fort!
Als er sich umdrehte, fand er sich zwei englischen Touristen gegenüber, welche ihn mit unverkennbarer Neugierde beobachtet hatten. Ihre Nationalität war deutlich auf ihren Gesichtern ausgeprägt, was bei ihm nicht der Fall war. Er wollte an ihnen vorübergehen, als der eine der Engländer ihn anredete:
„Entschuldigen Sie, Sir; aber da ich in Ihnen einen Landsmann finde, möchte ich mir erlauben, Sie Einiges über Athen zu fragen."
Deutsches Reich.
Berlin, 23. October.
V Gestern Nachmittag 1 ’/2 Uhr fand unter Vorsitz des Reichskanzler Fürsten Bismarck eine Sitzung des preußischen Staatsmini ste- riums im Reichskanzlerpalais statt. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man annimint, daß es sich hierbei außer um den preußischen Staatsrath auch um die braunschweigige Frage gehandelt hat. — Der neuernannte englische Botschafter am Berliner Hofe Sir Malet wird morgen dem Kaiser sein Beglaubigungsschreiben überreichen. -- Der neue chinesische Gesandte S ch u - T s i n - T i h n i ist heute früh mit den neuen Gesandtschaftsmitgliedern und deren Familien, zusammen 24 Personen, hier eingetroffen. — Der Bundesrath überwies in seiner heutigen Sitzung die Vorlage über die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die Arbeiter dcs Transportgewerbes sowie über die Dampferfubventionen an die zuständigen Ausschüsse zur Vorberathung. Die Frage der Legitimation der braunschweigischen Bundesbevollmächtigten wurde heute nicht berührt.
* Zur Wahlbewegung schreibt die .Germania': Da im gegenwärtigen Wahlkampfe das Verhindern einer mittel parteilichen Wahl uns ebenso sehr am Herzen liegen muß, als das Durchbringen unserer eigenen Kandidaten, so geben wir in letzter Stunde noch unseren Freunden folgende Zuschrift zur Erwägung, die uns von kundiger Seite zugeht:
In Hanau haben die Konservativen die Kandidatur Hellimg ütifgegeb-'r. und wollen im ersten Wahlgange für den nationalliberalen Zimmermann stimmen. Derselbe würde dadurch in die Stichwahl mit dem Sozialisten Frohme kommen und in dieser Stichwahl gewählt werden. Wenn dagegen die Centrumspartei im ersten Wahlgang für den freisinnigen Kandidaten Nickel stimmt, so würde Stickel mit dem Sozialisten in die engere Wahl kommen und Nickel auch statt des Nationalliberalen gewählt werden. — Im Wahlkreise Offenbach ist freisinniger Kandidat Beigeordneter Goll. Wenn die Centrumspartei sich entschließen könnte, denselben im ersten Wahlgange zu unterstützen so würde Goll in die Stichwahl kommen mit dem Sozialisten und alsdann gewählt werden. Wenn dagegen die Centrumspartei wie 1881 einen besonderen Kandidaten aufstellt, so wird der nationalliberale Kandidat mit dem Sozialisten in die Stichwahl kommen, und alsdann der nationalliberale Kandidat oder der Sozialist gewählt werden. — In Waldeck ist Aussicht vorhanden, daß der freisinnige Kandidat Dr. Barth den nationalliberalen Abgeordneten Böttcher schlägt, wenn die dortigen Stimmen der Centrumspartei im ersten Wahlgange für Barth emtreten.
Mr. Strange antwortete Griechisch, sich stellend, als habe er den Engländer nicht verstanden.
„Oho, mein Lieber, damit kommen Sie nicht davon!" sagte der Engländer. „Ich hörte Sie vor einer Weile mit einem sehr hübschen Mädchen Englisch sprechen. Sie brauchen Ihr Vaterland nicht zu verleugnen." .
,Jch bin kein Engländer, sondern em Grreche, und habe hier schon viele Jahre gelebt," erwiderte Mr. Strange Griechisch. „Was wünschen Sie von mir?"
Die Männer sahen ihn argwöhnisch an. Mr. Strange wartete nicht, bis sie sich von ihrer Verwunderung erholt hatten, sondern ging weiter und fand ein Boot, welches ihm zusagte. Er mufte es, nahm es sogleich in Besitz und segelte heimwärts. Als er nach dem Ufer zarückblickte, sah er noch die beiden Engländer, die ihm mit Mißtrauen nachsahen.
,Selbst ein unbedeutender Zwischenfall wie dieser kann für mich verhängnißvoll werden,' dachte er.' „Diese Reisenden haben nur dem englischen Konsul, den ich nie gesehen und der nie von mir gehört hat, ihr Zusammentreffen mit einem Eng- länder, der seine Nationalität verleugnete, zu er- wähnen, um Verdacht zu erregen, der Nachforschungen und möglicherweise Entdeckung zur Folge haben