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Freitag, den 17. October

1884

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

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in aller Welt steht eine solche Empfehlung in der „Meinungsäußerung"! Es lag auch gar keine Veranlassung vor, sich über einen solchen Fall aus­zusprechen, da ja der Herr Verfasser des Artikels nirgends einen ähnlichen konkreten Grund für seine Theorien anführte, sondern sie nur mit allgemeinen Gründen zu motiviren versuchte.

Etwas eigenthümlich muß es freilich berühren, wenn der geehrte Verfasser der Replik die Be­hauptung aufstellt, daß im Wahlkreise Hanau- GelnhausemOrb die Centrumswähler von der kon­servativen Partei nicht berücksichtigt worden seien, obwohl einige katholische Pfarrer zu der ersten Versammlung eingeladen worden waren, in welcher ja auch erst, wie dem Herrn Autor ja bekannt sein niußte, die Kandidatur Hellwigs den konser­vativen Vertrauensm - nnern proponirt wurde. Ab­gesehen davon, daß zu eben dieser Versammlung auch einige katholische Bürgermeister eingeladen und erschienen waren, möchte ich doch an den Herrn Verfasser der Replik die Frage richten, an wen denn noch eine solche Einladung hätte er­gehen sollen und ob die Centrumspartei im Wahl­kreise Hanau-Gelnhausen-Orb einen den Mitgliedern dieser Partei bis jetzt noch unbekannten Chef be­sitze, an welchen sich in Zukunft in solchen Fällen zu wenden wäre. Uebrigens haben, wie mir be­kannt, die konservativen Männer, welche in der oben erwähnten Versammlung die Kandidatur Hellwigs proponirten, vor Einladung der Ver­sammlung sich durch Rücksprache mit katholischen .. Geistlichen, vergewissert, daß Hellwig eine der. Centrumspartei genehme Persönlichkeit sek. Diesen Thatsachen gegenüber von einer sklavischen Heeres- folge zu sprechen, welche von meiner Seite den Gesinnungsgenossen der Centrumspartei zugemuthet würde, ist wahrhaft wunderbar. Auch sind mir noch andere Thatsachen bekannt, deren Veröffent­lichung diese Behauptung in ein noch eigenthüm- licheres Licht stellen würden, lieber die Vorgänge im Wahlkreise Marburg-Frank^nberg-Kirchhain ist mir nicht das Geringste bekannt, ja ich weiß nicht einmal mit Sicherheit, welcher Kandidat von kon­servativer Seite dort aufgestellt worden ist, ver- muthe aber, daß es der zuletzt gewählte Reichs­tags- und langjährige Landtagsabgeordnete ist, welcher stets von den katholischen Wählern unter­stützt worden und sich auch in der CentrumSfrak- tion der größten Hochachtung erfreut. Sollte diese

meine Annahme richtig sein, so wäre wohl eine vorherige Anfrage an den in diesem Wahlkreise allgemein anerkannten Chef der Centrumsfraktion, ob diese Kandidatur genehm sei, eine überflüssige Formalität und genügte dann wohl das in der Replik erwähnte Schreiben. So viel über das Thatsächliche.

Ich wiederhole aber, daß ich in meiner Mei­nungsäußerung gar nicht diese Frage in Betracht gezogen habe; alle bezüglichen Aeußerungen der Replik entbehren daher vollständig jeder Grund­lage. Mein geehrter Gegner gestattet sich den Wunsch, daß ich in Zukunft den Ausdruck Stroh­mann in öffentlichen Kundgebungen unterlasse; dieser Wunsch kann ich ihm nicht verwehren, werde aber, wie bisher, so auch in Zukunft jeden Aus­druck gebrauchen, der mir paffend erscheint, ohne von einem mir völlig unbekannten Herrn eine Lektion darüber anzunehmen. Was die zweite Be­merkung anbetrifft, worin sich der Verfasser da­gegen verwahrt, daß er den Konservativen eine Lektion habe ertheilen wollen, so kann ich freilich dieser Verwahrung gegenüber nicht behaupten, daß er es habe thun wollen, denn über den animus läßt sich ja nicht diskutiren. Ich für meine Person habe aus seinem lü-Artikel den Eindruck erhalten, daß der Verfasser für angezeigt erachte, von Seiten der Centrumspartei in Kurhessen dieses Mal der konservativen Fraktion eine Lektion zu ertheilen. Auch habe ich mich gegen die Ertheilung einer solchen Lektion nur deshalb ausgesprochen, weil ich fielen betreffenden Persönlichkeiten gegeMber . nicht für gerechtfertigt gehalten. Inwiefern in meinen Auslassungen über die konservative Frak­tion im Allgemeinen, denn nur dieser, nicht aber den kurhessischen Mitgliedern derselben kann der Vorwurf gemacht werden, daß sie die Verschlep­pung des Kulturkampfes mitverschulde „eine Frie­densliebe, die in Zärtlichkeit ausartet", gefunden werden kann, überlasse ich der Beurtheilung der rechtlich denkenden Leser der ,Fuldaer Zeitung'. Meine Bemerkungen hatten überhaupt nicht den Zweck, besonderen Gefühlen Ausdruck zu geben, sondern sie sollten vielmehr Theorien bekämpfen, welche nach meiner Ansicht entweder auf über­triebener Prinzipienreiterei oder übertriebener Ge­fühlspolitik beruhen.

* Zur Frage der Wahltaktik geht uns ein weiterer Artikel zu, den wir mit dem Wunsche möglichst kurzer Beilegung der Sache hier folgen lassen: 81llSI®Ssi

Nummer 235 der ,Fuldaer Zeitung' enthält eine Replik auf die in Nr. 231 und 232 ent­haltene Meinungsäußerung bezüglich der Stellnng der katholischen Wähler im Regierungsbezirk Kassel, welche gegen einen in 225 der ,Fuldaer Zeitung' veröffentlichten Artikel „Die Centrumspartei und die Reichstagswahlen im Regierungsbezirk Kassel" Widerspruch erhob. Diese Replik wirft diesen Auslassungen in erster Linie vor, sich großer Lax­heit schuldig zu machen und behauptet, daß sie den katholischen Wählern eine total inkorrekte Hal­tung empfehle. Ich glaube, es wäre richtiger ge­wesen, wenn der Herr Verfasser dieses Artikels sich auf die Bemerkung beschränkt hätte, daß er den Standpunkt der Meinungsäußerung für lax und die in ihr empfohlene Haltung für inkorrekt halte; er würde so seine Stellung hinreichend ge­kennzeichnet haben und nicht Gefahr gelaufen sein, in gewisser Beziehung mit bewährten Autoritäten sich in Widerspruch zu setzen. Uebrigens hat ja auch die .Germania' ausdrücklich erklärt, daß aus taktischen Gründen der in der „Meinungsäußerung" eingenommene Standpunkt zu rechtfertigen sei. In der Fortsetzung der Replik bekämpft der geehrte Verfasser eine in der „Meinungsäußerung" ent­halten sein sollende Zumuthung an die katholischen Wähler, welche gar nicht in derselben gestanden hat und zwar soll mit dieser Bekämpfung der Be­weis geliefert werden, daß der Standpunkt der „Meinungsäußerung" ein laxer und die in ihr empfohlene Haltung eine inkorrekte sei.

Der Herr Verfasser behauptet nämlich, daß ich in der „Meinungsäußerung" auch dann den katho­lischen Wählern die Unterstützung der konservativen Kandidaten empfähle, wenn cs zweifelhaft (in der Replik steht freilich unzweifelhaft, doch ist dies wohl ein Druckfehler)*) sei, daß derselbe in die Stichwahl komme, selbst wenn derselbe auch ganz einseitig ohne Berücksichtigung der Centruinswähler von der konservativen Partei aufgestellt sei. Wo

*) Das Manuskript war bereits vernichtet, so daß wir nicht konstatiren konnten, ob ein Schreibversehen oder ein Druckfehler vorlag. D. R.

27) | J J g (R-Ichdr. -erb.)

oder

Auf dunklen Wegen.

Roman von E. Wagner.

Endlich, von Sehnsucht getrieben, seine Lieben noch einmal wiederzusehen, kehrte er nach Europa zurück. Er ging nach Paris und kaufte sich hier zwei Jahrgänge Londoner Zeitungen. Er las die Geschichte des Mordes und seiner Verhaftung, der Gerichtsverhandlung und seiner Verurtheilung, wie seiner Flucht. Er las auch, daß ein Ehe­scheidungsgericht seine junge Frau von ihm, dem Mörder, befreit hatte, und daß sie nicht mehr Lady Stradford Heron, sondern Lady Wolga Clyffe war. Dieser Schlag war ihm der schreck­lichste von allen, die ihn getroffen, er war die Uisache einer längeren Krankheit. Später las er in einer Zeitung, daß der Herzog von Clyffe- bourne und Lady Wolga mit der kleinen Marquise von Montheron sich in einer von ihnen erworbenen Villa in Nizza aufhielten zur Wiederherstellung der Gesundheit der Lady Wolga, welche ihren Freunden schon längst Ursache zu ernster Besorg- niß gegeben hatte.

Der Flüchtling reiste nach Nizza. Es wurde ihm leicht, die Villa des Herzogs von Clyffebourne aufzufinden. Die ausgestandenen Qualen der letzten Jahre hatten den jungen, lebensfrohen und kräftigen Jüngling in einen hageren, gebeugten Mann verwandelt, sonnenverbrannt und unkennt­lich für Diejenigen, welche ihn einst gekannt hatten. Er besuchte die Villa und haschte nach einem Blick seiner Sieben. Er stand vor dem eisernen Gitterthor der Villa, als die Equipage des Herzogs herausfuhr. Der Herzog saß darin, grau, stolz und kalt, wie von Marmor. Ihm gegenüber saß Lady Wolga, in tiefste Trauer gekleidet, sorgen­voll aussehend, aber kalt und stolz wie immer. Und bei ihr war ihre Tochter, ein kleines, aller­liebstes Kind, mit langem, lockigem Goldhaar und wundervollen blauen Augen, welche dem Beobachter in ihrer kindlichen Lust eine Blume zuwarf. Da« Kind war damals vier Jahre alt. Der Flücht­ling sah dem Wagen nach, bis er verschwunden war; dann warf er sich auf den Rasen und weinte, wie nur ein starker Mann in seiner Ver­zweiflung meinen kann.

Von da an zog es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt zu der Villa des Herzogs hin. Ec sah Gäste kommen und gehen; viele von ihnen waren

Lady Wolga's Bewerber. Er hörte, daß sie sich bald verheirathen werde. Er hörte auch, daß ein Preis auf seinen Kopf gesetzt war und daß die Polizeibehörden aller Länder ersucht worden waren, auf ihn zu vigiliren und ihn im Betretungsfalle an sein Heimathsland auszuliefern. Er durfte deshalb nicht lange in Nizza verweilen und ent­schloß sich endlich, zu gehen, nachdem er noch einen letzten Besuch in der Villa abgestattet haben würde. Der Zufall führte ihn in eine seltsame Versuchung. Die eiserne Thür war offen. Im Park auf einem Rasenplätze kokettirte die Wärterin mit dem Gärtner, und die kleine Marquise hatte j

sich unbemerkt hinaus auf die Straße begeben. '

Der Vater, getrieben von einem mächtigen Impuls, , dem er nicht zu widerstehen vermochte, erfaßte das c Kind, drückte es an fein Herz und eilte mit ihm j die Straße entlang. ,

Sonderbar genug, die kleine Constanzen stieß keinen Schrei aus. Sie war von furchtloser Ratnr , und liebte Jedermann. Sie hatte ihn in den leWn ' Tagen öfter gesehen und ihm Blumen zugeworfen, * Sie schien das schleunige Entfernen des Mannes für einen Scherz zu halten. Ec entfloh, ehe das Kind t

vermißt und Lärm geschlagen wurde. Ec verfiel» ,

bete das Kind, fuhr mit ihm eine Stunde später