1884
Sonnabend, den 11. October
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Zweites Blatt.
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• Die katholischen Lehrer und der Cäcilienverein.
Es ist eine ziemlich bekannte Thatsache, daß manche begabte und tüchtige Lehrer sich durch eigenen Fleiß und durch Energie für höhere Lehrstellen ausgebildet haben, ferner daß Lehrersöhne theils im höheren Lehramt, theils als Priester Zierden ihres Standes geworden sind. Weniger bekannt dürfte sein, daß der Lehrerstand auch zu den Reformatoren der Kirchenmusik uud speziell des Kirchengesanges ein stattliches Kontingent stellt. Noch sind die Bestrebungen des Cäcilienvereins nicht zwei Jahrzehnte alt, und wir finden im Verein zahlreiche Lehrer bezw. Lehrersöhne als tüchtige ausübende Kirchenmusiker, sowie auch als Komponisten und Schriftsteller über kirchenmufi- kalische Gegenstände. Letzteres sollen folgende Notizen beweisen:
1. Blied, Jakob, geboren 1840, Lehrer, sodann Musiklehrer am Seminar zu Brühl in der Rheinprovinz, gestorben im Januar l. I.
2. Haberl, Franz Xaver, geboren 1840, Sohn eines Lehrers zu Oberellenbach, Niederbayern, Priester, ist Domkapellmeister in Regensburg und Gründer der dortigen Kirchenmusikschule. Zur Zeit ist er mit Herausgabe der Werke Palestrina's beschäftigt.
3. Habert, Joh. Ev„ geboren 1833 zu Oberplan in Böhmen, wurde Lehrer und ist jetzt Organist in Gmunden.
4. Hofmann, L., Lehrer zu Oberthann in Bayern. Näheres mir nicht bekannt.
5. Kaim, Adolf, ein württembergischer Lehrer, jetzt Organist und Chordirigent in Biberach.
6. Könen, Friedrich, Sohn eines Lehrers in Rheinbach bei Bonn, jetzt Domkapellmeister in Köln und Vicegeneralpräses des Cäcilienvereins. Auch sein f Bruder Heinrich war tüchtiger Musiker.
7. Mettenleiter, eine Lehrerfamilie aus Württemberg. Johann Georg, geboren 1818, wurde Lehrer und starb 1858 als Kapellmeister an der Stiftskapelle zu Regensburg. Sein Bruder Dr. Dominikus M., geboren 1822, wurde Priester und starb 1868 als Vikar an derselben Kapelle zu Regensburg. Ihr Vetter Bernhard M., geboren 1822, war ebenfalls Lehrer und ist jetzt Chorregent und Gesanglehrer in Kempten. Er leitete die Generalversammlung des Cäcilienvereins in Biberach.
8. Oberhoffer, Heinrich, geboren 1824 zu Pfalzel bei Trier, der Sohn eines Lehrers, war selbst Lehrer und ist jetzt Musikprofeffor am Lehrerseminar zu Luxemburg.
9. Piel, Peter, Zögling des Seminars in Boppard, war daselbst Lehrer und ist jetzt Musiklehrer ebenda.
10. Schweitzer, Johann, Priester, Sohu eines Lehrers (???) in Walldürn, geboren 1831, gestorben 1882 als Domkapellmeister zu Freiburg. Er ist unter Ben badischen Kirchenmusikern der bekannteste. Sein Bruder Gustav, ebenfalls Geistlicher, ist zur Zeit Domkapellmeister in Freiburg.
11. Selbst, Franz Joseph, Sohn eines hessischen Lehrers bei BenSheim, war seither Organist in Bensheim, ist jetzt Kaplan und Religionslehrer in Worms.
12. Ste hle, Eduard, Sohn eines württembergischen Lehrers, ist Domkapellmeister zu St. Gallen.
Die Genannten stehen fast alle int besten Mannesalter und können nach menschlichem Er- mesien, noch eine gesegnete Wirksamkeit entfalten. Es ist selbstverständlich, daß die Zahl der hierhergehörigen Namen noch bedeutend vermehrt werden könnte, wenn die persönlichen Verhältnisie der nach Hunderten zählenden Jünger Cacilias allgemeiner bekannt wären. Uebrigens werden die aufgeführten genügen, um den mit der Pflege
des Kirchengesanges beschäftigten Lehrern zu zeigen, daß sie sich in guter Gesellschaft befinden und alle Ursache haben, auf solche Mitarbeiter mit Stolz und Freude zu schauen.
(Wir konnten diesen Artikel, welcher bereits zu Anfang dieser Woche dem ,Bad. Beob.' entnommen wurde, wegen fortgesetzter Ueberhäufung mit Stoff erst in der heutigen Beilage zum Abdruck bringen. D. RZ
♦ Nach der Berufszählung
vom 5. Juni 1882
gab es in Deutschland, die häuslichen Dienstboten ausgeschloffen, in runder Zahl 16,2 Millionen erwerbsthätiger Menschen, und unter diesen 4 Millionen — also ziemlich genau den vierten Theil — Frauen. Am stärksten war der An- theil derselben bei der Landwirlhschaft, wo die Männer zu den Weibern wie 57 zu 25 sich verhalten ; dann kam der Handel einschließlich Gast- und Schank-Wirlhschaft mit 13 zu 3 und endlich die Industrie mit 52 zu 11. Trotz des anscheinend günstigen Verhältniffes aber ist bei der letztern die Sache am schlimmsten. In der La nd wirth- schaft läuft die Beschäftigung im Garten, auf dem Felde oder bei der Viehzucht mit den Pflichten des Hauswesens zusammen, auch lebt die ländliche weibliche Arbeiterin fast immer in der Familie und als ein Glied derselben. Bei Handel und Gastmlrthschaft trifft dies für die Ladenmamsell, die Wirthschafterin rc. ebenfalls meistens zu, und es fallen unter diese Rubrik auch die vielen kleinen Kramläden, welche von Wittwen rc. gehalten werden. In gewiffem Sinne ist dies immer noch ein häuslicher Wirkungskreis. Ganz anders aber stehen die Sachen bei der Industrie. Hier lebt jede Arbeiterin auf eigene Hand, und von irgend einer Beziehung zum Familienleben ist keine Rede, mag sie des Tages über in der Fabrik beschäftigt sein, ihre Arbeit in der einsamen Dachkammer verrichten oder sie von Haus zu Haus aufsuchen. Es ist schwer zu sagen, welche sich in üblerer Lage befindet: die Fabrikarbeiterin oder die Haus- oder Stück- Arbeiterin. Die erstere lebt zwar unter größerem Zwange, aber bei der Arbeit in geselligem Verkehr und findet bei diesem leichter Gelegenheit zur Heirath. Ihr Erwerb ist zwar mühsam, aber regelmäßig und sicherer. Die Haus- oder Stück- Arbeiterin dagegen hat fast fortwährend mit Sorge und Noth zu kämpfen; ihr Brod hängt meist von Zufälligkeiten ab und wird heruntergedrückt durch die Konkurrenz von Personen, welche die Arbeit als Nebenerwerb betreiben, oder, was namentlich für Berlin zutrifft, als Deckmantel für die Prostitution brauchen. Diese schwache Stellung der Haus- oder Stück-Arbeiterin wird dann von den Arbeitgebern noch zu unbilliger Ausbeutung benutzt, so daß es ihr fast unmöglich wird, aus honnete Weise sich durchzubringen. In Berlin gilt dies namentlich von den Näherinnen, Schneiderinnen und den Konfektions-Arbeiterinnen. Es ist kaum glaublich, welche Hungerlöhne von den meist jüdischen Firmen an diese armen Geschöpfe gezahlt werden. So wurde neulich der Fall bekannt, wonach eine Arbeiterin, die Filzschuhe anfertigt, pro Woche mit Einschluß des Sonntag bei einer Arbeitszeit von 4 Uhr Morgens bis 10 Uhr Abends mit Hülfe ihrer zwölfjährigen Tochter einen Verdienst von 10 Mk. 80 Pfg. erzielte. Ganz ähnlich sind aber die Verhältnisse auf dem Gebiete der Wäschebranche. Die Fälle sind nicht selten, daß ;. B. für das Nähen von einem Dutzend Damenhemden ls/4 Mark!! gezahlt werden. Nimmt man an, daß eine Ar
beiterin pro Tag bei zehnstündiger Arbeitszeit mindestens 2 Mk. verdienen muß, um ein menschenwürdiges Dasein zu führen, so muß dieselbe z. B. in einer Stunde ein Damenhemde, deffen Preis zu 3 M. pro Dutzend normirt ist, fertig stellen, wobei die Auslagen rc. noch gar nicht eingerechnet find. Daß unter diesen Ver- hältniffen die Näherinnen (in Berlin über 25,000) körperlich und geistig zu Grunde gehen und schließlich im Kampfe um's Dasein unterliegen, dem Laster in die Hände fallen, ist eine einfache Folgerung. Wird doch beispielsweise die Zahl der Berliner Prostituirten, die sich meistens aus Arbeiterinnen recrutiren, von Polizei wegen auf über 30,000 geschätzt, von denen allerdings nur ca. 6000 bei der Sittenpolizei angemeldet sind. Es wäre gut, wenn in den Arbeiter-Vesammlungen auch das Elend der weiblichen Arbeiterinnen Berlins etwas erörtert würde. Der Jammer dieser weiblichen Proletarier wird nicht in der Presse zur Schau getragen, wie beim männlichen; sie machen keinen Auflauf, bauen keine Barricaden; sie verkommen in der Stille oder fallen der Schande anheim, und ihr Notbschrei stört nicht die behagliche Verdauung derjenigen, welche ste ausbeuten. Die Presse wird sich ein Verdienst erwerben, wenn sie dieser Armen sich annimmt.
# Der Bauernstand in Amerika.
Auch Amerika, wo es doch bisher dem Fleißigen so leicht war, zu einem kleinen Anwesen zu kommen, hat bereits sein Bauernproletariat, unv dasselbe wächst in erschreckender Weise. Der deutsche Bauernknecht ist ein glückliches Individuum gegenüber dem amerikanischen, selbst wenn letzterer vier
mal mehr verdient. In Deutschland hat der Mann eine feste sichere Heimath; in Amerika wird
er meist nur für sechs oder acht Monate gemiethet, in den Wintermonaten ist er vogelfrei, ober er muß für die Kost bleiben.
Die großen Waizenfarmen des Westens sind Getreidefabriken, und die Arbeiter werden als Fabrikhände angesehen. Der Waizenkönig Dalrymple am Red Rioer, Minn., der 5300 Acker mit Walzen bepflanzt, hat im Winter nur einen einzigen Mann und ein Pferd auf seiner Rtesen- farm. Arbeiter und Pferde werden für die wenigen Wochen oder Monate gemiethet, für die
sie nöthig find; so beschäftigt er vom
1. bis 30. April .... 150 Mann
1. Mai bis 15. Juli ... 20 „
16. bis 31. Juli .... 100 „
1. August bis 15. September 250 ,,
16. Sept, bis 31. Oct. . . 75 „
1. November bis 31. März . 10 „
Dieses zeigt, wie ungeheuer di? moderne Be- wirthschaftung der Großfarmen die Verhältnisse
der ländlichen Arbeiter geänvert hat. Während der Erntezeit erhalten die Arbeiter sh. 2 täglich, während der übrigen Zeit erhalten sie, solange sie auf der Farm beschäftigt sind, sh. 16 monatlich. Damit müssen die Verheiratheten ihre Familien erhalten, die weitab in den Städten wohnen. Und im Winter? Einzelne finden in den Fabriken Arbeit, die meisten gehen nach dem Süden und verrichten dort in den Zuckerhäusern aufreibende und höchst dürftig bezahlte Arbeit.
Dieses Verhältniß des Landproletariats ist erst im Entstehen, hat aber seit 25 Jahren riesige Verhältnisse angenommen. Wie lange wird es dauern, und der amerikanische Landarbeiter be
neidet den westphälischen oder mecklenburgischen Bauernknecht wegen seiner verhältnißmäßig günstigen Lage.