Donnerstag, den 9. October
1884
Fuldaer
®te .Fuldaer Zeitung erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerloh« und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfq, — mit der . belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfa.
Inserate: Die einsaitige Zeile oder der-n Raum J5 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
3C Bestellungen auf das IV. Quartal 1884 der »Fuldaer Zeitung^ werden von den Post-Anstalten, Boten und in der Expedition noch fortwährend entgegengenommen. Die Nachlieferung der bereits erschienenen Exemplare erfolgt auf Verlangen.
* Zur Wahlbewegung schreibt die .Germania' in ihrer gestrigen Abend- Ausgabe, die uns kurz vor Schluß der Redaction zugeht:
„In der .Fuldaer Zeitung' wird die Frage weiter erörtert, ob es sich empfehle, in allen Kreisen beim ersten Wahlgange für einen Kandidaten des Centrums zu stimmen. Wir verlheidigen diese Regel, aber wir wollen selbstverständlich, da es sich hier um eine taktische Maßnahme handelt, nicht jede Ausnahme perhorresciren, wenn eine solche durch die eigenthümliche Situation eines einzelnen Wahlkreises geboten ist, um die Wahl eines Mittelparteilers zu verhindern. Wenn z. B. in einem Wahlkreise die Katholiken unter Versprechung sofortiger Unterstützung es durchsetzen können, daß statt eines frei- oder neukonservativen Kandidaten ein altkonservativer Gegner des Kulturkampfes aufgestellt und gewählt wird, so ist dieser Erfolg schon einer Abweichung von der Regel werth; denn unseren gefährlichen Feinden ein p- Mandat zu entreißen, ist ein Gewinn, der die kleine Verminderung der Gesammtstimmenzahl auf- wiegt. Ebenso kann es vorkommen, daß man nur durch sofortige Unterstützung einen Kandidaten, der als das kleinere Uebel vorzuziehen ist, in die Stichwahl und damit zum Siege bringen kann. Einen derartigen Fall werden wir vielleicht in Kreuznach-Simmern erleben. Dort ist seither stets Herr v. Treitschke, der gouvernementale Prophet, gewählt worden. Im Jahre 1881 kam Frhr. v. Schorlemer-Alst mit ihm in die engere Wahl und unterlag mit 7885 gegen 10242 Stimmen. Der Kreis zählt nur 41 Proz. Katholiken; da es leider Thatsache ist, daß die Richtkatholiken bei der Stichwahl gegen den Centrumskandidaten votiren. so ist keine Aussicht für uns, diesen Kreis zu erobern, wenn wir auch nochmals unseren Kandidaten in die Stichwahl bringen. Wir können aber voraussichtlich Herrn v. Treitschke werfen,
wenn wir einen deutsch-freisinnigen Kandidaten sofort unterstützen. Es ist dort Rechtsanwalt Munckel als fortschrittlicher Kandidat aufgestellt; derselbe hat sich bisher keiner Kulturkämpferei schuldig gemacht. Gibt er dest Katholiken des Wahlkreises die nöthigen Garantien, so steht nichts entgegen, ihm gleich die Stimmen zu geben, um den halbliberal - kulturkämpferischen Treitschke zu Fall zu bringen. Bei dem ersten Wahlgange in 1881 fielen 6800 Stimmen auf Treitschke, 5900 auf Schorlemer, 53OQ..ouf einen liberalen Kandidaten. Wenn die Deutschfreisinnigen von letzterer Summe nur 3/s für sich zu retten wissen, so hat Herr v. Treitschke die Mehrheit nicht mehr. — Da unser leitendes Ziel bei diesen Wahlen die Verhinderung der mittelpartei- lichen Mehrheit ist, so wäre es ein Fehler, wenn wir in einem solchen Falle uns weigern wollten, für einen Kandidaten einer anderen Partei schon im ersten Wahlgange einzutreten. Aber das sind Ausnahmen, welche die Regel nicht aufheben. Und Regel muß es bleiben, daß jeder Katholik bei der Hauptwahl sich als Mitglied der katholischen Partei dokumentirt, indem er seine Stimme auf einen Candidaten des Centrums abgiebt. Ob der Fall vorliegt, daß im Interesse des effectiven Wahlresultats von der Gesammtstimmenzahl, deren Eindruck ein m o r a l i s ch e r ist, ein Stückchen geopfert werden kann und muß, haben die berufenen Führer zu entscheiden. Was Kreuznach- Simmern angeht, so wird die Entscheidung von der Stellungnahme Munckels'zu den Kulturkampffragen abhängen.''
(Wir bringen unseren Lesern diese für sie intereffanten Aeußerungen unseres Centralorgans vorläufig zur Kenntniß und werden mit Nächstem auf das Ganze in einem kurzen Ueberblick noch einmal zurückkommen. D. R.)
Deutsches Reich.
Berlin, 8. October.
* * Am 1. November wird Hierselbst eine allgemeine Versammlung aller deutschen Zuckerfabrikanten stattfinden, in welcher die gegenwärtige Lage der Zuckerindustrie berathen und entsprechende Beschlüsse gefaßt werden sollen. Auch die Errichtung einer einzigen Berufsgenossen- schäft für die gesammte deutsche Zucker-Industrie soll zur Sprache gebracht werden.
[*] Hebet die angebliche „Ausweisung" des Eng- länders Spence aus In gra-Pequ en a berichtet die ,Wes -Ztg.' auf Grund von Mittheilungen des Herrn Lüderitz: \ ,
»Herr Lüderitz hat an den Gouverneur der^Kapkolonie die Mttheilung gerichtet, daß Spence auf seinen (den Lü- deritz'schen deutschen) Besitzungen unberechtigte Ausbeutungen vornehme, und zwar, indem et* auf den sogenannten Guano-Inseln hart an der Küste Guano graben, auf den Schiffen und Felsen der Küste und der Inseln Pelzrobben schlagen, in Kustengewässer Fischerei treiben und auf dem Festlands Erz graben kgsse. Für. diese Ausbeutung habe er keinerlei Vereinbarung mit dem Eigenthümer Lüderitz getroffen. Ter Letztere ersuchte daher den Gouverneur der Kapkolonie, den unter seiner Jurisdiktion lebenden Spence zu veranlassen, daß er seine Thätigkeit dort einstelle, widrigenfalls er für den Schaden, den er Lüderitz durch diesen Raubbau verursache, gerichtlich belangt werden würde. Herr Vogelgesang, Vertreter des Herrn Lüderitz in Angra-Peque- na, hat außerdem Spence brieflich gebeten, die Ausbeute einzustellen und seine Arbeiter innerhalb zweier Monate zurückzuziehen."
Es wird hinzugefügt, daß von einer „Ausweisung" Spence's keine Rede fein könne. Wenn er auf Grund eines privaten Rechtstitels ein Geschäft in deutschen Besitzungen betreiben wolle, so stehe ihm das gerade so zu, wie einem Deutschen die englischen Kolonien. Aber auch diese bedürfen den privaten Rechtstitel auf Grundeigenthum, Mineralien rc. Spence besitze diese nicht, sondern er habe sich nur als Skquatter auf dem Lande niedergelassen, das früher dem Häuptling Christians gehörte und jetzt das Eigenthum von Lüderitz geworden sei.
* Gegenüber den Anzweiflungen her hiesigen j Presse über die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die Land- und Forstwirthschaft und die Transportgewerbe wiederholt die ,Nordd. Allgem. Ztg.', daß die betreffenden Entwürfe gegenwärtig den Gegenstand eifriger Berat Hungen bilden. Es könne nicht der mindeste Zweifel bestehen, daß dieselben den nächsten Reichstag beschäftigen würden.
* Aus Schlesien wird der ,Voff. Ztg.' geschrieben : „Die willkürliche Herabsetzung der Rübenpreise seitens einiger Zuckerfabriken hat in Bielau zu tunmltuarischen ©eenen geführt; in Bauerwitz hat der schlesische Bauernverein den correcteren Weg eingeschlagen, eine Coalition zu silden, welche sich verpflichtet, fünf Jahre lang -eine Rüben zu bauen, wenn nicht eine Vereinbarung mit den Zuckerfabriken Bauerwitz und Großveterwitz zu Stande kommt."
Neu cintrctenden Abonnenten werden auf Verlangen die bisher erschienenen Fortsetzungen des Romans „Alexa" gratis und franco nachgelicfert.
’ xAiera
oder
Auf dunklen Wegen.
Roman von E. Wagner.
Die Kleider, welche er trug, hatte ihm Mr. Strange geliehen, da diejenigen, welche er bei seiner Entlassung aus der Räuberhöhle trug, schlecht geworden waren. Er vertauschte sie jetzt mit seinen eigenen und bestellte sich etwas zu essen. Nach dem Essen ließ er sich Papier, Feder und Tinte bringen und schrieb einen Brief an Mr. Strange, in welchem er diesen von der Rückkehr Spiridion's in Kenntniß setzte und ihn ermahnte, auf seiner Hut zu fein.
Diesen Brief gab er am andern Morgen dem Weingärtner nebst einer hübschen Summe Geldes für ihn und die anderen Männer als Belohnung Ar ihre Begleitung, und diese traten dann ihre Rückreise an.
Lord Kingscourt« erster Weg an diesem Morgen war zum Polizeipräsidenten, um diesem von der Rückkehr Spiridions in fein altes Versteck zu
benachrichtigen. Der Präsident verrieth wenig Theil- nahme für Lord Kingscourt; aber dennoch gelang es diesem, von ihm das Versprechen zu erhalten, daß er Alles aufbieten wolle, die Räuber zu fangen.
Darauf begab sich der Graf zu dem englischen Konsul, welcher ihn auf das Wärmste empfing und zu seiner Befreiung aus den Händen der Räuber und zu seiner Genesung beglückwünschte. Es wurde dem Grafen schwer, den Fragen des Konsuls in Betreff seines Aufenthaltes während feiner Krankheit auszuweichen.
Die Zurückhaltung des Lords verursachte die Annahme, daß er die Zeit seiner Krankheit in dem Hause irgend eines Arbeiters verlebt hatte, und er ließ diese Annahme unberechtigt.
Er war plötzlich zum Helden des Tages gewor- den. Engländer, welche sich besuchsweise in Athen aufhielten oder dort ihren Wohnsitz hatten, besuchten ihn. Er wurde zu Diners und Bällen eingeladen, lehnte aber jede Einladung ab, sprach so wenig wie möglich von seinem Abenteuer und fuhr mit dem nächsten Dampfer nach Triest.
„Ich werde wiederkommen," sprach Lord Kingscourt zu sich selbst. „Ich habe Alexa nicht für immer Lebewohl gesagt. Ihr und mein Geschick sind in einer Weise mit einander verknüpft, daß
keine Macht der Erde uns zu trennen vermag. Sie gehört mir und ich werde wiederkommen, um meine Ansprüche auf sie geltend zu machen. Welches Ge- heimniß auch zwischen uns liegt, es soll keine Schranke für mich fein!
Während das Schiff sich immer weiter vom Lande entfernte und Lord Kingscourt sinnenden Blickes auf das im Abendsonnenschein leuchtende Gestade zurückschaute, wandelte Alexa, schmerzbedrückt und kämpfend mit ihrer Verzweiflung, im Garten.
Ihr Vater hatte sich feit der Stunde der Abreise Lord Kingscourts in seinem Zimmer aufgehalten, sich außer Stande erklärend, sie zu sehen. Des Grafen Brief war ihm überbracht worden und er halte ihn feiner Tochter geschickt, aber er hatte sich geweigert, den Weingärtner zu empfangen, der dann seinen Bericht Alexa abgestattet hatte und dafür reich belohnt worden war. Das Mädchen hatte sich anfangs ihrem Schmerze überlassen, aber entschlossen von Natur, wie sie war, sammelte sie sich bald und trug ihre Bürde standhaft, ihres Vaters wegen, der ihren Kummer ihr nicht in den Augen absehen sollte. Seine Weigerung, sie zu sehen, beunruhigte sie noch mehr, und sie fühlte sich unendlich einsam und verlassen, als sie lang«