M 23V. Montag, den 6. October 1884.
Fuidw
S)te .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlshn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Ml. 70 Pfg., auswärts 1 M 75 Pfg.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Schutzzoll-Politik und Erhöhung oes Getreidezolles.
II.
Bezüglich der zweiten Frage, ob die einheimische Industrie nicht wirklich in Folge des Zolltarifs einen merklichen Aufschwung genommen hat, be- ziehen wir uns lediglich auf allgemein anerkannte kompetente Quellen und Urtheile. In den Berichten der Handelskammern seit 1879 ist anerkannt worden, daß in den meisten Gewerben schon gleich Anfangs eine Besserung sich bemerkbar machte oder wenigstens vorbereitete, und später ist von Jahr zu Jahr ein allmälig steigender Aufschwung von Handel und Industrie konstatirt worden. Auch die aus den Berichten der Eisenbahndirektionen hervorgehende Thatsache, daß seit 1879 eine erhebliche, stetig steigende Mehreinnahme in den Personen- und Güterfrachten erzielt worden ist, und daß sich in den meisten Zweigen der Industrie ein wesentlich gesteigerter Verkehr zeigt, spricht laut genug für die guten Wirkungen des Zolltarifs, und für die Grundlosigkeit der manchersterlichen Schwarzseherei. Das Aufleben der Industrie geht auch sehr klar aus der allgemein bemerkbaren Zunahme der Arbeitsgelegenheit und der Lohnsteigerung hervor, welche eingetreten sind, obgleich der Abg. Richter vor fünf Jahren vorhergesagt hat, die Schutzzölle würden die Urbeitsgeleoenbeit.vermindern ui ArbeitsemtlMmg und Lohnermäßigung führen. Nenn einzelne Industriezweige in diesem allgemeinen Aufschwünge eine Ausnahme bilden, so liegen die Gründe dafür nachweislich in Umständen, auf welche die schutz- zöllnerifche oder freihändlerische Politik keinen Einfluß haben. Diese Ausführungen ließen sich sehr leicht im Einzelnen noch weiter ergänzen und mit Beispielen erhärten, jedoch handelt es sich hierbei ja um Thatsachen, welche auch von manchester- licher Seite zugegeben werden müsien. So zeigt sich denn, daß nicht nur die Befürchtungen einer, engherzigen Freihandelspartei nicht in Erfüllung gegangen sind, sondern daß vielmehr die Einführung des neuen deutschen Zolltarifs im wahren Sinne des Wortes den Beginn eines Wiederauflebens der Industrie und einer Besierung der sozialen Lage der Arbeiterkreise bezeichnet. Diesen Erfolg verdankt das Volk nur den Bestrebungen der wirthschaftlichen Reaktionsparteien, des Centrums und der Konservativen.
Diese beiden altbewährten Parteien der positiven Wirtschaftspolitik werden daher zunächst mit be- harrlicker Konsequenz an den Zöllen des Jahres 1879 festhaiten, bezüglich der Fortbildung einzelner Theile desselben, und zwar namentlich des Getreidezolles, werden sie an eine streng sachliche Prüfung der hierfür maßgebenden Verhältnisse herantreten. Schon im Jahre 1879 machte sich innerhalb des Centrums und der konservativen Partei vielfach die Ansicht geltend, daß ein Em- gangszoll von 1 Mark für den Doppelcentner den inländischen Getreidebau nicht ausreichend schütz n werde, und wurde, allerdings vergeblich, der Versuch gemacht, den Eingangszoll wenigstens auf 2 Mark für den Doppelcentner festzusetzen. Seitdem ist in immer weiteren Kreisen die Ueberzeugung zum Durchbruch gelangt, daß der gegenwärtige Getreidezoll gegenüber der ausländischen Konkurrenz, wie ein offiziöser Artikel sich jüngst ausdrückte, nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein wirkt. Der natürliche Vorsprung, den Amerika, Rußland und Indien durch den reichen, auf Jahrzehnte hindurch ohne Dungmittel und Meliorationen unerschöpflichen Boden vor Deutschland hat, ferner die Erwägung, daß in jenen Konkurrenzländern der Grundbesitz noch nicht von der ungeh uren Hypothekenlast gedrückt ist, deren Zinsen in Deutschland den Werth der Grundrente bei weitem übersteigen, endlich aber der Umstand, daß das einheimische
'Gerreide MftMeeUtttz- anfcjwcsf-j*—i—«v« welche der amerikanische und russische Getreidebau auch nicht einmal vergleichsweise heranreicht, zwingt dazu, den inländischen Getreidebau vor der günstiger gestellten ausländischen Konkurrenz zu schützen, und da der bish-rige Schutz nicht ansreicht, eine erhebliche Erhöhung des Getreidezolles herbeizuführen. Schon jetzt wird in Deutschland weniger Korn gebaut, als der inländische Bedarf erfordert, weil der Kornbau nicht mehr die Kosten deckt. Ein ähnliches Schicksal droht für die Zukunft den anderen
i Getreidearten. Das freie Amerika weiß seine Produktion bester zu schützen, als wir. Der Zoll auf ausländischen Weizen beträgt dort 20 Cents pro Bushel, also etwa 84 Pfg. auf 60 Pfund, während in Deutschland der Zoll nur 100 Pfg. auf 200 Pfund beträgt.
Die Frage der Erhöhung der Getreidezölle wird ganz gewiß den nächsten Reichstag beschäftigen, und wird sich dann wiederum zeigen,
auf welcher Seite ein wahres Verständniß für die Bedürfniste der beinahe 60 Procent der ganzen Bevölkerung ausmachenden deutschen Ackerbauer und Landwirthe zu finden ist, und auf welcher Seite die fast zur Manie gewordene Bevorzugung des Großhandels, der Börse, des Kapitals. Daß die deutschen Freisinnigen nicht nur der Erhöhung des Getreidezolles, sondern auch selbst dem heutigen mäßigen Zollsatz widerstreben, weiß man. Neuerdings verbreitet sich gottlob auch über die Haltung der nationalliberalen Partei zu dieser Frage volle Klarheit. JnSüddeutschland und auch speziell in Baden suchen zwar einzelne Nationalliberale, dem Drängen des murrenden Landvolkes nachgebend, eine wohlwollende Stellung zur Landwirthschaft und zur Frage der Getreidezölle einzunehmen. j Aber gezwungene Liebe ist keine Liebe, sagt ein Sprüchwort, und diejenigen, welche nur, um Wahlkreise in nationalliberalen Händen zu erhalten, in den sauren Apfel der Getreidezollerhöhung beißen wollen, sind nimmermehr wahre Freunde des Bauernstandes und der Landwirthschaft. Daß die Forderung der Getreidezollerhöhung bei der nationalliberalen Partei als solcher keine Unterstützung findet, wird von den einzelnen süddeutschen ^„Dissidenten" selbst nicht geleugnet werden können. Zahlreiche Artikel der in Nord- und Mitteldeutschland tonangebenden nationalliberalen Blätter, sowie die unzweideutigen Erklärungen nationalliberaler
MaUuersammlungen puo Parteien- ventikeln haben jeden Zweifel darüberveseitigt, daß die Partei als solche mit den Deutsch-Freisinnigen gegen jede Erhöhung der Getreidezölle eintreten will. Welche Konsequenzen sich hieraus für die bäuerlichen Reichstagswähler ergeben, brauchen wir nicht einmal anzudeuten. Dieselben werden schon selbst misten, von welchen Parteien sie Heil erwarten können.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. October.
* Im kaiserlichen statistischen Amte sind dieses Mal die Vorkehrungen derart getroffen, daß die amtliche Wahlstatistik sofort nach der Wahl veröffentlicht werden kann. — Das Ergebniß der am 28.d. M. stattfindenden Reichstagswahlen wird vorschriftsmäßig am 1. November durch die von den Behörden dazu bestimmten Wahlkom« mistarien bekannt gemacht werden. Stichwahlen
Reu eintretenden Abonnenten werden auf Verlangen die bisher erschienenen Fortsetzungen des Romans „Alexa" gratis und franco nachgeliefert.
xAlkra
oder
Auf dunklen Wegen.
Roman von E. Wagner.
„Nein," fuhr Mr. Strange nach kurzer Pause fort, „ich kann Ihnen meine Geschichte nicht erzählen; ich kann Ihre Sympathie nicht annehmen, Mylord. Wir — ich und mit mir meine Tochter — sind geächtet, verflucht! Alles, was ich von Ihnen erbitte, ist: verlassen Sie uns. Sie sind jetzt kräftig genug, zum Reisen. Lassen Sie mich Sie morgen früh unter Bedeckung nach Athen schicken. Gehen Sie nach England, vergessen Sie Alexa und suchen Sie sich eine Ihrem Stande an- gemestene Braut, auf welcher kein Fluch lastet."
„Diese Bitte kann ich nie erfüllen," erklärte der Graf erregt. „Ich liebe Alexa von ganzer Seele. Nie zuvor liebte ich. Bei mir bedeutet einmal lieben für immer lieben. Ich kann Alexa nicht aufgeben —"
„Dann werden Sie uns von unserer Zufluchts
stätte treiben an einen anderen Platz, an Einsamkeit und Abgelegenheit diesem gleich, wo Sie uns nicht aufzufinden vermögen. Wenn Sie Griechenland nicht sogleich verkästen," fügte er mit Würde hinzu, „müsten wir es thun."
„Alexa," rief Lord Kingscourt, „bitte Du für mich. Dein Vater liebt Dich und kann Deinen Bitten nicht widerstehen. Alexa, kannst Du Dich so leicht von mir lossagen?"
Alexa erhob ihren Kopf und zeigte ihr bleiches Gesicht, auf welchem ein unsägliches Weh, aber auch feste Entschloffenheit ausgedrückt waren. Ruhig richtete sie ihre von Thränen getrübten Augen auf Lord Kingscourt, welcher aus diesen Augen las, daß sie entschlossen war, sich dem Ausspruch ihres Vaters zu fügen und ihrer Liebe zu entsagen.
„Still, Alfred," sprach sie mühsam mit gebrochener Stimme. „Siehst Du nicht, wie schwer mein Vater leidet, wie viel er zu tragen hat? Er würde mir nicht verweigern, was sein Le.ben mit dem größten Glanz krönen würde, wenn es nicht noth- wendig wäre. Ich liebe Dich, Alfred, und werde Dich lieben so lange ich lebe; aber mein Vater sagt, daß ich verflucht bin. Wie also könnte ich Dich heirathen? Ich liebe Dich zu sehr, als daß ich Sorge und Schande über Dich bringen möchte.
Mein Vater hat Recht: Du mußt heim nach England gehen."
Die hervorbrechenden Thränen und der Schmerz erstickten- ihre Stimme, und Lord Kingscourt, welcher sah, wie furchtbar sie litt, vergaß die Vorwürfe, die schon auf seiner Zunge schwebten. Sie sah aus, als wäre plötzlich eine erdrückende Last auf sie gefallen. - Der Graf blickte von ihr auf ihren Vater sind betrachtete diesen mit scharfem Argwohn. er nicht glauben konnte, daß Mr. Strange irrsinnig sei; da dieses Geheimuiß eine nicht wegzuleugnende Thatsache war, versuchte er sich eine Idee zu bilden, was es wohl sein könnte. War sein Wirth eines vor langer Zeit verübten Verbrechens schuldig? War er verstoßen aus seinem Vaterlande und seiner Familie wegen eines Fehltrittes? Unmöglich! Das edle, ernste Gesicht deutete auf eine erhabene und edle Seele, auf einen un- tadelhaften, festen Charakter, eine jeder Schlechtigkeit unfähigen Natur. Niemals war in Alexa'S Seele ein Zweifel an ihrem Vater aufgekommen; und in dem Grafen stieg der Zweifel jetzt auf, um sogleich wieder mit Entrüstung zurückgedrängt zu werden.
Verwirrt und tief bekümmert, begann Lord Kingscourt wieder, Mr. Strange mit Bitten zu