1884
Sonnabend, den 4. October
Fuldaer
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Zweites Blatt.
* Prinz Heinrich von Hanau.
Die in Paris erfolgte Rückkehr des Prinzen Heinrich von Hanau, eines Sohnes des letzten Kurfürsten von Hessen, zur katholischen Kirche erregte vor einigen Monaten großes Aufsehen. Liberale und protestantische Blätter suchten den ihnen unangenehmen Eindruck dadurch abzuschwächen, daß sie die Rückkehr des Prinzen mit Heiraths- gerüchten in Verbindung brachten, und die ,Voss. Ztg.' erlaubte sich zweideutige Anspielungen auf den Verkehr des Prinzen. Dieser aber trat jenen Verdächtigungen in einem offenem Schreiben entgegen, und der voraussichtliche Eintritt des Prinzen in ein österreichisches Kloster macht jedem Gerüchte von Nebenabsichten ein Ende. In einigen Blättern wurde der hohe Convertit sogar auch als von beschränkten Geistesfähigkeiten dargestellt. Daß der Prinz aber eine hochgebildete, mit großem politischen Scharfsinn begabte Persönlichkeit ist, davon zeugt sein bereits vor acht Jahren veröffentlichtes Merkchen über „Absolutismus und Förderalismus" (Prag 1876), welches in ben Seiten des heißesten Culturkampfes und der unbeschränktesten Herrschaft unserer liberalen Manchesterleute geschrieben, eine scharfe Beurtheilung des ersteren bringt und auf socialpolitischem Gebiet schor, damals die Ansichten vertritt, welche im Centrum und einem Theile der Conservativen ihre eifrigsten Vertreter finden.
In dem Kapitel „die kirchliche Frage" äußert sich der Prinz zur Kirchenpolitik u. A. wie folgt: Von der katholischen Kirche finden wir nur einzelne Abgefallene mit den Schaaren des Unglaubens sich in Reihe und Glied formiren, aber unter den Evangelischen ist es umgekehrt. Nur das kleine Häuflein der Renitenten in ben beiben Hessen unb einzelne zerstreute evangelische Männer finben wir mit freiem Blick unb unerschrockenem Muth am rechten Platz kämpfen. Darum aber auch ist ber Verdienst um so größer, das sie um die Ehre des Protestantismus sich erwerben.
Alle Versuche sind vergeblich ein Culturkampf
in dem unschuldigen Lichte eines einfachen Grenzstreites darzustellen. Handelte es sich wirklich um einen solchen Grenzstreit zwischen Staat und Kirche, so verstände sich doch wohl von selbst, daß in diesem Streit nur drei Möglichkeiten bestehen, daß entweder ein höherer Dritter erscheint und ihn durch fein Urtheil schlichtet, ober daß die beiden Streitenden sich verständigen, oder daß eben der Streit fortbauert, in welchem bann natürlich jeher Theil biejenige Grenze mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten sucht, bie er nach seinem Ermessen für bie richtige hält. . Nichts bestreiten bie Culturkämpfer aber doch lebhafter, als bas letztere, vielmehr soll es bas Monopol bes Staates fein, im Falle ber bestehenden Differenz allein bie Gewalt zu feinen Gunsten gebrauchen zu bürfen. Wo nun, frage ich, steht beim bas Gesetz geschrieben, daß der Staat auch bann, wenn es sich um bie Frage handelt, ob er nicht feine Grenze überschreitet, von dem Gegner ein solches Monopol voraus habe? Es gießt natürlich nirgends ein solches Gesetz, ober es fällt deßhalb auch vor dieser einfachen Frage das ganze Gerede über die Feststellung der Grenzen in seiner Gedankenlosigkeit zusammen. Die oberflächlichste Betrachtung hätte übrigens zu dieser Erkenntniß auch schon um deßwillen führen müssen, weil sich in der Hauptsache der Streit doch darum dreht, ob die Kirche bei Anstellung ihrer Diener selMändig fein W ober nicht-, denn wenn das nicht eine Frage innerhalb ber Kirche sein soll, so wirb man bie Grenze, wo bas Gebiet ber Kirche anfängt, getrost in ben Steuern suchen müssen. Schwerlich ist es auch anbers gemeint, unb bie Naivetät, mit ber man ben Culturkampf zugleich im Interesse eines protestantischen Kaiserthums mit obligater Nationalkirche preist, beweist, wie tief sich bie Geister in ben blanksten Staatsabsolutis- nius gegenüber ber Kirche verrannt haben.
Auf sozialem Gebiete sieht er eine neue große Mission barin, „burch siegreiche Bekämpfung bes absoluten Staatsgebankens Raum für eine Neuorbnung ber Dinge zu schaffen".
Die BebeutungberBerufsgenofsenschaften schilbert ber Verfasser also: Es sollen sich Genos-
X Alna
ober
Auf dunkle« Wegen.
Roman von E. Wagner.
„Meine arme, arme Alexa!" sagte er sorgenvoll. „Ich hatte gebacht, Dich stets vor biefem Kummer zu bewahren, hatte gehofft, Dir Alles zu sein für immer. Ich hatte geglaubt, baß in biefer Einsamkeit Dein Herz nie erwachen würbe, baß Du nie erfahren möchtest, was Liebe ist; aber mein Hoffen und Streben ist umsonst. Ich habe gegen das Schicksal gekämpft und bin unterlegen. Alexa, Du weißt daß ich Dich liebe."
„Ja, Vater, ich weiß es!"
Mit einem seltsamen Schrei eilte Alexa zu ihm, schlang ihre weißen Arme um des Vaters Hals und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust.
„Sie sehen, Mylord, daß sie nicht an meiner Liebe zweifelt, obwohl ich sie grausam verwunde, obwohl ich ihr Glück zerstören muß, — und auch das Ihre," sprach Mr. Strange weiter, zu Lord Kingscourt gewendet.
„Alexa weiß, daß ich sie liebe. Sie fragt, was sie gethan hat. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, Lord Kingscourt, daß kein Schatten von Schuld auf ihrem jungen Haupte liegt. Der Fluch, welcher ihr Leben verdunkeln muß, welcher sie fern«
hält von ihrem Geschlecht, welcher sie ausschließt von allem gesellschaftlichen Antheil, allen menschlichen Interessen, von Liebe, Heirath, selbst Freundschaft — dieser Fluch lastet auf ihr durch das Unrecht Anderer. Sie ist ein unschuldiges, hilfloses Opfer. Ich wollte ihr die Mitwissenschaft dieser schrecklichen Thatsache verbergen; ich dachte, sie sollte nie eine Ahnung von der Wahrheit erhalten. Es war ein unheilvoller Tag für uns, als Sie, Lord Kingscourt, in dieses Haus kamen."
„Sie haben zu viel gesagt, Mr. Strange, als Sie uns weitere Mittheilungen vorenthalten könnten !" rief ber Graf ungebulbig. „Sagen Sie uns — wir haben ein Recht, es zu wissen — worin besteht bas furchtbare Geheimniß?"
„Ich kann es Ihnen nicht sagen. Ich habe es viele Jahre in meinem Herzen still getragen, unb es hat an mir gezehrt wie ein nagenber Wurm. Das Geheimniß muß mit mir begraben werben."
„Aber ist das gerecht gegen Alexa unb mich? Wir haben ein Recht, von Ihnen Aufklärung zu verlangen, warum Sie unser Glück — unser Leben vernichten! Vielleicht haben Sie Ihren Kummer überschätzt, Mr. Strange, vielleicht —"
„Ueberschätzt!" erwiederte der Einsiedler mit bitterem Lächeln. „Wollte Gott, bas wäre möglich."
„Es ist möglich!" rief ber Graf fest; „unb barutn frage ich nochmals: Was ist das Geheimniß? Lassen Sie uns Ihren Kummer theilen. Sie haben so lange darüber nachgegrübelt, baß Sie die
senschaften bilden, nicht bloß um der rein äußerlichen Interessen willen, eingeschränkt auf dem Gebiete des reinen Privatrechtes, wie sie in den Vorschuß- und Konsum-Vereinen und in ben Associationen zu gemeinsamer Beschaffung ber Rohmaterialien, oder auch der gemeinsamen Produktion sich gebildet haben, sondern daß zum Prinzip der Vereinigung vor Allem das des gemeinsamen Berufes, die besondere Ehre und das besondere Recht, das sich daran knüpft, erhoben werde. Es fällt Jedem in die Augen als eine der wichtigsten Thatsachen des Volkslebens, wie die natürlichen Beziehungen des Besitzes und der Arbeit ein Reich besonderer Anschauungen bilden, da jeder Beruf seine sittlichen natürlichen Eigenthümlichkeiten besitzt. Zur Wahrung aller dieser Eigenthümlichkeiten ist nicht der Einzelne befähigt, sondern dazu bedarf es unbedingt der Vereinigung ber Berufsgenossenschaften. So ist z. B. bas Verhältniß bes Meisters zum Lehrling eine Eigentümlichkeit des Handwerkerstandes, von der Niemand sich verhehlt, welche unermeßliche Bedeutung sie für den goldenen Boden des Handwerks und damit für das Volksleben insgesammt hat. Welche Kurzsichtigkeit aber, daß man diese Frage in den heutigen Organisationsplänen etwa in einem Sinne berücksichtigt, der in den alten exklusiven Zunftgeist zurückfällt, nicht aber in dem wichtigen Punkt, in welchem er als eine Berernigimg zur Handhabung der als eine sittliche Notwendigkeit erkannten Disziplin des Meisters erscheint. Die Vereinigung der Meister, der Gesellen, der Arbeiter nach diesen gemeinsamen höheren Motiven, die aus der Ehre ihres Arbeitsberufes entspringenden Vereinigungen, welche frei entstehend und frei nach Außen hinwirkend, doch in sich auf eine obrigkeitliche Ordnung hinausgehen, sie find es, die in erster Linie in's Auge zu fassen sind und die, wo sie sich bilden, der Unterstützung und Förderung seitens der bestehenden weltlichen Obrigkeit ebenso begegnen müssen, wie der Kirche, welche ihrerseits durch ihre sittlich religiöse Arbeit berufen ist, in dem Stande der Arbeiter und Handwerker den entsprechenden Geist zu wecken und zu vereiteln.
Sache jetzt vielleicht viel schlimmer ansehen, als sie in Wirklichkeit ist. Lassen Sie uns vernünftig darüber sprechen! Lassen Sie Alexa's Liebe und die meinige Ihnen eine Befreiung von der drückenden Last ober doch eine Erleichterung werden."
„Ich bin in der Blüthe meines Lebens, was bie Jahre anbetrifft," sagte Mr. Strange. „Ich bin noch nicht 45 Jahre alt. Mein Geist ist frisch unb thätig. Ich bin ehrgeizig. Ich möchte um Alles in ber Welt ben Platz unter ben Menschen einnehmen, ber mir zukommt, möchte meine Zeit zum Wohle meiner Mitmenschen verwenben, einen Einfluß auf Andere ausüben unb mein Wort bei ber Entscheibung politischer ober sonstiger öffentlicher Fragen in bie Wagschale legen. Auch habe ich Gefallen an geselligem Leben. Glauben Sie nach biefen Versicherungen, nach biefem Bekenntniß noch, Mylorb, daß es eine bloße Laune war, welche mich aus meinem Vaterlande trieb, welche meinem Streben plötzlich Emhalt that, meine Hoffnungen vereitelte, meine schönsten Pläne zerstörte unb mich zu einem Einsiedler machte in einem verlassenen Thale, fern von meinem Vaterlanbe, fern von meinen Landsleuten, ja selbst fern von allen Menschen?"
Der junge Graf schwieg, er war tief erschüttert, mehr von der gänzlichen Verzweiflung, die aus Mr. Strangc's Ton und feinen Mienen sprach, als von seinen leidenschaftlichen Worten.
(Fortsetzung folgt.)