M 223.
Zonnabend den 27. September
1884.
PW
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Zweites Blatt.
Abonnements-Einladung.
Beim bevorstehenden Quartalswechsel laden wir zum rechtzeitigen Abonnement auf die
„Fuldaer Zeitung" mit Sonntagsbeilage „Sterne und Blumen" ergebenst ein.
Der Abonnementspreis beträgt pro Quartal Mk. 1.50, mit „Sterne und Blumen" M. 1.75, ohne Bestellgeld.
Alle Postboten, Briefträger, sowie unsere Zeitungsträger nehmen Bestellungen entgegen. Den neu eintretenden Abonnenten liefern wir auf Verlangen den äußerst spannenden Roman
- Alexa —
oder
Auf dvuklru Wesen
gegen Einsendung der Post-Quittung gratis und franco nach.
Um recht zahlreiches Abonnement bittet die Redaction und Expedition der „Fuldaer Zeitung".
" x Alki-
oder
Auf dunklen Wegen.
Roman von E. Wagner.
Mr. Strange wartete, bis das Mädchen herangeritten war. Sie glitt aus dem Sattel, gab dem Pony einen leichten Schlag mit der Hand, und dieses lief im Galopp um das Haus in seinen Stall, während seine Reiterin freudig die Stufen der Veranda heraufeilte in die Arme ihres Vaters.
„Da bin ich wieder!" rief sie in englischer Sprache, die Zärtlichkeit ihres Vaters lebhaft erwidernd. „Ich komme zu spät zum Thee?"
„Eine Stunde zu spät, Alexa!" erklärte Mr. Strange. „Ich begann schon zu fürchte», es möchte Dir etwas zugestoßen sein. Wir müsse.: diese langen Ritte einstellen, mein Kind. Ich habe mich sehr geängstigt. Wie, wenn Du einigen von den Banditen in die Hände gefallen wärest, von deren Ueberfällen man in der letzten Zeit wieder so viel hört? Sie möchten Dich gefangen genonimen und um Lösegeld festgehalten haben, wie sie die unglücklichen Engländer festgehalten, von denen wir gestern lasen. Bleibe nie wieder so lange fort, Alexa — verstehst Du?"
„Ich verstehe."
„Run gehe hinein und mache Dich zum Thee bereit. Du wirst mich dann am Theetisch finden."
Mr. Strange blickte seiner Tochter mit zärtlichen Blicken nach, als sie durch die Veranda eilte und in der Thür verschwand. Es war zu sehen, daß er sie mit der ganzen Innigkeit seiner edlen Ratur liebte. Ihre Stimme war seine liebste Musik, ihre Gegenwart war die einzige Freude seines Ledens. Sie war das einzige Wesen in der weiten Welt, welches ihm gehörte und er wachte über sie mit der Sorgsamkeit einer Mutter.
Er hatte sich ihrer Erziehung gewidmet, und sein eifrigstes Bestreben von dem Augenblick an, als er mit ihr nach Griechenland gekommen, war,
ihr Mutter und Gespielinnen zu ersetzen und sie glücklich zu machen, damit sie die mancherlei Entbehrungen in dieser Einsamkeit nicht fühle. Er hatte die Schule zu Oxford besucht, war bewandert in allen Wissenschaften, war mehrerer Sprachen mächtig und ein Meister in der Musik. In allen diesen Dingen unterrichtete er seine Tochter und fand in ihr eine eifrige und talentvolle Schülerin.
Als Alexa in ihr vierzehntes Jahr trat, hatte er durch einen Agenten in Athen eine Gouvernante für sie von Paris kommen lasien, welche fünf Jahre in seinem Hause lebte und ihrem Zögling mit derselben Zärtlichkeit zugethan war, wie Jedermann, der das reizende und muntere Mädchen kannte. Dann war die Gouvernante nach Paris zurückgekehrt, und Alexa wurde als Herrin über das Hauswesen ihres Vaters eingesetzt, so daß sie thun und laßen konnte, was sie wollte. Zu dieser Zeit war es, daß sie sich ihrer Liebe zu längeren Ritten auf ihrem Pony yingab, von denen der heutige in der Befreiung der Gefangenen aus den Händen der Räuber resultirte.
Mr. Strange hatte in seiner grenzenlosen Liebe zu ihr sein Bestes gethan, sie zu verwöhnen. Ihre Wünsche waren für ihn Gesetze. Aber bei ihrer edlen Natur, ihrer Herzensgüte, ihrem heiteren Temperament und ihrer Verständigkeit war diese Erziehung ihr nicht nachtheilig geworden. Wenn sie zuweilen auch etwas eigen'veÜig, kühn und un- erjchrocken war, vermied sie doch sorgfältig, ihrem Vater oder sonst Jemandem Schmerz zu bereiten, und war sie in dem einen Augenblick neckisch und übermüthig, so konnte sie int nächsten ebenso ernst und sinnig sein, wenn die Umstände es erforderten.
Mr. Strange trat in's Haus und kam in ein kleines, anmuthiges Speisezimmer, welches durch eine breite Flügelthür mit der Veranda in Verbindung stand. Der Theetisch war gedeckt, und in dessen Mitte stand eine brennende Lampe. Die ganze Ausstattung des Zimmers hatte ein englisches Ansehen; nur der klare Honig, die frische Ziegenmilch, der Kuchen und die köstlichen Früchte erinnerten daran, daß man sich in Griechenland befand.
Er hatte kaum das Zimmer betreten, als seine Tochter in einem frischen, anmuthigen, griechischen Kostüm erschien. Ihr Haar war mit einem breiten Band zurückgebunden und fiel lose aus den Rücken. Sie nahm ihren Platz an der brodelnden Thee- maschine ein und begann eine Unterhaltung, welche ihrerseits heiter und uugezwungen geführt wurde: ihr Vater aber sagte wenig, lächelte ihr jedoch wohlgefällig zu.
Nachdem das Mahl beendet war, nahm Mr. Strange den Arm seiner Tochter und führte sie in's Wohnzimmer.
Dieses war ein hohes und großes Gemach, deffen Fußboden mit türkischen Teppichen belegt war. Neben anderen nothwendigen Gegenständen bildeten ein großes hübsches Pianoforte, mehrere Schreibtische und Bücherregale, gefüllt mit kostbaren Bänden, die Ausstattung des Zimmers. Es wurde erleuchtet durch eine große Hängelampe und mehrere Wachskerzen.
Alexa setzte sich an's Piano, ihre Hände glitten leicht über die Tasten, dem Instrument herrliche Töne entlockend, und sie sang dann mit reiner, lieblicher Stimme und tiefem Gefühl eine alte schottifche Ballade. Ihr Vater hatte sich auf einen Divan gesetzt und hörte bewegt dem Gesänge zu.
„Komm', Alexa, setze Dich zu mir," sagte er, nachdem die letzten Töne verklungen waren und das Mädchen sich vom Instrument erhob. „Ich habe Dir etwas zu sagen."
Das Mädchen setzte sich ans einen gestickten Schemel neben ihm und schmiegte ihren Kopf an seine Knie.
„Du hast mir Deine Erlebnisse auf Deiner heutigen Tour noch nicht erzählt," sagte der Vater ernst, ihr weiches Haar streichelnd. „Du bist immer so bereit, mir Deine kleinen Abenteuer zu erzählen, daß Dein heutiges Schweigen mir zeigt, daß Dir wirklich etwas passirt ist. Hast Du Jemanden in den Bergen angetroffen?"
Das Mädchen zögerte, aber da sie gewohnt war, dem Vater Alles anzuvertrauen, was sie wußte und was ihr Herz drückte oder bewegte, konnte sie ihm auch jetzt die Wahrheit nicht vorenthalten.
„Was für scharfe Augen Du hast, mein Vater", sagte sie. „Ich hatte heute ein Abenteuer; aber ich habe es selbst ausgesucht. Ich glaube, ich war ein wenig tollkühn. Ich führte ein seltsames Werk aus und überlegte erst nachher: Erinnerst Du Dich unseres Patienten im vorigen Jahre — Spiridion?"
„Nur zu gut. Ich habe stets bereut, daß ich erlaubte, den Mann in dieses Haus zu bringen. Er hätte unten im Dorfe im Hause eines Arbeiters gelassen werden müssen."
„Nachdem ich gestern von der Gefangenschaft der armen Engländer in der Athener Zeitung gelesen hatte", fuhr Alexa fort, „konnte ich diese Nacht nur wenig schlafen, und wenn ich schlief, träumte ich von den unglücklichen Männern, und heute dachte ich den ganzen Morgen an sie. So ritt ich diesen Nachmittag aus nach den Bergen, in der Hoffnung, Spiridion zu treffen und ein gutes Wort für die Gefangenen bei ihm einzuleqen."
„Alexa!"
„Du erschrickst. Aber Spiridion konnte mir ja nichts zu Leide thun, denn ich rettete sein Leben! Und Du weißt, er versprach mir, seine Schuld mit Zinsen abzutragen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bieten sollte. Ich wußte, daß er ein Versteck in den Bergen hat und — "
„Nie in meinem Leben hörte ich eine wahnsinnigere Idee!" unterbrach sie ihr Vater. „Alexa, hattest Du Deine Sinne verloren? Du suchtest den Banditenhäuptling auf! Du wolltest für die gefangenen Engländer Fürsprache einlegen?"
„Ja, ich, weil ich ein Recht dazu hätte, mir von Spiridion eine Gunst zu erbitten; und er konnte sie mir diesmal nicht abschlagen. Er beabsichtigte, die Engländer heute zu verstümmeln, denn ihr Lösegeld war nicht angekommen. Die Gefangenen find Engländer, von derselben Nation, wie Du und ich, und obwohl ich England noch nie gesehen habe, konnte ich doch Deine Lands- leute einem solchen Schicksal nicht preisgeben, wenn es in meiner Macht stand, sie zu retten."
Ihres Vaters Gesicht wurde totenbleich. Seine Stimme zitterte vor Erregung, als er mit Bitterkeit sagte:
„Ja, ich bin ein Engländer. Alexa, aber ich hasse selbst den Namen England. Ich habe keine Liebe zu meinem Vaterland, noch zu meinen Landsleuten. Du hast Spiridion nicht getroffen? Eine solche Begegnung ist fast unmöglich. Du hast ihn verfehlt und kamst unverrichteter Sache heim — ist es nicht so?"
„Nein, nein. Du erinnerst Dich, daß, als er krank in unserem Hause lag und wir seinen Namen noch nicht wußten, sein Bruder öfters kam, um ihn zu besuchen? Ich hatte mein Pony an einem sicheren Platz gelassen, irrte eine ganze Stunde lang umher und setzte mich in den Schatten eines Baumes, um auszuruhen, als ich Spi- ridiou's Bruder schleichend und vorsichtig kommen sah. Er sah mich nicht, und ich eilte ihm nach. Er kroch in ein Dickicht und verschwand. Ohne mich zu besinnen, folgte ich ihm." (Forts, folgt.)