Mittwoch, den 17. September
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Aufruf.
Abermals stehen die Neuwahlen zum Deutschen Reichstage bevor. Unsere Aufgabe wird Angesichts derselben die nämliche, wie bei den früheren Wahlen sein. Die Aufrufe der Centrumsfraktion vom Dezember 1876, vom Juni 1878 und Juni 1881 haben sie mit steigendem Nachdruck dargelegt. Nichts ist inzwischen eingetreten, das eine Aenderung unserer Haltung, ein Nachlassen unserer Anstrengungen auf irgend welchem Gebiete rechtfertigen könnte. Vielmehr fordern Vorgänge, die theils in der Erinnerung Aller leben, theils sich vor unseren Augen abspielen, zu einer, womöglich noch erhöhten, Pflichterfüllung auf.
Je mehr die wirthschaftlichen Jnteresien, deren Bedeutung für alle Erwerbskreise des deutschen Volkes und für dieses selbst die Centrumsfraktion in Wort und Thal stets voll gewürdigt hat, in den Vordergrund treten, desto aufmerksamer müssen wir auch den Bestand und die Entwickelung unseres Rechts« und Verfassungslebens im Auge behalten. Verhängnißvolle Täuschung märe es, zu glauben, die Kämpfe darum seien längst erledigt, in Deutschland freue Jeder sich des fest gesicherten Besitzes der erforderlichen Freiheit. Und doch ist, wie wir vor 6 Jahren schon es ausgesprochen, für die Sicherung der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung die Achtung und Handhabung der verfassungs- mäßigenRechte und Freiheiten unerläßlich. Sie ist es um so mehr, wenn deren Verletzung in der Feffelung und thunlichsten Beseitigung derjenigen Kräfte besteht, ohne den allseitigst ungehemmte Wirksamkeit der religiöse und sittliche Verfall und damit der schließliche Zusammenbruch jener Ordnung unaufhaltsam und furchtbarer mit jedem Schritte werden muß.
An erster Stelle fordern wir darum auch heute wieder, und zwar mit um so höherem Ernst und um so größerer Dringlichkeit, je drohender die Zeichen dieser Zeit sich gestalten, was wir seit unserem Bestand vor Allem mit Entschiedenheit gefordert: Die vollste Freiheit des Gewissens und der Religion, Selbstständigkeit und freieste Bewegung für die Kirche und namentlich die Beseitigung der Reichsgesetze, welche diese werthvollsten Güter des Einzelnen wie der Gesammtheit kränken, die Kirche mit Mißtrauen tinengen und der Allgewalt des Staates ausliefern, die segensreiche Thä- tigkeit ihrer Diener und Genossenschaften lähmen und die verfasiungsmäßigen Rechte von Millionen Reichsbürgern, sogar das ursprünglichste Recht an's Vaterland, das Heimathsrecht, verletzen. Der sogenannte „Kulturkampf" ist nicht beendet; seine Versumpfung würde das Leben des deutschen Volkes unheilvoller vergiften, als seine Fortführung in vollster Rücksichtslosigkeit. Diese Wunde, die allergefährlichste, an welcher Deutschland blutet, bald und ganz zu schließen, wird unser wichtigstes und patriotischestes Ziel sein.
Die Wahrung der bürgerlichen Freiheit in allen übrigen Beziehuugen, die Abwehr jedes Angriffs aus die ihm leider! schon beinah vergessenen Kampf mühvoll errungenen Gerechtsam e der Volksvertretung, insonderheit auch jener auf das direkte, allgemeine und geheime Wahlrecht, und die Reinhaltung und Behauptung des geschichtlichen und verfassungsmäßigen Grundcharakters des Deutschen Reiches, als eines Bundesstaates, werden auch künftig unsere wachsamste Obsorge in Anspruch nehmen.
Unverbrüchlich halten wir fest an unserem alten Satze: Wir wollen nicht die Ver
mehrung der Steuern und Lasten, sondern deren gerechte Vertheilung und thunlichste Verminderung. Die stärkere Heranziehung des Kapitals und die Beschränkung der gegen unsere Stimmen so sehr vermehrten Ausgaben, und zwar an erster Stelle bei dem Heerwesen, die wirksamere Entlastung der Einzelstaaten und die so lang verheißene der Kommunen müssen endlich zur Wahrheit werden. Die Hebung des allgemeinen Wohlstandes in Landwirthschaft und Gewerbe, die der besonderen Berücksichtigung, je länger nm so mehr und unaufschieblicher bedürfen, die Befriedigung der berechtigten Ansprüche des Arbeiterstandes, wie des Handwerks welche auf Anregung und unter der ausschlaggebenden Mitwirkung der Centrumsfraktion begonnen, werden wir mit allem Fleiß und aller Macht weiter fördern, dabei aber den Staatssocialis- mus nicht minde r nachdrucksam und ausdauernd, wie das Staa tskirch e nth u m, bekämpfen.
In einer gesunden C o l on ialpolit ik ein hervorragendes Mittel zur Förderung der Volkswohlfahrt erblickend, werden wir derselben unsere Unterstützung leihen, wenn und soweit die näheren und höheren Aufgaben des Reichs, sein natürlicher und verfassungsmäßiger Charakter und seine finanzielle Kraft es einer gewissenhaften Prüfung angezeigt erscheinen lassen.
In dem ohne die Schuld unserer Partei entbrannten, immer allgemeineren und heftigeren Wettstreit der entgegengesetztesten wirthschaftlichen Interessen gilt es, mit der unverdrossendsten Fürsorge für jedes Einzelne die thatkräftigste Hingebung für das Ganze einzusetzen, den wirthschaftlich Schwachen auskömmlichen Schutz zu gewähren, gegen Alle ausgleichende Gerechtigkeit zu üben und die idealen Güter in jener Werthung hoch zu halten, welche sie vor allen materiellen beanspruchen. Der Lösung aller dieser Aufgaben mit gleichmäßigem Glück zu dienen, ist die selbstständige organische Zusammenfassung und corporative Arbeit der verschiedenen Berufsgruppen, besonders derjenigen des Mittelstandes, unentbehrlich. Ihre Anpassung an die Umwälzungen in Technik und Verkehr und deren Folgen kann nicht unmöglich sein. Wir werden die Obliegenheit, für alles dies auch ferner mit vollem Gewichte einzutreten, nie aus dem Gesichte verlieren.
Mit dem Ablaufe des für sieben Jahre geltenden Militär gefetz es werden neue Bestimmungen hinsichtlich des Reichsheeres und des Aufwandes für dasselbe zu treffen fein. Wir wollen des Vaterlandes volle Wehrkraft, aber auch die Steuerkraft des Volkes und das Budgetrecht des Reichstages nicht geschädigt sehen und können für jene erste nur bewilligen, was mit den beiden letzten sich vereinigen läßt.
Gegen den falschen „Liberalismus" unversöhnlich, werden wir stets ein Hort der echtenFreiheit sein und in Recht und Gerechtigkeit die einzige wahrhaft staatserhaltende Grundlage des Reiches verfechten.
Ernster und schwieriger, als je zuvor, ist fitzt die Zeit. Die nächste Reichstagswahl wird über Wohl und Wehe Deutschlands auf lange hin entscheiden. Einzig die unerschütterlichste Eintracht und die treueste Pflichterfüllung bis auf den letzten Mann ist unsere Hoffnung und wird unsere Stärke sein. Wir dürfen erwarten, daß die Wähler der Centrumspartei Alle und aller Orten zum sechsten Male ihre Schuldigkeit so voll und ganz thnn werden, wie die fünf früheren Male.
Wohlan also! In unsere Hand legt die Verfassung die volle Hälfte der Verantwortung. Erinnern wir uns dessen im Augenblick der Wahl. Möge kein zur Wahl Berechtigter an diesem Entscheidungstage uns an der Urne fehlen! Gott und das Vaterland verlangen es von uns als heilige Pflichterfüllung. Vorwärts in enggesch(offenen, vollzähligen Reihen, vorwärts in alter Tüchtigkeit zur Wahl! Vorwärts mit Gott für Wahrheit, Freiheit und Recht!
Im September 1884.
Der Vorstand
der Ceutrumsfrakti»» des Deutschr« Reichstages wahrend der fünften Legislaturperiode.
Karl Freiherr von Aretin.
Graf Balestrem.
Graf von Bernstorff.
Freiherr zu Franckenstein.
Freytag.
Lender.
Dr. Freiherr v on Scho rl emer-Alst.
Konstantin Graf Wal dbur z-Ze il.
Dr. Windthorst.
Deutsches Aerch
Berlin^ 16. September.
* Die Ankunft des Kaisers von Oesterreich in Skierniewice erfolgte genau gestern um 2 Uhr Nachmittags. Zur Begrüßung waren Kaiser Alexander, sowie die Kaiserin;- der,.GroßfüG» ■- Thronfolger und die übrigen großfürstlichen Herr> . schäften, die Generalität und die Minister anwesend. Beide Monarchen umarmten und küßten sich mehrere Male, sodann begrüßte Kaiser Franz Josef die Kaiserin und die Großfürsten herzlichst. Vom Bahnhofe begaben sich die Herrschaften nach dem Palais. — Um 4 Uhr traf der kaiserliche Hofzug mit Kaiser Wilhelm ein. Auf dem Palastbahnhofe waren einige Zeit vor der Ankunft des Zuges Kaiser Alexander mit der Kaiserin, der Kaiser von Oesterreich, der Großfürst Thronfolger und die übrigen Großfürsten erschienen, außerdem die Generalität und die Minister anwesend. Bei der Einfahrt spielte die Ehrenwache des Grenadierregiments König Friedrich Wilhelm III. die preußische Nationalhymne. Sobald der Waggon des Kaisers Wilhelm zum Stehen gekommen war, näherte sich Kaiser Alexander eilenden Schrittes seinem erlauchten Großoheim, der alsbald den Wagen verließ. Beide Monarchen umarmten und küßten sich drei Mal; alsdann begrüßte Kaiser Wilhelm die Kaiserin, der er wiederholt die Hand küßte. Nicht minder herzlich war die Begrüßung des Kaisers Wilhelm mit Kaiser Franz Josef und den Großfürsten. Nachdem Kaiser Wilhelm die Front der Ehrenkompagnie abgeschritten hatte, begaben sich die Herrschaften in's Palais. Um 7 Uhr begann im Palais das Diner, welchem die drei Kaiser, die Kaiserin, sowie die übrigen fürstlichen Herrschaften beiwohnten.
* Kaiser Wilhelm wird nach seiner Rückkehr von Skierniewice ohne Aufenthalt in Berlin zu nehmen sofort zu den Manöoern am Rhein nach Schloß Benrath weiter reisen. Die Kaiserin wird heute Abend dortselbst erwartet.
• Der Bundesrath nimmt seine Sitzungen am Donnerstag wieder auf. Dem Vernehmen nach wird einer seiner ersten Gegenstände, den er zur Erledigung bringen wird, die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes fein.
* Die Ausführung des Unfall-Versicherung s- ge setz es nimmt ihren guten Fortgang und findet auf allen Seiten der betheiligten Industriellen das größte Entgegenkommen. Bei der jetzt ein«