Einzelbild herunterladen
 

M 213.

Dienstag, den 16. September

1884.

®te >ü«ldaer Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Atonnementspreis ohne Brinzerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannvncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

— Nüchterne Wahlbetrachtung.

(Nachdruck verboten.)

Jede Zahlenberechnung ist nüchtern; deshalb pfle­gen viele Menschen ihr gerne aus dein Wege zu gehen. Und dennoch ist sie oft so unendlich werth­voll, verhütet viele Jrrthümer und nachträgliche Enttäuschungen, und ist die Grundlage jeder soli­den Spekulation. Da aber gegenwärtig die Wahl­spekulation eine allgemein beliebte Beschäftigung ist, so wollen wir versuchen, ihr auch durch einige in- teressanten Zahlengruppirungen eine solide Unter­lage zu geben. Das Studium dieser bei den Wahl­aussichten in Betracht kommenden Zahlen könnte unsere Busenfreunde, die Nationalliberalen, vor mancher Enttäuschung bewahren und ihren Heber« muth in bescheidenere Dimensionen zurückführen. Die Regierung und die Nationalliberalen wünschen nichts sehnlicher, als die Herbeiführung einer konservativ-nationalliberalen Reichstags­mehrheit, und demnach folgerichtig eine entsprechende Schwächung des Centrums, der deutsch-freisinnigen Partei und der noch weiter nach links Stehenden. In ihrer unbegrenzten Begeisterung für den Reichs­kanzler, welcher ihnen ja jüngst wieder neuen Le­bensodem eingeblasen hat, schenken die National­liberalen natürlich blindlings den offiziösen Zu­kunftsträumen Glauben und fühlen sich schon als die zukünftigen Herren der Situation. Desgleichen thun die Freikonservativen und diejeniaen Knyft.. vativen, welche geneigt sind, der offiziös-national- liberalen Stimmenlockung zu folgen und durch einen Pakt mit den Nationalliberalen sich selbst in's Ver­derben zu stürzen. Wir schenken den Bismarck'- schen Wahlvoranschlägen kein so unbegrenztes Ver­trauen, so schlau durchdacht auch sonst seine Diplo« matenkünste sind. Fürst Bismarck hat sich 1881 geirrt, als gegen seine Erwartung die Fortschritts­partei mit großartiger Verstärkung aus dem Wahl­kampfe hervorging; er hat ja selbst im Reichstage seine Enttäuschung über das Wahlresultat damals eingestanden. Sollte er sich heute nicht auch in falschen Hoffnungen wiegen können. Lassen wir die Zahlen reden:

Um eine mittelparteiliche Majorität, bestehend aus Nationalliberalen, Freikonservativen und Deutschkonservativen, herzustellen, sind, da der Reichstag 399 Mitglieder zählt, 199 Stimmen erforderlich. Nun hatten aber die zukünftigen

„Mittelparteien", also die Nationalliberalen, Frei­konservativen und Deutschkonservativen, im letzten Reichstage zusammen etwa 124 Stimmen! um die absolute Mehrheit zu erreichen, müßten die „Mit­telparteien" demnach rund 75 Stimmen gewinnen, also den übrigen Parteien, insbesondere den Deutsch- freisinnigen und dem Centrum abnehmen. Nun wird aber von allen Parteien unumwunden aner­kannt, daß das Centrum, welches mit seinen ver­schiedenen Verbündeten, den Polen, Elsaß-Lothringern u. s. w. über rund 140 Stimmen verfügt, relativ die festesten Sitze hat, deren entscheidendes Gewicht selbst durch den Verlust von einigen 10 Stimmen, woran aber im Ernst Niemand glaubt, nicht er­schüttert werden würde. Das Centruin und sein Anhang würde daher schon mit einer Verstärkung von 60, im allerfchlimmsten Falle von 70 Stim­men eine absolute Majorität gegen die Mittel- Parteien repräsentiren. Die liberale Opposition, woraus sich diese Verstärkung refrutiren würde, zählt aber gegenwärtig noch 122 Stimmen im Reichstage (die Deutschfreisinnigen 100, die Volks­partei 9, die Sozialdemokraten 13 Sitze). Daß aber die Nationalliberalen und ihre Verbündeten den Linksliberalen rund ganze 60 Sitze abnehmen sollten, halten wir und halten wohl auch die ein­sichtigeren Elemente ihre eigenen Partei nicht für wahrscheinlich. Die Wahrscheinlichkeit eines Zu­standekommens der offiziös befürworteten mittel» >arteilich-n Mehrheit schrumpft daher auf ein Minimum zusammen. Bel den großen Anstreng« ungen der Gegner und der einflußreichen und wir­kungsvollen Protektion ihrer Wahlbestrebungen muffen wir aber selbst mit dieser minimalen Mög­lichkeit rechnen und dürfen uns auch nicht im Ge­ringsten in falsche Sicherheit einwiegen laffen.

Der Reichskanzler wünscht bekanntlich für den nächsten Reichstag eine doppelte Mehrheit zur Verfügung zu haben, eine mittelparteiliche und neben ihr auch die bisherige konservativ-„klerikale". Bei den vergeblichen Anstrengungen zur Herstellung der ersteren muß nothwendig auch die letztere Schiffbruch leiden. Denn die im kommenden Wahl­kampfe der konservativen Partei zugedachte Aschen­brödel-Stellung muß unbedingt eine Schwächung dieser Partei zur Folge haben, und eine solche ge­fährdet selbstredend den Fortbestand der bisherigen Reichstagsmehrheit. Ob das Centrum nach der gegenwärtigen Behandlung überhaupt noch Lust

verspüren wird, sich für die Aufrechterhaltung einer solchen Mehrheit zu begeistern, ist eine Frage, die wir nicht weiter erörtern wollen.

Deutsches Reich.

Berlin, 15^ September.

_ * Gegenwärtig findet in dem Schlöffe von Skierniewicedie Zusammenkunft der drei Kaiser statt. Die Aufmerksamkeit der politischen Welt ist darum auf das kleine polnische Städtchen gerichtet, das für einige Tage zum Mittelpunkt der europäischen Politik geworden ist. Man darf die Zusammen­kunft als einen Beweis der friedlichen Gesinnung betrachten, von welchen die Regierungen beseelt sind; daß diese Politik den Wünschen der Völker entspricht, brauchen wir nicht hinzuzufügen. Die Monarchenzusammenkunft findet auch anderwärts eine sehr gute Aufnahme. Man gibt der lieber« zeugung Ausdruck, daß das gute Einvernehmen zwischen den Ostmächten den Westen in keiner Weise bedroht. Die politische Konstellation: Deutsch­land und seine Verbündeten auf der einen Seite, Frankreich, um Hilfe werbend, auf der anderen, hat aufgehört, die Lage zu beherrschen. Wenn nun geltend gemacht wird, daß Fürst Bismarck die Taktik, den Gegner zu vereinzeln, jetzt anscheinend gegen England anwende, und wenn die Be- sorgniß geäußert wird, es sollte auch die Kaiser­zusammenkunft diesem Zwecke dienen, so ist doch zu betonen, daß ein derartiges diplomatisches Schach­spiel keineswegs einen Krieg im Gefolge haben müßte. Diesem Gedanken gibt auch die .Times' Ausdruck, indem sie ausspricht, es werde in ©fier» nieroice Nichts geschehen, was die Interessen Eng­lands zu schädigen geeignet sei.

* Das .Wolff'sche Bureau' meldet aus Thorn, 15. Sept.: Der Kaiser ist Vormittags gegen 10’/2 Uhr eingetroffen, und nach vier Minuten weiter» gereist. Während des Aufenthalts verließ der Kaiser den Zug, nahm ein ihm von jungen Mäd­chen überreichtes Blumenbouquet entgegen und unterhielt sich mit dem Stadtkommandanten Obersten Holleben und dem Obersten des 61. Regiments Bering. Unter brausenden Hochrufen setzte sich der Zug in Bewegung. Auch Bismarck wurde lebhaft begrüßt. Der Botschafter v. Schweinitz ist gestern eingetroffen und heute nach Alexandrowa vorausgereist.

G Eine Nacht im Leichenhause.

(Schluß.)

„Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht. Da gilt auch kein langes Besinnen,

Den gothischen Zierrath ergreift nun der Wicht

Und klettert von Zinne zu Zinnen,

Nun ist's um den Armen, den Thürmer, gethan. Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan, Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

Der Thürmer erbleicht, der Thürmer erbebt. Gern gab' er ihm wieder den Laken.

Da häkelt — jetzt hat er am längsten gelebt, — Den Zipfel ein eiserner Zacken —"

Bum, bum — zwölf dumpfe Schläge summten vom Kirchthurm.

Fast hörbar pochte das Herz an meine Rippen. 3ch schleuderte das Buch von mir und trat an's Fenster. Mit dem herrlichsten Silberlicht des Mon­des übergossen lag der Friedhof vor mir. Die Marmornen Gedenksteine, die goldenen Buchstaben der Eisenkreuze widerstrahlten im mitternächtlichen Schimmer. Kein Blättchen regte sich in den frost« glltzsrnden Zweigen. Und an dem Thürmchen der 4odtenkapelle glaubte ich in jeder Sekunde den Wer und das verfolgende Gerippe auftauchen zu

sehen. Ich starrte wie von einem rätselhaften Bann gefesselt lautlos in die Nacht hinaus.

Ich fühlte, wie mein Pulsschlag höher ging und schritt in fieberhafter Erregung auf und ab. Als ich unwillkürlich an meine Stirn faßte, zog ich meine Hand naß zurück.

Es wurde allmälig halb Eins.

Ich hatte nur noch einen Wunsch: die Vollen­dung der ersten Tagesstunde abzuwarten, dann wollte ich mich zu Bett legen.

Je länger die zweite Hälfte der Stunde nach Mitternacht mir erschien, um so schwerer wurde mir das Athmen; es legte sich wie ein Alp auf meine Brust.

Meine Uhr zeigte zehn Minuten vor Eins.

Ich stellte einen Stuhl an und schraubte die Flamme der Hängelampe höher. Dann that ich noch einen Gang zum Fenster und stand, mit ver­haltenem Äthern auf den Glockenschlag lauschend, inmitten des Zimmers.

Ein deutlich vernehmbares, dumpftönendes Eins — ich wollte mich umwenden — und dann — o, ihr Mächte des Himmels —: ein klirrendes, endloses, Mark und Bein durchdringendes Arbeiten des Weckers — —

Ein eiserner Reif legte sich mir über Stirn und

Augen — ich fühlte, wie sich meine Haare lang­sam emporrichteten — dann einen betäubenden Schmerz am Hinterhaupte — dann fühlte ich nichts mehr. —

Als ich erwachte, traf mein erster Blick das An­gesicht des Vaters, der sich forschend über mich gebeugt hatte und in feiner liebevollen Weise mir zuflüsterte: „Bleibe ruhig, mein Junge." Ein nächster Blick ließ mich erkennen, daß ich mich da­heim in unserem Schlafzimmer im gewohnten Bette befand. Es schien Nachmittag zu sein, denn Agnes, unser Backfischchen, kam ans der Schule und eilte, ohne ihre Mappe abzulegen, mit freudestrahlendem Gesichte zu mir heran. Den Ausbruch ihres Rede» fluffes hemmte eine abwehrende Bewegung des Vaters; auch die Mutter trat nun herein. Noch fehlte mir für die Situation die Erklärung. Nach und nach, während die Mutter meinen Puls fühlte und dem Vater mit leiser Stimme die Zubereitung frischer Limonade empfahl, begannen sich meine Ge­danken zu sammeln. Ich konnte mich nicht entsin­nen, gestern Abend zu Bett gegangen zu sein — halt, ich war ja im Leichenhause —; jetzt unter­schied ich allmälig die vorgefallenen Ereignisse und mein Äthern ging lebhafter, als ich den Vater fragte: „Hast Du mich denn gestern abgeholt?"