Einzelbild herunterladen
 

Verbindungsschnur mit dem Weckapparat bei ihm anzubringen, hatte man nicht erst für nöthig erach­tet. Es folgte die Leiche eines jungen Mädchens, das nach meiner oberflächlichen Schätzung das 2ü. Lebensjahr kaum überschritten haben konnte; das reichliche, nußbraune Haar war auf den Hinterkopf in einen Knoten geschlungen; die Erscheinung glich mehr einer tief Schlummernden als einer Tobten. Der letzte Nachtgenoffe bot dafür einen um so widerlicheren Anblick. Die fast bis zur Unförrn- lichkeit aufgedunsene Gestalt eines kräftigen Mannes verrieth, daß er der Wassersucht verfallen gewesen; von hier schien auch der immer lästiger werdende Geruch auszugehen.

Als meine Augen unwillkürlich über die Gesichts- zuge des Todten glitten, durchrieselte mich ein eisiger Schauer. Kannte ich ihn nicht? — Richtig, es war ja Mark Krüger, der Krösus unseres Ortes; mit seinem ganzen Reichthum hatte er die Krank- heit nicht wegkurieren können, die seinem Leichnam noch im Tode ein abschreckendes Aussehen gab.

Der Kerzenschein kontrastiite widersprechend mit dem zu den hohen Saalfenstern jetzt voll herein- brechendeir Mondlicht. Ich hatte eine unmerkliche Bewegung mit dem linken Arm gemacht. Geister­haft malten sich die gedrungenen Schatten der

Lagernden an die Wand, von der zitternden Flamme meines Lichtes leis» bewegt. Ich zog mich rück­wärts schreitend dem Ausgang zu und bemühte mich möglichst viel Geräusch zu verursachen, als ich in das Schlafzimmer tretend die Saalthüre schloß.

Ehe ich die Kerze löschte, fiel mir noch der blitzende Widerschein des glänzend geputzten, me­tallenen Weckers in die Augen, der hoch am Kopf­ende des Bettes prangte.

Mit der von diesem Besuch erhofften Unbefan­genheit war es nichts, wie ich bald merkte. Meine Phantasie gefiel sich in den abenteuerlichsten Sprün­gen. Vom Niederlegen hielt mich eine unerklär­liche Scheu ab; ich hätte mich auch nicht dazu er­mannen können, die Lampe auszulöschen. Mit dem letzten Rest von Willenskraft schlug ich endlich den Text von Ovids Metamorphosen auf und rezitirte mit halblauter Stimme die Verwandlungsgeschichte der Niobe. Die Uebersetzung ging etwas lang­samer von statten. Ich weiß nicht, waren es die mir stets unsy pathischeu Göttergeschichten des alten Heiden, von d ncn meine Denkkrast sich abwandte, oder wirkte bi: allmälig bis zu einem mehr als günstigen Grade gesteigerte Stubenwärme erschla- send auf meine geistige Thätigkeit, genug, ohne daß ich's wollte oder wußte, legte ich die Hand

■

ns.

.ns.

l9

178

nde

lach llen ach- chte 378

o

05

14.

8-

leibt

ge-

er

tiche ang.

913

Olm hohe . S.

er .rbeit 1897 tter,

’ln

27?.

per [423 h,

nser Pfg' tter- ühl- .138*

r.

Fuldaer

®ie ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- uno Feiertag- ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk, 50 Pfg., — mit bet belletristischen Wochenbeilage ,Sterne «ud Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

-----------------------!---------------------------------------------;---------------------' ' —------------ ' -----------

Windthorst in nationalliberaler Beleuchtung.

(Nachdruck verboten).

Die fast sprichwörtlich gewordene Inkonsequenz und Meinungsverschiedenheit der nationalliberalen Zeitungen zeigt sich neuerdings wieder in der Art und Weise, wie sie Windthorst'S hochwichtige Amberger Rede beurtheilen, in welcher das katholische Baiern zum Eintreten für die paritätische Behandlung der Katholiken Deutschlands aufgefordert wurde. Die Einen behaupten, Windthorst habe wieder einmal recht als Welfe, als Gegner des deutschen Reiches sich aufgespielt, und wiederholen dem entsprechend auch alle die längst verbrauchten Phrasen von den „Reichsfeinden", den „schlimmsten Gegnern des Reiches" und so weiter. Andere glauben etwas besonders Gescheidtes vorzubringen, wenn sie sagen: „Es war nicht der Welfe, der diesmal sprach, nein, er schien, um seinen neuen Plan gehörig in'« Licht setzen zu können, sein Welfenthum ganz aufgegeben zu haben und versprach, fest und treu zum Reich zu halten und dem protestantischen Kaiser seine Zuneigung zu schenken". So widersprechen die nationalliberalen Stimmen einander schon in den einfachsten Dingen; denn Beides kann doch nicht richtig sein. Solche widerspruchvolle Gegenüber­stellungen sind unserer Meinung nach bestens ge­eignet, die Heidelbergerei in ihrer ganzen Kläglich­keit zu zeigen. — Sodann wird der Führer des Centrums mit bekannter nationalliberaler Fertigkeit den „hohen und höchsten maßgebenden amtlichen Kreisen" denunzirt, als habe er frevelhaft an den Grundsätzen des Reiches und der Reichsverfaffung gerüttelt und Baiern aufgefordert, sich als katho­lische „Macht" im Reich: aufzuthun, während es doch rechtlich nur eine Macht int Reiche gebe. Die Herren erhitzen sich ganz unnützer Weise, denn alle Vorwürfe zerfallen in nichts, wenn man bedenkt, daß Windthorst für das heutige Deutsch­land nicht mehr und nicht weniger gefordert hat, als daß das nun einmal durch und durch katho­lische Baiern mehr als bisher seinen natürlichen wie seinen gesetzlichen Einfluß geltend machen solle, um den Katholiken im Reiche und indirekt auch den in den Bundes staaten eine paritätische Behand­lung zu sichern.

Darin liegt wahrlich nichts der Verfaffung Zu­widerlaufendes, diese Mahnung war aber gewiß

am Platze; denn es ist leider Thatsache, daß Bayern seine natürliche Pflicht, für die Rechte der Katho­liken einzutreten, bisher sehr vernachlässigt hat. Oder sollen wir daran erinnern, daß das Auftreten des Ministeriums Pfretzschner und Lutz, die Begünsti­gung der Altkatholiken, die Nichtachtung der bischöf­lichen Autorität in München nur dazu angethan war, die preußische Regierung in ihrem Entschluß zum Kulturkampf zu bestärken, daß der bayerische Minister Lutz es war, welcher den Kanzelparagraphen unter seinen besonderen Schutz nahm, daß das Je­suitengesetz von Bayern im Bundesrathe warm be­fürwortet wurde, und daß Bayern gegen das Prie­sterausweisungsgesetz auch heute noch keine Schritte gethan hat, obgleich der Reichstag es schon zwei­mal, zuletzt mit siebenachtel Majorität, niederge- stimmt hat? Daß aber Bayern, weil es nun ein­mal als durchaus katholischer Staat einem in der Mehrheit aus Protestanten bestehenden Reiche an­gehört, das größte Interesse daran haben muß, daß auch in den anderen Bundesstaaten den Katholiken die volle kirchliche Freiheit gewährt werde, bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung.

Aber da kommen die nationalliberalen Blätter und stellen sich hocherstaunt über die Behauptung, daß in Deutschland nicht überall die Katholiken die volle kirchliche Freiheit besäßen. Die National­liberalen sind unverfroren genug, zu versichern, daß „die religiöse Freiheit in allen deutschen Staaten, heutzutage in vollem Gegensatz zum alten Reichsrechte ganz unangefochten ist." Man traut kaum seinen Augen, wenn man solche Wahrsprüche schwarz auf weiß gedruckt sieht. Also die Reichs­kulturkampfsgesetze, die ganze Maigesetzgebung in Preußen, die Kulturkampfsgesetzgebung in Hessen, die heutigen kirchenpoli'ischen Verhältnisse in Baden u. s. w. begreifen die volle kirchliche Freiheit in sich ein, sie lassen wirklich die religiöse Freiheit ganz unangefochten? Lächerliche Lüge, die nur aus einer nationalliberalen Feder fließen kann! Aber ohne diese Lüge müßte man Windthorst und dem Centrum ja Recht geben, wenn sie immer wieder die volle religiöse Freiheit für das Reich, wie für die Bundesstaaten reklamiren.

Auf einen Widerspruch mehr ober weniger kommt es biefen Nationalliberalen bekanntlich nicht an. So wird ja auch derselbe Windthorst heute als Welfe, als Gegner des Reiches, als anti- national verschrieen, von dem wir Ende Mai in

den meisten liberalen Blättern, selbst in der ,Nordd. Allg. Ztg.' (denn diese ist heute ja auch „national- liberal") die gleichlautenden Worte lesen konnten: „Der liebenswürdige und gewandte Führer des Centrums, neben Bismarck der hervorragendste Politiker Deutschlands, ist zwar ein hannöver'scher Partikularist, aber er ist doch, dies sollten auch seine Gegner anerkennen, ein deutscher Patriot trotz Allem." Aber das war ja vor vier Ms- naten, zu einer Zeit, als man Windthorst bei guter Laune zu erhalten sich bemühte, heute weht ein anderer Wind.

Deutsches Reich.

Berlin, 14. September.

* Die Abreise des Kaisers erfolgt heute Abend 11 Uhr vom schlesischen Bahnhof aus und geht über Schneidemühl, wo morgen früh der Kaffee eingenommen wird, und Bromberg nach Skier - nieroice. An der russischen Grenzstation, wo die Ankunft um 11 Uhr Vormittags erfolgt, meldet sich der russische Ehrendienst, auch wird dort ein Dejeuner bereit gehalten. Die Ankunft in Skier- niewice erfolgt Nachmittags gegen 4 Uhr. Der Aufenthalt der drei Kaiser in Skierniewiee dauert bis zum Dienstag. In der Begleitung des Kaisers befinden sich außer dem Reichskanzler und Grafen Herbert Bismarck der General von Albedyll, die Generale a la suite Graf Lehndorffi und Fürst Radziwill, der Flügekadjutant Oberstlieutenant von Börnsdorfs, der russische Militä'bevollmächtigte Fürst Dolgoruki, die Aerzte Leuthold und Tieman und die Geheimen Hofräthe Bork und Kanzki.

*** £)ie Kaiserin trifft am Dienstag von Koblenz in Schloß Benrath ein. Der Ankunft des Kronprinzeu sowie der Prinzen Wilhelm und Friedrich Karl dortselbst wird für morgen entgegen« gesehen. — Es verlautet, die Sitzungen des S t a a t s- r athes sollten, wie vor dem Jahre 1848, in den Räumen des Kömgl. Schlosses abgehalten werden. — Es wird jetzt behauptet, Dienstag, der 21. Ok­tober, sei al« Wahltermin angenommen. Da­gegen wird offiziös gemeldet, daß über den Wahl­termin noch nichts entschieden ist. Jedenfalls wird Entscheidung erst nach der Rückkehr des Kaisers von der Entrevue erfolgen. — Der Kaiser hat genehmigt, daß die Berliner Königlichen Theater mit elektrischem Glühlicht versehen werden.

G Eine Nacht im Leichenhanse.

(Fortsetzung.)

Das Zündhölzchen flammte in meiner Hand und bei leuchtender Kerze probierte ich am Thürschloß des Leichensaales einen der mir vom „alten Maul­wurf" zurückgelaffeiten Schlüssel. Mir fiel dabei die bekannte Weltweisheit ein, daß die Brennessel nur den verwunde, der sie zögernd berühre, aber ohne Wirkung für eine Hand fei, die sie mit festem Griff erfasse. Der Schlüssel fungirte mit Leichtig­keit, und mehr erwartungsvoll als bangend, das Licht in der erhobenen Linken, trat ich ein.

Ein penetranter Todtengeruch machte sich bemerk­bar. Ich war pochenden Herzens etwa drei Schritte vorgegangen und musterte nun stehend von der ersten Hälfte des Saales ans die Leichen. Es waren deren vier. Die Reihe begann mit einer allen Frau. Auf dem runzligen Gesicht waren die Spuren eines schmerzhaften Todeskampfes ausgeprägt, die einge­sunkenen Augen waren fest zusammengezogen: um den zahnlosen Mund, so gut es anging, zu schlie­ßen, war um Kinn und Kopf ein weißes Tuch ge­knüpft. Auf dem Brett zu ihrem Haupte lag der kleine, abgemagerte Körper eines" Säuglings, mit Aermchen nicht dicker als ein Mannsfinger. Die