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210. Freitag, den 12. September W84.

Fuldaer

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Deutsches Reich.

Berlin, 11. September.

* Der Kaiser empfing heute den russischen Mi­litärbevollmächtigten Fürsten Dolgorucki, welcher heute früh aus Warschau zurückgekehrt ist, wo er angeblich die Verhandlungen wegen eines acht­tägigen Aufschubes der Dreikaiserentrevue geleitet hat. Jedenfalls ist ein Aufschub nicht be­liebt worden, denn wie gemeldet wird, hat der Reiseplan seiner Majestät eine Aenderung erfahren, wonach dessen Ankunft auf Schloß Benrath am 14. ds. noch nicht erfolgt. Die Korpsmanöver des 7. und 8. Korps gegen einander finden am 15., 16. und 17. d. M. statt. Der Kaiser wird dabei vom Kronprinzen vertreten. Dagegen: wird der hohe Herr die Paraden abhalten und den Festlichkeiten beiwohnen.

* Heute Mittag trat der Ausschuß des Bundes­raths für Handel und Verkehr, die Bundesraths­ferien unterbrechend, zu einer Sitzung zusammen.

* Der Reichskanzler macht, unter Bezugnahme auf die von den Regierungen der Bundesseestaaten wegen der gesundheitspolizeilichen Controls der Seeschiffe erlassenen Vorschriften, bekannt, daß die auf Insel Java belegenen Hafenplätze als der Cholera und die Hafenplätze der Insel Puorto- Rico als des gelben Fiebers verdächtig anzusehen sind.

* -Der .Reichsauzciger' veröffentlicht oie Be­dingungen der Preis-Konkurrenz für den Entwurf eines in Leipzig zu errichtenden Reichsgerichts­gebäudes. An der Konkurrenz können sich alle deutschen Architekten betheiligen. Die Einlieferung der Entwürfe an das Bureau des Reichsjustiz­amtes muß am 15. Februar 1885, Mittags 12 Uhr erfolgt sein. Für diejenigen Entwürfe, welche nach dem Urtheile der Jury die gestellte Aufgabe am besten lösen, werden folgende Preise gezahlt: Ein erster Preis im Betrage von 8000 Mark, zwei zweite Preise von je 4000 Mark, zwei dritte Preise von je 2000 Mark. Gegen Zahlung der Preise werden die Entwürfe Eigenthum des Reichs. Die Jury besteht aus 5 Mitgliedern des Reichs­gerichts bezw. Beamten der Justiz-Verwaltung und folgenden 6 Architekten: Oberbaudirektor Herr­mann, Geh. Baurath Endell, Prof. E. Jakobsthal in Berlin, Oberbaurath Sieber in München, Ober-

G Eine Nacht im Leichenhause.

(Nachdr. verk.)

„Ich werde zur Vorsorge die Uhr mit dem Wecker ins Schlafzimmer stellen, Männchen; es ist nur für alle Fälle^jzenn wenn es das Unglück wollte, könnte Priska/morgen gerade verschlafen."

„Laß mir doch um Himmelswillen die Weck- Uhr draußen, denn Du weißt, ich kann das monotone Geraffel nicht vertragen. Ich werde ohnehin ungeweckt erwachen und Du magst das Dienstmädchen nieinethalben nicht um den Schlaf bringen."

Ich hatte den gutgemeinten Vorschlag meiner Frau in etwas gereiztem Tone abgelehnt, ohne es selbst gewahr zu werden. —

Mir war von der Oberpostbehörde im Laufe des Tages unvorbereitet der gemessene dienstliche Befehl zugegangen, mit dem morgen um 4 Uhr Morgens ausfahrenden Zuge eine Revisionsreise nach ver­schiedenen umliegenden Bahnpostämtern anzutreten. Daher die Besorgniß meines ehelichen Gesponses, ich möchte den Glockenschlag zum rechtzeitigen Auf- stehcn überhören, an die sich das soeben mitgetheilte kurze Zwiegespräch knüpfte.

Luise blickte mich einen Moment verwundert an

und setzte dann ruhig ihre Arbeit fort. Ich lehnte mich in meinen Sessel zurück, milderte das Licht meiner Arbeitslampe durch Umlegung einer rosa- papiernen Schutzglocke und versuchte meine minuten­lang unterbrochene Lektüre wieder aufzunehmen. Meine Gedanken schweiften jedoch bald weit ab von dem Schauplatze, auf dem mich die mehr oder minder wichtigen Personen der begonnenen Novelle fesseln sollten und trugen mich zurück in eine Zeit, die wie der Dämmerschein des entwichenen Tages nur noch in meiner Erinnerung lebte. Wie kam ich auch gerade auf diese Bilder eines längst unter­gegangenen, frenden- und sorgenreichen Lebens­abschnittes?

Es war eigentlich eine den Ausnahmeumständen durchaus angemessene Offerte, wenn meine Frau diesmal meinen Schlummer durch die Weck-Uhr regulieren wollte. Und doch hätte ich von diesem Hilfsmittel keinen Gebrauch gemacht, selbst auf die Gefahr hin, keine geordnete Nachtruhe zu genießen. Denn wenn ich an die Thätigkeit des kleinen, nie« tallenen Werkzeuges denke, hallt noch immer der schrille, entsetzenbringende Klang in meinen Ohren, der in jener verhängnißoollen Nacht mir die Seeleu- angst weniger Minuten zu Ewigkeiten ausdehnte, der mich bis ins Mark vor den Schauern des

landbaumeister Conzler in Dresden und Ober­baurath Prof. Dr. Soins in Stuttgart.

* ^Das preußische Abgeordnetenhaus wird sich der ,Voff. Ztg.' zufolge während der nächsten Landtagssession mit der Frage der Neuorganisirung des Dampfkesselrevisionswesen zu beschäf­tigen haben. Bisher wurden die Dampfkesselrevi­sionen von den staatlichen Bauinspektoren vorge­nommen, sofern nicht die Besitzer der Dampfkessel Vereinen angehörten, welche eine regelmäßige und sorgfältige Ueberwachung der Kessel vornehmen lassen. Es hat sich aber herausgestellt, daß in den stark entwickelten Jndustriebezirken, wo die Anzahl der vorhandenen Dampfkessel eine große ist, deren Revision die Baubeamten ihrem eigent­lichen Berufe zu sehr entzieht. Die Regierung hat deshalb in einzelnen dieser Bezirke besondere Revisionsbeamte angestellt. Mit der Anstellung solcher Beamten soll nun fortgefahren werden. Zu diesem Zwecke befand sich ursprünglich in dem Etat des Ministeriums für Handel und Gewerbe pro 1884/85 eine Forderung von 244,000 Mark, die zur Bestellung der Revisionsbeamten dienen sollte. Das Abgeordnetenhaus lehnte jedoch in seiner Sitzung vom 26. Januar d. I. diese For­derung ab und beschloß zugleich, „die Staatsre­gierung aufzufordern, im nächsten Jahre einen Plan über die in Aussicht genommene Neuorganisation des Dampfkeflelrevisionswesens vorzulegen und da­bei in Erwägung zu ziehen, ob nickt durch weitere Ausbildung der Kesselrevisiöns - Vereine , event. unter entsprechender Abänderung des Gesetzes vom 3. Mai 1872, den beabsichtigten Zweck besser erreicht werden kann." Nach der An­sicht hervorragender Sachverständiger genügt es durchaus nicht, nur alle sechs Jahre eine innere Revision des Kessels vorzunehmen, wie es der Staat vorschreibt. Durch die Dampfkessel-Revisionsvereine sind Organe geschaffen worden, durch welche nicht nur jeden Augenblick der Grad der Sicherheit eines Kessels festgestellt worden, sondern auch den Mit­gliedern seitens der Vereinsingenieure in allen die Erzeugung und Verwendung des Dampfes rc. be­treffenden Fragen ein weitgehender sachkundiger Aufschluß gegeben werden kann. Von welchem Vortheil für die Kesselbesitzer gerade eine sachkun­dige Unterstützung ist, geht z. B. daraus hervor, daß, wenn es den Vereinsingenieuren gelingt, die Durchschnittsdauer der Kessel auch nur um ein

einziges Jahr zu verlängern, dies, wie der Sta­tistiker Dr. Engel berechnet hat, ein Vortheil von ungefähr 8—9 Prozent des gefammten Kesselkapitals ist, das für 1500 deutsche Vereinskessel einschließ-, lich Kesselgarnitur und Ofenarmatur auf ca. 100 Millionen Mark veranschlagt wird. Die Staats­regierung ist nun, wie verlautet, dem gedachten Beschlüsse des Abgeordnetenhauses näher getreten, und wird das Project der Anstellung von beson­deren Dampfkeffel-Revisionsbeamten, entsprechend modisicirt, in der nächsten Landtagssession wieder an das Abgeordnetenhaus gelangen lassen. Es wird auch beabsichtigt, die Competenz der Revisionsvereine zu erweitern und die einschlägigen Polizeivorschriften einer Revision zu unterwerfen, um die Sicherheit des Dampfkesselbetriebes zu erhöhen.

* Aus Westfalen, 10. Sept, wird der .Germania' geschrieben: Die fortdauernden Leiden des Kulturkampfes dürfen uns nicht vergessen lassen jener, welche 1873 als erste Opfer des­selben nach Amerika auswandern mußten. Mehrere der geflüchteten Ordensfrauen feiern am 19. Januar des nächsten Jahres das 25jährige Jubelfest ihrer Aufnahme in die (Mallinckrodt'sche) „Kongregation der Schwestern der christlichen Liebe". Möge dieser Tag nicht vorübergehen, ohne daß die zum Danke Verpflichteten dieser Kongregation gedenken. Sie haben für Gott und seine Kirche gearbeitet uno gelitten und leiden noch an tiefem Heimweh . . . mögen wir daher, bei Gott für sie beten, daß er alle Jubilarinnen des 19. Januar und alle Glieder der Kongregation reichlichst segne und die Leiden der Verbannung mildere. — Der katho­lische Adel Westfalens wird laut dem Merkur' dem Kaiser eine Adresse überreichen.

* Bingen, 10. Sept. In einer im „Eng­lischen Hof" dahier stattgehabten Versammlung von Vertrauensmännern der katholischen Volks­partei wurde Herr Ph. Wasserburg zu Main; als Kandidat der Katholiken für die bevorstehende Reichstagswahl im Wahlkreise Bingen-Alzey pro- klamirt. Es wird sonach in unserem Wahlkreis voraussichtlich zu einer Stichwahl kommen.

* Weimar, 11. Sept. Der Vereinstag der deutschen Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften wurde heute eröffnet und Namens der Regierung durch Geheimrath Genast, Namens der Stadt durch Oberbürgermeister Papst begrüßt. Ueber 200 aus­wärtige Theilnehmer, darunter eine Deputation

unbekannten Jenseits erbeben machte. Selbst heute noch vermag ich beim Nachdenken über jene Episode meiner Kindheit einen gewissen Emst nicht abzu­streifen.

Ich sehe mich zurückversetzt in einen Kreis trau­licher Häuslichkeit, sehe meinen schweigsamen, alten Vater in seiner Werkstatt hantieren mit der strengen Miene, die lediglich eine Maske für seine ganze selbstlose, aufopfernde Liebe- zu uns war. Und um uns schaltete mit der ihrem Alter und Ge­schlecht eigenen Geschäftigkeit die Mutter, eine gut- müthige Frau, die meist immer den Vorwurf im Munde führte, daß wir Kinder ihr täglich be­ständig Kummer und Verdruß bereiteten. Wir waren drei Geschwister daheim, ich zwischen einer altern und einer jüngern Schwester, ein vierzehn­jähriger Bursche und in der Lebensstellung, wo man die gedruckten Uebersetzuugen zu Cäsars galli­schem Krieg ausschlachtet, will sagen Unter«Tertianer. — Mein ältester Bruder Richard war Chirurgus und in dieser Eigenschaft Assistent des Kreiswund­arztes Dr. L. Er übte in unserem Städtchen seine Praxis auf eigene Hand, mar jedoch gegen eine laufende jährliche Entschädigung verpflichtet, dem Kreiswundarzt in dringenden Fällen Beistand zu leisten. Neberdies funktionirte er als Aufseher des