Einzelbild herunterladen
 

M 209.

Donnerstag den 11. September

1884

S>ie ,Fuldne. Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementSpreiö ohne Bringerlohn und Bestellgelds t Mk 50 Bia - -nrr oet . beaetristischen Wochenbe-lage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

cnjetate. Die emipaltlge Zeile »der deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannencen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entknr^d^ »«ünH

Kaeeewäte.-yutti?

X Die Zukunft des Handwerks.

Nichts ist tragischer und zugleich erbitternder, als unverschuldetes Unglück. Auf der Scholle sei­ner Väter nährt sich in ehrlicher Arbeit der Fuhr­mann, der Gastwirth, der Schmied. Da kommen Fremde und bauen eine Eisenbahn. Bald fahren alle die Hunderte von Reisenden, welche ehedem den Fuhrmann, den Gastwirth, den Schinied u. A. in Nahrung setzten, rasch vorüber, und langsani und unverschuldet müssen wackere Leute verküin- mern, ohne daß man sich ihrer annimmt, denn die Eisenbahn bedeutet einen Fortschritt, welcheni die Gesamintheit in ihrem eigensten Interesse jedweden Vorschub leisten muß. Nicht besser ergeht es vie­len kleinen Handwerkern. Im Schweiße ihres An­gesichtes haben sie sich ihr Brod erarbeitet. Da kommt die moderne Industrie und erobert sich auf Grund ihrer überlegenen Kräfte, mit Hilfe von Kapital und Maschinen, von Kredit und Reklame den größten Theil des Absatzmarktes. Es arbeitet die Großindustrie, weil sie mit Hilfe aller Fort­schritte und maffenhaft erzeugt, durchweg billiger und nicht selten auch beffer und gefälliger, so daß der Handwerker nicht konkurriren kann und müh­sam von solchen Arbeiten leben muß, welche die Großindustrie nicht machen kann oder nicht machen will. Mit der unwiderstehlichen Allgewalt des an­tiken Fatums strebt die Großindustrie auf und drängt das Kleingewerbe in den Hintergrund. Nicht am Ende, sondern inmitten dieses Prozesses steht die Gegenwart und vernimmt die lauten und lei- sen Klagen Derjenigen, welche in dem Kampfe um's Dasein unterliegen, ohne sich helfen zu können.

Fast allerwärts verkümmert der kleine Gewerbs­mann, fast allerwärts wird der große größer, selbst da, wo, wie bei der Schneiderei, der große Kon­fektionär schlechtere und in Folge dessen mindestens nicht billigere Maare liefert, als der kleine Schnei- der. Und daß die Großindustrie noch immer mehr triumphiren wird, das hat recht drastisch, freilich ohne es zu sollen, die „internationale Aus­stellung von Motoren und Werkzeugs- Maschinen für das Kleingewerbe" gezeigt, welche vom Juli bis Oktober d. I. in Wien ver- anstaltet worden ist.

An und für sich betrachtet ist diese Wiener Aus­stellung nicht der Erwähnung werth, denn sie ist ärmlich, bunt zusammengewürfelt und lenkt durch

ungeschicktes Arrangement zu Gunsten einiger für den äußeren Effekt bevorzugter Spielereien die Aufmerksamkeit von ihren ernsteren Theilen ab. Allein sie hat dennoch ihre Verdienste. Einmal veranschaulicht sie mit ihren Motoren, daß die­selben für den Handwerker entweder noch zu theuer, wie die Gasmotoren, oder zu umständliä', wie die Dampfmaschinen, oder zu unpraktikabel, wie die Wassermotoren sinv. Sodann lehrt sie, daß auch mit Hilfe der besten Werkzeugsmaschinen allein, wie sie die Großindustrie verwendet, der Klein­gewerbetreibende nicht aufkommen kann, es sei denn, er trete aus der Reihe derselben und werde eben­falls Industrieller.

Da findet sich u. A. eine höchst sinnreiche Schuh­maschine, der eiserne Schuhmacher genannt, er­funden von dem Deutsch-Amerikaner Keats, welcher einer alten deutschen Schuhmacherfamilie entstammt und in Nordamerika, wo der Mangel an Arbeits­kräften dazu drängte, leistungsfähige Schuhverfer­tigungsmaschinen konstruirt hat. Wer um den Preis von etwa 4500 M. den eisernen Schuhmacher nebst einer Hilfsmaschine erwirbt und darauf ar­beitet, kann so viel Schuhe oder Stiefel anfertigen, als ob er mit 5 Gesellen thätig wäre. Angenom­men, daß diese Maschine an Zinsen und Amorti­sation etwa so viel erforderte, als ein Geselle an Lohn, so würden immer noch zwei Drittel an Arbeitslohn zu ersparen sein. Es haben nun meh­rere kleine Meister, theilweise auf Kredit, diese neue Maschine angeschafft, aber, wo das mit glück­lichem Erfolge geschah, sich alsbald aus Hand- roerfern in Fabrikanten verwandelt. Mit solcher Maschine können Hunderte gemacht werden, wo önst nur Dutzende fertig wurden.

Ja, mit solcher Maschine müssen sogar Hun- »erte gemacht werden, um dieselbe möglichst aus­zunützen. Um Hunderte von Schuhen und Stiefeln rbzusetzen, ist nun aber eine geschäftliche Organi- ation erforderlich, wie sie der einzelne Handwerker sicht wohl nachbilden kann, mit billigeren Preisen, ietem Angebot, moderner Reklame rc. Wer eine Maschine vortheilhaft betreibt, sucht sich mehrere anzuschaffen und wird Großfabrikant. Jede Ma­schine macht aber fünf Arbeiter überflüssig und jeder Fabrikant raubt vielen Kleinmeistern die Kundschaft. Eine so ausgezeichnete Maschine sollte eigentlich, so könnte man meinen, um solche Un- | gleichheiten zu vermeiden, jedem der 250,000 Schuh­

macher des deutschen Reiches gewünscht und ge­schafft werden. Allein, dann stünde cs erst recht schlimm. Denn da die Maschine fünfmal so viel fertigt, als der einzelne Arbeiter, so würde ent­weder eine Ueberproduktion von vier Füns- theilen in Aussicht stehen oder 200,000 der Schuh­macher Deutschlands überflüssig sein.

So stünde denn unabwendbar breiten Gruppen des Kleingewerbes mit der Einführung neuer Ma- schineu weiteres stilles Elend bevor, welchem es langsam erliegen müßte? Niemand wird es wagen, diese Frage absolut zu verneinen. Aber ebenso­wenig ist es statthaft, Tausende von ehrlichen Ar­beitern mit ihren Familien dahindarben zu sehen, nur weil sie nicht genug Kapital, Spekulation und Beweglichkeit besitzen, um der überlegenen Kon­kurrenz der Industrie erfolgreich begegnen zu können. Da an die Abschaffung der neuen Fort­schritte und Maschinen nicht zu denken ist, einmal mit Rücksicht auf die übrigen Länder, sodann, weil sie, indem sie die Herstellungskosten erniedrigen und die Massenproduktion ermöglichen, zwei Haupt­anforderungen der modernen Volkswirthschaft er­füllen, so müssen dem Kleingewerbe alle diese Fort­schritte und Maschinen, welche bisher im Wesent­lichen dem Großbetriebe vorbehalten zu sein schienen, zugänglich gemacht werden und zwar derart, daß das Kleingeiverbe im Großen und Ganzen unter denselben Bedingungen produziren und — was nicht zu übersehen ist — auch verkaufen kann wie die Großindustrie. Anknüpfend an gute alte deutsche Ueberlieferungen wird der corporative Geist, wie er das deütsche Handwerk im Mittelalter zu großen Thaten und Erfolgen befähigte, in neuen Formen behufs Organisation des Handwerks zu genossenschaftlicher Produktion wiederzube­leben sein und zwar mit allen Kräften, und, wenn das Handwerk sich nicht aus eigener Kraft auf­zuraffen vermag, mit Hilfe werkthätigen Beistandesvonaußen. Das ist das Problem der Gegenwart, von dessen Lösung die Zukunft des Handwerks abhängt.

Deutsches Reich

Berlin, 10. September.

** Wie der ,Hamb. Börsenhalle' aus Klein- Popo weiter gemeldet wird, war es der englische Gouverneur von Quittah, welcher den einen deut«

* Eine muthige Frau.

(Schluß.)

Es ist eine jener seltsamen, ja wunderbaren Er­scheinungen, daß oft mit der Größe der Gefahr auch der Muth in der Menschenseele wächst. So war es hier bei einer schwachen, hilflosen Frau, die sich nie eine ähnliche Lage hatte träumen lassen. Als die junge Frau in das Zimmer zurück trat, zeigte sich ihr eine neue Gefahr. Der eingeschlossene Räuber, der sich anfänglich in seine Lage gefügt zu haben schien, der aber auf die nahe Hilfe von Außen gewartet hatte, war durch die schreiende Stimme seines Weibes, durch die männlich kräftigen Schläge, die sie mit der Axt gegen die Thüre führte, und die, btni Klange nach zu urtheilen, von Erfolg begleitet waren, auf's Neue ermuthigt worden, an der Kammerihüre seine Kraft zu ver- versuchen. Durch die kräftigen Tritte hatte er es bereits auch so weit gebracht, daß das Thürschloß abgesprengt war, und nur noch der Riegel die Thüre hielt. Lange konnte auck er nicht Wider­stand leisten, und dann stand die unglückliche Frau zwischen den beiden furchtbar erbitterten Menschen, unb ihr Loos war sicher ber martervollste Tob.

Jetzt galt es, bas Letzte zu wählen und Leben

gegen Leben zu vertheidigen. An der Wand hing ihres Gatten geladene Doppelffinte. Fest ent­schlossen, Leben und Habe bis zum letzten Augen­blicke zu verthcidigen, riß sie die Doppelflinte herab und eilte in den Hausflur, wo sie sich der Thüre gegenüber stellte, die Hähne des Gewehres ruhig spannte und die Flinte anlegte, um zum Schüsse bereit zu sein.

Noch immer hackte bas rasende Weib an der sich zersplitternden Thür. Eben führte sie einen verzweifelten Hieb, und ein großes Stück der Thüre brach durch, und das Weib machte Miene, sich burchzndrängen. „Halt"! rief die Försterin. „Thust du einen Schritt herein, so schieße ich dich nieder.

„Wart, Racker", rief das vor Wuth schäumende Weib, „ich will dir für das Schießen bald gethan haben", und drängte sich gewaltsam durch die Oeffnung herein.

Da zielte die Försterin unb bie Kugel fuhr bem Weibe durch den Kopf, baß es lautlos vor bie Thüre zurückschlug. Jetzt eilte bie Försterin in bie Stube unb stellte sich mit gespanntem Hahne ber Kammerthüre gegenüber, bie in biefem Augen­blicke auf ben letzten Tritt aus ben Angeln fuhr unb schief gegen das davorstehende Bett fiel, so baß ber Räuber mußte stehen bleiben.

„Zurück"! rief bie entschlossene Försterin ihm zu. „Thust bu nur noch einen Schritt, so ist bie zweite Kugel in beiner Brust, wie bie erste dein Weib eben an ber Thüre niedergeworfen hat".

Todtenbleich starrte sie ber Räuber an. „Ist es wahr" ? fragte er. — Du hast ben Schuß ge­hört", sagte bie Försterin, „unb bie Axtschläge sinb zu Enbe, ihr Brüllen hat aufgehört. Willst bu mehr" ?

Der Räuber stand wie angefeffelt an ber Stelle. Der Tod seines Weibes war gewiß, ber seine eben so sicher, wenn er sich rührte. In biefer Lage rathlos rührte er sich nicht von der Stelle, unb bie Försterin stand fest und ruhig int Anschläge. — In diesem Augenblicke hörte man Jemand rufen und laufen. Ein Hund bellte, — es war ber Förster, ber sich mit einigen Holzbauern eiligst näherte.

Er hatte, heimkehrenb, plötzlich eine unbeschreib­liche Unruhe bei bem Gedanken an seine Frau ge­fühlt, bie er so allein gelassen hatte. Die Angst wuchs, je mehr er sich bem Theile bes Walbes näherte, ber fein Forsthaus umgab. Jetzt war es ihm, als habe er einen bumpfen Schuß in ber Richtung seines Hauses gehört. Er eilte, so sehr er konnte.