Fuldaer
1884.
— mit bet
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XXXI. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.
(Schluß.)
Dr. Windthorst fährt fort:
M. H.! So lange die Thätigkeit der Kirche voll und ganz zur Geltung kam, haben wir die soziale Frage in der heutigen Gestalt nicht gehabt. Da war das Handwerk eine Ehre und hatte seinen golden Boden, da suchte der Handwerker in christlich geordneten Innungen seinen Vertreter und nicht auf der Bierbank, da hatten die Arbeiter einen Schutz gegen übermächtige Arbeitgeber, und die Arbeitgeber wurden zu ihren christlichen Pflichten ihren Arbeitern gegenüber angehalten. Die Kirche hatte ihre Orden, von denen jeder irgend einer sozialen Noth besonders abhalf, und die um so wirksamer waren, als sie, mitten im Volke gewachsen, dessen Leben und Leiden kannten. Als diese Orden ihre volle Thätigkeit entfalten konnten, haben sie überall unter den Arbeitern christliche Vereine zu gründen gewußt, die unter ihrer Leitung standen. Der moderne Staat — ich möchte eine Preisaufgabe stellen, was ist der moderne Staat (Heiterkeit) — hat diese Orden nicht mehr nöthig erachtet, sie ausgetrieben, und nur noch wenige sind in Geltung. Hier haben Sie doch noch Franziskaner; die haben wir bei uns schon lange nicht mehr; aber sie werden wieder kommen (Bravo!), und die anderen kommen auch wieder. (Heiterkeit.) Und wenn Keiner sie wiederbringt, so bringen die Sozialdemokraten sie wieder. (Heiterkeit und Bravo!) Man hat sie ausgetrieben, und man sucht jetzt vergebens nach Mitteln, sie zu ersetzen. Und was diese Männer unentgeltlich thaten, fordert jetzt neue Opfer aus dem Steuersäckel der Staatsbürger. Mit Geld glaubt man die christliche Barmherzigkeit ersetzen zu können, und wenn man's könnte, so hat man so viel Geld nicht. Indessen können wir diese Zustände mit Einem Schlage nicht ändern; wir müssen darauf hinwirken, das wieder zu erreichen, was man uns genommen hat. Wir dürfen die Hände nicht in den Schooß legen, denn sonst kommt die Sündfluth auch über uns, und wir wissen nicht, ob für uns eine besondere Arche gebaut wird. Die Arche, welche uns über alle diese Dinge hinweghelfen kann, ist die heilige Kirche, und wenn wir die hochhalten, wird's gut gehen, andernfalls müssen wir ersaufen. Mit Freude habe ich deshalb den Antrag begrüßt, daß überall Vereine für die Arbeiter geschaffen werden sollen unter kirchlicher Leitung und im christlichen Sinne. Wir können diese Vereine nur auf's wärmste empfehlen und müssen zu Hause sie unterstützen. Es handelt sich darum, nach dem Muster der Kolping'schen Gesel- len-Vereine, die bisher so segensreich gewirkt, Vereine für alle Arbeiter zu gründen. Und damit diese Vereine auch Zeit gewinnen, um tüchtig zu arbeiten, ist es wichtig, daß wir den Leuten an Sonn- und Feiertagen wenigstens Ruhe verschaffen. Es hängt damit also auch die Sonntags- und Feiertagsruhe, die wir so oft verlangt haben, eng zusammen.
Ein fernerer Theil unserer Arbeit war dann auch der sogenannte Kulturkampf, d. h. der Kampf der Unkultur, des Barbarismus, der Rücksichtslosigkeit, wie kaum die Geschichte einen zweiten gesehen hat. Ich habe die Ueberzeugung, daß, wenn wir fortfahren wie bisher, wir voll und ganz dieses Kampfes Herr werden. Ich meine sogar, daß wir schon sehen, wie man von Seite der Regierung bemüht ist, in bessere Bahnen einzulenken und das, was der falsche Liberalismus gesündigt hat, wieder gut zu machen. Uno dafür sage ich den Regierungen meinen Dank. Aber ich bemerke ihnen zugleich, es genügt nicht, hier „halb Kehrt!" zu machen,
es muß gründlich umgekehrt werden (Bravo!), und alle die Gesetze, welche man zur Knechtung der Kirche machen zu müssen geglaubt hat, oder die man sich hat octroyiren lassen durch den falschen Liberalismus, die müssen fort, und es muß die volle und ganze Freiheit der Kirche hergestellt werden. (Bravo!) Und so lange das nicht erreicht ist, dürfen wir nicht ruhen und Keiner von uns kann mit Ruhe in's Grab steigen, wenn er nicht bis zum letzten Athemzuge für die Freiheit der Kirche eingetreten ist. (Bravo!) M. H.! Ich habe Ihnen gesagt, daß wir ein Stück weiter gekommen sind; aber wir sind noch nicht am Ende, und es wird noch sehr, sehr viel Arbeit übrig bleiben. Wir sehen ja in diesem Augenblicke, wie die sogenannten Nationalliberalen, die weder liberal noch national sind; denn deutsch-national ist: Gerechtigkeit üben gegen Alle, und ich frage, was Sie in den Wahlreden dieser Herren von wirklicher Freiheit gehört haben — gar nichts, nur Freiheit und Rechte für sich und um Gotteswillen nichts für das Centrum, das heißt für die Vertretung der Katholiken; denn das ist das Centrum. Wir haben bis jetzt noch nicht viele Wahlversammlungen ge- habt, es wird ja auch in manchen Bezirken gar nicht nöthig sein; aber es ist doch erforderlich, daß wir wach sind. Ich kann den Herren sagen, daß ich vermöge der Stellung, die ich nun einmal gewonnen habe, oder die mir zugeschoben ist, ich eine ganze Masse von Dingen höre, die Andere nicht hören; und da habe ich erfahren, gesehen und gehört, daß unsere Gegner ungeheuer thätig sind, und wenn wir nicht dieselbe Thätigkeit entwickeln, dann werden wir plötzlich die Mannschaften unserer Gegner in unseren Reihen sehen. Also aufgepaßt, und so rasch wie möglich Kandidaten in allen Bezirken aufgestellt und die Wähler aufgefordert, daß sie am Wahltage erscheinen. Wie jetzt die Dinge liegen, halte ich es geradezu für eine Sünde, wenn ein Wähler am Wahltage nicht erscheint. Auch da, wo wir keine Aussicht auf Durchbringung unseres Kandidaten haben, muß gewählt werden, da es auf die Gesammtwahlziffer von großer Bedeutung ist. Aus gutem Willen bekommt man nichts, nur dann, wenn man eine Macht ist, mit der man rechnen muß: man respektirt die Macht, aber nicht die Bettler. Darum möge Jeder in allen Gauen Deutschlands bei den Wahlen seine Schuldigkeit thun.
Sodann hat das Missionswesen in unfern Verhandlungen eine Rolle gespielt. Es ist dringend nöthig, daß die Mittel der Missions-Vereine, ins- besondere des Bonifatius-Vereins, vergrößert werden. Namentlich angesichts der deutschen Kolonisationsbestrebungen ist das Missionswesen von der größten Bedeutung, da die kirchlichen und religiösen Bedürfnisse auch in den fernen Welttheilen befriedigt werden müssen. Wir müssen uns auch beeilen, nicht zu spät zu kommen; denn: sero venien- tibus oasa, wer zu spät kommt, bekommt die Knochen. Merkwürdig ist nur, daß in demselben Augenblick, wo das Mrsstonswesen auf's lebhafteste von allen Nationen gefördert wird, man gleichgültig gegenübersteht der großartigsten Missionsanstalt, die überhaupt jemals in der Welt dagewesen ist, nämlich der Kongregation der Propaganda in Rom. M. H.! Wir Alle beklagen und protestiren fort und fort gegen die Zertrümmerung dec weltlichen Macht des hl. Vaters. Wir werden diesen Protest niemals aufgeben (Bravo!), und wenn unsere Lippen verstummen, werden unsere Söhne den Protest weiter führen. Und wenn es gelingt, den Protest um den ganzen Ecdrund zu bringen, dann wird schließlich, namentlich wenn es im rechten Sinne geschieht, nämlich im Sinne des Gebetes, die weltliche Herrschaft des Papstes wieder hergestellt werden. Und die Mächtigen dieser Welt werden begreifen, daß
sie ohne Unterstützung der größten moralischen Autorität nichts ausrichten können, und daß die Völker nur im Schatten des Hirtenstabes des hl. Vaters sicher leben können. Reiche und Staaten sind bereits zu Grunde gegangen; aber das Papst- thum hat sich zu immer neuem Glanz erhoben, und deshalb dürfen wir, was die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes betrifft, Gott vertrauen. Ich will aber insbesondere gegen den neuesten Akt, der gegen den hl. Stuhl verübt worden ist, sprechen: es ist dies der Akt, in Folge dessen die Propaganda ihres sämmtlichen immo- bilaren Besitzes entkleidet und auf eine italienische Staatsrente gesetzt werden soll. M. H.! Wer kauft italienische Staatsrente? (Heiterkeit.) Die Propaganda hat eine ungeheuere Bedeutung, sie erstreckt ihre Thätigkeit über alle Länder und hat unter sich die gesammte katholische Christenheit, so weit sie nicht in geordneten Diözesen bereits ihre feste Organisation hat. Sie hat für Deutschland ungemein gewirkt und eine Reihe von Missionen ausgebildet, große Seminare in Fulda und Dillingen gegründet; und wer die Geschichte dieser Anstalten kennt, weiß, eine wie große Anzahl würdiger Geistlicher aus diesen Seminarien hervorgegangen ist. Noch heute wäre ohne die Einwirkung der Propaganda ein großer Theil der Gemeinden im Norden ohne geistliche Hülfe. Sie ist auch wichtig für die deutschen Auswanderer; denn eine sehr große Anzahl kirchlicher Institutionen Nordamerika's, Australiens rc., in welchen Deutsche vorhanden sind, werden von der Propaganda unterhalten. Und wenn wir nun sehen, daß unsere Regierung mit Eifer kolonisiren will, dann hätte sie schon darin einen Anlaß, für die Propaganda zu sorgen; denn die Kolonisten wollen nicht allein leibliches, sondern auch geistiges Brod. Sie sehen also, was die Propaganda für uns ist, und daß jede Schmälerung ihrer Mittel uns direkt mit trifft und namentlich auch die Möglichkeit beseitigt, daß rechtzeitig in den neuen deutschen Kolonien für Gottesdienst und Schulen gesorgt wird. Darum mußte von vornherein diese für die Welt bestimmte Anstalt auch die Sorge und die Aufmerksamkeit aller Völker der Erde in Anspruch nehmen, als man hörte, daß sie nun ihres Grundbesitzes beraubt werden soll. Es ist diese Entziehung geschehen in Folge eines Rechtsspruches des höchsten italienischen Gerichtshofes auf Grund von Gesetzen, die nach meinem Dafürhalten ganz unrichtig angewendet sind, und die auch von italienischen Autoritäten zu andern Zeiten anders aufgefaßt worden sind. Es ist die Entziehung nichts anderes wie eine Gewaltthat im Kleide des Gesetzes. Wer in aller Welt hat der italienischen Regierung das Recht gegeben, über ein Eigenthum zu verfügen, welches der ganzen Welt gehört (Bravo !), welches aus der ganzen Welt zusammengetragen ist, und zu welchem auch die Deutschen beigetragen haben und noch beitragen. Ich sollte also glauben, daß, wenn man so etwas vor sich sieht, man dagegen nicht allein Protest erhebt, sondern auch die Erwartung aussprechen soll, daß die Regierung gegen ein derartiges Vorgehen ihrerseits Vorkehrungen treffe. Wenn in irgend einem Theile der Welt sonst einem Deutschen ein Haar gekrümmt wird, oder wenn einem Kaufmann ein Ballen Baumwolle weggenommen wird, dann tritt die Regierung sofort ein; und daß sie es thut, dafür bin ich ihr dankbar und bin stolz darauf, daß der deutsche Name Klang und Kraft genug hat, um einem in seinem Rechte oder in seinem Eigenthum verletzten Deutschen in Schutz zu nehmen. Aber wenn man das thut, warum thut man es nicht auch hier? Hier handelt es sich ebenfalls um Eigenthum, und dafür können und müssen wir Schutz erwarten von der