206. Montag, den 8. September (884.
ifiilbäfr IHll Jdhnirt
'WJj'VW'V ^<zW
Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Zweites Blatt.
XXXI. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.
** Trotz der hervorragenden Bedeutung des Amberger Katholikentages war es uns bei dem knapp zugemessenen Raum unseres Blattes leider nicht möglich, ausführlicher, als es geschehen, über den Verlauf desselben zu berichten. — Die Windthorst'sche Schlußrede ist indessen zu wichtig und inhaltreich, um in kürzerer Form wiedergegeben zu werden. Wir entnehmen deshalb der .Köln. Vsztg.' den unverkürzten Wortlaut dieser mit stürmischem Beifall aufgenommenen Rede:
Hochwürdigste Herren Bischöfe, hochansehnliche Versammlung! Die Versammlung der 31. General- Versammlung deutscher Katholiken neigt sich zu ihrem Ende, und als ich eben die begeisterte Rede meines Vorredners hörte und seinen Schluß-Appell, hatte ich eigentlich die Empfindung, wir könnten die Versammlung nicht besser schließen, als indem wir ihm zuriefen: Wir wollen uns schaaren um Leo XIII. Verkünden Sie in Rom diesen festen Entschluß der deutschen Katholiken, den sie erneut haben heute in Amberg, und fie werden ihr Wort halten. (Bravo!) Indessen habe ich übernommen, über einzelne Gegenstände mich noch zu äußern. Und so habe ich diesen Gedanken aufgeben müssen; ich werde aber versuchen, am Schluffe meiner Rede auf denselben zurückzukommen und ich denke auch, er wird dann an seiner Fruchtbarkeit noch nichts verloren haben. Wir sind nach Amberg gekommen, um, wie alljährlich, die Versammlung der Katholiken Deutschlands abzuhalten. Die Versammlung hat einen Verlauf genommen, wie er glänzender nicht gedacht werden konnte und ich habe die Ueberzeugung, daß wir ein Recht haben, von diesem Verlaufe befriedigt zu sein. (Bravo!) Wir verdanken das äußern und innern Umständen. Zu dem erstem rechne ich in erster Linie die freundliche Begrüßung, welche uns von der ge- sammten Bevölkerung Ambergs zu Theil geworden ist. (Bravo!) Sie haben uns empfangen mit einem Festschmuck, wie ihn schöner eine große Stadt nicht anlegen kann. Wir haben überall, wo wir den Einwohnern dieser Stadt begegneten, wo wir in ihre Augen schauen konnten, gesehen, daß sie mit ganzem Herzen bei uns, d. h. bei der Sache waren. (Bravo!) Wir verdanken es auch dem Entgegenkoinmen der königlichen Staatsregierung, welche die Räume des Seminargebäude» und deren Annexe bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat. Ich glaube, es ist richtig, wenn ich voraussetze, daß die Versammlung mir beitritt, all' diesen Autoritäten den Tank auszusprechen, der ihnen gebührt. (Bravo!)
Run, m. H., wir tagen, indem wir in Amberg versammelt find, im Königreich Baiern. Das ist für mich — denn zum ersten Mal nehme ich in Baiem an einer solchen Versammlung Theil — von einer ganz besonderen Bedeutung. Baiem ist der größte katholische Staat innerhalb des neuen deutschen Reiches, und es ist ihm in diesem Reiche deshalb eine bedeutsame Aufgabe geworden, nämlich die, vor allem die Interessen der Katholiken des eigenen Landes und des gesammten deutschen Vaterlandes kräftigst zu vertreten. (Bravo!) Wir Alle sprechen mit voller Ueberzeugung aus, daß wir fest und treu zum deutschen Reich halten (Bravo!), daß es unwahr ist, wenn man behauptet, weil der zeitweilige Kaiser und sein Haus protestantisch sei, hätten wir keine Zuneigung zu diesem Reiche. Das ist eine Unwahrheit. .(Sehr richtig!) Wir kennen freilich nicht ein protestan
tisches deutsches Reich; aber wir kennen ein deutsches Reich, in welchem die volle Parität herrscht, und über welches -- davon haben wir die Ueberzeugung — unser Kaiser und die folgenden Kaiser mit gleicher Gerechtigkeit werden regieren wollen. (Bravo!) Wenn wir aber in einem solchen Reiche besondere Institutionen schaffen, um die Rechte Aller zu vertreten, wenn man, der Natur des Reiches entsprechend, welches ein förderativer Staat ist, einen Bundesrath schafft, worin die Fürsten Deutschlands Sitz und Stimme haben, da ist es natürlich, daß sie vorzugsweise dazu berufen sind, die besonderen Interessen zu vertreten, auf welche Gott sie hingewiesen hat. (Bravo!) Zu einer andern Zeit, als die Evangelischen in Deutschland sich konstituirten, haben sie im Reiche wie in den einzelnen Ländern staatsrechtliche Garantieen sich zu schaffen gewußt, damit sie in der Ausübung ihrer Religion nach keiner Richtung hin beeinträchtigt würden. Man hatte im Reichs-Kollegium den festen Satz, daß über Religions-Angelegenheiten durch Majoritäten nicht beschlossen werden dürfe (Bravo!), und es waren verschiedene andere Bestimmungen über die Besetzung der Aemter getroffen, welche den Protestanten die Sicherheit gaben, deren sie zu bedürfen glaubten. Ich werde meinerseits niemals bemängeln, wenn unsere evangelischen Mitbürger sich ihrerseits jetzt wie damals und auch künftig Garantieen dieser Art suchen; denn ich stehe immer voll auf dem Standpunkte der Parität, so weit sie staatsrechtlich zulässig ist; dann muß es aber auch uns Niemand verdenken, wem wir unserseits, die wir in der Minorikm sind, auch Garantieen suchen und fordern. (Bravo!) Es sind solche Garantieen bei der Beschaffung des deutschen Reiches nicht geplant und nicht gemacht worden. Ich meine, sie wären gar so schwer nicht zu finden gewesen. Es hätte unter Baierns Vorsitz ein besonderer Ausschuß gebildet werden können, mit der Aufgabe, dafür zu sorgen, daß der katholischen Minorität Deutschlands nicht zu nahe getreten werde. (Bravo!) Aber als das deutsche Reich gegründet wurde, und wir unserseits nur die Aufnahme der Bestimmungen der preußischen Verfassung verlangten, daß die Religionsübung gesichert sein soll, hat man nicht nothwendig gefunden, diese aufzunehmen. Man rief uns zu, wir könnten ja ruhig sein, wir würden eine Sicherheit haben in der Billigkeit und Gerechtigkeit, und wir sollten der werbenden Kraft der Ideen vertrauen (Heiterkeit), das ist der Ausdruck gewesen. Wie die Ideen „geworben" haben, das haben wir in Deutschland und wir in Preußen insbesondere recht gründlich erfahren (Sehr wahr!) und erfahren es auch heute noch. (Zustimmung.) Es ist deshalb natürlich, daß ich das Bedürfnis; nach Garantieen für freie Religionsübung, für freie Bewegung der Kirche, auch noch heute fordere und mit Elfer danach suche (Bravo!), und es ist mir darum so wichtig ge- wesen, und nicht zum geringsten Theile bin ich deshalb nach Amberg gekommen, um auf bayerischem Boden laut zu rufen: „Bayern muß vorangehen, um diese Dinge uns zu schaffen." (Lebhafte Zustimmung.) Darin wird e» finden die sichere Grundlage seiner dauernden Existenz. (Bravo!) Meine Herren ! Jeder muß auf dem Boden bleiben, auf dem er gewachsen ist, er wird sonst untergehen; und Bayern ist groß geworden durch seine Stellung, die es in Deutschland eingenommen hat als katholische Macht. (Bravo!) Und diese soll es auch ferner voll und ganz einnehmen. Daraus folgt selbstverständlich nicht, daß irgend etwas von den Rechten der Protestanten in Bayern geschmälert werden solle; sie sollen voll und ganz behalten, was sie haben, und wo Jemand wagen sollte,
solche Rechte anzutasten, würde ich der entschiedenst Gegner eines solchen Mannes sein. (Beifall.) Aber wir können darum doch nicht den Grundcharakter des bayerischen Landes verleugnen und verlangen, daß man dessen eingedenk sei heute und immerdar. (Bravo!) Vielleicht ist dies noch nicht so deutlich ausgesprochen worden, wie ich es heute hier gethan habe; aber die Centrums-Fraktion und ich haben überall, wo eine Gelegenheit war, die besonderen Rechte Bayerns kräftig in Schutz genommen (Bravo!), und wir werden das auch ferner thun (Bravo!) Ich führe dies an, damit man nicht in irgend welcher Weise die Bevölkerung Bayerns über unsere Intentionen täuschen möge, wie es hier in Bayern in verschiedenen Versammlungen geschehen ist. (Sehr gut!) Nein, ihr Herren da draußen, wir sind keine Reichsfeinde, wir wollen das Reich schirmen, stützen und tragen. (Bravo!) Aber wir wollen vollberechtigte Bürger dieses Reiches sein, keine halben Bürger, sondern ganze. Wir wollen niemals den Einheitsbestrebungen der sogen. Nationalliberalen nachgeben. (Bravo!) Das Reich soll auf dem förderativen Boden stehen, auf den es sich selber gestellt hat; und wenn es diesen Boden verlassen hätte, würde auch dieses Reich nicht bestehen. Reiche werden nicht gehalten durch Bajonnette, sondern durch das Recht. (Beifall.) Das ist der besondere Grund, weshalb ich mich freue, daß wir diesmal hier in Bayern tagen, und daß wir tagen in dieser altehrwürdigen Stadt, die man das Herz des katholischen Bayerns nennen könnte. Alles, was wir hier sehen, ist ganz in dem Sinne katholischer Anschäuungess/und das ist es, was uns Alle hier so anheimelt.
Das waren die besonderen LÜnstigen äußeren Verhältnisse, die dieser Versammlung voran gingen. Ein nicht geringer äußeM Anlaß für das Gedeihen dieser Versammlung ist aber auch die Gegenwart dreier ehrwürdiger Bischöfe in unserer Mitte. (Bravo!) Ich kann Ihnen nicht sagen, wie wohl- thuend, wie erquickendes für mich gewesen ist, zu sehen, wie diese Herren unermüdet in unferm Kreise an den Arbeiten theilgenommen haben. M. H. ! In der heutigen Zeit, die so sehr geneigt ist, die Autorität zu zerstören, die glaubt, ohne Autorität fertig werden zu können, ist es vor allem unsere konservative Aufgabe — konservativ im ehrlichen, ernsten Sinne des Wortes — niemals bei unseren Bestrebungen etwas zu unternehmen, was von den Autoritäten unserer Kirche mißbilligt werden könnte. (Bravo!) Und es war, glaube ich, ein guter Gedanke dieser Herren, daß sie sagten, indem sie in unserer Mitte erschienen: wir billigen euer Zusammensein, seid aber eingedenk euerer Oberhirten und vergeßt nicht, was ihr der Kirche schuldet. (Bravo!) Und indem sie uns dazu auffordern durch ihr Erscheinen, fordern sie uns gleichzeitig auf, auch nicht zu vergessen, was wir der weltlichen Obrigkeit schuldig sind; denn ohne eine wohlgeordnete, weltliche, staatliche Ordnung ist wahre Freiheit nicht möglich und ebenso wenig das Gedeihen der Völker. Da» ist der besondere Grund, weshalb ich mich über die Gegenwart der verehrten Herren freue, und ich habe geglaubt, es würde wohl im Sinne Aller fein, wenn ich ihnen unfern befandern Dank in dieser Hinsicht ausspreche. (Bravo!)
M. H.! Komme ich nun zu den inneren Verhältnissen unserer Versammlung, so ist die erste und bedeutsamste Erscheinung die, daß wir alle unsere Beschlüsse in vollster Einmüthigkeit diskutirt und gefaßt haben. In dieser Einmüthigkeit liegt eine ungeheuere Kraft, die man auch anderswo empfinden wird. Sie werden sehen, daß man auswärts nicht sehr gut auf uns zu sprechen sein wird (Heiterkeit); ich kenne das, und das gibt man entweder durch Todtschweigen oder durch Verleumdung