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Montag, den i. September
1884
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* Die Cholera in Südfrankreich und die barmherzigen Schwestern.
Kaum war die Cholera aufgetreten, als die Behörden Frankreichs sich gezwungen sahen, jene Krankenschwestern, welche man vor einigen Jahren aus den Spitälern von Paris ausgetrieben hatte, auf die Stätte des Verderbens zu rufen, sollten nicht die von der Seuche Befallenen elend dahinsterben. Denn die bezahlten Wärter und Wärterinnen erfüllten ihre Pflicht nicht oder sie flohen entsetzt, um iyr eigenes Leben in Sicherheit zu bringen. Ohne irgendwie an das ihnen zugefügte Unrecht zu denken, sind die barmherzigen Schwestern zurückgekehrt, bereit, auch das Kostbarste, was der Mensch auf Erden l^sitzt: Blut und Leben für Diejenigen, welche sie vorher verfolgt hatten, hinzugeben.
Bereits ist die Oberin der zurückgekehrten Schwestern, die ehrwürdige Mutter Macedonia, nebst einer Anzahl jener heldenmüthigen christlichen Jung- frauxn, ein Opfer ihres Berufes, dein furchtbaren Choleratod zur Beute gefallen. Die barmherigen Schwestern, die Elite aller Wohlthätigkeits-Genos- senschaften, sind von jeher diejenigen gewesen, welche zu Zeiten von Epidemieen dem Tode am Unerschrockensten in's Auge geblickt haben. Wir erinnern da nur an eine Thatsache aus der jüngsten Vergangenheit. Als verfloflenes Jahr Anfangs Juni in St. Louis in Amerika die Blattern so stark austraten, daß ein größeres Blatternhospital errichtet werden mußte, und als eine amtliche Aufforderung zur Uebernahme der Krankenpflege erging, waren die barmherigen Schwestern die einzigen, welche sich meldeten. Die Verdienste, welche diese Genoffenschaft sich erworben hat, sind unbeschreiblich, sie sind eingetragen im Buche des Lebens, im Himmel oben. In Frankreich allein, in welchem die Epidemieen des Unglaubens und der Sittenlosigkeit so grassiren, haben die barmherzigen Schwestern seit der Gründung der Gesellschaft (1633) bis zum Jahre 1827 nachgewiesenermaßen 145,000 Kranke und 120,000 Kinder gepflegt. Wer zählt die Tausende von Leidenden auf den wüsten Schlachtfeldern, denen in ihren namenlosen Schmerzen diese
Engel der Barmherzigkeit, selbstoergessend und aufopfernd bis zur Erschöpfung aller eigenen Kräfte, Linderung und Pflege gebracht haben?! Und be; allen ansteckenden Krankheiten, beim ekelhaftesten Aussatze, bei den entsetzlichsten Ausdünstungen der Geschwüre haben sie in heroischer Seelenstärke ausgehalten bis zum Tode. Ja, solche Pflanzen wurzeln nicht in irdischem Boden! Und doch hat man sich nicht entblödet, auch solch wehrlose Schwestern zu verfolgen, sie zu mißhandeln, ihnen das Heim und die Stätte ihrer gottgeweihten Thätig- keit zu entreißen. Da rede man noch von Kultur und Civilisation! Voltaire, von dem der berühmte Graf Joseph de Maistre sagt, daß ihm der Gedanke an diesen Menschen unerträglich sei, dieser Voltaire hat den Ausspruch gethan: „Es giebt vielleicht nichts Größeres auf Erden, als wenn das zarte Geschlecht seine Schönheit, seine Jugend und hohe Geburt opfert, um in den Spitälern diesen Ausbund menschlichen Elendes zu pflegen, dessen Anblick so demüthigend ist für den menschlichen Stolz und so empörend für das zarte Geschlecht. Die Völker, welche von der römischen Gemeinschaft sich trennten, haben nur unvollkonimen diese hochherzige Nächstenliebe nachzuahmen vermocht." Auch Napoleon I. konnte nicht umhin, den barmherzigen Schwestern das Zeugniß zu geben: „Sie sind eine nützliche Stiftung: redet mir von solchen Opfern," sagte er, „nicht aber von eueren Menschenfreunden; die schwatzen Vieles, thun aber Nichts." Und woher schöpfen dir barmherzigen Schwestern diesen Heldenmuth, diese grenzenlose, allumfaffende Nächstenliebe? Aus der katholischen Religion!
Deutsches Reich.
Berlin, 31. August.
• Als den muthmaßlichenTermin der Reichstagswahlen hört man entweder die letzte Oktober» oder die erste Novemberwoche nennen. Be- 'timmte Entscheidung ist jedoch noch nicht getroffen. In ländlichen Wählerkreisen würde man, um eine möglichst lebhafte Theilnahme an dem Wahlakte zu sichern, dem spätern Zeitpunkt den Vorzug geben.
* Die Einberufung des BundesrathesZdürfte kaum vor Ende dieses Monats erfolgen. Es wird dann wohl zu einem formellen Schluß der Session und zur Eröffnung einer neuen Session kommen, mit welcher die Neuwahlen und neuen Ernennungen der Ausschüsse verbunden sind. Ueber die Person des Protokollführers an Stelle des jetzigen Regierungspräsidenten Magdeburg ist noch kein Beschluß gefaßt.
* Daß eine Zusammenkunft der drei Kaiser von Deutschland, Oesterreich und Rußland bevorsteht, ist jetzt nicht mehr zweifelhaft. Ebensowenig zweifelhaft ist, daß dieselbe von großer politischer Bedeutung sein wird, wie sich das schon aus der Thatsache ergibt, daß die leitenden Minister der auswärtigen Angelegenheiten der drei Reiche, also Fürst Bismarck, Graf Kalnoky und Herr v. Giers der Entrevue beiwohnen werden. Ueber Ort und Zeit der Zusammenkunft mangelt es noch an zuverlässigen Angaben. Es wurden nach einander genannt Stettin, Berlin und Skiernewice; ersteres ist jedenfalls auszuscheiden. Daß die Entrevue im Laufe dieses Monats stattfinden wird, ist jedenfalls anzunehmen, da der Czar gegen den 13. September in Warschau einzutreffen gedenkt. Aus dieser Zu- saminenkunft erklärt sich auch die Verlegung der rheinischen Manöver vom 12. auf den 22. September.
* Im Oktober wird der Landtag über die Einführung einer neuen Kreisordnung für Hessen- Nassau zu beschließen haben. Es wird alsdann eine engere Verschmelzung der Verhältnisse eintreten, als dies bis jetzt der Fall war. Ein Pro- vinzial-Landtag für Hessen-Nassau wird die allgemeinen Verwaltungs - Angelegenhesten zu bestimmen uni), darin wird Hessen natürlich die überwiegende Majorität haben. Dem nassauischen Kommunal-Landtage wird nur noch für kurze Zeit )ie Vermögensverwaltung der Landesbank bleiben; )och auch diese Berechtigung kann ihm — wie dies Vorgänge in den alten Provinzen Preußens be- weisen — später genommen werden und wird dann auf oen Provinzial-Landtag übergehen.
* Kurz vor Eröffnung der Katholiken-Versamm- ung in Amberg, ist das in Folge der Beschlüsse der 29. General-Versammlung in Frankfurt ein,
Im Dorf.
Von Iwan Turgenjew.
Der letzte Juli. . . . Auf tausend Werst dehnt sich rings das Ruffenland, die heimische Erde.
Der ganze Himmel ist von gleichmäßigem Blau überfluthet; nur ein einziges Wölkchen, halb schwimmend, halb hinschmelzend, ist an ihm sichtbar. Windstille, Schwüle... die Luft duftet wie frische Milch.
Die Lerchen trillern; die Kropftauben girren. Schweigend durchschneiden die Schwalben in der Höhe die Luft; die Pferde schnauben und kauen; ohne zu bellen, stehen die Hunde da und wedeln friedfertig mit dem Schweif.
Es riecht nach Rauch und Gras; auch ein wenig nach Theer und Leder. . . . Schon ist der Hanf hoch aufgeschossen und haucht seinen bedrückenden, doch nicht unangenehmen Geruch aus.
Sanft abfallend zieht sich hier eine tiefe Schlucht hin. Zu beiden Seiten stehen mehrere Reihen voll schopfigen, nach unten gespalteten Weiden. Ein munteres Bächlein eilt durch die Schlucht; auf feinem Grunde scheinen kleine Kieselsteine durch die blinkenden Wellen hindurch zu zittern. Weit in der Ferne, dort wo Himmel und Erde sich beehren, schimmert der bläuliche Streif eines großen Stromes.
An der Schlucht entlang stehen auf der einen Seite zierliche Speicher und Scheuern mit fest ver
schlossenen Thoren; auf der andern fünf, sechs Bauernhäuschen, die aus Tannenbalken errichtet und mit gehobelten Brettern bedeckt sind. Ueber jedes Dach ragt eine hohe Stange mit einem Staarkasten empor; über jeder Hausthür gewahrt man ein au« Eisenblech geschnitztes Pferdchen mit gesträubter Mähne. Die buckligen Fensterscheiben schimmern in den Farben de« Regenbogens. Vasen mit Blumensträußen sind auf die Fensterladen gemalt. Vor jedem Hause steht fein manirlich eine Bank; auf einem Erdhügel haben sich Katzen im Knäuel gelagert und spitzen die durchsichtigen feinen Ohren. Hinter der hohen Schwelle gähnt, Kühle verheißend, der dunkle Hausflur.
Ich liege aus einer hingebreiteten Pferdedecke am äußersten Rande der Schlucht; ringsumher erheben sich ganze Hügel frisch gemähten, zum Ersticken wohlriechenden Heues. Die sorgsamen HauS- wirthe haben es vor ihren Häusern hingebreitet; mags noch ein wenig an der Sonne trocknen, dann aber schnell damit in die Scheuern; ach, wie herrlich wird sich's darauf schlafen!
Kindliche Krausköpfe lugen aus jedem Haufen hervor: schopfige Hühner suchen Fliegen und Käfer im Heu; ein junger Hund wälzt sich spielend in einem Netz von Halmen.
Blondharige Bauernburschen iu tiefgegürteten sauberen Hemden und schweren- mit zierlichen Vorstoß geschmückten Stiefeln lehnen mit der Brust an einem unbespannten Wagen und hänseln ein
ander in kecker Wechselrede, wobei ihre weißen Zähne funkeln.
Aus dem Fenster da schaut lachend das runde Antlitz einer Bäuerin. Lacht sie über die Scherzreden der Burschen oder über den fröhlichen Lärm der Kinder in dem hoch aufgeschichteten Heu?
Eine andere junge Frau zieht mit kräftigem Arm einen großen nassen Eimer aus dem Brunnen. Der Eimer zittert und schwankt am Ziehseil, schimmernde, langgezogene Tropfen gleiten von ihm hinab in die Tiefe.
Vor mir steht die greife Hauswirthin in ihrem neuen, karrirten Linnenrock und den neuen Schuhen. — Drei Reihen großer, hohler Glasperlen schlin- geln sich um ihren braunen, Hagern Hals; ein gelbes Tuch mit rothem Tüpfeln ist um ihr Haupt gewunden und hängt tief über ihre braunen Augen herab. — Aber wie freundlich lächeln diese greisenhaften Augen, wie lächelt dieses ganze runzlige Gesicht! Sie scheint den Siebzigern nicht mehr allzufern zu sein, diese gute Alte: aber auch jetzt kann man's noch deutlich sehen: zu ihrer Zeit war sie eine Schönheit. — Mit den ausgespreizten Fingern ihrer sonnverbrannten Hand hält sie mir einen Topf mit kalter, unabgerahmter Milch entgegen, die geradenwegs aus dem Keller kommt; die Wände des Gefäßes sind mit Tropfen wie mit einer Perlenschnur behangen. Die flachgestreckte Linke bietet mir eine große, runde Schnitte