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196. Mittwoch, den 27. August 1884.

Die ,Fuldaer geitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohn» Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne «tt6 Blume»' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. August.

* Da die Absicht, die Reichstagswahlen in der ersten Hälfte des Octobers stattfinden zu lassen, wie man hört, nicht aufgegeben ist, dürfte nun bald die Feststellung des Wahltages endgiltig erfolgen.

* Der französische Botschafter Courcel ist nach Varzin abgereist, offenbar zu einer Besprechung des französisch-chinesischen Konfliktes.

* Der hiesige englische Botschafter Lord Amp- thill ist in Potsdam gestorben.

* Die Arbeiten zur Einführung des Unfall- Versicherungsgesetzes sind im vollsten Gange. Die Schwierigkeiten, welche sich der Einzelaus­führung des Gesetzes bieten, übertreffen fast noch die Erwartungen, welche man von Anfang an ge­hegt hatte. Es ist nicht ausgeschloffen, daß auch dem Bundesrathe bezüglich der Ausführungsbe­stimmungen noch umfaffendere Arbeiten erwachsen. Es wird nach allen Richtungen hin eine große Thätigkeit entfaltet, um jeden Beschwerden bei den Inkrafttreten des Gesetzes begegnen zu können.

*, Auf dem nordischen Verbandstage der deut­schen Reichsfechtschule, welcher am 17. d. M. in Hamburg abgehalten wurde, ist beschlossen, das für den Norden bestimmte Waisenhaus in Wand s- beck zu erbauen. Außer von dieser Stadt waren noch Anerbietungen von Kiel und Rendsburg ein­gegangen; doch wurden dieselben in Hinsicht auf die von Wandsbeck gemachten Angebote sofort zu­rückgezogen. Die für Errichtung von Reichs-Wai­senhäusern thätige „Reichs-Fechtschule" findet jetzt auch in „reichssreundlichen" Kreisen immer mehr Gegner. Neuerdings wendet sich auch die,Natio- nal-Zeitung' in einem langen Artikel gegen dieselbe. Die katholische Preffe stand bekanntlich von Anfang an der Gründung schon aus konfessionellen Beden­ken ablehnend gegenüber. Nach konfessions­losen Waisenhäusern hat der größte Theil der Nation kein Verlangen.

* Nachdem in neuester Zeit mehrfach geschloffene Eisenbahnbarrieren von Unbefugten geöffnet 1

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Ein modernes Kind.

„Da soll einem die Geduld nicht reißen I Ich glaube wahrhaftig, das Mädchen schämt sich seines Vaters!"

So sprach Meister Kamp, ein ehrsamer Schuh­macher, zu seiner Frau. Diese zuckte mit den Schul­tern und entgegnete kurz: „Das merkst Du jetzt erst, Gottfried?"

„Wie so? Ist das der Dank für Alles, was wir an dem Kinde gethan: Tag und Nacht habe ich mich für Lisette geplagt und jetzt wird mir so gelohnt?"

Kamp schlug mit der Faust auf bin Tisch, daß die blaublümigen Taffen hüpften und klirrten.

„Undank ist der Welt Lohn, lieber Gottfried; mir thut's auch in der Seele weh!"

„Aber vom eigenen Kinde!"

„Nun, wer ist denn Schuld daran? Mußte es nicht so kommen?"

„In wiefern, Frau? Soll ich etwa die Schuld daran tragen, daß Lisette ein hochnäsiges, stolzes Ding geworden ist, das sich seiner einfachen Eltern schämt? Oder sind wir nur gut genug, ihr die Kleider und Hüte zu kaufen?

Die Zornader auf des Meisters Stirn war an- geschmollen und heftig rollte er mit der linken Hand den Aermel des Hemdes über den sehnigen Arm bis über den Ellbogen zurück.

„Gewiß trägst Du die Schuld, Mann. Du

oder überstiegen worden sind — theilweise sogar trotz der ausdrücklichen Warnungen des Bahnbe- wachungspersonals — hat der Minister der öffent­lichen Arbeiten sich veranlaßt gesehen, allen König­lichen Eisenbahnbehörden die Weisung zu ertheilen, alle derartigen zur Kenntniß gelangenden Uebertre- tungen der betreffenden Bestimmungen des Bahn­polizei-Reglements auf's nachdrücklichste verfolgen und zur Bestrafung bringen zu taffen, auch die gedachten bezüglichen Vorschriften, soweit es zweck­dienlich erscheint, in geeigneten öffentlichen Blättern unter Hinweis auf die angedrohten Strafen beson­ders in Erinnerung zu bringen. Die in Rede stehenden Bestimmungen des Bahnpolizei-Reglements lauten im Auszuge:

§ 54. Das Publikum darf die Bahn nur an den zu Ueberfahrten oder Uebergängen bestimmten Stellen über­schreiten, und zwar nur so lange, als die letzteren nicht durch Barrieren verschloflen sind. Es ist dabei jeder un- nöthige Verzug zu vermeiden. Es ist untersagt, die Bar­rieren oder sonstigen Einfriedigungen eigenmächtig zu öff­nen, zu überschreiten oder zu übersteigen, oder etwas darauf zu legen oder zu hängen. § 59. So lange die Uebergänge geschloffen sind, müffen Fuhrwerke, Reiter, Treiber von Viehheerden und Führer von Lastthieren bei den aufgestell­ten Warnungstafeln halten. Das Gleiche gilt, sobald die Glocken an den mit Zugbarrieren versehenen Uebergängen ertönen. Fußgänger dürfen sich den geschlossenen Barrieren nähern, dieselben aber nicht öffnen. § 62. Wer den Be­stimmungen der (vorstehenden) Paragraphen . . . zuwider­handelt, wird mit einer Geldstrafe bis zu 30 Mk. bestraft, sofern nicht nach den allgemeinen Strafbestimmungen eine härtere Strafe verwirkt ist. § 63. Die Bahnpolizeibeam­ten sind befugt, einen Jeden vorläufig festzunehmen, der auf dec Uebertretung der im § 62 gedachten Bestimmungen betroffen oder unmittelbar nach der Uebertretung verfolgt wird und sich über seine Person nicht auszuweisen verinag. Derselbe ist mit der Festnahme zu verschonen, wenn er eine angemessene Sicherheit bestellt. Die Sicherheit darf den Hüchstbetrag der angedrohten Strafe nicht übersteigen. Enthält die strafbare Handlung ein Verbrechen oder Ver­gehen, so kann sich der Schuldige durch ein« Sicherhcitsbe- stellung der vorläufigen Festnahme nicht entziehen. Jeder Festgenommenene ist ungesäumt an die nächste Polizeibe­hörde oder an den Saats- oder Polizeianwalt abzuliefern.

'.Trier, 25. Aug. Gestern Abend 8 Uhr begann die Haupt-Festversammlung des Verbandes der kaufm. Kongregationen und kathol. kaufm. Ver­eine Deutschlands im großen Saale des katholischen Bürgeroereins. Die Versammlung wurde eröffnet

wolltest ja aus Deinem Töchterlein ein feines Fräu­lein machen; wenn ich sagte: „Nicht zu hoch hin­aus, Gottfried, laß das Kind nicht über den Stand seiner Eltern erziehen", — wer widersprach dann? Wer meinte, sein Töchterlein fei zu etwas Besserem geboren und müffe viel lernen, um später in der Welt nobel auftreten zu können? Du warft es!"

Meister Kamp ließ sich mit einem tiefen Seuf­zer auf feinen breibeinigen Schemel nieder und stützte das graue Haupt in die schwielige Rechte.

„Ja, ja", murmelte er, „Du haft so unrecht nicht, Lisbeth. Aber ich wollte ja dem Kinde fein Bestes, ich habe es so unaussprechlich lieb! Es ist unser einziges Kind; ich freute mich, wenn es im hübschen Kleidchen herurnsprang, wenn die Leute das artige, nette Mädchen lobten, und ich meinte wirklich, es fei zu schade um sie für gewöhnliche Haus- und Küchenarbeit. Ich wollte ein Fräulein daraus machen, — und ich habe ein Fräulein!" setzte er bitter auflachend hinzu, — „eine stolze, hochmüthige Puppe, welche die Nase rümpft und Einwendungen macht, wenn ich sage: Lieschen, am Sonntag Nachmittag gehe ich mit Dir spazie­ren! Gott, wer hätte das gedacht?"

Unwillig warf der Meister feine lange blaue Schürze über die Knie, griff zu einem halbfertigen Stiefel und zum Hammer und schlug so laut und heftig daraus los, als wolle er die verdrießlichen Gedanken davonjagen, die ihn quälten, ober als hätte er bie Volans unb Plissee's, die Fransen und

von bem Präsidenten bet General - Versammlung, Herrn Dr. Steinmetz, mit einem herzlichen „Will­kommen" an ben anwesenden hochwürdigen Herrn Bischof, bie anderen anwesenden Geistlichen und Gäste. Hierauf brachte der Präsident der „Har­monia", Herr Wasserburger, einen Toast auf Papst Leo XIII. unb ben Kaiser unb König aus. Der zweite, von bem Kaufmann Herrn Patheiger aus­gebrachte Toast galt bem beutschen Episkopat, ins- befonbere unserem Herrn Bischof Dr. Komm. Von ben Herren Bischöfen von Breslau, Köln, Fulba, Luxemburg, Münster, Paberborn unb Würzburg waren Glückwunschschreiben eingelaufen, welche vor­gelesen unb mit großer Freude begrüßt wurden. Der Herr Bischof Dr. Korum dankte für sich und Namens feiner Amtsbrüder für die ihm seitens der kaufmännischen Kongregationen und kathol. kauf­männischen Vereine entgegengebrachte Liebe und drückte wiederholt feine innigste Freude über die großen Ziele und Zwecke derselben aus. Mittler­welle war ein Schreiben eingegangen, durch wel­ches unser Papst Leo XIII. aus die desfallsige Bitte der Herren Präsides der kaufmännischen Kongre­gationen und katholischen kaufmännischen Vereine dem Verbände und dem gegenwärtigen Kongresse den apostolischen Segen erthellte. Dieses gab dem Präsidenten Herrn Dr. Steinmetz Veran­lassung, auf den heil. Vater nochmals ein drei­faches Hoch auszubringen. Fernere Toaste wurden ausgebracht von den Herren Glasmaler Binsfeld auf den gefammten Verband, Schmitt aus Fulda auf die Stadt und Bürgerschaft Trier und von Herrn Schlesinger auf die in der Verbannung weilenden Pr.ester der Gesellschaft Jesu. Zwisch _.t den einzelnen Reden spielte das Orchester, und der Chor der „Harmonia" sowie ein Quartett aus Koblenz erfreuten die Versammlung mit mehreren Gesangstücken. Von Herren Dr. Windthorst, Dr. Freiherrn v. Schorlemer-Alst, Herrn Dr. Lieber, Freiherrn v. Kesseler, Dr. Freiherrn v. Hertling und mehreren anderen Herren waren Glückwunsch­schreiben eingegangen.

'Bingen, 26. August. Am kommenden Montag, den 1. September, findet in Alzey eine

Quasten an ben Kleibern seines stolzen Töchterchens in taufenb Fetzen zu zerhauen. Schweigend verließ bie Frau bie Werkstätte unb dachte bei sich: „Konnte es denn anders kommen."

Meister Kamp war ein braver, biederer, fleißi­ger Handwerker, der sich Tag für Tag, Woche für Woche, jahrein jahraus redlich geplagt hatte, und ba er folib, sparsam unb anspruchslos war, sich höchstens hier unb ba ein Glas Bier gönnte, und da ferner feine Frau das Muster einer tüchtigen Hausfrau, so hatten die Leute es mit der Zeit zu einem gewissen Wohlstände gebracht, wenigstens für ihre Verhältnisse. Das Häuschen, das sie bewohn­ten, hatten sie angekauft und langsam abbezahlt., — jeden Nickel hatten sie bei Seite gelegt und gespart; das Geschäft ging gut, da man gerne bei dem reellen Manne, der fein Handwerk gut ver- stand, arbeiten liefe; Krankheiten hatten bie Fami- lie ziemlich verschont und so war es gekommen, bafe Meister Kamp mit ber Zeit ohne allzu große Sorge leben unb sich für bie alten Tage auch noch ein Sümmchen zurücklegen konnte.

Sie hatten zwei Kinder, einen Knaben unb ein Mädchen. Der Knabe war aber in zartem Alter gestorben, Und so halte sich bie ganze Liebe der Ellern, die von der Welt nichls kannten, als ihre tägliche Arbeit, die Kirche und höchst selten einmal ein kleines Vergnügen, auf das einzige Töchterchen konzentrirt, das denn auch, wie es in solchen Fäl­len gar zu leicht zu geschehen pflegt, verhätschelt