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1884

Montag, den 25. August

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Manchefterthum und Getreidezölle.

Die Frage der Erhöhung der Getreidezölle be­reitet der liberalen und freihändlerischen Presse sehr viel Kummer, insbesondere seitdem die offiziösen Organe durch fortgesetzten Abdruck von Artikeln, welche eine solche Erhöhung im Jnteresie der Land- wirthschaft verlangen, eine bemerkenswerthe Sym­pathie für diese Bestrebungen an den Tag legen. Wenn man bedenkt, daß 60 pCt. der Einwohner des deutschen Reiches Ackerbau treiben und somit an dieser wichtigen Frage ein unmittelbares Jn- tereffe haben, kann man sich das ängstliche, unbe­hagliche Gefühl der Liberalen gegenüber der Frage der Getreidezoll-Erhöhung einigermaßen erklären. Die bäuerlichen Kreise sind leider bisher noch nicht allenthalben genügend über die Vortheile und die Tragweite der landwirthschaftlichen Schutzzölle un­terrichtet , aber das Manchefterthum sieht mit Schrecken, wie die Belehrung und die besiere Er- kenntniß allmählich immer tiefer in das Landvolk eindringt, und deshalb gerade kommt ihnen das neue Schlagwort für die Reichstagswahlen so un­gelegen. Wie in der Handwerkerfrage, so wird es auch in der Bauernfrage bald heißen: „Farbe be­kennen," und wenn nicht alle Zeichen trügen, wer­den bei diesem „Farbe bekennen" dem Liberalis­mus die letzten Reste der Sympathieen des Mittel­standes verloren gehen. Die Nationalliberalen glaubten, einen recht klugen Streich zu machen, als sie bei ihrer „Wiedergeburt" auch die Bauernfrage und speziell die landwirthschaftlichen Schutzzölle in den Bereich der Erörterung zogen. Jedoch nur in Süddeutschland konnten sie mit dieser Lockspeise operiren, dort war sie ihnen unentbehrlich, um auch die bäuerlichen Wähler ihren Bestrebungen geneigt zu machen; in Norddeutschland, insbeson­dere am Rheine, wäre es dagegen mehr als gesähr-

3 Das Bildhäuschen.

„Vater, aber wo bleibt Ihr? Gott sei Dank, daß Ihr da seid; hab' ich doch Furcht gehabt!" Und ein Licht kam aus der Hausthüre und leuch­tete den Wanderern entgegen. „Gelt," meinte der Müller halb scherzend, halb im Ernst, „was ich für ein forgsam Kind besitze, ganz wie meine Frau, Gott habe sie selig!" Daß dem Jüngling die Nöthe in's Gesicht und noch größere Befangenheit als bei der Begegnung des Vaters auf die Zunge kam, wird das Wesen jungfräulicher Reinheit leicht er­klären. Dem hatte auch der Müller in feinem Zart­gefühl, was sonst gewöhnliche Leute nur für sich, nie aber für Andere besitzen, vorzubeugen gesucht, obgleich gerade diese schöne Scheu ihm den jungen Mann doppelt wenh m chen mußte. Auch das Müllerstöchterchen war betreten und wurde dann ganz verwirrt, als der Jüngling treuherzig grüßte. Sie ging schnell in die Küche. „So recht," rief ihr der Müller nach; „allein bringe zum Esten auch eine Flasche vom Besten!" — Währenddem nun das Märchen die Speisen richtete, benutzte der Jüngling die Zeit, um dem Müller leise zu sagen, wie er durchaus nicht gesonnen sei, auf die Ver­sprechungen des Brieses zu bauen; wenn es Gottes Wille so sei, io würde cs sich ja ersehen lasten. „Wollt' ich Euch auch sagen, junger Mann — doch ich laste wohl die Scheidewand des Ihr fallen — Du kannst Dir denken," fuhr der Müller zu-

lich gewesen, die Getreidezölle als Aushängeschild zu benutzen. Daher denn die seltsame Erscheinung, daß in der Heidelberger Erklärung ausdrücklich ge­sagt wurde, „man würdige in vollem Maße nament­lich die gegenwärtige Lage der deutschen Land- wirthschaft und werde unbefangen die aus der Nothwendigkeit der Erhaltung dieser wichtigen Grund- veste unseres Volkes hervorgehenden Anforderungen prüfen", daher die weitere Thatsache, daß auf dem bald darauf folgenden Parteitage in Neustadt, wie auch in mehreren anderen süddeutschen Versamm­lungen die Getreidezölle in sehr wohlwollender Weise erörtert wurden, daß dagegen in Berlin und namentlich bei der so prahlerisch herausgestrichenen Elberfelder Kundgebung die Frage der Getreide­zölle auch nicht mit einer Silbe erwähnt wurde. Noch seltsamer als dieses augenscheinlich wohlbe­rechnete Schweigen mußte es berühren, daß die ,Köln. Ztg.' in einem angeblich wörtlichen und aus­führlichen Referate über eine Rede des nationallibe­ralen Landraths Knebel zu Kreuznach die Ausfüh­rungen des Redners über die Getreidezölle ganz unterdrückte, während in dem ersten vorläufigen, wahrscheinlich nur flüchtig revidirten Berichte des­selben Blattes über die Kreuznacher Versammlung der Erhöhung der Getreidezölle in bestimmtester, und zwar ablehnender Weise gedacht war. Daß System in der Sache war, liegt nur zu klar auf der Hand. Wie lautete aber die Stelle der Knebel'schen Rede, welche die ,Köln. Ztg.' nachträglich gerne vergessen machen wollte? Herr Landrath Knebel hatte gesagt, „daß die nationalli^eräbe Par­tei nicht für Erhöhung der Getreidezölle stimmen werde; allerdings könnten sich innerhalb der Par­tei Mitglieder finden, die an sich höheren Korn­zöllen nicht abgeneigt seien, aber man werde doch gegen eiaeErhöhung stimmen, weil man mildem Zolltarif eine ehrliche Probe machen und nicht fort­während daran rütteln wolle." Diese lehrreiche Erklärung des nationalliberalen Abgeordneten, der jedenfalls über die Absichten der Parteileitung ge­nau unterrichtet ist, verdient gewiß die allgemeinste Verbreitung, besonders auch in Süddeutschland, damit die Wähler erfahren, was sie von den Na-

traulich fort, „daß ich dem Kinde nichts gesagt habe; Du wirst auch schweigen und in nichts etwas zu Tage treten lassen; nur was Gott will, ist wohlgethan." Mit solchen Reden war es jetzt frei- lich vorbei, eben wurde der Tisch gedeckt; den Müller wunderte es aber nicht, wie sein sonst so muthwilliges Kind ganz scheu war und kein Wort sprach, hatte es ihm der Geselle ja ebenfalls an» gethan, und weibliche Augen sehen oft schärfer. Nur nach dem Esten, als die Beiden noch auf gut Zusammenbleiben anstießen, setzte sie sich herbei und lauschte zu von Wanderfahrten, welche die Väter einst int deutschen Reiche gemacht. „Doch es wird spät, und Du bleibst ja ohnedies jetzt als Geselle hier; es ist am Ende doch nichts Besseres, als wenn man unter seinen Leuten ist." Und dann ging man schlafen; es ward ganz still, nur das Mühlrad ging und der Wald rauschte. Ein Ge­witter zog über die Berge; als es verzogen war, stand der Himmel blauer als je über den einsamen Wäldern.

Der Gast wurde von nun an dem Alten von Tag zu Tag lieber; rüstig und geschickt in der Ar­beit, stets unverdrossen und munter und in allem Thun voll herzlicher Frömmigkeit, das muß ja ge­fallen. Zu jeder Arbeit wußte er noch ein fröhlich Wort, und mochte Eines noch so trüb und miß- launt fein, der Geselle brachte es zum Lachen. Auch in der alten Brust regt sich noch ein Gefühl jun­ger Seligkeit; man braucht nur die Asche wegzu-

tionaHiberalen auch in diesem Punkte zu erwarten haben. Oder wollen die Herren in Süddeutschland in dieser wichtigen Frage ihre eigenen Wege gehen? Das wäre ja wieder ein artiger neuer Beweis für die großartige „Einigkeit" der Partei! Aber wir schenken nationalliberalen W o r t e n mit gutem Fug absolut keinen Glauben mehr.

Was nun die Frage der Getreidezölle und die manchesterliche Agitation gegen die heutigen Zölle und noch mehr gegen ihre Erhöhung anbelangt, so wird ja die freihändlerische Presse nicht müde, von der angeblich so starken und unerträglichen Be­lastung der breiten Volksschichten zu faseln, welche die Getrerdezölle im Gefolge haben sollen. Daß diese Behauptung eine dreiste Erfindung ist, daß also die Lebensrnittel durch die Zölle nicht ver- theuert worden sind, ist oft genug an unwiderleg­lichen Thatsachen ziffermäßig nachgewiesen worden. Einen sehr interessanten Beleg dafür haben uns übrigens im vorigen Jahre die freihändlerischen Blätter selbst geliefert, und zwar bei Gelegenheit der russischen Zollerhöhungen. Damals erhob die ganze manchesterliche Presse ein gewaltiges Klage­geschrei ; die an sich für den deutschen Export ge­wiß bedauerliche Zollerhöhung wurde als eine Repressalie Rußlands gegen den deutschen Zoll- Tarif ausgelegt. Und um die Beschwerden des deutschen Handels und der Industrie gegen diese Zollmaßregel zu motivireu, stand das Man- chesterthum gar nicht an, zu erklären, der deutsche Industrielle könne jetzt, da er die 10% Zoll zu tragen habe, nicht mehr mit dem russischen konkuriren, er müsse entweder seine Preife so niedrig stellen, daß an feinen Gewinn mehr zu denken, oder er müsse auf die Ausfuhr nach Ruß­land ganz verzichten. Mit einem Worte, die frei* händlerische Presse bekehrte sich hier plötzlich zu dem von schutzzöllnerischer Seite stets behaupteten Satze, daß der ausländische Export den Z'oll trage. Aber haben wir denn nicht tausend­mal hören müssen, daß der Getreidezoll ausschließlich dem inländischen Konsumenten zur Last falle, ja daß ungeheuerlicher Weise nicht nur das importirte Getreide, sondern der gesummte inländische Ge­blasen, so erwacht sie. Um Alles in der Welt hätte der junge Mann nicht weggedürft, so unentbehrlich ward er von Tag zu Tag dem Müller, ein Zeichen des echten Werthes, der im Gesellen schlummerte; schlummerte, denn, was das Schönste war, er selbst ahnte es nicht. Auch das Mädchen ward etwas zutraulicher, so nach Art von Kindern, die selbst nicht wissen, was es mit ihnen ist, die wie zwei Thautropfen in einander fließen, um den Himmel gemeinsam abzuspiegeln. Wenn der alte Müller manchmal am Abend die Zwei so sah, das Eine mit Wasser, die Pflanzen zu begießen, während das Andere treuherzig oft zu viel herbeihvlte, so strich er sich über die Augen, als sei er selbst noch jung. Dort, mitten im Garten stand ja noch die Linde, wo seine gute Frau so oft mit ihm gesessen oder ihm, leise Hinterm Rücken herbeikommend, die Augen zugehalten hatte. Am meisten Sorge hat­ten aber die Beiden für ihn selbst; sie hätten ihn, wie man sagt, auf den Händen tragen mögen. Sonntags mochte man bann die Drei zum Dorfe über dem Wald zur Kirche gehen sehen; wenn dann die Bauernburschen au der Kirchlinde flüster­ten, ward sie ganz roth und wandte sich zum Ge­sellen, als ob der sie schützen müsse. Doch das war auch nicht ohne, des Müllers Marie galt als gute Partie; seitdem jedoch der fremde Bursch auf der Mühle sich befand, schien sie sür's Dorf ver­loren. Wenn der Leser nun weiß, wie Landleute daraus sehen, daß alles Gut und Geld bei Orts-