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192.

Freitag, den 22. August

1884.

i

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O Die Handwerkerfrage.

I.

Ob der Bundesrath bei seinem Wiederzusam­mentritt den Reichstagsbeschluß über den Lehrlings­paragraphen annehmen wird, oder nicht, läßt sich mit Gewißheit nicht voraussagen. Viele neigen jetzt zu der Ansicht hin, daß der Bundesrath aus Gründen der Wahlpolitik vielleicht in letzter Stunde, kurz vor den Wahlen, den Beschluß zum Gesetz erheben könnte. Jedenfalls muß mit dieser Mög­lichkeit frühzeitig gerechnet werden, und werden wir es wahrlich nicht an Bemühungen fehlen lassen, um zu verhindern, daß die mit einem solchen Schritte etwa bezweckte Einwirkung auf die Hand­werkerkreise den Tendenzen und Bestrebungen der hanvwerkerfreundlichen Parteien etwa schaden könnte. Man sieht in manchesterlichen Kreisen allmählich ein, daß die Handwerkerbewegung, über welche bisher fast nur die Achseln gezuckt worden sind, nach­gerade einen Umfang und eine Bedeutung annimmt, daß sie nolens volens als wichtiger Faktor bei den Wahlen in Betracht gezogen werden muß, und daß die Handwerkerbewegung den beiden hand- werkerfreundlichen Parteien, dem Centrum und den Deutschkonservativen, voraussichtlich sehr zu gute kommen wird. Diese Erkenntniß kommt bei den Nationalliberalen und Deutsch-Freisinnigen, wie auch den Demokraten und Sozialdemokraten allmählig immer stärker zum Durchhruch, und die Nationalliberalen haben schon den ersten Anfang gemacht, den unangenehmen Konsequenzen dieser Situation in ihrer Art vorzubeugen. Das hierbei angewandte Mittel ist aber so naiv und plump, daß selbst der einfältigste Handwerksmann den vermeintlichen Kniff durchschauen kann. Das Central­organ der Partei, die .Nationalliberale Korrespon­denz', welche schon vorher die Handwerker im Scheine natürlichen Wohlwollens mit schönen Phra­sen mancherlei Art beglückte, hat jetzt nämlich plötzlich die Entdeckung gemacht, daß man „selbst von ihrem Standpunkte dazu kommen kann, die Gutheißung des Antrages Ackermann durch den Bundesrath, nachdem er vom Reichstag einmal

angenommen, zu wünschen". Wenn man diesen Satz allein und außer dem Zusanimenhange liest, so wird man kaum seinen Augen trauen über die nationalliberale Bekehrung. Denn jüngst haben die Herren ja noch einmüthig ihre Stimmen gegen den Lehrlingsantrag in die Wagschale geworfen. Erst die diesen Umschlag der Gesinnung begleitende Motivirung läßt klar erkennen, welche Bewandtniß es mit dem nationalliberalen „Wunsche" hat. Wir haben über die Offenheit gestaunt, mit welcher die ,Nationall. Corr.' die innersten Gedanken und Be­rechnungen der Partei ohne Scheu vor aller Welt auskramt. Aller Phrasen und alles überflüssigen Beiwerks entkleidet, lautet die Motivirung des obigen „Wunsches" dem Sinne nach etwa so: „Der Antrag Ackerniann ist ein uns wie der Re­gierung unbequemes Agitationsmittcl, durch welches die Handwerker bewogen werden, die innungs­freundlichen Parteien bei der Wahl zu unterstützen. Es würde viel gewonnen sein, wenn man dieses Agitationsmittel unschädlich machen könnte. Das Beste ist, der Reichstagbeschluß erhält die Geneh­migung des Bundesrathes, damit die Handwerker zu dem Glauben kommen, man sei ihren Interessen wohlgeneigt, und die Anbahnung obligatorischer Innungen sei im besten Flusse. Wir sind zwar vor wie nach prinzipiell gegen den Antrag und vor allem gegen die obligatorischen Innungen, aber die Annahme des Antrages kann keinen Schaden anrichten, weil ja die Regierung es ganz in der Gewalt hat, von d-n Befugnissen des Para­graphen Gebrauch zu machen oder nicht. „Es kann aber doch recht lange dauern, bis das Sehnen dieser oder jener einzelnen Innung erfüllt würde," und wenn einer Innung wirklich das alleinige Recht )es Lehrlinghaltens gewährt würde, so bliebe den Jnnungsgegnern unter den Handwerksmeistern immer noch die Einrichtung eines fabrikmäßigen Betriebes mit jugendlichen Arbeitern als Ausweg offen." — Wahrlich, ein herrliches Bekenntniß, wür­dig der Partei, dessen Hauptorgan sich dazu ver- liegen hat. Muß der ehrliche deutsche Handwerks­mann nicht vor Zorn erbeben, wenn er sieht, wie die nationalliberale Sippe ihn an der Nase herum­

führen will, wie sie ihm gewissermaßen sagt „Lieber Gevatter Schuster und Schneider, Jh seid zu dumm, um einzusehen, daß Euch der Lehr: lingsparagraph doch nichts Helsen wird, darun wollen wir Euch den in der Hand der Regierung ganz unschuldigen Zusatz zum § lOOe gerne gönnen ihr werdet dann ja vollständig zufrieden sein und dem ken, die besten Nationalliberalen und die liebe Regie rung meinen es ja so gut mit uns, ihnen können wis bei den Wahlen unser Schicksal ruhig anvertrauen nach den Wahlen werden wir dann hoffentlich mi Eurer Hilfe stark genug aus dem Plane erscheinen um die ganze Jnnungsbewegung nachdrücklich auf zuhalten, ihr jede gesetzliche Weiterbildung abzu schneiden". — Der nationalliberale Plan ist wirklick von einer verblüffenden Unverschämtheit, und ei gibt kein besseres Gegenmittel gegen denselben, als ihn der deutschen Handwerkerwelt recht klar un! verständlich vor Augen zu führen. Wenn die Na tionalliberalen gefürchtet haben, der nicht ange nommene Antrag Ackermann sei ein wirksames Agitationsmittel, und dieses müsse deshalb besei tigt werden, so haben sie uns durch ihre über große Offenheit diesmal selbst ein Agitationsmitte an die Hand gegeben, welche selbst im Falle de Annahme des Reichstagsbeschlusses noch weit wirb samer sein dürfte, als jenes.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. August, i

* Die unerquickliche Schlözer-Affa ire wird,s statt endlich einmal zu den Akten geschrieben zu: werden, durch die gegenseitigen Reibungen der Tagesblätter immer verwickelter und es ist wahr­lich hohe Zeit, wie die ,Germ.' treffend bemerkt,; daß man diese Angelegenheit nicht ferner durch offiziöse Preßtrabanten verdunkeln läßt, sondern kompetenterseits mit aller Bestimmtheit erklärt, was von der ursprünglichen Nachricht des .Ham­burger Corresp.' wahr und was nicht wahr sei. Die Katholiken dürfen doch wohl erwarten, daß man mit der erhabenen Person unseres geistlichen Oberhauptes kein frevelhaftes Spiel treibe,

Das Bildhäuschen.*)

Wenn wir Kinder an stillen Sonntagabenden ins lichte, grüne Thal voller Blumen und Abend- roth herniedersprangen, so wurde das herzliche Geplauder und Lachen immer etwas unterbrochen beim Anblick eines Bildhäuschens zwischen wildem Rosengezweig dicht am Pfad. Was doch das Ge­flimmer des einsamen Lämpchens vorm Mutter­gottesschrein für Grausiges hatte? Gibt es ja nichts Lieblicheres, als ein Licht, das die Liebe angezündet hat, damit Gott nicht blos von den Sternen gelobt werde. Und mancher an Leib und Seele verirrte Wanderer in stürmischer Herbstnacht, wenn der Regen tropft und das Rothlaub vom Baume raschelt, mochte sich am goldenen Schein der Lampe zurechtgefunden und für den Trost in der Finsterniß gedankt haben. Daß wir aber den­noch gar scheu am Bildhäuschen vorbeigingen, wer will es uns verargen? Bald war eine butige Ge­stalt mit drohend erhobenem Finger dort gesehen worden, dann hatte man ein Schluchze» und Schreien der Verzweiflung gehört. Nachbars Phi­lipp wußte von der Mutter, wie'S Nachts stark an die Fenster klopfe und nicht ruhe, wenn das Licht einmal vergessen oder dem Verflackern nahe war. Kurz, richtig war's nicht. Ich fragte wohl

*) Aus den Erzählungen von Dr. F. A. Muth (Frank­furt a. 2)t., 21. Foeßer Nachfolger).

hier und dort, was das Alles zu bedeuten hätte, hörte aber nur Zerstreutes, was ich mir dann zu sammeln und auszumalen hatte, worauf ich noch scheuer am nebeligen Herbstabend vorüberschlich und vor dem Bildschrein ein großes, großes Kreuz schlug.

Wir finden uns mitten im Schneemonat abseits vom Dorfe in einer Waldmühle. Die Räder stehen < still im eisigen Wasser, Dach und Bäume schauen in ihren Schneekappen ganz bedächtig drein. Eben tritt der Briefbote aus der Hausthüre und be­schleunigt seine Schritte, denn es wird früh Abend und Nacht. Ein Brief, das war eine Seltenheit für die Müllersleute, deshalb umstanden sie auch neugierig den Vater, der seine alte Brille hervor­zog, die Handschrift musterte und vorsichtig das Siegel erbrach. „Aber, ich onmmer Kopf," brach er auf einmal aus, als er schnell die Unterschrift herausgefunden, „hält' doch die Hand kennen können! Sind wir Zwei doch so lange mit einander auf der Wanderschaft gewesen." Als er nun zu­erst den Brief für sich gelesen hatte, legte er ihn nieder: „Was das für eine gute Nachricht ist, und eine gute Seele, mein alter Anton, der ihn geschrieben!" Dann las er in vielen Absätzen. Der Müller hatte einen Jugendfreund, ebenfalls Müller, der weit weg im Gebirge wohnte. Schon vor Jahren nun war diesem die Frau gestorben, und er hatte so allein mit dem einzigen Kind, einem Mädchen, gehaust. Das wird aber nach­

gerade langweilig, und so sehnte sich bei wachsen­dem Alter und vieler Arbeit der Wittwer nach einem Schwiegersohn. Und gerade davon handelte der Brief. Schwiegersöhne könne er mehr als Vogelkirschen schon bekommen, nur wünsche er mit seinem alten Freunde in Verbindung zu bleiben. Deshalb möge einer von dessen Söhnen im kom­menden Frühjahre sich auf die Wanderfüße machen; es werde sick bann ersehen lassen, ob die jungen: Leutchen sich vertrügen. „Und nun," meinte der Alte, indem er den Brief zum zweiten Male nie-, derlegte, „müssen wir einmal die ganze Sache mit Gott überlegen; es ist wohl recht schön, was da steht, aber ihr wißt, was von einer guten Ehe: abhängt und wie wenig Ehen im Himmel ge­schlossen werden." Damit war's abgethan; man - aß und legte sich zu Bette.

Am folgenden Sonntage klopfte es beim Herrn; Pfarrer an; auf ein freundliches „Herein!" grüßte ’ unser alter Müller. Er mar wohl anfangs trotz seiner Jahre etwas verlegen, nach und nach brachte ■ er doch seine Sache vor. Er wisse, wie fein Seel- ! forger es so gut mit allen Pfarrkindern meine, und wie derselbe ja auch noch besser als er selbst die verschiedenen Söhne kenne; was er ihm rathe; auf eine gute Versorgung sehe wohl schon jeder = Vater, aber es sei doch eben nicht die Hauptsache. ‘ Dem geistlichen Herrn gefiel die einfache, schlichte Auseinandersetzung recht sehr, zumal so viele an- i dere Leute meinen, das Alles gehe den Geistlichen