1884
Donnerstag, den 21. August
M 191
Fuldaer
Deutsches Reich.
lichen Gesinnung erhalten, wie er gründlicher und bester kaum gedacht werden kann. Ein hervorragendes nationalliberalcs Blatt produzirte vor wenigen Tagen einen angeblichen Brief des deutsch- freisinnigen, vormals sezessionistischen, ehedem nationalliberalen Abg. Rickert, der diesen Mann als einen vollendeten Lump und ehrlosen Charakter kennzeichnete. Dieser Brief hat sich aber alsbald als eine perfide Fälschung und Verleumdung herausgestcllt. Der Vorfall wirst ein grelles Schlaglicht auf die Kampfesweise einer Partei, die in der Erinnerung an einen gewissen in ihrem Solde beschäftigten Konitzer unseligen Angedenkens doch wahrlich allen Grund hätte, im Punkte der persönlichen Verdächtigung und Verläumdung vorsichtig zu sein. Und dazu war Rickert ja viele Jahre hindurch einer der ihrigen, ja sogar ein hervorragendes Mitglied der Partei. Seinen Charakter in der schmählichen Weise anzuschwärzen, wie es jener gefälschte Brief gethan, dessen Beschuldigungen theilweise sogar die weiland nationalliberal« Aera des Herrn Rickert betreffen, das heißt denn doch sich selbst mit Koth bewerfen. Aber darin zeigte sich eben die ganze servile, nur dem jeweiligen Erfolg huldigende Charakterlosigkeit dieser Partei, welche heute einen Rickert und Bamberger in der ungeheuerlichsten Weise verlästert, Männer, auf welche sie einst mehr als stolz war. Wir wollen den Raum nicht unnütz verschwenden, sonst würden wir diesen biederen Lakaienseelen einige Proben aus den
Zur Wahlbewegung.
Trotz der verzweifelten Anstrengungen der „Wiedergeborenen" von Heidelberg, den Wahlkampf schon jetzt zur höchsten Leidenschaft zu steigern, will die Wahlbewegung im Volke nicht recht vom Flecke. Die Marktschreierei und das Hetzen und Wühlen der nationalliberalen Presse thut's eben allein nicht; es kommt am letzten Ende doch immer auf die Empfänglichkeit der großen Wählennassen für die Agitation an, und von einer solchen ist noch nicht viel zu merken. Die Herren Nationalservilen, scheinen schon herausgemerkt zu haben, daß ihre bisherige Art der Wahlagitation, insbesondere im Kampfe gegen die Deutsch-Freisinnigen, noch nicht die rechte Zugkraft hatte; deshalb sannen sie jüngst auf einen ©eenen» und Dekorationswechsel und führten zur Abwechselung in dem bekannten rheinischen Parteiorgane einen etwas veränderten Schlachtplan dem Publikum vor Augen. Die Freisinnigen, welche bis dahin bis auf's Messer bekriegt wurden, und von denen auch nicht ein Einziger vor dem Richterstuhle der nationalliberalen Kritik bestehen konnte, sollen nun wieder in Schutz und Obhut genommen werden, soweit sie sich nicht gar zu wild und unbändig auf pure Negation und Opposition verlegen, dagegen sollen Die Hof- und Hochkonservativen, die jetzt schon kurzweg als „Klerikale" mit dem Centrum in einen Topf geworfen werden, den ganzen Zorn der kulturkämpferischen Meute fühlen. Der Scenenwechsel war ja ganz gut ausgedacht und konnte auch von Niemanden tragisch genommen werden, weil die bleierne Langeweile von beinahe vollen zwei Monaten vor den Wahlen jedenfalls noch mehrmals weitere Verschiebungen der Parteitaktik erforderlich machen wird, um die Wahl« ausregung auf einer paffenden Höhe zu erhalten. Wir können uns über diese nationalliberale Parteitaktik nur freuen, denn es ist ja eine bekannte Erfahrung, daß es ein sehr undankbares Geschäft ist, mit zwei Parteien zugleich scheinbare Freundschaft zu halten, aber mit Niemanden ganz und aufrichtig. Die deutsch-freisinnige Partei hat auch allsogleich einen Beweis der nationalliberalen bundeSgenoffenschaft-
Beifalls der f»genannten „Nationalliberalen" erfreuten. Und — das fei besonders betont, nicht Rickert und Bamberger haben seitdem ihr Wesen und ihre Stellung verändert, sondern jene vorlaute Schaar, die für ihre Schwenkungen und Schwankungen keinen anderen Grund Vorbringen kann, als den „offenkundigen Wunsch des Fürsten Bismarck". Ob diese Leute wohl glauben mögen, der Kanzler habe auch nur das geringste Gefühl der Achtung für sie? — Wir dürfen auf
Parlamentsberichten und den Preßhuldigungen der nationalliberalen Williardenaerg vorführen, in
keinen Fall annehmen, daß die nationalliberale Bedientenart ihm imponiren könnte. Allerdings, Fürst Bismarck ist Realpolitiker, er findet, daß die Nationalliberalen gerade wegen ihrer Charak- terlostgkeit die brauchbarsten Werkzeuge für feine Pläne sind, und darum hat er gar nichts dagegen, daß man ihm die Fäden in die Hand drückt, welche den nationalliberalen Hampelmann zu allen beliebigen Stellungen und Sprüngen zwingen. Bei dieser offenkundigen Situation muß es geradezu komisch berühren, wenn die ,Nordd. Allg. Ztg/ vor wenigen Tagen mit salbungsvoller Miene national- liberale Artikel zum Abdruck bringt, welche „vom ethischen Standpunkte aus" die Berechtigung des gemäßigten Liberalismus und seine Abneigung gegen die „Freisinnigkeit" erörtern und den „Nationalliberalismus" als „jenen edlen, hochsittlichen Liberalismus" preisen. Wenn die Nationalliberalen hören könnten, wie Fürst Bismarck über ihr Gebühren lacht, wenn er allein ist! Daß sein Leiborgan trotzdem dem Nationalliberalismus einige wohlfeile Schmeicheleien bietet, ist nicht zu verwundern, Fürst Bismarck ist ja Realpolitiker, und für feine Realpolitik gebraucht er eben solche Leute, wie die Nationalliberalen einmal sind.
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• Berlin, 20. Aug. lieber die Zusammenkunft in Varzin cirknliren hier Gerüchte, welche der Korrespondent der.Franks. Ztg.' nur mit Vorbehalt wiedergibt, weil auch die ,Nat.-Ztg/ davon ________ , _T_,_________ _____ . .... ... Notiz nimmt. Danach habe es sich um 3lbroebr« denen die RickertHrd Bamberger sich des lautesten 1 maßregeln gegen anarchistische Umtriebe gc- “ ' ' " handelt; es sei ein Einvernehmen erzielt, und der
Zutritt Rußlands und der übrigen Staaten gesichert. Ferner würden Deutschland und Oesterreich bestimmt, formirte Forderungen bezüglich der Entschädigung ihrer Unterthanen für Verluste in Alexandrien stellen. Auch die Dreikaifer- zufammenkunft wird ernst genommen, und die Verschiebung der rheinischen Manöver damit in Zusammenhang gebracht. — Ferner spricht man von einer europäischen Konferenz im Herbst in
Ei« Abenteuer i» der Sylvesternacht.
Zu Zeiten, als man noch so trank, Daß manch' Einer unter die Bank versank — lebte in der hochberühmten Reichs- und Kaiserstadt Aachen ein Nachtwächter mit Namen Blasius Knopfe, den man schlechtweg nur „Knöpche" nannte.
Dieser würdige Mann war seines guten Humors wegen allgemein beliebt und stand außerdem in besonders freundschaftlichen Beziehungen zu spät aus dem Wirthshause heimkehrenden Herren. Und das war so:
Anno dazumal gab's noch keine Gaslaternen, ja nicht einmal regelrechte Oellampen in den Straßen, und wer Licht haben wollte, mußte selbst dafür sorgen. Das geschah nun oft, daß schwerfällige und schwankende Herren in der Nacht aus dem Wirthshause heimkehrten, die ohne Licht sicherlich auf dreimal zweimal den Hals gebrochen hätten. Solche Herren ließen sich dann von ihren Dienstboten heimleuchten; für bedientenlose Herren aber besorgten die Nachtwächter gegen ein gute« Trinkgeld gerne dieses Amt, denn sie waren beständig mit einer Laterne versehen. Damals sahen die Nachtwächter nicht so friedfertig aus wie heute. Sie trugen erstens einen langen Spieß oder Speer unter'm Ärm, womit sie die Räuber und nächtliche Gespenster lautlos durchbohrten, damit kein friedliebender Bürger durch Schuß und Knall ans seinem Schlafe gestört werden möchte. Dann hatten
sie den Kopf mit einer großen Pelzmütze und die Ohren mit dicken lüft- und wafferdichten Ohren- klappen bedeckt, daß sie sich nicht bei jedem unbedeutenden und nichtssagenden Geräusch zu beunruhigen brauchten,
Um die Räuber, Mörder und andere Miffethä- ter schon von Weitem auf die stadtbeschützende Macht aufmerksam zu machen und ein unnöthiges Blutvergießen zu vermeiden, trugen die Nachtwächter schwere Holzschuhe. Ferner waren sie, wie oben bemerkt, mit einer Laterne versehen, welche damals die Straßenbeleuchtung vertrat, und, wie gesagt, den besonderen Zweck hatte, wohlachtbare Bürger bei später Heimkehr vor Arm- und Beinbruch zu bewahren.
Jeder Nachtwächter besaß außerdem einen Spitz- Hund, der ihm bei seinen nächtlichen Kriegszügen als Avantgarde diente und sonst nur den Zweck hatte, während des Stundenrufes zu heulen, verliebte Katzen zu jagen uod geizige Herren, welche ohne nachtwächterliche Beleuchtung heimkchrten, in die Waden zu beißen. Schließlich trug jeder Nachtwächter ein Horn, worauf er nicht blasen konnte und welches gerade bann immer verstopft war, wenn es, wie bei Feuersgefahr, gebraucht werden sollte.
Nachtwächter Knöpche war in einem Punkte von seinen Amtsgenoffen verschieden; jene waren nämlich nur Nachts betrunken, Knöpche war es bei Tag und bei Nacht. Sonst hatte er keinen Fehler.
Eines Tages, oder besser eines Nachts, nämlich in der Neujahrsnacht, spielte man diesem würdigen Manne einen Schabernak, der ihn so angriff, erzürnte und verstimmte, daß er Speer, Laterne und Horn an den Nagel hing und seinen Abschied nahm, und das ging so zu:
Allnächtlich um die zwölfte Stunde fuhr ein Postwagen von Aachen nach Jülich und allnächtlich mußten mehrere aus dem Wirthshaus kommende Herren diesem Postwagen ausweichen, was keine Kleinigkeit war, sintemal Knöche und fein Spitzhund immer Streit mit den Pferden oder dem Postillon bekamen. Dieser Postwagen brachte die Herren auf die Idee, den Knöpche einmal nach Jülich reifen zu lassen, und das führten die Schelme richtig aus. Sie kauften ein Villet, gaben zum Eintritt in das neue Jahr dem Knöpche etwas mehr als zuviel zu trinken und fetzten ihn dann, als er den tiefsten Schlaf des gerechtesten Gerechten schlief, mit lammt seinem Spitzhunde, seinem Speer, seinem Horn und seiner Laterne in voller Amtstracht in den Postwagen. Der Postillon erhielt gegen ein gutes Trinkgeld die Weisung, Den schlafenden Passagier in Jülich auf dem Marktplatz auszusetzen und sich weiter um ihn nicht zu bekümmern. Die Herren aber fanden dieses Mal auch ohne Knöpche ihre Häuser.
Knöpche reifte also nach Jülich, ohne daß er nur die leiseste Ahnung von dieser gewaltsamen Versetzung gehabt hätte. Er kam gegen 3 Uhr