Sonnabend, den 16. August
1884
Fuldaer
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Deutschland und Oesterreich.
Der Besuch des Grafen Kalnoky, des österreichisch-ungarischen Ministers des Aeußern, beim Fürsten Bismarck in Varzin wird mit R-cht von der ganzen Presse als ein Ereigniß von besonderer Wichtigkeit und Tragweite aufgefaßt. Die jüngste Kaiserzusammenkunft in Ischl erhält durch die Be- gegnung der beiden Staatsmänner eine bedeutsame Ergänzung. Daß dieselbe nur ein Akt der Höflichkeit sein, und insofern gleichsam nur den Charakter eines ceremoniellen Gegenbesuches für die letztjährigen Reisen des Reichskanzlers nach Oesterreich haben soll, wird im Ernste Niemand behaupten. Wie zwar in der alljährlich sich wiederholenden Kaiser- entrevue an und für sich kauin etwas mehr zu erblicken sein wird, als eine allerdings sehr erfreuliche neue Bestätigung der zwischen den beiden Monarchen und ihren Reichen bestehenden Freundschaft, so erlaubt auch die Ministerzusammenkunft zunächst keinen anderen Schluß, als den, daß auch das diplomatische Einvernehmen zwischen den beiden mitteleuropäischen Kaiserstaaten in der bisherigen Herzlichkeit fortdauern wird. Da aber der ungetrübte Fortbestand dieser deutsch-österreichischen Allianz schon allein eine sichere Bürgschaft für den europäischen Frieden ist, so muß jedes Anzeichen für die Dauerhaftigkeit und Innigkeit dieser Beziehungen schon an und für sich als ein Ereigniß von europäischer Bedeutung gelten. Ob über diese Beziehungen hinaus politische Vereinbarungen zwischen den beiden Staatsmännern im Werke sind, entzieht sich selbstredend der öffentlichen Kenntniß; deshalb ist es sehr gewagt, wenn einzelne Preßorgane sich schon jetzt in weitschweifigen Erörterungen über vermuthete oder wahrscheinliche Themata der unter vier Augen stattfindenden Konferenz ergehen. Ein Aufsatz der in Wien erscheinenden .Deutschen Wochenschrift' hat einzelnen Blättern Veranlassung gegeben, mit direkter Beziehung auf die Varziner Begegnung Bismarcks und Kalnokys die Frage einer zollpolitischen Einigung der beiden Kaisermächte zu erörtern und diese Frage als eine solche zu behandeln, deren
26 Das Mädchen von Speyer.
'Eine historische Novelle von A. Linden.
11. Kapitel.
Der Kirchhof zu Speyer war von der Wuth der Franzosen verfchont geblieben. Sie hatten die Tobten hier ungestört ruhen lassen und sich mit den Gräbern der im Dome schlafenden Kaiser begnügt, wo sie verborgene Schätze zu finden hofften.
Unter einer Trauerweide, die ihre langen Zweige tief zur Erde niedersenkte, stand ein einfaches schwarzes Kreuz, das durch den Baum so vor dem Wetter geschützt war, daß dieses nicht sehr verderbend darauf einwirken konnte. In der Mitte des hölzernen Kreuzes war ein Eisenblech angebracht, auf oem die Inschrift zu lesen war:
Hier ruht der Rathsherr Martin Burkhard. Geboren zu Speyer, den 15. Mai 1660,
Gestorben daselbst, den 2. Februar 1689. Herr, gib ihm die ewige Ruhe!
Alles war still und öde; Gras und Unkraut wucherten gewaltig in dem jGarten der Tobten; denn seit vielen Jahren war keine Hand mehr geschäftig gewesen, die Wege zu bahnen oder die Gräber zu schmücken. Das Thor stand offen, und der Rost hatte es mit einer so dicken Kruste überzogen, daß es in die Erde gewachsen zu sein schien. Der sterbende Heiland an einem hohen steinernen Kreuze, das sich in der Mitte des Kirchhofs erhob, senkte sein göttliches Antlitz, das felbst im
Lösung vielleicht schon bald zu erwarten sei. Wir glauben nicht, daß dieser Plan gegenwärtig in den Rahmen der Bismarck'schen Realpolitik hineinfällt, und wenn Fürst Bismarck auch in einem Schreiben an den ungarischen Abgeordneten Baußnern im Jahre 1880 jenen Gedanken „als das ideale Ziel" bezeichnet hat, „welches unseren handelspolitischen Transaktionen ihre Richtung anweist," so scheint uns doch die Realisirung dieses idealen Zieles in mannigfacher Hinsicht noch in sehr weiter Ferne zu liegen. Es ist überhaupt ein müßiges Beginnen, über alle möglichen Zwecke der Varziner Begegnung Untersuchungen anzustellen, und wenn wir die obige Kombination der Presse überhaupt erwähnt haben, so geschah es lediglich, um zu zeigen, wohin sich die journalistische Phantasie versteigt, um dem Senfationsdrange des Publikums zu genügen.
Wenn die Meldung richtig ist, daß noch im Laufe dieses Monats in Warschau oder in einer andern Stadt Polens auch eine Zusammenkunft zwischen dem Kaiser von Rußland und einem österreichischen Erzherzoge jtattfinden wird, so würde es außer allen: Zweifel sein, daß auch die Beziehungen Rußlands zu den beiden mitteleuropäischen Kaisermächten fortgesetzt die besten sind, und würde die schon auf der Londoner Konferenz zu Tage getretene diplomatische Einmüthigkeit der drei Kaiserreiche eine neue bezeichnende Illustration erfahren. Alle diese Anzeichen find erfreulich, weil sie die beste Garantie für den europäischen Frieden bilden. Allmählich kommt man ffelbst in Frankreich dazu, stese Friedensgarantien als dem Wohle der Republik dienlich zu erkennen. In dieser Beziehung st eine Auslassung einer einflußreichen Pariser Zei- mng, des .Rational', von besonderem Jntereffe, deren wichtigste Stellen wir daher auch im Wortlaute wiedergeben wollen. Der .Rational' schreibt u. A.: „Diese Friedens-Garantieen sind Frankreich nicht weniger nützlich, als den kontrahirenden Mächten. Ohne gerade unmögliche Allianzen zu suchen, hat sie französische Regierung konstatiren können, daß sie moralische Unterstützung Centraleuropas in dem Streite nicht zu verachten ist, den das Scheitern der Londoner Konferenz zu verewigen droht. That-
Tode voll der Liebe und Gnade leuchtete, mitleidsvoll hernieder, als trauerte der huldvollste Menschenfreund, daß seine Bekenner und Jünger in fremden Landen und in ungeweihter Erde ruhen mußten.
Es war ein heiterer Frühlingsmorgen. Die ewig schaffende Natur, die nie ermüdet, auch die dunkelsten Pfade mit ihrem lieblichen Sonnenschein zu beleuchten, sandte ihre freundlichen Sänger, um die von Menschenhänden angerichtete Verwüstung durch muntere Gesänge zu beleben. Sie flatterten von Baum zu Baum, von Zweig zu Zweig, sangen und zwitscherten, und waren fröhlich und guter Dinge — bis sie plötzlich, wie von einem Zauberschlag getroffen, Alle auf einmal in wildem Geschrei aufflogen und ihre elastischen Wohnsitze verließen — als ein Mann, langsamen Schrittes die Straße herkam und in den Kirhof trat.
Des Mannes Anzug verrieth Armuth und Elend. Er hielt einen dicken Stock in der altersschwachen Hand, auf den er die Last seines Körpers stützte, den er nur schleichend hinzuschleppen vermochte. Ein Keuchen, das zuweilen von einem gedämpften Husten unterbrochen wurde, nöthigte ihn oft stille zu stehen und Athem zu schöpfen. Er schien den Ort, auf dem er sich jetzt befand, nicht zu kennen; denn sein gekrümmter Rücken und sein zur Erde gerichteter Blick erlaubten nur, die seinen Füßen zunächstliegenden Gegenstände zu sehen.
Er kam an einen umgestürzten Grabstein, auf
fache ist, daß die Aufrechterhaltung des Einvernehmens zwischen den drei Kaisern für Frankreich eine Nothwendigkeit geworden ist, die vielleicht vorübergehend sein mag, die zu verkennen man aber Unrecht hätte, so lange die egyptische Frage nicht definitiv geregelt ist. Auf diesem Gebiete hat sich zwischen Frankreich und den drei Kaiserreichen ein stillschweigendes Uebereinkommen gebildet, das den späteren Forderungen der französischen Negierung als Basis dienen wird. Unter diefen Umständen muß Frankreich zu jedem Arrangement sich Glück wünschen, welches darauf hinaüsläuft, den Status quo an den Ufern der Donau und des Timok zu verlängern. Ein Bruch zwischen Rußland und den benachbarten Kaiserreichen wäre sicherlich den Jüteressen Frankreichs schädlich, denn daraus würde eine neue Gruppirung der Mächte auf dem Gebiete der Orient- und Kolonialpolitik folgen. Augenblicklich begünstigen die drei Kaiserreiche die koloniale Ausdehnung Frankreichs und heißen deffen Anstrengungen an den Ufern des Nils gut; falls sie aufhören sollten, im Einvernehmen zu fein, würde England wahrscheinlich einen Bundesgenoffen finden."
Deutsches Reich.
62 Berlin, 15. Aug. Die Affaire Schlö- zer schien durch das vom ,Off. Rom.' gemeldete offizielle Dementi des interimistischen Geschäftsträgers beim Vatikan, des Grafen Monts, in be- riedigender Weise erledigt zu sein, umsomehr als >as ,W. T. B.', dem man nicht mit Unrecht Beziehungen zu offiziösen Kreisen nachsagt, für eine orompte Verbreitung der zwischen dem Grafen Monts und dem Kardinal-Staatssekretär Jakobini u dieser Angelegenheit ausgetauschten Erörterungen Sorge getragen hatte. Höchst peinlich und störend mußte es daher wirken, als sich herausstellte, daß der .Reichs- und Staats-Anzeiger' aus der gewohnheitsmäßig reproduzirten Reihe der Wolff'- chen Depeschen grade das römische Telegramm über das Monts'sche Dementi weggelassen, dasselbe also absichtlich unterdrückt hatte. Für diese Hand -
den er sich niedersetzte, um seinen ermatteten und gleichsam gebrochenen Gliedern Ruhe zu gönnen. Er athmete tief und schwer, und nachdem er sich etwas erholt hatte, sagte er mit einer bald gedämpften, bald wieder belebten Stimme — einem erlöschenden Lichte ähnlich, das auf Augenblicke wieder hell aufleuchtet, um unversehens und plötzlich zu erlöschen.
„Hier finde ich endlich nach langen Leiden Ruhe für meine morschen Glieder! — Neun Jahre lang an die Galeeren geschmiedet zu sein! Neun volle Jahre! Ach, was hab' ich leiden müssen! Und warum? Was war mein Vergehen? Ich habe die Kriegskaffe geplündert! Haben sie nicht auch geplündert und mein Vaterland — —"
Bei diesem Worte bebte er erschrocken zusammen. Nach einer Weile fuhr er mit zitternder Stimme fort:
„Vaterland? Hab' ich nicht selbst mein Vaterland verrathen? An die Schurken verrathen? Man sagte mir in meiner Kindheit von einer Vergeltung. Gibt's eine Vergeltung? Ja, es muß eine geben; denn ich habe verrathen und wurde wieder verrathen. — Ich habe auch von einem Jenseits reden hören. Sollte auch das wahr sein? Sollte es nach dem Tode dort oben auch einen Rächer geben? Nein, das kann nicht lein, denn sonst hätte mich die Rache nicht schon hienieden ereilt. — Wenn es aber doch wahr wäre — wenn es doch einen gäbe! — —"
Und er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen,