Fuldaer
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O Die egyptische Frage
ist durch das Scheitern der Londoner Konferenz in ein neues Stadium der Verwickelungen getreten. In England gibt man sich zwar einer unver- hohlencn Freude und Befriedigung über dieses negative Resultat der Konferenz hin, während sich in französischen Kreisen eine große Mißstimmung und Erbitterung über den hartnäckigen und egoistischen Standpunkt Englands kundgibt. Ob aber diese gegenwärtigen Stimmungen der beiden meistinter- essirten Mächte in den Umständen gerechtfertigt sind und auch in der weiteren Entwickelung der egyptischen Frage ihre Bestätigung finden werden, läßt sich natürlich nicht mit voller Bestimmtheit abmessen, jedoch scheint uns heute schon die englischerseits vorherrschende Befriedigung, wenn sie nicht als ein Akt schlau berechneter politischer Heuchelei aufgefaßt werden soll, zum mindesten arg übertrieben zu sein. England steht in der egyp- tischen Frage jetzt ganz isolirt da. Das Zerwürf- niß mit Frankreich ist insbesondere durch die schroffe zurückweisende Haltung Granvilles gegenüber dem von deni französischen Botschafter Waddington in letzter Stunde noch versuchten vermittelnden Vorschläge zu einem hohen Grade gediehen, und die Konsequenzen dieses Verhältnisses der beiden Westmächte dürften sich bei der mehr zu Frankreich als zu England hinneigenden Haltung der übrigen Großmächte schon bald in einer Weise geltend machen, die Englands Illusionen eine arge Enttäuschung bereiten könnte. Der Hauptstreit bei den Konferenzverhandlungen drehte sich um die Frage, ob die Verhältnisse Egyptens eine Herabsetzung des Zinsfußes der egyptischen Schuldtitel absolut noth- wendig machten. Der Bericht des Sir Evelyn Barings suchte diese Nothwendigkeit durch eine düstere Schilderung der egyptischen Wirthschaft nachzuweisen, aber der französische Bevollmächtigte Blig- niöres, ein ausgezeichneter Kenner der Verhältnisse in Egypten, trat diesem englischen Expose mit Argumenten entgegen, aus welchen zweifellos hervorging, daß nur die englische Mißwirtschaft den Ruin des Pharaonenlandes heraufbeschworen hat, daß
dagegen unter einer sparsamen Verwaltung nicht nur alle Staatsbedürfnisse ohne Zinsenreduktion bestritten, sondern auch noch ein Ueberschuß von einer halben Million egyptischer Pfund erzielt werden könnte. Diese von der englischen Regierung auf das heftigste zurückgewiesene Darstellung fand nichtsdestoweniger bei den Konferenzmächten, Italien und die Türkei ausgenommen, eine beifällige Aufnahme. So kam es, daß England mit seiner Forderung einer Zinsenreduktion fast ganz isolirt dastand, insbesondere da Italien nachträglich der zwar äußerlich neutral bleibenden, aber ohne Zweifel innerlich den französischen Standpunkt befürwortenden Verbindung der drei Kaisermächte Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Rußland sich anschloß. Die schon von vornherein von England angebotene egyptische Anleihe in Höhe von 8 Millionen Pfund fand selbstredend bei keiner der Mächte einen Widerspruch, so daß daher auch den Zinsen dieser neuen Anleihe sowohl in dem englischen wie in dem französischen Vorschläge gleichmäßig der erste Rang eingeräumt war. Fassen wir die von vielen Zeitungen anfangs nicht ganz korrekt mitgetheilten Finanzvorschläge nochmals kurz und klar zusammen. England hatte vorgeschlagen, das egyptische Aus- gaben-Budget in folgender Reihenfolge zu belasten: 1) Die Zinsen für die neue Anleihe von 8 Millionen L., wovon 4*/2 Mill. L. in Baar vorgeschossen werden sollten, 2) die Zinsen für die übrigen Schuldtitel, und zwar unter Reduktion der Zinsen um 1/2 pCt., 3) eine Summe von Mill. L. zur Bestreitung der egyptischen Verwaltungskosten und 4) die Zahlung des halbprozentigen Zinsenrückstandes. Demgegenüber schlug die französische Regierung nachstehende Reihenfolge vor: 1) Zahlung der Zinsen für die neue Anleihe und die privilegirte Schuld, 2) volle Zinsen der Uni- fizirten Schuld, 3) Ausgaben der egyptischen Verwaltung und 4) Ueberlassung eines etwaigen lieber» schusses an die egyptische Regierung, dahingegen Deckung eines etwaigen Defizits durch Vereinbarung zwischen der egyptischen Regierung und der europäischen Schulden-Kommission. Die englische Regierung nahm außer an dem Wegfall der Zinsreduk
tion auch an der eventuellen Einmischung der Schuldenkommission Anstoß, welcher letzteren dadurch unstatthafte Befugnisse eingeräumt werden würden.
Daß diese beiven Finanzprojekte in ihren Voraussetzungen wie in ihren Resultaten sehr weit von einander abweichen, bedarf kaum der Erwähnung. Jedoch dürfte es auch klar sein, daß England nicht wenig daran gelegen gewesen ist, ein Einvernehmen über die finanziellen Schwierigkeiten Egyptens herbeizuführen. Denn wie sollte es sonst zu erklären sein, daß die englische Regierung, wie nunmehr feststeht, sich nicht nur an Deutschland, sondern in einer identischen Note auch an Oesterreich, Italien und Rußland, allerdings vergeblich, gewandt hat, um diese Mächte zu bestimmen, auf Frankreich im englischen Sinne einen Druck auszuüben! Wenn man sich daher englischerseits jetzt den Anschein geben will, als ob das Scheitern der Konferenz eine für Gladstone und das britische Reich sehr erwünschte Lösung der egyptischen Frage bedeute, so liegt darin zum mindesten eine grobe Verschiebung der Umstände. Gladstone hat doch vorhin auf Frankreichs Mitwirkung bei Schlichtung der egyptischen Differenzen ein besonderes Gewicht gelegt, und der Inhalt des vor einem Monat zwischen Ferry und Gladstone abgeschlossenen provisorischen Abkommens bewies doch klar genug, daß England zn großen Konzessionen bereit war, um aus den egyptischen Wirren erlöst zu werden. Auch dürften diejenigen englischen Zeitungen sich sehr täuschen, welche annehmen, daß England nun wieder völlig freie Hand habe, daß es ohne Zustimmung der Mächte nicht nur die finanziellen Fragen selbstständig regeln, sondern schließlich auch an die lieber« nähme eines förmlichen Protektorates über Egypten Herangehen könne. Durch die Einberufung der Konferenz ist einmal für allemal anerkannt, daß die europäischen Mächte nicht nur ein wesentliches Interesse an der Entwickelung der Dinge in Egypten haben, sondern daß sie auch geradezu berechtigt sind, bei der Ordnung der egyptischen Fragen, insbesondere bei der die europäischen Bondholders in Mitleidenschaft ziehenden finanziellen Neguliruug ein Wort mitzureden. England kann sich un-
Das Mädchen von Speyer.
Eine historische Novelle von A. Linden.
„Des Domglöckners Töchterlein?" rief Ursula entzückt aus und warf sich zu des Mädchens Füßen nieder.
„Retterin meines Nemesius!" fuhr sie schluchzend fort, Ihr wäret es ja, die den armen Kranken auf ihren zarten Rücken nahm und von der Brandstätte trug. Was wäre aus ihm geworden, wenn Ihr Euch seiner nicht erbarmt hättet!
Ich wollte Euch meinen Dank damals schon nachrufen, aber da wäret Ihr schon wieder fort, um Andere zu retten."
„Laßt das, gute Frau!" sagte Marie.
„Nein," fuhr das dankbare Weib fort, „nein, gutes Kind! Ihr sollt es hören, daß der von Euch Gerettete Euch noch in seiner letzten Stunde seg- nete; denn er kannte Euch wohl, der brave Mann, und selbst in seinen heftigen Schmerzen war ihm Euer Engelsgesichtchen bekannt geblieben. Nun, Gott sei gelobt, daß ich Euch jetzt behilflich sein kann, und Ihr dürft mich Beide nicht verlassen, bis Euer Haus wieder aufgebaut fein wird."
„Das wird wohl lange dauern, gute Ursula!" sagte Burkhard, „denn seht, das ist unsere ganze Habe."
Bei diesen Worten zeigte er einige Kleidungsstücke, die Marie mitgebracht und neben sich hingelegt hatte.
„Wie, habt Ihr in den zehn Jahren Euer ganzes Vermögen ausgezehrt?"
„Ihr irrt Euch, Ursula! Unser ganzes Vermögen haben wir vor dem Brande in den Dom gebracht; und da auch dieser von den Flammen ergriffen wurde, so zogen wir als Bettler von hinnen."
„Barmherziger Gott! so hat Euch das Unglück ja schrecklich heimgesucht!"
„So ist es! und wir nehmen daher Euer Anerbieten mit Dank an. Gott vergelte es Euch, wackere Frau!"
„Das ist Pflicht, und ich müßte mich vor meinem seligen Nemesius schämen, wenn ich anders handelte; denn er pflegte zu sagen:
Ein frommer Mann
Hilft, wo er kann Wer Gutes thut, Hat frohen Muth.
„Jetzt kommt aber und laßt uns den obern Stock Herrichten, so gut es fein kann: denn der soll ganz für Euch bestimmt sein. Ich habe hier unten Raum genug, denn ich bin an Mäßigkeit gewöhnt und sage immer:
Unmäßig fein
Bringt Schmach und Pein.
„Uun kommt frisch an's Werk! Marie kann mir ein wenig helfen, denn Gott erbarm: oben wird's noch traurig genug aussehen."
Und sie gingen zusammen die Treppe hinauf, um die neue Wohnung einzurichten.
10. Kapitel.
Ursula und ihre Gäste hatten sich noch nicht lange entfernt, als schon wieder ein Fremder in das Zimmer trat.
Er war in dem Alter, das die Scheidewand zwischen dem Jüngling und dem Manne bildet. Sein Anzug war nach damaliger Sitte gewählt und geschmackvoll, und seine Haltung verrieth Anstand und Bildung. Er sah sich lange, bald verwundert und bald zweifelnd um, doch schien er endlich Gewißheit über etwas erlangt zu haben, das ihm zuvor unwahrscheinlich vorgekommen war. Er ließ den Blick schnell im Zimmer hin- und herschweifen und sagte froh überrascht: .
„Nein, ich täusche mich nicht: es ist hier! Dieses Zimmer wurde von meinem Oheim bewohnt! Hier saß der thätige Mann an seiner Arbeit: dort bewegte sich die geschäftige Tante, ordnete das Hauswesen mit emsiger Hand, und es kommt mir vor, als hörte ich ihre Sprüche noch, die sie allen Ereignissen und Handlungen so geschickt anzupassen wußte. — Sie sind wohl auch nicht mehr, die guten Men- scheu! — Doch ist dieses Haus wiederwohnlich eingerichtet; wer mag Besitz davon genommen haben" ?
Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als er Jemand die Treppe herab und gegen die Thüre kommen hörte. Diese öffnete sich und Ursula trat mit dem Spruche herein:
„Freunde in der Noth
Geh'n zehne auf ein Loth"!