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Jü 183 Montag, den 11. August 1884.

Fuldaer

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Deutschland und Frankreich.

Die Beziehungen der deutschen und der franzö­sischen Regierung sind schon seit geraumer Zeit offiziell ungetrübt gewesen, und wenn auch die französischen Ministerien gegenüber den schlimmen Ausschreitungen des Deutschenhaffes nicht diejenige Energie gezeigt haben, welche ein leidlich gutes Einvernehmen mit Deutschland zur Pflicht gemacht hätte, so ist es doch niemals zu einem diplomati­schen Rencontre bezüglich dieser Vorgänge gekom­men. Nicht einmal, als die großartigen Hetzereien gegen preußische und deutsche Arbeiter und Ange­stellte und gegen deutsche Fabrikate deutsche Unter» thanen direkt schädigten, ohne daß die republika­nische Regierung ein Eingreifen für gut fand, und als König Alfons von Spanien in Paris öffentlich als preußischer Ulan beschimpft wurde, hat Fürst Bismarck den diplomatischen Apparat in Bewegung gesetzt, um dem Reiche Genugthuung zu verschaffen. Und so ist auch der jüngste Fall einer öffentlichen Be­schimpfung der deutschen Fahne, — nach dem Namen der unschuldigen Veranlaffung des Skandals, des neugierigen schwäbischen Philologen und Wolljün­gers „Fall Wurzer" genannt, — nur in einem Theile der Preffe als ein hochwichtiges Ereigniß behandelt worden, während das deutsche auswärtige Amt sich mit der Absetzung eines Polizeikommissars und einigen Worten der Entschuldigung kurzer Hand begnügte. Wir können, dem Fürsten Bismarck ^nur dankbar sein, daß er fn diesen rein äußerlichen Dingen keine sonderliche Empfindlichkeit an den Tag legt, und die Erhaltung guter Beziehungen zu Frankreich als eine sehr werthvolle Sache behan­delt. Man hat vielfach behauptet, es sei ein Her­zenswunsch des Kaisers, daß zu seinen Lebzeiten der Frieden erhalten bleibe. Wir wollen das nicht bestreiten, nehmen aber an, daß die Gründe für die friedfertige Haltung Deutschlands gegenüber dem unruhigen und unberechenbaren westlichen Nachbarn weit tiefer liegen. Fürst Bismarck ist offenbar be­strebt, Deutschland für die gedeihliche innere Ent­wickelung seiner sozialen und wirthschaftlichen Ver­hältnisse eine möglichst gesicherte Friedensstellung zu

wahren, auch weiß er ganz genau, daß, wenn auch der Sieg über den Erbfeind in einem etwaigen neuen Kriege nicht zweifelhaft sein mag, bei der heutigen Lage Europas ein deutsch-französischer Krieg fast ganz sicher auch im Osten drohende Wet­ter heraufbeschwören würde, die vielleicht selbst der gute Wille des Czaren und der russichen Regierung, wenn man diese überhaupt als vorhanden anneb- men will, nicht mit Erfolg zurückhalten könnte. Daß aber ein europäischer Krieg, an dem vier oder gar fünf Mächte betheiligt wären, selbst bei garantirt günstigem Ausgange für die deutsch-österreichischen Verbündeten, ein großes Unglück für alle bethei- ligten Länder sein würde, liegt auf der Hand. Fürst Bismarck verdient deshalb den Dank Euro- pa's, wenn er, wie man allgemein annimmt, bis­her der Wächter und Hort der europäischen Frie­denspolitik gewesen ist. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, kann es für Deutschland nur sehr ehrenvoll sein, wenn es im Gefühle seiner Macht und seines Einflusses über kleinliche Hetzereien fran­zösischer Chauvinisten gleichgültig hinwegsieht und auch die schwierige Stellung der französischen Mi­nister gegenüber den sporadischen Gefühlsausbrüchen des „souveränen" republikanischen Volkes mit scho­nender Nachsicht beurtheilt.

Die eben resultatlos zu Ende gegangene Londoner Konferenz hat die friedlichen Beziehungen Frank­reichs zu Deutschland augenscheinlich auf's Neue befestigt. Auch der ärgste Chauvinist wird sich sagen müssen, daß die deutsche Diplomatie in Lon­don eine objektive und gerade in ihrer objektiven Gerechtigkeit Frankreich wohlwollende Rolle gespielt und Frankreich werthvolle Dienste geleistet hat. Ein hochosfiziöser Artikel der ,Nordd. Allgem. Ztg.' be­schäftigt sich in nicht mißzuverstehenden Wendungen mit der Stellung Deutschlands zu Frankreich und derjenigen Englands zu Deutschland. Der Artikel zieht zwar äußerlich nur gegen die ,Times' zu Felde und stellt ihre beliebte Manier, in Frank­reich gegen Deutschland zu Hetzen, in einen verständ­lichen Gegensatz zu der jetzt von England versuch­ten List, durch Deutschland und die übrigen Mächte auf Frankreich in englischem Sinne einen Druck

22 Das Mädchen von Speyer.

Eine historische Novelle von A. Linden.

Der Eine war ein Mann von hohem Alter. Auf seinem Gesichte lag der tiefste Kummer aus­geprägt; sein Haar war weiß wie Schnee, seine Haltung gebückt und sein Gang wurde von einem Stocke unterstützt, den er in der zitternden Hand hielt. Sein Anzug war reinlich, aber in einem Zustande, der von drückender Dürftigkeit zeugte.

Er wurde von einer Jungfrau begleitet, die seine Lage um Vieles erträglicher zu machen schien; denn trotz ihrer Armuth war sie frohen Muthes; sie erheiterte den alten Mann mit einem freund­lichen Lächeln, das sie nie verließ und — als wäre sie zu Hause, rückte sie einen alten gepolsterten Sessel an den Tisch und nöthigte ihren Begleiter mit liebevoller Freundlichkeit, sich niederzulassen.

Die Ruhe that dem alten Manne wohl. Als er sich von seinem Erstaunen über die behaglich eingerichtete Wohnung erholt hatte, sagte er zu seiner freundlichen Begleiterin:

„Da wären wir endlich nach zehnjähriger Ver­bannung wieder auf heimischem Boden! Kummer und Entbehrungen aller Art haben uns schwer heimgesucht! und hätte ich Dich nicht gehabt, gutes Kind, was wäre aus mir geworden? Aber Du hast gearbeitet und durch den Fleiß Deiner Hände Deinen alten Freund vor Hunger geschützt. Ja, ohne Dich hätte ich darben müssen!"

„Reden wir nicht davon, guter Vater!" sagte

das Mädchen. „Ich that nur, was mir die Pflicht gebot."

„Du hast Recht, gutes Kind! Laß uns die Zeit der Trübsal vergessen und uns freuen, daß wir unser theueres Vaterland wieder ungestört betreten durften. Sind wir doch wieder in unserm geliebten Speyer!--Aber Thor, der ich bin!

Wo ist denn unsere Stadt^ Kann ich mich beim Anblick des Aschenhausens noch freuen? Können mich die öden Gassen, die zusammengestürzten Häuser noch ergötzen? Möchte Einem nicht das Herz brechen, wenn man von dem einst so pracht­vollen Dom nur noch ein kleines Mauerstück er­blickt, die schönen Monumente der Kaiser, die in ihm ruhen, zertrümmert, ihre Gräber erbrochen sind und nur noch ein Steinhaufen die Stelle be­zeichnet, wo einst die Zierde des Vaterlandes ge­standen hat? — — Aber dennoch danke ich Dir, allgütiger Vater, daß Du mich diesen Tag der Heimkehr hast erleben lassen. Es ist doch der Boden, auf dem wir geboren wurden! und ist auch Alles verödet, ist auch unsre ganze Habe von den Flammen verzehrt worden, so konnten die Bar­baren doch den Ort nur verwüsten, sie haben doch den Boden unter unseren Füßen nicht vertilgen können. — Doch sage, mein Kind, wem gehört diese Wohnung, die der allgemeinen Zerstörung entgangen ist?"

„Ich weiß es nicht, Vater!"

In demselben Augenblicke trat die geschäftige

auszuüben. Jedoch merkt man recht wohl, daß nicht der .Times', sondern der englische Regierung und ihrem geriebenen Leiter der deutsch-offiziöse Angriff zugedacht ist. Der Artikel enthält mit dür­ren Worten die Apostrophe an Herrn Gladstone: Deutschland dankt bestens für die ihm zugedachte Rolle, jetzt die englischen Kastanien aus dem fran­zösischen Feuer zu holen, während sonst die eng­lische Politik stets nach Kräften bemüht ist, Frank­reich und Rußland gegen Deutschland zu hetzen. Der Schlußsatz des Artikels, daß „die plumpen Hetzereien der .Times' zwischen Frankreich und Deutschland wesentlich dazu beigetragen haben, bei uns den früheren Glauben an englisches Wohlwol­len für den deutschen Vetter abzukühlen und den politischen Blick der öffentlichen Meinung in Deutsch­land zu schärfen", entspricht unbestreitbar den That- sachen, und ist es im Interesse einer Klärung der politischen Verhältnisse nur freudig zu begrüßen, daß Deutschland jetzt endlich einmal die fortgesetz­ten heimlichen und offenen Feindseligkeiten Glad- stone's und der ihm zu Gebote stehenden Presse bei der Konferenz deutlich beantwortet hat, und daß Fürst Bismarck auch nach der Konferenz sofort die nöthigen Schritte gethan hat, damit der deutschen Haltung auf der Konferenz auch die authentische Interpretation nicht fehle. Unsere Beziehungen zu England haben sich durch die Konferenz verschlech­tert, wenn man mit Rücksicht auf die unzweideutig feindselige Gesinnung Gladstone's überhaupt von einer Verschlechterung sprechen kann; jedenfalls ist die Situation jetzt geklärt, und das ist nur ein Gewinn. Dahingegen hat sich unser Verhältniß zu Frankreich durch die Konferenz erheblich gebessert und befestigt. Daß bei den verworrenen inneren Zuständen Frankreichs aus einer intimeren Annähe­rung der beiden Länder für Deutschland kein Vortheil erwachsen kann, versteht sich von selbst. Daß aber Frankreich jetzt durch die Umstände dahin gebracht worden ist, an Deutschland eine Stütze für seine auswärtigen Interessen finden, ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst der Bis- marck'schen Diplomatie.

Hausfrau wieder in das Zimmer und war nicht wenig überrascht, als sie Gäste traf, die sie nicht eintreten gehört hatte. Sie begrüßte sie mit den Worten:

„Willkommen! Willkommen! Seid wahrscheinlich auch heimgekehrte Speyerer Kinder! Hab' ich's errathen? Nun wartet, wartet, die Ursula wird Euch sogleich eine Erfrischung bringen."

„Laßt es noch, gute Frau," sagte der Alte, „das hat noch Zeit. Saget uns zuvor, wem hat diese Wohnung gehört, die so wunderbar von den Flammen verschont blieb."

„Dieses Haus gehört mir," sagte die geschwätzige Frau, „der Ursula, Katharina, Barbara Klein. Mein Seliger war der ehrsame Schuhmachermeister Nemesius, Balthasar, Bartholomäus Klein. Sein ehrlicher Name und seine guten Schuhe waren in der ganzen Reichsstadt bekannt."

„Klein?" sagte der alte Mann nachdenkend, „waren nicht mehrere Klein in Speyer?"

„Nannte sich nicht auch der Rheinschiffer Hein­rich: Klein?" ergänzte das Mädchen.

„Ja, wohl, Jungfer!" antwortete Ursula; „der Bruder meines seligen Nemesius hatte einen Sohn, der Heinrich hieß und zur löblichen Schifferzunft gehörte."

„Wo ist er?" riefen Beide zugleich aus.

„Ja, da fragt Ihr zu viel, gute Leutchen! Seit dem Brande haben wir nichts mehr von ihm gehört. Wahrscheinlich haben ihn die Franzosen