Freitag, den 8. August
Jfulbarr
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20 Das Mädchen von Speyer.
Eine historische Novelle von A. Linden.
Diese zweite kühne That mochte von Außen bemerkt worden sein; denn da die Häuser abgebrannt waren und der aus dem Schutte aufsteigende Rauch Zeugniß von einer ehemals hier gestandenen Stadt ga6 — so richteten die Mordbrenner, Erdmann an ihrer Spitze, ihr Augenmerk auf den Dom, den sie nicht anzünden dnrften. Als sie aber auch diesen brennen sahen, ergötzte sich ihr Auge an dem Schauspiele, und ihr Anführer frohlockte, als er seine Rache befriedigt sah, ohne in die Nothwen- digkeit versetzt worden zu sein, dem erhaltenen Befehle entgegen zu handeln. — Als er aber das Feuer löschen sah, eilte er mit seinen Gesellen in den Dom, um die Kühnen aufzusuchen, die, dem Verbote trotzend, es gewagt hatten, in der Stadt zu bleiben.
Als der Bösewicht in das Gotteshaus trat, war Heinrich mit seinen Braven schon wieder hinter dem Schreinerwerk verborgen, das hier in beträchtlicher Höhe übereinander lag. Tiefe Stille herrschte in den weiten Räumen des Tempels, der über das große Unglück, das seine Getreuen getroffen hatte, zu trauern schien. Erdmann konnte sich nur mit Mühe Bahn brechen, so angefüllt waren die großen Räume. Doch mußte er sein Vorhaben bald wieder aufgeben, die hier Verborgenen weiter aufzufuchen. Er blieb mitten im Schiffe stehen und überlegte, was nun zu thun sei.
O Zur Abwehr.
In verschiedenen Blättern begegnet uns ein der .Niederrhein. Volksztg.' entnommener Artikel unter der Ueberschrift „Unsere nächststehende Partei". Derselbe wendet sich gegen einen vor einem Monat, nämlich am 11. Juli, in einer katholischen Leitartikel-Korrespondenz enthaltenen Artikel „Parteiverbündungen im Wahlkainpfe", und zwar nur gegen den dort aufgestellten und im Zusammenhänge durchaus korrekt erscheinenden Satz, „daß die konservative Partei sowohl in den kirchenpolitischen Fragen, wie auch in der Wirth- schafts- und Sozialpolitik dem Centrum am nächsten stehe." Der Artikel strotzt von heftigen und nichtswürdigen Invektiven und ist überhaupt in einer Stimmung geschrieben, die entweder von der übermäßigen Hitze, oder von persönlichen Motiven beeinflußt gewesen sein muß. Wir würden den Artikel ganz ignorirt haben, wenn nicht dieser Versuch, Zwietracht in den Reihen der eigenen Partei zu säen, eine Zurückweisung und eine kurze Abführung geradezu herausforderte. Jedoch wollen wir die Dsnquichoterien, die lächerlichen Phrasen und die „pyramidalen" Schimpfereien nicht mit gleicher Münze heimzahlen, sondern den Fall in aller Ruhe in's Auge fassen. In dem fraglichen Artikel heißt es zunächst wörtlich wie folgt:
„Ich lese zu meinem großen Befremden in mehreren katholischen Blättern einen im Wortlaute übereinstimmenden Leitartikel, daß dre konservative Partei sowohl in den kirchenpolitischen Fragen wieauch in der Wirthschafts- und Sozialpolitk dem Centrum am nächsten stehe. Es ist mir vollständig unerfindlich, wie man etwas Derartiges behaupten und unmittelbar vor den Wahlen — ich scheue mich gar nicht zu erklären — dem katholischen Volke weis machen kann. Es ist vor allen Dingen eine jedem taktischen Verständniß Hohn sprechende Tendenz, wenn man zwei so verschiedene Dinge, wie den Kulturkampf und die Sozialpolitik mit einander verquicken (??) will. Das Centrum hat sein Programm, welches sowohl seine Haltung im Kulturkampf wie auch seine Haltung in der sozialpolitischen Frage regelt. Es ist selbstverständlich, daß wir diesem Programme zunächst vor allen anderen den Vorzug geben. In erster Linie geben die Centrumswähler ihre Stimme den Centrumsmännern. Stelle ich aber die weitere Frage, wem
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lich meine Stimme geben soll, wenn ein Centrumsmann nicht erhältlich ist, so ist's ein taktischer Unsinn, wenn ich die Frage nach dem Nächststehenden stelle. Denn es mag mir Einer so nahestehen, als er will, ich kann ihn nicht gebrauchen, wenn er nicht auf meinem Standpunkte steht".
Der Verfaffer hätte wahrlich allen Grund, von „Unsinn" nicht gar zu laut zu reden, denn nicht nur der zuletzt citirte Satz, sondern auch der ganze mit dem Artikel bezweckte Angriff ist ein einziger blühender Unsinn. Daß die Frage, ob mir dieser oder jener politische Gegner näher stehe, als der andere, wahrlich sehr berechtigt ist, bedarf für einen vernünftigen Menschen keines Nachweises. Was aber die weiteren aufgeregten Auseinandersetzungen des Artikels bezüglich der Unsicherheit und Unzuverlässigkeit der Konservativen im Kulturkämpfe anbelangt, so redet sich der Verfasser hier in einen künstlichen und heuchlerischen Zorn hinein, vergißt dabei aber ganz den mit Rücksicht auf den angegriffenen Satz ihm zu allernächst obliegenden Beweis, daß irgend eine andere politische Partei in kirchenpolitischen Fragen und in der Wirthschafts- und Sozialpolitik dem Centrum näher stehe, als die Konservativen. Da er diesen Beweis nicht einmal versucht, so zerfällt der Artikel schon von selbst in nichts zusammen, denn wenn man einen Satz als falsch angreift, so hat man ihn doch zunächst zu widerlegen.
Aber nicht nur unsinnig und lächerlich ist die Polemik, sondern auch boshaft und unehrlich im höchsten Grade. Aus dem Artikel „Parteiverbündungen im Wahlkampfe" wird nur der eine Satz, daß „die konservative Partei sowohl in den kirchenpolitischen Fragen, wie auch in der Wirthschafts- und Sozialpolitik dem Centrum am nächsten stehe" herauszegriffen, um demselben dann in wüthen- dem Tone einen Sinn unterzuschieben, den er nach dem Zusammenhänge gar nicht hat. Da wird denn weitläusig erörtert, daß es nicht darauf ankomme, wie nahe die konservative Partei dem Centrum im Allgemeinen stehe, sondern nur darauf, welche Stellung der Kandidat in der wichtig, sten Frage, in der Frage der gründlichen und ehrlichen Beendigung des Kulturkam- Aus seinen Augen sprühte ein wildes Feuer; ein teuflisches Lächeln umzog seinen Mund, und mit den Worten: „Ja, so sei es!" eilte, er hinaus und kam bald mit brennenden Pechkränzen zurück, die er in das Holzwerk schleuderte, das schnell von der verzehrenden Flamme ergriffen wurde und lichterloh brannte. Die Räume des Gotteshauses erfüllten sich mit einem erstickenden Rauche, und die versteckten Retter mußten ihre verborgenen Winkel verlassen, wenn sie nicht erbärmlich umkommen wollten.
Heinrich stürzte hervor, sah Erdmann aus der Kirche eilen und rief ihm die Worte nach: „Elender Mordbrenner! der Fluch Gottes treffe Dein Schurkenhaupt"!
Erdmann, der diese Worte aus der Mitte der Flammen an sein Ohr schlagen hörte, bebte einen Augenblick; denn es war ihm, als hörte er die Stimme der ewigen Vergeltung. Doch ermannte er sich bald wieder und rief seinen Gesellen zu:
„Bewachet die Thüren und ergreifet die Buben, die es gewagt haben, sich hier zu verbergen. Stoßt sie nieder, wenn sie den geringsten Widerstand leisten"!
Doch wurde weder Heinrich noch Einer seiner Begleiter sichtbar, und der Böse glaubte mit Zu- verficht, daß sie in den Flammen umgekommen seien.
Unterdeffen hatte das verheerende Element immer neue Nahrung gefunden. Von der Hitze der immer höher auflodernden Flamme wurden die Fensterscheiben gesprengt, durch welche der Wind eindrang
fes einnehme. Jedermann liest natürlich aus alle- dem den Vorwurf heraus, daß der Artikel „Parteiverbündungen im Wahlkampfe" diese erste und wesentliche Vorbedingung der Unterstützung eines Kandidaten bei den Wahlen nicht gestellt, sondern sich mit den allgemeinen Beziehungen der Par- teien begnügt habe. Nun hat aber der Artikel „Parteiverbündungen" wörtlich Folgendes gesagt: 1) „Selbstredend muß aber volle Klarheit über seine (des konservativen Kandidaten) kir ch e n p o li- tischen Ansichten herrschen", 2) „Bei der Entscheidung des Einzelfalles wird natürlich die Stellung und Gesinnung des einzelnen Kandidaten einer Prüfung zu unterziehen sein, bei welcher das kirchenpolitische Programm stets die erste und Haupt-Stelle einzunehmen hat". Um aber auch nicht den geringsten Zweisek darüber zu laffen, daß der Verfaffer des Artikels „Parteiverbündungen im Wahlkampfe" die kirchenpolitische Stellung eines Kandidaten hoch über alle politischen Rücksichten stellt, heißt es zum Schluß wörtlich: „Aber dennoch ist uns — das sei offen aner- kannt — die Bundesgenoffenschaft der deutschen Freisinnigen stets lieb und werth, wenn es sich um die Wahrung politischer Rechte und Freiheiten des Volkes handelt, sie ist uns insbesondere sehr erwünscht, wenn es gilt, gegenüber den nationalliberalen Kulturpaukern die Rechte und die Freiheit der Kirche und ihrer Diener hochzu- halten. Deshalb kann sehr wohl der Fall eintreten, daß auch im Wahlkampfe die Katholiken einem Freisinnigen ihre Unterstützung leihen, wenn er im Gegensatz zu seinem Nebenbuhler bezüglich seiner kirchenpolitischen Stellung befriedigende Erklärungen abgibt. So lange der Kulturkampf nicht gründlich beseitigt ist, muß die Frage nach der kirchenpolitischen Stellung eines Kandidaten für unsere Partei stets die erste und wichtigste sein".
Jeder anständige Mensch muß sich angesichts dieser gewiß schlagenden Gegenüberstellung des Angriffs und des Angriffsobjektes klar darüber werden, daß der Artikel „Unsere nächststehende Partei" sich als eine von den seltsamsten Motiven und die Gluth peitschte, die bald noch gewaltiger um sich griff. Die fliegenden Funken und Feuersplitter wurden hin- und hergeschleudert und erreichten auch das Dach und die Thürme. Jetzt war das Schicksal des Kaiserdoms entschieden. Das Feuer kletterte an den Ungeheuern Sparren empor und tobte mit solcher Wuth, daß die Bleiplatten, die das Dach deckten, schmolzen und glühend herab, floffen.
Der ganze Dom war nun ein Feuerball. Drin- nen sauste der Wind und jagte die Flamme umher durch die Pfeiler, Gewölbe und Seitenhallen, und draußen senkten sich die Kuppeln und das Dach und brachen in sich selbst zusammen. Die Glocken» stühle waren durchgebrannt, sie wichen aus dem Gefüge, hielten nicht länger, krachten und stürzten mit den Glocken donnernd herab. Die zum Theil geschmolzenen Glocken aber flössen unten mit dem Blei, das von den Dächern einem Platzregen ähnlich herabgoß, zusammen und strömten in Bächen durch die Straßen.
So war denn der Franzosen Zerstörungswuth befriedigt, die alte Stadt Speyer vergangen und der Kaiserdom durch die ruchlosen Hände eines geborenen Speyrers gefallen. Oede und menschenleer lagen die verschütteten Straßen; keine lebende Seele fand man zwischen den Steinen; nur hier und da irrte ein wiederkehrender Speyerer umher, um auf den Trümmern seines Hauses zu weinen, in dem er geboren worden und fand oft nicht einmal dix