werk verschone. Ich werde daher den Befehl ergehen lassen, daß Euer Dom erhalten werde und erlaube Ihnen, Ihre Habe hinein zu flüchten. Das ist aber auch Alles, was ich für Sie thun kann. Benutzen Sie diese Begünstigung und — leben Sie wohl."
„Darf ich um Gnade bitten," sagte der Bürgermeister der den Augenblick benutzen wollte.
„Kein Wort mehr!" fiel ihm der General in die Rede, „und", fuhr er mit abgewandtem Gesichte fort, „verlasien Sie mich für immer!"
Der Bürgermeister entfernte sich und ließ den General bei dem Hauptmanne zurück.
„Herr Hauptmann!" sagte Monclar zu seinem Günstlinge, „Sie sind von mir beauftragt, den von mir ertheilten Befehl auszuführen. Es mag Ihnen wohl nicht leicht sein, den Feuerbrand in Ihre eigene Vaterstadt zu werfen; aber es ist der erste wichtige Dienst, den Sie als Offizier übertragen bekommen, und bedenken Sie, daß Sie den allerhöchsten Willen unseres Königs zu erfüllen haben. Machen Sie daher meiner Empfehlung Ehre: Brennen Sie schonungslos Alles nieder; doch möchte ich den Dom gerettet wissen. Ich verlasse inich auf Ihren Diensteifer und hoffe, den Hauptmann Erdmann immer so achten zu können, wie ich den Schachspieler Erdmann geliebt habe. — Nun sind Sie entlasten. Gehen Sie und halten Sie sich meines Schutzes versichert.
Erdmann dankte für das in ihn gesetzte Ver
trauen, versicherte den General, daß er sich der ihm erwiesenen Huld würdig bezeichnen werde, und verließ seinen Gönner, um Anstalten zur Ausführung des erhaltenen Auftrages zu treffen. — Als er allein durch die Straße ging und am Dome vorbei kam, führte er folgendes Selbstgespräch :
„Ja, Herr General! Ich werde meinen Dienst gut versehen; und sind Sie nach vollbrachter That nicht ganz mit mir zufrieden, so soll diese Unzufriedenheit mehr in meinem übertriebenen Diensteifer, als in vernachlässigter Pflicht liegen. — Wie sagte er? schonungslos soll ich verfahren? Verlassen Sie sich auf mich Herr General; Ja, schonungslos will ich sein; Feuer und Schwert soll wüthen; an Allen will ich' Rache nehmen, an Allen! — Und er, mein bitterster Feind, der mich so schnöde abwies, er sollte einen Vorzug haben? ihm soll gestattet sein, seine Habe in den Dom zu flüchten? — —
„Wohl!" sagte er, indem ein teuflisches Lächeln seine Lippen umzog, „ein schöneres Wort hätten Sie nicht sprechen können, Herr General! ein befferes Mittel zur Ausführung meiner Rache hätten Sie nicht erfinden können! Er rettet Alles nach dem Dom, glaubt es an dieser heiligen Stätte geborgen, und unversehens verbreitet sich das Feuer und leckt mit seiner glühenden Zunge auch am Tempel des Herrn. Wer konnte dafür? Es war der Wuth des verheerenden Elements kein Einhalt
1884
Mittwoch, den 6. August
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Zu den Reichstagswahlen. IV.
Militärische Fragen.
(Nachdr. verb.)
Der nächste Reichstag wird sich ohne Zweifel auch mit verschiedenen militärischen Fragen zu befaßen haben; eine Stellungnahme zu diesen Fragen ist daher für eine einigermaßen erschöpfende Wahlerörterung unerläßlich, und zwar um so mehr, als die Erneuerung des Militär-GesetzeS eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Legislaturperiode sein wird. Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Situation. Das Reichsmilitärgesetz vom 2. Mai 1874 hatte die Friedenspräsenzstärke des Heeres an Unteroffizieren und Mannschaften (ausgenommen die Einjährig-Freiwilligen) für die Zeit vom 1. Januar 1875 bis zum 31. Dezember 1881 auf 401,659 Mann festgesetzt. Die Reichsregierung brachte im Februar 1880 einen Gesetzentwurf zur Ergänzung und Abänderung des Militär« gefetzes ein, der eine Vermehrung der Streitkräfte durch Erhöhung der Friedenspräsenzstärke in Verbindung mit der Errichtung neuer Kadres und durch Uebung von Ersatzreservisten bezweckte. Auf die Einzelheiten brauchen wir nicht näher einzugehen. Die Novelle stieß bei der Fortschrittspartei und dem Centrum auf lebhaften Widerspruch, und zwar sowohl wegen der geforderten höheren Anspannung der ohnehin schon so schwer empfundenen militärischen Leistungen des Volkes und der dadurch bedingten wesentlichen Höherbelastung des Budgets, als auch wegen der Beschränkung des Budgetrechtes durch Fixirung des Präsenzstandes auf eine Reihe von Jahren. Die Opposition des Fortschritts war, wie leicht begreiflich, eine durch- aus prinzipielle, während das Centrum die Forderung der Regierung hauptsächlich deßhalb ablehnte, weil dieselbe den Beweis für die Nothwendigkeit einer solchen Mehrbelastung des Volkes schuldig geblieben war. Die fortgesetzt friedliche Gestaltung der auswärtigen Beziehungen des Reiches hat diese Erwägung unserer Partei vollständig gerechtfertigt, es sei denn, daß man sonderbarer Weise annehmen
18 Das Mädchen von Speyer.
Eine historische Novelle von A. Linden.
Bei seinem Anblick sagte der Bürgermeister zum General:
„Erlauben Sie, daß ich mich entferne."
„Nein," antwortete Monclar, „bleiben Sie. Ich habe noch mit Ihnen zu reden." Nachdem er Erdmann ebenfalls durch Zeichen bedeutet hatte, sich noch nicht zu entfernen, fuhr er gegen den Bürgermeister gewendet fort:
„Ich hieß sie bleiben, um Ihnen für Ihr eigenes Haus einen Rath zu geben, denn für die Stadt selbst vermag ich nichts mehr zu thun. Aber Ihre Familie, und besonders des Domglöckners Töchterlein, das Sie in Schutz genommen haben, wurde mir theuer, und ich ertheile ihnen daher folgenden Rath: Wie Sie gehört haben, heißt es in einem der aus Paris angelangten Befehle, daß am 31. Mai die Stadt an allen Ecken angezündet werden müße. Der Beschluß ist unabänderlich, und ich bin mit dem Vollzüge desselben beauftragt. Ich muß und werde ihn ausführen. Aber ich darf den Befehl wörtlich nehmen und wil4 ihn aus Freundschaft zu Ihnen wörtlich nehmen. Es ist nämlich von der Stadt die Rede, ohne daß Ihrer Kathedrale gedacht wurde. Ich will diese Zierde der Stadt ausnehmen und verschonen; sie steht allein da, getrennt von allen andern Gebäuden, und ich glaube dem Befehle meines Königs nicht entgegen zu handeln, wenn ich dieses große Pracht-
wollte, die seit 1881 getroffenen Verstärkungsmaßregeln seien die Ursache der Zurückhaltung der Gegner des Reiches im Osten und Westen. Die Militärgesetz-Novelle vom 6. Mai 1880, welche nach langen und heftigen Debatten mit Hülfe der Konservativen und Nationalliberalen zu Stande kam, setzte die Friedenspräsenzstärke de» Heeres für die Zeit vom 1. April 1881 bis zum 31. März 1888 auf 427,274 Mann fest (1 °/0 der Bevölkerungsziffer von 1875).
Die Novelle zum Reichsmilitärgesetz vom 6. Mai 1880 ist beinahe 2 Jahre vor Ablauf der 1874 für die Friedenspreiseuzstärke angesetzten Frist eingebracht worden und hat etwa l'/z Jahre vor Ablauf dieser Frist Gesetzeskraft erlangt. Obgleich daher der 1. April 1888 um einige Monate in die zweitnächste dreijährige Legislaturperiode hineinreicht, ist es aus vielfachen Gründen ganz unzweifelhaft, daß die Reichsregierung ihre militärischen Vollmachten nicht so stark auf die Neige gehen laßen, sondern schon vom nächsten Reichstage eine weitere Festsetzung der Friedenspräsenzstärke verlangen und damit die gesammte militärische Organisation des Reiches auf's Neue zur Diskussion stellen wird. Ohne dem Votum der einzelnen Centrumsmitglieder vorgreifen zu wollen, können wir getrost folgende Grundsätze als eventuelle Richtschnur für die Haltung dieser Partei aufstellen. Erstens: Jedwede Vermehrung der Friedenspräsenzstärke und jedwede erhebliche Höherbelastung des Militärbudgets ist zurückzuweisen, es sei denn, daß eine direkte Gefahr für das Vaterland nachgewiesenermaßen eine solche Mehrbelastung des Volkes dringend verlangte. Zweitens: Wenn die politischen Umstände es zulaffen, so ist allmählich eine Verminderung des Friedensstandes des Heeres, eine Verminderung der Militärlasten und die Einführung einer kürzeren Dienstzeit anzustreben. Drittens: Zur Aufrechterhaltung des Budgetrechtes des Reichstages ist die Fixirung der Friedenspräsenzstärke für volle sieben Jahr zu verwerfen und zum mindesten eine nur die jeweilige dreijährige Legislaturperiode umfaßende Fixirung einzuführen. Wenn von sogen, „nationaler" Seite.
gegen diese Forderungen eingewendet wird, die „Ultramontanen" hätten kein Gefühl für Patriotismus und keine Anhänglichkeit an das Reich, so sind das nur leere und dazu nichtswürdige, unwahre Phrasen. Die deutschen Katholiken haben an Vaterlandsliebe niemals hinter den übrigen Staatsbürgern zurückgestanden, im Gegentheil, sie sind viel bessere Patrioten, als insbesondere die Nationalliberalen, die nur dann für „nationale" Tendenzen schwärmen, wenn man ihnen eine maßgebende Stellung einräumt oder verspricht, sie haben ihre Reichs- und Staatstreue, ihre strenge und gewißenhaste Sorge für das Wohl der Gesammt- heit und der einzelnen Bürger selbst da nicht ver- geffen, als man sie knechten und unterdrücken wollte, als man ihre Kirche und ihre Diener verfolgte auf jede nur denkbare Art. Nur die Sorge für das Wohlergehen und die Fortentwicklung des Volkes, der Wunsch, die Steuern und Lasten allmählich zu erleichtern und den einzelnen Berufsständen die nöthigsten Arbeitskräfte zu erhalten, endlich der feste Wille, eifersüchtig über alle ver« faffungsmäßigen Rechte des Volkes und des Reichstages zu wachen und ohne Noth auch nicht ein Jota von diesen Rechten preiszugeben, das sind die Beweggründe, welche die oben skizzirte Haltung in der Militärfrage diktiren. Dabei sei nochmals betont, daß alle diese Rücksichten sofort zurücktreten werden, wenn die Regierung dem Reichstag den Beweis liefert, oder wenn die politischen Umstände zu erkennen geben, daß eine Aufrechterhaltung oder Verstärkung der militärischen Macht zur Sicherheit des Reichls nothwendig ist. Wir fügen sogar hinzu, daß wir unter den heutigen Verhältniffen, bei den, wenn auch äußerlich friedlichen, so doch immerhin in etwa geschraubten Beziehungen Deutschlands zu Frankreich und Rußland, zunächst eine Reduzirung unserer Heeresstärke nicht für angängig halten. Regierung und Volk muffen sich aber stets dessen bewußt sein, daß der heutige Heeres« staud in Friedenszeiten keineswegs etwas Normales ist, daß die Friedenstruppen in ihrer ungeheuren Zahl keinen Selbstzweck haben, wie viele Militärs zu glauben scheinen, sondern daß sie nur eine