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Fuldaer SB Zeitung.

j|g Montag, den 4. August

1884.

Di- ,Fuldaer Z-.tung-" erscheint täglich/Sonn- und Feiertag, ausgenommen. Bi-rtelj°hrlich°r ‘ &° W’ ' ““ ""

belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' m Fulda 1 M. 70 M-'auswärts 1 M. /o Ptg.

Inserate: Di- vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; be, Wiederholungen entsprechender^iabatt^_

Deutsches Reich.

0 Berlin, 3. Aug. Der Feldzug, den die „norddeutsche" Oberoffiziöse jüngst gegen Herrn von Stosch und seine angeblichen Jntriguen gegen den Fürsten Bismarck eröffnet hatte, ist seltsamer Weise jählings abgebrochen worden. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' hatte nach den bekannten, in den meisten Krei­sen mit Gelächter aufgenommenen Enthüllungen über die Herrn von Stosch zugeschriebenen Machinatio­nen zur Verdrängung des Reichskanzlers mit wich­tiger Miene eine weitere Aufdeckung von Geheim- niffen in Aussicht gestellt, aber trotz verschiedener Aufforderungen schweigt das offiziöse Blatt sich jetzt aus, und muß es sich ruhig gefallen lassen, als eitler Prahlhans hingestellt zu werden, der wohl den Mund recht voll nimmt, aber nachher seine Worte nicht wahr macht. Das auffällige Schwei­gen der .Norddeutschen' scheint übrigens auch einen tieferen Grund zu haben. Wenigstens kursirt hier eine Version, die zwar mit größter Reserve aufzu­nehmen ist, aber keineswegs unwahrscheinlich klingt. Demnach soll Herr von Stosch nach der jüngsten abfälligen Kritik in der ,Nordd.' sich direkt an eine sehr hohe Stelle gewandt und dagegen protestirt haben, daß er noch weiter zum Gegen­stand offiziöser Angriffe gemacht werde. Der Protest soll gleichzeitig die Andeutung enthal­ten haben, daß Herr von Stosch, wenn jene Anzapfungen nicht unterblieben, sich nicht abhalten lassen würde, auch seinerseits einige Kleinigkeiten aus der Schule zu plaudern und sich öffentlich zu­rechtfertigen und zu wehren. Wenn diese Mit­theilung- wahr ist, so wirft sie ein sehr intereffan- tes Licht auf die ganze Räubergeschichte des Stosch- Ministeriums, und beweist auch, daß es selbst für gewisse Offiziösen u. s. w. Rücksichten geben kann, die ihnen ein unfreiwilliges Schweigen auferlegen. Wenn wirklich die ganze Stosch-Affaire für die Offiziösen ein so kläglich es „Ende genommen hat, dann dürfte man ihnen allen Ernstes den Rath geben, nächstens vormals allgemein angesehene und sehr einflußreiche höchste Beamte des Reiches und Staates die wohlverdiente Ruhe zu gönnen

16 Das Mädchen von Speyer.

Eine historische Novelle von A. Linden.

„Herr Bürgermeister!" sagte der freche Bursche, „wir sind Beide in hiesiger Stadt geboren; meine Eltern waren brave Bürger und verwendeten viel auf meine Erziehung. Ich verlebte glückliche Kinder­jahre, denn wir wohnten in der Nähe des Doms, und ich hatte dadurch Gelegenheit, des Dom- glöckners Töchterlein oft zu sehen und mit ihm zu spielen. Marie war ein liebes Kind und verrieth schon frühzeitig einen seltenen Verstand, der uns Alle überflügelte. Wie das Kind, so die Jungsrau! Ich sah sie heranwachsen; die herrliche Knospe entfaltete sich zur schönsten Blume und — sie ward mir theuer!"

„Da mußtet Ihr wegen Eures Betragens heim­lich entfliehen, und kehrtet als Vaterlandsverräther zn den Gräbern Eurer braven Eltern zurück!" fiel ihm Marie zornentflammt in die Rede.

„Lasten wir das, mein Fräulein! Es kam schon oft vor, daß sich die Bewohner eines eroberten Landes glücklich priesen. Was habt Ihr auch durch die Einverleibung mit Frankreich verloren? Noch nicht acht Jahre sind es, daß sich auch das alte Straßburg unter den Schutz unseres großen Königs stellte. Befindet es sich nicht wohl dabei? muß es sich als ein Theil des großen Ganzen nicht be­haglich fühlen? und ist nicht der Nheinstrom die natürliche Grenze zwischen Frankreich und Deutsch­land, die Scheidewand, die beide Länder trennt?"

und nicht im Vertrauen auf deren taktvolles Schwei­gen und Dulden ihnen die schlimmsten Dinge nach­zusagen. — Der evangelische Oberkirchenrath hat züngst einen Erlaß über die Bestattung von Selbst­mördern an die Konsistorien zur weiteren Mittheilung an die Geistlichen gerichtet. Der jetzt bekannt gewor­dene Inhalt entspricht jedoch den Erwartungen, die man an diesen Schritt hier und dort geknüpft hat, durchaus nicht; oerfelbe enthält überhaupt nur allge­meine Andeutungen und überläßt die Entscheidung des Einzelfalles ganz den Geistlichen. Der Erlaß unterscheidet zwischen dem etwa verlangten geistli­chen Zuspruch für die Hinterbliebenen eines Selbst­mörders und dem Begräbniß. Der geistliche Zu­spruch für die Lebenden soll niemals versagt wer­den. Dagegen soll der Geistliche nach den Ver- hältniffen der Familie und der Gemeinde, nach den Umständen, unter denen der Selbstmord statt­gefunden, und nach den bereits vorhand nen seel­sorgerischen Beziehungen frei entscheiden, ob er die Begleitung der Leiche u. s. w. übernehmen will oder nicht. Das Begräbniß darf aber niemals die Eigenschaft einer „solennen Trauerfeier" haben, es soll vielmehr ein stilles Begräbniß sein, wo­bei „das Zeugniß gegen die schwere Schuld des be­wußt vollzogenen Selbstmordes mit der Darbie­tung des göttlichen Wortes für die Hinterbliebenen verbunden" werden soll. Wie man sieht, leidet der Erlaß an einer hochgradigen Unbestimmtheit und Dehnbarkeit, und wird daher Niemanden ganz befriedigen. Werthvoll ist immerhin das in dem Erlaffs enthaltene Geständniß.. „daß die Zahl der Selbstmorde seit Jahrzehnten in einer stetigen, er­schreckenden Steigerung begriffen und die evan­gelische Bevölkerung an der Steigerung besonders stark betheiligt ist." Diese Thatsache hätte den Oberkirchenrath doch veranlaffen können, nicht nur das Moment der Strafe für den Selbstmörder, sondern auch das der Abschreckung für Andere in Betracht zu ziehen und demgemäß ein bestimmtes strenges Verbot des kirchlichen Begräbniffes zu er­lassen.

* Berlin, 3 August. Die,Germania'wendet sich gegen einen Artikel des .Hamburger Korrespon-

„Weder Berge noch Thäler," erwiderte Marie mit Begeisterung, „weder Flüsse noch Ströme können die Mack bezeichnen, die unser Vaterland von Wälfchen trennt! Sprache und Sitten sind es, die Nationen scheiden. Wenn auch Frankreichs Fahnen auf unfern Thürmen wehen, so gehört unser Herz doch dem deutschen Vaterlande an, dem Lande der^reue und der Biederkeit, dem Lande, deffen immer grüne Wälder uns mahnen, die Hoff­nung nicht aufzugeben, daß einst bessere Tage kommen wttden. — Doch wir wollen nicht weiter streiten: Ihr seid jetzt die Sieger und übet das Recht der Macht. Der Wehrlose kann sich nur geduldig fügen.

Dies ist das Loos der Schwächer». Nun saget kurz: was wollt Ihr noch?"

Erdmann war von diesen Worten Marien's so hingerissen, daß er sich dem Bürgermeister zu Füßen warf und ausrief: „Gnade! Verzeihung! Nehmet mich wieder in Liebe auf! Gebt mir Marie zum Weibe, und ich schwöre Euch —"

„Schwöret nicht," unterbrach Burkhard, „und steht auf! Es geziemt dem Sieger nicht, vor dem Besiegten im Staube zu liegen. Steht auf und entfernt Euch. Euer Betragen war nicht der Art, daß Ihr einen solchen Preis verdienet. Entfernt Euch, und kommt nie wieder in dieser Angelegen­heit zu mir!"

Ter Bösewicht erhob sich und versuchte noch das letzte Mittel, indem er, anscheinend ruhig, aber im Innern voll Wuth, sagte:

dent' über ein Jnterviev des Herrn von Schlözer, in welchem dieser unter Anderem ge­sagt haben „soll", eine baldige Erledigung des kirchenpolitischen Zwistes sei nicht zu hoffen, weil der Kurie gar nichts daran liege, die­selbe und den Kirchenzwist überhaupt zu beseitigen. Leiste der Letztere doch den Jntriguen Vorschub, welche gegen das deutsche Reich und deffen Regierung in der päpstlichen Residenz fortwährend gesponnen würden. Die Interessen der Religion und die der neun Millionen deutscher Katholiken lägen den die Kurie dirigirenden Prä­laten wenig oder gar nicht am Herzen. Alles handle sich bei ihnen um hierarchische, um politische Interessen. Schließlich habe Herr von Schlözer versichert, daß ihm feine Mission in Folge der erwähnten Jntriguen, über welche er sich nicht speziell auslaffen mochte, unendlich erschwert werde. Vermuthlich verlangt die Kurie vollstän­dige Beseitigung der Maigesetze, ehe sie in die gewünschte Wiederbesetzung des Posener Erzbis- thums willigt. Dazu sagt die .Germania' mit Recht: „Es ist aller Welt mit Ausnahme dieses Berichterstatters hinlänglich bekannt, daß die Kurie nicht die vollständige Beseitigung, sondern eine ge­nügende Revision der Maigesetze, vorläufig in den dringendsten Punkten betreffs der Erziehungs- und Jurisdiktionsfrage zur Bedingung macht. Eine sachliche Kritik verdienen die unsinnigen Vorwürfe gegen den Vatikan, welche hier Herrn v. Schlözer in den Mund gelegt werden, durchaus nicht. Diese Quintessenz aller ver­leumderischen Angriffe, welche die Ur­heber der unglücklichen Maigesetzgebung fort und fort gegen die Repräsentanten der mißhandelten Kirche gerichtet haben, können wir dem Urtheile der unparteiischen Beobachter des Kulturkampfes überlassen. Wenn zweimal das Wort „I n t r i g u e" gebraucht wird, so wollen wir daran erinnern, daß unsere römischen Gewährsmänner wiederholt auf die Eigenthümlichkeit der Schlözer'schen Dip­lomatie hingewiesen haben, mit unberufenen Per­sönlichkeiten Verbindungen im Gegensätze zu den

„Redet nicht also mit mir! Denn welche Mein­ung Ihr auch von mir haben möget, so will ich Euch doch beweisen, daß noch nicht alle Liebe zu meiner Vaterstadt in mir erloschen sei. Schenket mir nur auf wenige Augenblicke ruhiges Gehör, und ich schmeichle mir mit der Hoffnung, daß Ihr meinen Eintritt in dieses Haus segnen werdet. — Seht, die neuesten Befehle aus Paris lauten sehr betrübend für die Stadt Speyer, und sie dürfte leicht gleiches Loos mit ihren Schwesterstädten theilen. Nun ist es Euch nicht unbekannt, daß der Feind in ähnlichen Fällen mild zu Werke gehen kann, wenn er es will. Ihr wißt auch, daß ich beim General in hoher Gunst stehe. Die Klugheit ge­bietet Euch daher, es mit mir nicht zu verderben. Gebt mir Marien's Hand, und der Eidam wird gewiß das Haus seines Schwiegervaters schützen, denn als solchen werde ich Euch betrachten."

„Nimmermehr werde ich Marien rathen, Eurem Wunsche zu entsprechen. Doch was sagst Du dazu, mein Kind?"

Das Mädchen richtete sich in die Höhe, stellte sich dem Hauptmanns gegenüber und sagte mit kräftiger Stimme:

„Eher mögen die Berge einstürzen und mich zer­malmen! Gehe hin, Bösewicht, und sage Deinen Franzosen, daß eine deutsche Jungfrau den Ver- räther verabscheue, fliehe und verachte! Sage Deinem Herrn und Deinen Spießgesellen, daß ich einen ehrlichen Bettler einem ehrlosen Ueberläufer