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Fuldaer HS Zeitung.

j|g Sonnabend, den 2. August 1884.

lange die Parole der offiziösen und gouvernemen« talen Blätter, und nur der galt für einen wahren Freund des Vaterlandes, welcher sich den Wünschen des Kaisers und seines Kanzlers von ganzem Her­zen geneigt zeigte. Und jetzt? Hat die ossiziöse Presse, welche sonst die Empfindungen der leitenden Kreise so getreu zum Ausdruck bringt, auch nur ein Wort des Dankes und der Anerkennung gehabt, als das so viel geschmähte Centrum seine uneigen­nützige Vaterlandsliebe dadurch bewies, daß es für die Gesetze eintrat, welche ein in ernster Zeit ge­gebenes Versprechen des Reichsoberhauptes gegen­über den arbeitenden Klaffen einlösten? Nun, man kennt ja die Gründe, weshalb das Centrum von den heutigen leitenden Kreisen keinen Dank erwar­ten darf; das Centrum begehrt auch keinen Dank, es begehrt nur Gerechtigkeit, und diese Gerechtigkeit verlangt, daß die offiziöse Preffe jetzt nicht jener unbeständigen, unzuverlässigen nationalliberalen Par­tei im Wahlkampfe ihre Unterstützung leiht, von der sie selbst noch jüngst beklagen mußte, daß sie in Sachen des Unfallgesetzes wieder manchesterlich-ato« mistisch gewirkt hätte.

Was nun die weiter in Aussicht stehenden so­zialreformatorischen Projekte zum Besten der arbei­tenden Classen anbelangt, so fragen wir: Hat sich bis heute auch nur eine nationalliberale Stimme für die obligatorische, öffentlich-rechtliche, berufsge­nossenschaftliche Versicherung von Alter und In­validität und für eine ähnlich gestaltete Wittwen- und Waisenversorgung ausgesprochen? Nein ! Und doch gehören auch diese Ideen in den Kreis der in der ersten kaiserlichen Botschaft betonten Maß­regeln zum Wohle der Arbeiterbevölkerung. Die nationalliberale Presse weiß sich stets um diese wichtige Frage herumzureden, und auch auf den Parteitagen hat man es begreiflicher > Weise ver­mieden, zu den Einzelarbeiten der Socialpolitik be­stimmte Stellung zu nehmen. Vielleicht rechnet man darauf, daß in gewissen Regionen demnächst wieder ein principieller Stimmungswechsel eintreten könnte, und daß man sich dort mit der halben Ausführung der Socialreform begnügen könnte. Die Centrumspartei steht dagegen, gleich wie bis.

des erwachenden Frühlings, daß man fast keine Ahnung davon hatte, daß hier ein französischer Wappenplatz mit zahlreicher Besatzung sei; daß die empörendste Willkür ihr gottloses Spiel mit den heiligen Rechten der Menschen treibe: daß jedes Geschäft darnieder liege, alle Betriebssamkeit er- lahmt und der letzte R st von Wohlstand auf der Neige sei, da sich die Erpressungen und Kriegs­steuern endlos erneuerten. Es war nicht zu ahnen, welch' ein ungeheurer Kummer auf den Herzen der Bürger lag, die nach so langen Leiden kaum mehr auf Rettung und bessere Tage zu hoffen wagten.

Der Bürgermeister Burkhard unterhielt sich mit Marien von den Tagesereignissen — als Beide von einem Besuche überrascht wurden, der ihnen nichts weniger als willkommen war. Es trat nämlich Erdmann in Hauptmannsuniform ein, grüßte mit militärischem Anstande und nahm den angebotenen Sitz bereitwillig an.

„Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches, Herr Hauptmann?" redete ihn der Bürgermeister mit schlecht verhehltem Unwillen an.

„Mein Besuch ist zunächst die Folge des An­standes, der mir gebietet, dem Stadtvorstande in meiner neuen Würde meine Aufwartung zu machen; denn heute zum ersten Male trage ich die Haupt- mannsuniform meines großen Königs."

„Eures Königs?" sagte Marie mit einem Blicke, der zugleich den bittersten Hohn und die tiefste Verachtung verrieth.

messen sind. ,

Es war an einem Sonntage. Die Menschen feierten mit der Natur eine heilige Sabbatruhe. Speyer lag in so friedlicher Stille im Schooße !

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rufsgenossenschaften bekämpft und damit gegen die wesentlichen Grundlagen der Unfall-Versicherung Front gemacht. Daß die Partei schließlich, als die Mehrheit für das Gesetz doch einmal gesichert war, in bekannter Biegsamkeit und Schmiegsamkeit plötz­lich einschwenkte, um in den Augen der bethörten Menge als wackere Theilnehmerin an den sozial­politischen Aufgaben darzustehen, hat die Prinzipien- losigkeit dieser sogen. Kompromißpartei nur wieder in dem allerkläglichsten Lichte erscheinen lassen. Die Linksliberalen hatten damals wahrlich Recht, wenn sie über diese Schwächlichkeit und Inkonsequenz mit Bitterkeit und Entrüstung zu Gericht saßen. Und doch preist diese Partei der Grundsatzlosen seit jener Zeit sich selbst unablässig als den Hort und die Stütze der Sozialreform und hat den traurigen Muth, zu erklären, daß „nur auf dem von ihr verfolgten Wege eine gedeihliche Entwickelung un­seres Vaterlandes auf politischem wie auf sozial­politischem Gebiete zu erreichen sei." Nur politische Heuchelei der schlimmsten Art hat sich zu solcher Behauptung versteigen können. Oder bietet die Ver­gangenheit der Partei auch nur die geringste Ga­rantie für die Realisirung dieser Versprechungen? Hat nicht außer dem Kulturkämpfe gerade die theils manchesterliche, theils wenigstens unentschiedene Hal­tung Die Partei seit 1874 und 1877 von 151 und 126 Mitgliedern auf ganze 46 herabgedrückt? Und bei den nächsten Wahlen sollte diese charakter­lose, nur in der Kulturpaukerei einige Partei im Namen der Sozialreform wieder zu altem Glanz erstehen? Nimmermehr' Die Gunst des Volkes ist wandelbar, wie Tag und Nacht, aber eine solche politische Unreife, eine so horrende Vergeßlichkeit trauen wir Den deutschen Wählern doch nicht zu, daß sie auf leere Phrasen und nebelhafte Zukunfts­gaukeleien hin den verkrachten Nationalliberalismus wieder zu Ehren bringen sollten.

Centrum und Konservative waren und sind die festesten und die zuverlässigsten Stützen derjenigen sozialreformatorischen Ideen, welche ein feierliches Kaiserwort als die erste und nothwendigste Bedin­gung einer gedeihlichen Fortentwickelung des sozia­len Lebens bezeichnet hat. Dieses Kaiserwort war gefallen die darin befindliche grünliche Flüssigkeit. Behutsam nahm er hierauf den Propfen von dem Fläschchen und goß von dessen Inhalt einige Tropfen in die Wasserflasche. Eiligst trat er dann seinen Rückzug wieder an und verließ das Zimmer auf dem­selben Wege, auf dem er in dasselbe gelangt war.

Am andern Morgen war Marien's Verlobter eine Leiche! Nach den Aussagen der Aerzte hatte er Gift bekommen. *

Der erste Schmerz über den Verlust des würdigen Mannes hatte sich um Einiges gemildert. Marie, die am Härtesten Getroffene, wurde durch ihre Er­gebung in den göttlichen Willen die Trösterin ihres Vaters und des alten Burkhard, der bald nach dem Tode seines Sohnes zum Bürgermeister seiner Vaterstadt ernannt wurde. Er liebte Marie wie seine Tochter und da der Domglöckner noch in denffelben Jahre das Zeitliche segnete, so ver- ließ sie den Thurm und bezog das Haus Burk- hard's, der sie an Kindesstatt annahm.

Unter zahllosen Bedrückungen von Seiten der Franzosen war der Winter langsam dahingeschlichen, ähnlich einem ermüdeten Greise, der, von Gebrechen und Altersschwäche gebeugt, sich mühsam durch die wenigen Tage windet, die ihm noch karg zuge­

Zu den Reichstagswahlen. III.

Die Sozialpolitik.

(Nachdr. verb.)

In der vom Jahre 1877 batirenben Periode der positiven Wirthschasts- und Sozialpolitik hat die Centrumspartei, getreu ihrer 30jährigen Vergan­genheit, an der Seite der Konservativen mit be­harrlicher Konsequenz den antimanchesterlichen Stand­punkt vertreten gegen Fortschritt und Nationallibe­rale. In allen Fragen der Schutzzollpolitik, des Wucher- und Aktiengesetzes, wie insbesondere in den eigentlichen großen Fragen der Sozialreform, mochte es sich nun um die Hebung des Arbeiterstandes handeln, oder um die wichtigen Interessen des Hand­werks, war die Haltung der Partei stets über jeden Zweifel erhaben, und es zeigte sich in den Rechen der Partei-Vertreter eine Einigkeit und Einmüthig- keit, wie sie andere Parteien nur bei seltenen Ge­legenheiten aufzuweisen hatten. Am glänzendsten traten die Verdienste der Partei um die Sozial­politik des Reiches bei jenen beiden großen Gesetzes­werken zu Tage, welche gleichsam die Krönung der ganzen "verflossenen Legislaturperiode bilden, bei dem Krankenkassen- und Unfallversicherungs-Gesetz. Man weiß, ein wie großes Gewicht die Reichsre­gierung auf diese beiden ersten Schöpfungen der positiven Sozialresorm gelegt hat, wie sie zweimal zu dem außerordentlichen Mittel einer besonderen kaiserlichen Botschaft gegriffen hat, um den Wün- scheu der Regierung in Bezug auf die Besserung bet Lage der arbeitenden Klaffen einen besonderen Nachdruck zu verleihen. Die Thatsache, daß die Regierung insbesondere das Unfallversicherungs-Ge­setz nur dem Centrum resp. der Verbindung des Centrums mit den Konservativen zu verdanken hat, steht ja unzweifelhaft fest; hätten die Nationallibe­ralen mit den Deutsch-Freisinnigen die Mehrheit gehabt, bann wäre diese wichtigste Schöpfung ber ganzen Session nicht zu Staube gekommen. Denn die Natioualliberalen haben mit den Freisinnigen hartnäckig auf ber Zulassung ber Privat-Versiche- rungen bestauben, sie haben mit Nachdruck die Be-

15 Das Mädchen von Speyer.

Eine historische Novelle von A. Linden.

Es war Mitternacht vorüber, als der thätige Beamte die Akten bei Seite legte und sich zur Ruhe begab. Ermüdet von des Tages Arbeiten, verfiel er bald in einen tiefen Schlaf.

Draußen tobte das Wetter noch gewaltig. Der Sturm tobte schauerlich und peitschte die Wellen des Rheines, die auf dem Punkte standen, eine Eismaffe zu bilden. Regen, mit Schnee unter­mischt, wurde von heulenden Windstößen gegen die Wohnungen getrieben. Die Straßen waren öde und leer, und nur hin und wieder wurde der schwere Tritt der Schildwachen vernehmbar, die, dem Sturme trotzend, den gewohnten Dienst ge< ! treulich versahen.

Burkhard's Wohnung lag im Erdgeschosse. Sein Schlafgemach stieß an sein Arbeitszimmer, das er noch nicht lange verlassen hatte, als der Flügel eines Fensters aufgerisseu wurde und ein Mann, eine Blendlaterne in der Hand tragend, mit leichter Mühe einstieg. Er ging behutsam im Zimmer hin und her, zog zuweilen seine Laterne unter einem weiten Mantel hervor, versteckte sie daun wieder und näherte sich endlich dem Schlafgemache, vor dessen Thüre eine Wasserflasche mit einem Glase auf einem Tischchen stand. Jetzt blieb der nächt­liche Wanderer stehen, trank wenigstens aus der Flasche, zog bann ein kleines Fläschchen hrrvor, hielt es gegen bas Licht unb betrachtete mit Wohl­