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Mit dem Heutigen eröffnen wir ein Avon- nement für die Monate August und September zum Preise von 1 Mark (ohne Bestellgeld).

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S Die Wahlreform in England.

Die Frage der englischen Wahlreform beschäftigt feit einiger" Zeit auch die nicht englische Preffe ziemlich lebhaft, und es zeigt sich, daß man von dem Standpunkte der in den meisten europäischen Staaten bestehenden Verfassungssysteme aus leicht geneigt ist, denjenigen Kreisen in England Recht zu geben, welche das dort herrschende System für veraltet und den heutigen Zeitverhältnissen nicht mehr angemessen halten. Unserer Ansicht nach ist eine Vergleichung der englischen Verfassung mit denen der übrigen Staaten Europas durchaus verfehlt. Es mag ja sein, daß man den Werth der englischen Verfassung von jeher überschätzt hat; es ist sogar leicht, nachzuweisen, daß mancherlei untauglich und verbefferungsbedürftig ist, aber die eine Thatsache bleibt immerhin bestehen, daß trotz aller Schwächen der Verfaffung das bisherige Re­gierungssystem Englands Macht und Ansehen auf einer solchen Höhe erhalten hat, wie sie kaum irgend ein anderer Staat in gleicher Beständig­keit aufzuweisen hat. Eine privilegirte Kaste hat bisher das Heft der Regierung in der Hand ge­habt, und, mochten nun die Whigs oder die Tories gerade die Oberhand haben, in der Auffassung und Behandlung der europäischen Machtstellung, der Kolonialherrschaft und der Handels- und Seeintereffen, wie endlich in dem Festhalten an englischen Sitten und Traditionen zeigte die Herr- schende Klaffe beider Parteien stets die gleiche in Wahrheit konservative Beständigkeit. England ist bisher mit diesem auf dem Wahlrecht der oberen Zehntausend beruhenden System gut gefahren, und zwar nicht am wenigsten deshalb, weil dort mit dem Besitze meist auch die Intelligenz verknüpft ist, und weil bei aller Eigensucht und Herzlosig­keit der herrschenden Stände doch immer eine ge­wisse politische Einsicht, eine weise Mäßigung und

14 Das Mädchen von Speyer.

Eine historische Novelle von A. Linden.

Stein nach dem andern, noch von einem Thurme schützt war.

„Diesen Thurm muß decken suchen!" sagte er,

Und das Spiel wurde fortgesetzt. Der General nahm es leicht auf, denn er glaubte nicht, daß das einfache Mädchen mit diesem Spiele sehr vertraut sein würde. Doch bald gewahrte er, daß er es mit einer Meisterin zu thun habe, denn er verlor einen so daß sein König nur

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„Glauben Sie wirklich," fragte Marie lächelnd, „daß ein schwacher Bauer im Stande sei, den star­ken Thurm zu schützen?"

„Warum denn nicht?" sagte ihr Gegner zuver- flchtlich.

„Selbst die geringste Figur kann zuweilen große Dienste leisten, und um die Rettung eines Thur­mes darf man ftch schon einige Mühe geben."

„Wohl ist ein Thurm wichtig genug, um Vieles daran zu setzen. Auch ich kenne einen Thurm, Herr General! für dessen Rettung ich ein Wort der Gnade reden möchte."

„Gnade? Im Schachspiel gibt es keine Gnade, mein Kind! Das solltest Du, als geübte Spiele­rin, wissen! Doch was redest Du von der Ret- tung eines Thurmes? Deine beiden Thürme sind ja gut gedeckt."

der künstlich inszenirte Sturm gegen das Oberhaus durch die Hydepark-Kundgebung am Montag den 21. c. Jedoch hat diese Manifestation trotz der großartigen Betheiligung der gut organisirten Volks- maffen nach dem allgemeinen Urtheil nicht den ge­wünschten Eindruck gemacht. Die Bewegung ist eine künstliche, das Ganze soll mehr den Eindruck einer politischen Fastnachtleistung, als den einer ernsthaften Volksdemonstration gemacht haben. In den Provinzen werden ähnliche Volksversammlungen folgen. Aber die Konservativen werden auch die Hände nicht in den Schooß legen. Man darf daher in nächster Zeit interessante Vorgänge erwarten. Inzwischen tritt die egyptische Frage, Gladstones schwache Seite, in der öffentlichen Meinung Eng­lands bedenklich in den Hintergrund, ein Resultat, welches Gladstone gewiß mit Wohlbehagen begrüßt, wie er es auch ohne Zweifel selbst in Szene ge­setzt hat.

Deutsches Reich.

* Berlin, 31. Juli. Den Anschein hat es seit lange, als ob blos die Nationalliberalen in die Wahlagitation eingetreten sind. Sie treten mit einem ganz unverhältnißmäßigen Geräusch in die Arena, das sowohl im Hinblick auf die sonstige politische Stille, wie angesichts der zeitlichen Ent- fernung des Wahltermins in gleicher Weise ver­wunderlich ist. Wenn sonst nicht Alles so ruhig wäre, würde man übrigens, so bemerkt der,Wests. Merkur', auch dieses indianische Kriegsgeh-ul über­hören. In grimmer Freude auf zu erbeutende Skalpe schwingen die Schauß, v. Eynern, Knebel und Jerusalem so kühn ihre Tomahaws, als ob ihnen Niemand widerstehen könne, als ob der Na­tionalliberalismus kein Wrack, sondern eine stolze Armada sei. Im Nebligen berühren uns diese Waffentänze keineswegs unangenehm, denn auch im Cirkus der Politik pflegen die Pausen durch erheiternde Spiele possirlicher Künstler ausgefüllt zu werden. Die blutdürstigen nationalliberalen Herren werden sich schon austoben, und ihren Äthern bereits ver­loren haben, wenn andere Leute erst aufstehen.

„Was bringst Du, Heinrich?"

„Herr Rathsherr, ich bin ein schlichter Bürgers- sohu und habe als solcher nicht Gelehrsamkeit ge­nug, um mich über Manches hinwegzusetzen, was die gelehrten Herren Träume oder Aberglauben nennen. Auch ich glaube nicht an Träume und hätte es vielleicht selbst nicht für wichtig genug er­achtet, Sie so spät noch zu belästigen, wenn mich der Domglöckner, von dem ich eben komme, nicht dazu veranlaßt hätte. — In den stürmischen Win­ternächten ist's auf dem Thurme an sich schon schauerlich, und als mir mein alter Pathe vorhin allerhand grausige Dinge erzählte und sagte, daß er in unheimlicher nächtlicher Stunde die Glocken seufzen höre, und mehrere Anzeichen gehabt habe, die eine böse Zukunft verkünden, da war's eigent­lich kein Wunder, daß mir der Traum wieder ein« fiel, den ich vorige Nacht von Ihnen hatte und derselbe wieder ernst und drohend vor mir stand, wie gestern, wo er meine Seele so sehr ängstigte. Ich sah Sie nämlich im Sarge liegen und an Ihren Lippen hingen einzelne Waffertropfen. Aber sie quollen mächtig auf, zerfloffen dann, überschwemm­ten Sie, und ihr Sarg wurde von der gewaltigen Fluth fortgeriffen, indem jede Welle plätschernd die Worte sang: „Er ist gemordet! Er ist gemordet!"

„Nun, und weiter?" fragte der Rathsherr.

„Als ich erwachte," fuhr Heinrich fort, „waren meine Augen naß; ich hatte in meiner namenlosen Angst bittere Thränen geweint. Eine ähnliche Angst

ein uneigennütziger Patriotismus der leitende Grund­zug der englischen Regierung gewesen und geblieben ist. Es ist deshalb ein gefährliches Unterfangen, mit einem Male die Machtverhältnisse in England verschieben und den radikalen Elementen zu maß­gebendem Einfluß verhelfen zu wollen. Gladstone ist von Herzen liberal, ja demokratisch gesinnt, er wünscht daher eine so demokratische Wahlreform einzuführen, daß die konservative Partei der Tories für immer oder wenigstens für lange Zeit macht­los gemacht würde. Der Weg zu diesem Ziele sollte die Wahlreform-Vorlage sein, welche tne- Zahl der Wahlberechtigten, zu denen, wie bereits gesagt, bisher nur die besitzenden Klaffen gehörten, durch Herabsetzung des Census um etwa 2 Mil­lionen vermehren und so auch dem eigentlichen Volke eine aktive Teilnahme an der Regierung verschaffen soll. Zur vollständigen Wahlreform ge­hört aber auch eine neue Wahlkreiseintheilung. Gladstone und das Whigministerium verfolgen nun den Plan, zunächst die Vermehrung der Zahl der Wahlberechtigten durchzuführen, ein Plan, dem ja auch das Unterhaus nach langen Kämpfen seine Unterstützung geliehen hat. Das Oberhaus scheint jedoch die Schliche des alten Diplomaten durch­schaut zu haben, denn es widersetzte sich energisch der ganzen Wahlreform und hat am 17. c. sogar den vermittelnden Antrag Wernyß abgelehnt. Glad­stones Schlachtplan ist dadurch durchkreuzt worden. Er hatte offenbar vor, durch die Annahme der halben Wahlreform Seitens beider Häuser das Oberhaus insofern in eine Zwangslage zu bringen, als er dasselbe durch die Drohung mit Neuwahlen auf Grund der halben Wahlreform allen Regierungs- Vorlagen gegenüber zur Nachgiebigkeit hätte bewegen können. Es unterliegt nämlich kaum einem Zweifel, daß die Konservativen bei etwaigen Neuwahlen auf Grund der halben Wahlreform und des alten Wahlkörpers unbedingt unterliegen würden. Das Oberhaus konnte daher zu seiner Selbsterhaltung nichts anderes thun, als sich auch dem ersten Theile der Wahlreform standhaft zu widersetzen und auf einer gleichzeitigen Neuordnung der gefammten Wahlverfassung zu bestehen. Die Folge davon war

„Aber ein anderer Thurm ist in Gefahr, Herr General!"

„Welcher?"

„Der feste Thurm des Altpörtel, Herr General! Schenken Sie mir ihn, ich bitte Sie darum!"

Der General war überrascht. Er gab das Spiel auf, das er doch als verloren ansehen mußte, er­hob sich und sagte lächelnd:

„Deine Bitte fei Dir gewährt, tapferes Mäd­chen ! Ich schenke Dir den alten Thurm und will sogleich gehen, um Gegenbefehle zu geben, denn meine Ingenieurs sind schon seit dem frühen Mor­gen mit Anlegung der Sprenghöhlen beschäftigt, die bereits mit Pulver gefüllt fein yzüffen. Laßt Euch nicht weiter stören und leeret ein Glas auf das Wohl Eures Freundes."

Er verließ eiligst das Gemach und die junge Braut setzte sich ruhig wieder zu ihren beglückten Freunden.

7. Kapitel.

Einige Tage nach dem Feste, als Marien'sVer- lobter in seinem Arbeitszimmer bei einem Stoße Akten saß, hörte er Tritte im Vorgemach. Er öff­nete die Thür und sah den Rheinschiffer Heinrich, der ihn ehrerbietig grüßte und um eine Unterre­dung bat. Burkhard hieß ihn eintreten und bot ihm einen Sitz an.

„Verzeihen Sie, wenn ich Sie störe, Herr Raths- herr!" begann der Jüngling, „aber ich gab Ihrem Schwiegervater mein Wort, Sie heute noch aufzu­suchen."