1884.
Mittwoch, den 30. Juli
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werter weiß sehr wohl, daß die obligatorischen Innungen nicht mit einem Schlage eingeführt werden können. Das bezügliche Programmversprechen würde demnach nur bedeuten, daß der Kandidat für eine solche Fortentwickelung der Innung eintreten wolle, die allmählich den Boden für einen Uebergang zu einer den heutigen Verhältnissen angepaßten Zwangsinnung ebnen würde. Es handelt sich zunächst nur um das Prinzip, desien Durchführung allerdings mit Konsequenz angestrebt werden muß. Wo findet aber der Handwerker die Kandidaten, welche den festen Willen bekunden würden, für das Frankfurter Programm einzutreten ? — Wahrlich nicht bei den Nationalliberalen, die noch jüngst gegen den so unschuldigen Ackermann- Windthorst'schen Antrag ihre Stimmen in die Wagschale warfen, noch weniger aber bei den weiter links stehenden Parteien. Die Behauptung, daß es auch unter den Liberalen Leute gäbe, die für den Handwerkerstand ein fühlendes Herz haben, mag ja an sich wahr sein, aber Leute, die dem Handwerkerstand thatkräftige Hülfe zu leisten und seine Wünsche zu erfüllen bereit sind, gibt es unter den Liberalen nicht. Nur bei dem Centrum und den Deutschkonservativen findet der Handwerker die Geneigtheit, die obigen Forderungen zu unterstützen, und zwar bei der Centrumspartei in noch weit höherem Maße, als bei den Konservativen, weit diese leider noch viel zu oft die Wünsche der Regierung den Forderungen des Volkes vorziehen. Das Programm des deutschen Handwerkertages wird hoffentlich von allen vernünftigen Handwerkern im deutschen Reiche streng befolgt werden. Die Forderung, daß dort, wo es geeignet erscheint, Kandidaten aus dem Gewerbestande (nicht eigene Handwerkerkandidaten) aufgestellt werden, finden wir durchaus gerechtfertigt. Die Centrumspartei ist in dieser Beziehung ja schon mit dem besten Beispiel vorangegangen, und es kann durchaus nicht schaden, wenn noch einige wackere Handwerksmeister mehr als bisher im Reichstage Sitz und Stimme erhalten.
Eine selbstständige Handwerker- Partei?
Auf dem Frankfurter Handwerkertage wurde von einem Delegirten aus Crefeld der Antrag gestellt, die Handwerker möchten für die Reichstagswahlen zu einer selbstständigen Partei unter dem Namen „deutsch-patriotische Partei" zusammentreten. Wie sich nachträglich herausstellt, hat der Antragsteller nur aus privater Initiative und keineswegs im Auftrage des Crefelder Handwerkerbundes gehandelt. Der Handwerkertag hat aber keine Lust gezeigt, auf diesen Vorschlag einzugehen, wenn auch einzelne Redner, hinter welchen nach unseren Informationen ein nur unbeträchtlicher Theil der Handwerker steht, die Aufstellung eigener Handwerkerkandidaturen befürworteten. Es wird nicht unangebracht sein, die in Rede stehende Frage in Kürze zu betrachten. Daß die Gründung einer selbstständigen parlamentarischen Handwerkerpartei nicht nur unersprießlich, sondern auch geradezu unausführbar sein wird, dürfte leicht einzusehen sein. Durch eine solche Ausnahmestellung vor allen anderen Ständen und Berufsklaffen würden die Handwerker vielleicht sehr viel von den ihnen jetzt dargebrachten Sympathieen verlieren, jedenfalls würden sie aber auch andere Jntereffenkreise zwingen, im Gegensatz zu ihnen parlamentarische Berufsgruppen zu konstituiren; und daß die Handwerker bei einer solchen schroffen Gegenüberstellung der Sonder- interessen schließlich nur die schwache Minorität sein würden, liegt auf der Hand. Während jetzt, bei einer entsprechenden Stellungnahme der Handwerker selbst, bei den Reichstagswahlen den Handwerker- und innungsfreundlichen Parteien mit Leichtigkeit wieder die Mehrheit verschafft werden kann, würde bei einer Aufstellung selbstständiger Handwerkerkandidaten die parlamentarische Parteigruppe derselben es im allergünstigsten Falle auf einige 4 bis 6 Mitglieder bringen können. Das Volk würde sich mit Recht einer solchen Sonder- stellung kräftig widersetzen, denn so wichtig auch die Jntereffen des Handwerks sein mögen, so kann ihre parlamentarische Behandlung und Vertretung
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Das Mädchen von Speyer.
Eine historische Novelle von A. Linden.
6. Kapitel.
Des Domglöckners Wohnung war festlich geschmückt; denn es war Mariens Verlobungstag. Der alte Burkhard hatte seinen Sohn auf den Thurm begleitet und saß im traulichen Kreise bet Marien und ihrem Vater, als Letzterer, der nicht recht in den heitern Ton der jungen Leute mit einstimmen, ihren Freudentag aber durch eine Besorgnis die ihn drückte, anfangs auch mcht trüben wollte — endlich seinem gepreßten Herzen doch Luft machte und sagte: „Kinder, wir dürfen noch nicht zur Verlobungsfeier schreiten!"
„Warum?" fragten Alle erstaunt.
Es ist der Befehl des Generals Monclar!"
,',Jst es möglich?" rief Burkhard unwillig aus, „will er sich sogar in die geheiligten Familienverhältnisse einmischen?"
„Wer mag ihn daran hindern?" erwiderte der alte Mann. „Dem mächtigen Gebieter ist Alles möglich. Doch laßt Euch erzählen, wie sich die Sache verhält, von der ich bis jetzt selbst meiner Tochter nichts gesagt habe: Diesen Morgen in aller Frühe kam ein Bote des Generals, der mir im Namen seines Herrn ankündigte, daß er gehört habe, es würde heute hier oben das Verlobungsfest meiner Tochter gefeiert. Die Sache käme ihm doch so lustig vor, daß er sich das Vergnügen nicht
begaben sich mit Marie in das anstoßende kleine Gemach, das auf die Glockenstube führte, und ließen den Glöckner allein zurück.
Der alte Mann zitterte am ganzen Leibe, als er sich dem gefürchteten General in dem engen Raume allein gegenüber sah. Es wurde ihm so unheimlich, daß ihm aller Muth sank und seine schwachen Kräfte zu schwinden drohten. Der General der in seinem vielbewegten Leben schon manchen Schwachen beben gesehen hatte, fand in dieser Erscheinung nichts befremdendes. Er hieß den Glöckner niedersitzen und setzte sich selbst ihm gegenüber.
„Erschreckt nicht, ich Habenichts Arges mit Euch vor!" redete er den Alten an. „Wir sind Nachbarn, und als solche müssen wir uns schon vertragen."
„Sehr gnädig, Herr General! sehr herablaffend!"
„Laßt nur alle Complimente bei Seite! Ich weiß schon, daß Ihr es gut meint. Also zur Sache! Ihr wollt heute Eure Tochter verloben, nicht wahr?"
„Ja, Herr General!"
„Mit wem?"
„Mit dem jungen Rathsherrn Burkhard, der sich herabgelasien hat, das Kind des armen Domglöckners als sein Weib heimzuführen". ,
„Euer Kind soll ausnehmend schön sein."
„Meine Marie hat schöne Sitten! Sie ist ein braves Kind."
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doch nur einen kleinen Bruchtheil der gedämmten gesetzgeberischen Arbeit bilden. Wenn aber in den Parlamenten alle größeren Berufsklassen durch besondere Parteigruppen vertreten wären, so würde die nothwendige Folge daraus entstehen, daß jede Gruppe nur für ihre Jntereffen Sinn und auch Verständniß hätte, und des Zankes und der Eifersucht gar kein Ende fein würde. Von dem verschwommenen Namen, den der Antragsteller und seine Hintermänner der Partei geben wollten, braucht gar nicht mehr die Rede zu sein; derselbe ist aber unserer Ansicht nach sehr charakteristisch für die verschwommenen Ideen, welche dem ganzen Plane zu Grunde gelegen haben.. Daß die Handwerker mit Nachdruck und Energie in den Wahlkampf treten und im Hinblick auf ihren rela- tiv großen Anhang im Volke von den von ihnen zu unterstützenden Kandidaten bündige Erklärungen und Versprechungen bezüglich der Stellung zu den Handwerkerinteressen fordern, ist nicht nur recht und billig, sondern sogar als ein sehr erfreulicher Fortschritt zu begrüßen. Wir möchten wünschen, daß die Bauer n im Reiche sich zu derselben Euer« gie aufrafften, unb statt sich mit wohlfeilen Phra- fen und Heidelbergereien zu begnügen, sich von ihren Bezirkskandidaten klipp und klar sagen ließen: Wie stehst Du zu den Getreidezöllen und zu den sonstigen Interessen der Landwirthschaft? Leider scheinen wir von dem rechten und vollbewußten Erwachen des deutschen Bauers noch weit entfernt zu sein. — Die Handwerker aber haben in dieser Beziehung einen guten Fortschritt gemacht. Der deutsche Handwerkertag hat allen deutschen Handwerkern empfohlen, bei den nächsten Reichstagswahlen nur solchen Männern ihre Stimme zu geben, von denen sie die Garantie haben, daß dieselben für die Forderungen der Handwerker, namentlich für obligatorische Innungen, Arbeitsbücher, größte Beschränkung des Hausirhandels, Beseitigung der Wanderlager und Wanderauktionen, Regelung des Submissions-Wesens, der Sträflings und Militär-Arbeiten, eintreten. Man stoße sich nicht an den Ausdruck: „obligatorische Innungen". Der größte Theil der Hand- versagen könne, dem Feste beizuwohnen. Zudem müffe er, der Sitte seines Landes gemäß, als nächster Nachbar Zeuge dieser Feier sein. Auch habe er zuvor noch ein Wort im Vertrauen mit mir allein zu reden."
„Und welchen Bescheid gabt Ihr ihm?" fragte der alte Burkhard.
„Denselben, den auch Ihr ihm ohne Zweifel gegeben hättet. Ich ließ ihm sagen, daß wir uns durch diesen Besuch sehr geehrt fühlten und mit dem Feste auf ihn warten wollten."
„Ihr thatet wohl daran! Doch was mag dieses bedeuten? Daß es blos aus Höflichkeit oder Neugierde geschehe, kann ich mir nimmermehr denken. Was meint Marie dazu?"
„Die Nachricht überrascht mich wohl," antwortete das Mädchen mit unerschütterlicher Ruhe, „aber sie erschreckt mich nicht. Er möge kommen und uns Gesellschaft leisten, und hat er Böses im Sinnne, so ist es dann noch Zeit, auf Mittel zur Rettung zu denken, wenn wir die Gefahr vor Augen haben. Ich sehe daher seiner Ankunft getrost entgegen".
„Ich verspreche mir nichts Gutes!" sagte der junge Rathsherr.
„Und ich nichts'Schlimmes!" lautete die Antwort des muthigen Mädchens. „Gott wacht über uns und lenkt unsere Geschicke. Drum laßt uns hoffen und vertrauen."
Die Unterhaltung mußte unterbrochen werden, denn man hörte den General kommen. Die Gäste