JH 171.
Montag, den 28. Juli
Fuldaer
1884.
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Deutsches Reich.
(£l Berlin, 27. Juli. In den politischen Kreisen ist erst jetzt die eigentliche Ferienruhe eingetreten, sie macht sich aber nun auch so gründlich geltend, daß man, ständen nicht die Reichstagswahlen vor der Thüre, mit Recht über hochgradigen Stoffmangel klagen könnte. In den Blättern macht sich daher jetzt die politische Entenzucht wieder in einer Weise breit, die jedenfalls beweist, daß die sog. „gut informirten Kreise" meist fern den Geschäften im Bad, oder in der Sommerfrische sich aufhalten und die Versorgung der Preffe mit sensationellen Nachrichten Geistern zweiten und dritten Ranges überlasten haben. Vieles, was in der Angelegenheit des nie in die Wirklichkeit getretenen Stosch-Ministeriums von anscheinend gutunterrichteter Seite in die Welt posaunt wurde, gehört in das Gebiet der politischen EntenLlcht, auch die Gründung des neuen Vereins für tzandelsinteresten (gewöhniglich „Verein mit dem langen Namen" oder „Banquier - Verein" genannt) hat manches journalistische Windei hervorgezaubert, wenn wir auch keineswegs annehmen, daß die Sache mit dem Wahlfonds so ganz ohne reellen Hindergrund ist. Auch diejenigen auswärtigen Blätter, welche sich von Berlin aus melden ließen, Fürst Bismarck werde im Auftrage des Kaisers vor oder nach seiner Kissinger Kur den König von Bayern in seinem Schlosse Hohenschwangau besuchen, haben diese Nachricht am allerwenigsten aus Varzin oder aus sonstigen guten Quellen, sondern vielmehr aus ihrer höchsteigenen Phantasie geschöpft. Allerdings sieht der Eingeweihte hinter diesem Sensationsmärchen einen halb schalkhaften, halb malitiösen Kobold lächeln. Die Abgeschlossenheit und Unzugänglichkeit des Bayernkönigs ist bekannt genug, läßt er sich doch bei keiner offiziellen Feierlichkeit blicken und vermeidet geradezu jede Begegnung mit den übrigen deutschen Fürsten. Und nun soll Fürst Bismarck, zu dem König Ludwig in keinerlei periönlichen Beziehungen steht, plötzlich eine Ausnahme machen und mit dem einsamen Monarchen in Hohenschwangau politische Zwiegespräche
pflegen. Tas glaube, wer will. Uebrigens wird den neuesten Meldungen zufolge Fürst Bismarck gar nicht in die Gelegenheit kommen, von Kisfingen aus Besuche zu machen, da er in diesem Jahre die Kissinger Kur entbehren und in Varzin schon genug für seine Gesundheit thun zu können glaubt. Eine andere Sensationsnachricht scheint weniger der Sauregurkenzeit in's Konto geschrieben werden zu dürfen. Es ist dies die bisher nicht dementirte Meldung, daß am vergangenen Dienstag Abend plötzlich die Schildwachen am neuen Palais, der Wohnung des Kronprinzen, auffallend verstärkt worden seien, und zwar auf Mittheilungen hin, wonach ein Dynamit-Attentat gegen das Palais geplant gewesen sei. Man muß die Nachricht freilich vorerst mit aller Reserve aufnehmen, jedoch wäre es bei dem heutigen Umfange der anarchistischen Bewegung keineswegs unmöglich, daß in Deutschland schon wieder einmal eine frevelhafte Hand gegen den Thron sich hätte erheben wollen. Die ensetzliche Niederwald-Affaire, die, dem Himmel sei Dank, einen so guten Ausgang genommen hat, hat es zuwege gebracht, daß man keine nihilistische Teufelei mehr für unmöglich hält. Fast gleichzeitig mit dieser neuen Attentatsmeldung wird die seltsame Thatsache bekannt, daß das Berliner Polizeipräsidium zahlreichen hier lebenden Russen jedes Standes und Geschlechts Ausweisungsbefehle hat zugehen lassen. Ob diese Sicherheitsmaßregel mit jener Meldung oder mit den Resultaten der Niederwald-Untersuchung in irgend einem Zusammenhänge steht, läßt sich natürlich nicht ohne Weiteres entscheiden, auffallend ist das Zusammentreffen beider Meldungen zweifellos.
* Berlin, 25. Juli. Der .Frankfurter Ztg.' wird über den Rücktritt des Herrn Dr. Majunke u. A. folgendes geschrieben: „Der Rücktritt des Abg. Br. Majunke vom parlamentarischen Schauplatz auf eine Pfarrei in Schlesien wird von einzelnen Blättern als Ereigniß von politischer Bedeutung behandelt. Man sucht es so darzustellen, als sei die Abberufung dieses „demokratischen" Centrumsmannes von seiner parlamentarischen und journalistischen Thätigkeit eine Konzession an die
Regierung. Nach einer anderen Version soll Dr Ma;unke Herrn Windthorst unbequem geworden und deshalb zur seelsorgerischen Thätigkeit abberufen worden sein. Ich glaube genau zu wissen, daß das eine so falsch ist, wie das andere. Schon vor Jahren hat der Kollege Majunke, denn ein liebenswürdiger Kollege, der sich als Journalist fühlte, war er jederzeit — wiederholt erzählt, daß wenn erst in Schlesien wieder geordnete Diözesanverhältnisse eingetreten und der Kulturkampf zu Ende gehen würde, er Aussicht habe, eine schlesische Pfarrei zu erhalten. Wenn er dabei auch die Hoffnung durchblicken ließ, daß diese Psarrei eine gute sein werde, so kann man ihm das gewiß nicht verdenken, denn ein katholischer Geistlicher, der 10 Jahre lang im heißen Kampf als Parlamentarier und Journalist gewirkt, darunter P/2 Jahre in Plötzensee, hat gewiß ein Recht darauf, sich nach einer guten Pfarrei zu sehnen. Ich will hoffen, daß Hochkirch bei Glogau eine solche Pfarre ist. Von seinen parlamentarischen und journalistischen Kollegen wird sie ihm Niemand mißgönnen."
* Berlin, 26. Juli. Der Feldzug der ,Nordd. Allgem. Ztg/ gegen die.Karlsruher Ztg.' hat auch vielfach in nichtliberalen badischen Kreisen Anstoß erregt, weil man ihn als eine Verletzung der badischen Selbstständigkeit empfand. Wir glauben, man könnte es den Liberalen überlaffen, in diesem Streite Partei zu nehmen. Die Selbstständigkeit der Bundesstaaten wird jedenfalls durch die nationalliberalen Velleitäten der badischen Regierung größeren Gefahren entgegengeführt, als durch einen offiziösen Zornerguß gegen nationalliberale Preßleistungen. Die .Kreuzztg.' bemerkt zu der Rück- zugs-Erklärung der .Karlsruher Ztg.': „Die Erklärung kommt etwas spät, aber sie ist erfreulicher Weise gekommen. Diese Erklärung, welche von der großherzoglichen Regierung im Ganzen redet, schließt natürlich nicht aus, daß derjenige einflußreiche Herr im Ministerium des Innern, welcher für nationalliberale Wahlen arbeitet und die.Karlsruher Ztg.' überwacht, jenen Artikel geschrieben, oder doch von dessen Aufnahme in die .Karlsruher Ztg.' gewußt, ja sie gewollt habe."
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Das Mädchen von Speyer.
Eine historische Novelle von A. Linden.
.Schrecklich, schrecklich!" hörte man sämmtliche Meister ausrufen, „Euer Sohn tobt? und auf solche Weise gelobtet ?"
„So ist es, meine Freunbe!" sagte ber betrübte Vater, inbem Thränen über seine Wangen flössen. Er war ein braver Junge und die einzige Stütze seines alten Vaters. Er ist nun erschlagen und soll diesen Nachmittag zur Erde bestattet werben. Was hilft bas Jammern unb Wehklagen? Ich tröste mich mit bem Bewußtsein, baß er als Märtyrer einer guten Sache von hinnen gegangen ist. Ihr werbet Alle bem guten Sohne unb unserm Fähnrich bie letzte Ehre erweisen unb ihn zur Ruhestätte begleiten. — Zugleich will ich Euch mitrheilen, baß ich unfern Freund Hemrick zu seinem Nachfolger ernennen möchte, unb lege Euch daher die Frage vor, ob Ihr ihn für würdig haltet, Bartha's Fahne zu tragen? Denn, wie Euch bekannt ist, will es der Gebrauch, baß die Zustimmung hierzu von allen Zunftmeistern gegeben werbe unb bie Stelle keinen Tag unbesetzt bleibe."
Alle Meister erhoben sich von ihren Sitzen, um daburch ihren Beifall auszubrücken.
Heinrich wube zum Fähnrrick ernannt und dankte, tief gerührt, für diese Auszeichnung.
„Nun, Freunde eine zweite Frage," fuhr Rein- bolo fort, „was soll geschehen? Werden wir solchen
Frevel ungestraft hingehen lassen? Was sollen wir thun, um meinen Sohn zu rächen."
Alle schwiegen, denn sie kannten die Gefahr, die über ihren Häuptern schwebte, wenn sie es wagten, klagend aufzutreten. — Nach einer langen, lautlosen Stille sagte endlich einer der Meister:
„Wir sind schlichte Bürger, und können in diesem Falle nicht wohl rathen. Laßt uns die Sache Einem unserer Rathsherren vortragen und seine Meinung darüber hören."
„So sei es!" sagten die Andern. „Wir haben tüchtige Männer im Rathe, die gewiß die Wege kennen, auf welchen der Vorfall an die rechte Stelle gebracht werden kann."
Als keiner der Anwesenden eine weitere Bemerkung machte, erhob sich Heinrich und sagte:
„Erlaubt, meine Freunde, wenn ich es wage, Euch einen Vorschlag zu machen und zürnt mir nicht, wenn ich in Eurem Rathe meine Meinung laut werden lasse."
„Redet! redet!" riefen ihm mehrere Stimmen zu.
„Ihr kennt den jungen Rathsherrn Burkhard," nahm Heinrich das Wort wieder, „und habt gewiß Alle von seiner Gelehrsamkeit und seiner Biederkeit reden hören! An diesen wollen wir uns wenden! Er ist mir bekannt, denn schon einige Male traf ich ihn auf dem Thurme bei meinem Pathen, dessen Tochter er nächstens ehelichen wirb. Seine Herablassung gegen Alle flößte mir Vertrauen zu ihm ein, unb er wirb uns gewiß hüls«
reiche Hanb bieten, um ben Schurken zu bestrafen, der ben ebelften ber beutscheu Jünglinge erschlagen hat."
Dieser Vorschlag fanb allgemeinen Beifall und Heinrich würbe einstimmig gewählt, ben Schiffer- meister Reinholb zum Rathsherrn Burkharb zu begleiten.
5. Kapitel.
Reinholb unb Heinrich würben von dem Rathsherrn Burkharb mit größter Freundlichkeit empfangen. Auf sein Befragen nach ihrem Anliegen erzählte ihm Reinholb das Vorgefallene und fügte hinzu, baß fein Sohn bereits in ber kühlen Erbe ruhe.
„Es hat Euch ein harter Schlag getroffen, Meister!" sagte ber roürbige Beamte, „unb ich bebaute Euch von Herzen. Doch was ist zu thun?"
„Das wollen wir Sie eben fragen, Herr RathS- herr!" erroiberte ber betrübte Vater, „unb Ihren Rath werden wir wie einen Befehl annehmen und befolgen."
„Da ist schwer zu rathen. Wir sind die Schwachen unb Bebrückten, unb vermögen nichts über bie Willkür ber Eroberer."
„Aber ber Herzog von Bourbon soll boch fein Wort gegeben haben, baß, wenn sich bie Stadt unter französischen Schutz stellt, sie sich auch desselben erfreuen solle."
„Das ist wohl wahr, mein Freund! doch bedenket, baß auch ber Marschall von Duras bet