1884.
Donnerstag, den 24. Juli
M 168.
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Deutsches Reich.
(gl, Berlin, 23. Juli. Die Nationalliberalen sind doch unternehmende Leute. Sie wissen jeden, auch den ungeeignetsten Vorwand zu benützen, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So erschien ihnen vor einigen Tagen das große deutsche Bundesschießen in Leipzig und die aus diesem Anlaß herausgegebene Festschrift als die paffende Gelegenheit, nationalliberale Wahlpolitik zu treiben. Abgesehen von der Unanständigkeit und Rücksichtslosigkeit, die in dem Hineinwerfen eines parteilichen Mißtons in ein rein bürgerliches, allgemein deutsches Volksfest gefunden werden muß, kann diese Agitationsweise auch schwerlich auf einen entsprechenden Erfolg rechnen. Die Leipziger haben jetzt wahrlich wenig Lust, sich mit ernsten Wahl« erwäaungen abzugeben, und die auswärtigen Gäste werden, gerade weil sie eher zu allem anderen, als zu Parteizwecken zum Bundesschießen gekommen sind, die nationalliberale Taktlosigkeit vielleicht noch besser empfinden, als die Leipziger selbst. Freilich ist die ganze momentan herrschende nationalliberale Schwärmerei in Zukunftsphantasien und die dünkelhafte Selbstüberschätzung auf eine Art vorübergehender politischer Schützenfeststimmung zurückzuführen. Jetzt sind die nationalliberalen Herren auch schon zu der Einbildung gelangt, daß der neuge- gründete Verein für Handelsinteressen „außerordentlich viel äußere Verwandschaft mit der nationalliberalen Richtung haben und behalten" werde. Diese Vermuthung tritt zwar erst schüchtern in einigen Parteiorganen hervor, und gerade der Umstand, daß die Presse aller Parteien, auch der nationalliberalen, bisher mit einer gewisien zuwartenden Reserve dem neuen Verein entgegengetreten ist, läßt deutlich erkennen, daß der von der .Köln. Ztg.' und dem ,Hann. Kourier' angenommene (was man wünscht, das glaubt man gern) Zusammenhang des Vereins mit nationalliberalen Parteitendenzen nichts weiter als eine Illusion ist. Leute aller Parteien haben den Aufruf zum Vereinsbeitritt unterzeichnet, so daß man annehmen kann, daß manche bedeutende Mitglieder alsbald
7 Das Mädchen von Speyer.
Eine histori che Novelle von A. Linden.
„Was bringt Ihr?" redete Monetär den eintretenden Greis kurz und ernst an.
„Wenig, und doch viel!" erwiderte der Angeredete mit Würde.
„Wie ist das zu verstehen?"
„Ganz leicht, General! Ich bringe Ihnen den Jammer und die Thränen der Unglücklichen, die unter dem Drucke Ihrer Soldaten unschuldig leiden."
„Der Franzose bedrückt keinen Schuldlosen."
„So müßte der Franzose diejenigen für schuldig halten, die jammern, wenn man ihnen ihre Habe gewaltsam entreißt —, die wehklagen, wenn sie ihre Mauern und Thürine einreißen sehen und diese über ihren Häuptern zusammenstürzen; die endlich zu Gott um Erbarmen flehen, wenn man ihres Jammers und Elends noch spottet. Denn auch das soll nicht einmal geschehen, auch das wird bestraft, und das Lamm soll seinen Würger nicht einmal um Schonung anrufen dürfen, wenn ihm dieser das Messer an die Kehle setzt."
„Ihr übertreibt, mein Freund!"
„General! Sie sind Mensch und Christ, und wie man sagt, soll es auch Ihr König sein."
„Priester seid ruhig und bedenket, vor wem Ihr diese Worte aussprechet!" sagte Monetär mit einem strengen Blicke.
„Ich weiß, vor wem ich stehe, Herr General! Sie sind der Mann, der über Wohl und Wehe
zurücktreten würden, wenn der Verein sich lediglich als eine Stütze der nationalliberalen „Wiedergeburt" entpuppen sollte. Heute läßt sich noch kein definitives Urtheil über den Verein abgeben. Unser hypothetisches, bedingtes Urtheil geht aber dahin, daß derselbe sich nur dann der allgemeinen Sympathieen wird erfreuen können, wenn er sich nicht offen zum Protektor der Börse und zum Vertheidiger gegen die von den weitesten Kreisen der Bevölkerung sehnlichst begehrte Erhöhung der Börsensteuer aufwirft. Auch eine allzu einseitige Hervorkehrung der Verpflichtung des deutschen Reiches, für die Hebung des Handels und für eine Weiterentwickelung der Kolonialbestrebungen einzutreten, dürfte besonders in den Kreisen des Mittelstandes und bei seinen Hauptvertretern, den Handwerkern und Bauern, so lange kein rechtes Verständniß finden, als man diesen Ständen den nöthigen Schutz ihrer Jntereffen vorenthält.
* Berlin, 23. Juli. Die,Germania' schreibt: Die ,Berl. Pol. Nachr.' haben ein neues Moment entdeckt, welches den Gesetz-Entwurf Acker« mann-Windthorst überflüssig erscheinen taffen soll. Es bilden sich Innungs-Verbände, ergo gibt es „Lebensfähigkeit und Entwicklung des Jnnungs- wesens," ergo reichen die Bestimmungen der Novelle zur Gewerbeordnung von 1881 vollständig aus. Die Handwerker, welche bisher die Lasten der Innungen geduldig getragen haben, in der Hoffnung, daß ihnen späterhin auch einige entsprechende Rechte zufallen würden, werden über diese freik«rservative Logik nicht sehr erbaut fein. An Tatsächlichem theilen die ,Berl. Pol. Nachrichten' Folgendes mit: Bereits sind seitens des Reichskanzlers die Statuten folgender Verbände genehmigt: Bund der deutschen Schneider, Bund der deutschen Schuhmacher, Bund der deutschen Schmiede, Bund der deutschen Sattler, Riemer und Täschner, Bund der deutschen Glaser, Bund der deutschen Schornsteinfeger, Bund der deutschen Barbiere, Friseure und Perückenmacher und endlich Bund der Friseure und Perückenmacher. (Die letztgenannten haben sich getrennt von dem Berliner organisirt.) Außerdem hat die Konferenz der 1
unserer armen Stadt zu entscheiden hat! d-r Gesandte eines Königs, den Gott berufen hat, um uns für unsere Miffethaten zu züchtigen. Sie sind unumschränkter Gebieter in diesen Mauern. Aber bedenken Sie, Herr General, daß Sie gerade deshalb vorsichtig sein muffen, nicht zu weit zu gehen; denn es könnte leicht kommen, daß Sie später von Ihrem inneren Richter angeklagt würden, den Weg des Rechts überschritten und der Menschlichkeit zu wenig Rechnung getragen zu haben."
„Soll ich hier eine Predigt hören?"
„Nicht doch, Herr General! Aber mein Amt fordert mich auf, unerschrocken vor dem Gewaltigen zu reden, und dieses weiße Haar bürgt mir dafür, daß ich ungestraft von hinnen gehen werde."
„Nun so sagt offen, was Ihr verlangt, und ich will sehen ob ich Eurem Begehren willfahren kann.
„Herr General! Sie haben den strengen Befehl ergehen [affen, daß alle Mauern und Thürme der Erde gleich gemacht werden sollen. Es war ein harter Befehl, doch fügten wir uns. Sie befahlen ferner, daß selbst Speyer's Bewohner mit Hand anlegen mußten, um die Werke ihrer Vorfahren zerstören zu helfen — auch diese kränkende Demüthigung ward ohne Murren ertragen, und Sie sahen Alle ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Nun erfahren wir aber, daß auch an das durch sein graues Alter und feinen massiven Bau ehrwürdige Altpörtel Hand gelegt werden soll. Um ; dieses Thurmes Schonung bitte ich!"
Deligirten deutscher Gewerbe- und Handelskammern sich dieser Bewegung mit lebhaftem Interesse angenommen und zur Förderung der Bildung von Jnnungsverbänden ein Normalstatut ausarbeiten lasten, welches gleichfalls die Genehmigung des Reichskanzlers erhalten hat. Wenn diese „Bünde" den ,Berl. Pol. Nachr.' schon als eine befriedigende Organisation des Handwerkerstandes erscheinen, dann ist mit ihnen nicht zu streiten. Im Uebrigen kann das Blatt aus den Frankfurter Verhandlungen ersehen, wie die Handwerker selbst über die angebliche Blüthe des gegenwärtigen rechtlosen Jn- nungswesens denken.
• Berlin, 23. Juli. (Sonntagsruhe für Arbeiter.) In Betreff der Sonntagsruhe für Arbeiter ist ein Schritt der großen Berliner Firma Rudolf Hertzog von großer Bedeutung. Die sämmtlichen Geschäfts- und Bureauräume von Rudolf Hertzog sind an den Sonn- und Feiertagen seit dem 1. Juli geschlossen, so daß alle Angestellten dieser Firma den Sonntag re. vollständig frei haben. Dieser Schritt des größten derartigen Geschäfts auf einem Gebiete, welches bisher als Agitationsfeld für die verschiedensten Parteien benutzt worden ist, fördert diese Frage mehr, als lange Reden und Resolutionen; denn anstandshalber werden die größeren anderen Firmen — und vor Allem, sollten wir meinen, die Hoflieferanten — diesem Beispiel folgen müffen. Die Einnahmen dieses Hauses an den Sonntagen, wo dasselbe bis Mittag geöffnet war, sollen sich im Jahre auf nahe an 300,000 Mark belaufen haben. Das Beispiel der Firma Rudolf Hertzog ist nicht ohne Wirkung geblieben. Eine Reihe von Geschäften, vornehmlich auch der Konfektionsbranche, schließt jetzt in Berlin ebenfalls des Sonntags und giebt ihren jungen Leuten den Sonntag frei.
• Berlin, 23. Juli. Der Abg.vr. Majunke hat feine Mandate für den Reichstag (Trier) und für den Landtag (Kempen-Geldern) niedergelegt, da er vom Herrn Fürstbischof von Breslau zu seelsorglicher Thätigkeit zurückberufen worden ist. Derselbe wird vom 1. Oktober ab seinen neuen Posten in Hochkirch bei Glogau in Schlesien einnehmen.
„Diese Bitte kann ich Euch nicht gewähren. Vom Altpörtel aus könnte der Feind, wenn er sich je wieder dieses Platzes bemächtigen sollte, die Bewegungen der Unfern leicht beobachten. Der Thurm wäre daher ein gefährlicher Kundschafter, und er muß fallen."
„Bedenken Sie Herr General, daß Sie Ihr Wort verpfändet haben, unser Kloster zu schonen, und der Thurm in feinem Falle leicht eine solche Richtung nehmen könne, daß er das Kloster zerschmetterte.
„Meine geschickten Ingenieurs werden ihn so sprengen, daß er auf die entgegengesetzte Seite fällt."
„Aber unser Kloster ist alt und baufällig und wenn auch des Thurmes Sturz unsere Wohnung nicht begräbt, so werden doch die morschen Mauern und lockern Gewölbe unter dem gewaltigen Stoße der Ungeheuern stürzenden Steinmassen erbeben und einbrechen. Drum, Herr, habt Erbarmen und schonet des Thurmes."
„Es kann nicht sein! mein gegebenes Wort ist unwiderruflich."
„Selbst Gotteswort kann widerrufen werden, wenn der Sünder Buße thut und sich bekehrt."
„Aber mein Wort soll es nicht sein! Die Diener Ludwigs des Großen spielen nicht mit ihrem Worte."
„Ist dem großen Ludwig denn noch nie gesagt worden, daß ein viel größerer Herr im Himmel throne? Daß der Mächtigste der Mächtigen seine