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1884

Mittwoch, den 23. Juli

M 167

Fuldaer

eilung

Winkelmann, Scans, Fuchs und Reichmann hervor Unter den Besuchern befanden sich: Die Königin von Griechenland, die Herzogin Wera von Würt­temberg, Prinz Alexander von Hessen, Fürst Hohen­lohe-Langenburg, Minister Puttkammer und viele andere Notabilitäten, sowie zahlreiche Künstler und Schriftsteller.

Oesterreich - Ungarn.

* Wien, 21. Juli. Betreffs der vom Journal ,Narodnl Listy' neuerdings gebrachten allarmirenden Berichte aus Cettinje über den angeblichen Protest Montenegro's gegen die österreichischen Befestig­ungen verweist die .Politische Korrespondenz' auf ihre kürzlich erfolgte Mschiedene Widerlegung dieser Berichte. Zugleich erklärt dieselbe die Aufnahme dieser Berichte seitens der .Narodni Listy' für eine lediglich auf bewußte Irreführung und Beunruhig­ung berechnete Methode, die sich von selbst ver- urtheile. ,

* Bad Gastein, 22. Juli. Kaiser Wilhelm machte gestern Abend eine Spazierfahrt, nahm heute ein Bad und promenirte trotz des Regen­wetters. Zur Tafel waren Graf Szechenyi, Graf Emanuel Zichy und der ungarische Finanzminister Graf Szapary geladen.

Schweiz.

* Bern, 22. Juli. Nachdem bereits am Sonn­tag gegen die Heilsarmee Demonstrationen statt­gefunden hatten, wobei sich gegen 2000 Personen beseitigten, wurde gestern das Versammlungslokal der Salutisten demolirt. Zur Verhinderung wei- terer Ausschreitungen wurde eine Kompagnie In­fanterie aufgeboten.

Belgien.

* Brüssel, 21. Juli. Morgen werden die Sitzungen der halb erneuerten belgischen Kammer und des ganz erneuerten Senats eröffnet. Die Regierung wird heute einen Entwurf über die Re­vision des Schulgesetzes einbringen, welcher den Gemeindeverwaltungen die bedeutendste Rolle zu« Seilt. Das offizielle Programm umfaßt bloß den neutralen Unterrichtsstoffe Der Unterricht soll kon­fessionell sein, wenn die Gemeinde es wünscht.

Deutsches Reich.

• Berlin, 22. Juli. Die heute ausgegebene Gesetzsammlung enthält a) das Gesetz, betreffend den Betrieb des Hufbeschlaggewerbes, vom 18. Juni 1884; b) das Gesetz zur Ergänzung des Gesetzes vom 13. März 1878, betreffend die Unterbringung verwahrloster Kinder, vom 23. Juni 1884; und c) das Gesetz, betreffend die Bestimmung des Wohnsitzes im Sinne der Rheinischen Gemeindeverfaffungsgesetze, vom 30. Juni 1884. — Die ,Berl. Pol. Rachr.' be­streiten auf Grund der Rangordnungsverhältniffe, daß Geh. Rath Gamp in das Reichsver­sicherungsamt eintreten wird.

» Berlin, 22. Juli. Auf eine Eingabe der Handelskammer zu Münster an das Reichsamt des Innern, welche eine Aenderung des Sub­missionsverfahrens anstrebt, ist folgende Antwort ergangen:

Der Handelskammer theile ich ergebenst mit, daß ich die gefällige Eingabe vom 16. Mai d. I., betreffend die Abstellung von Mängeln, welche sich bei dem gegenwärtig geltenden Verdingungsverfahren herausgestellt haben, dem königlich preußischen Herrn Minister der öffentlichen Ar­beiten übersandt habe. Der genannte Herr Minister hat den Inhalt der Eingabe bei der zur Zeit stattfindenden Revision der Vorschriften über das Verdingungsverfahren mit in Erwägung ziehen lassen. Der Staatssekretair des Innern. In Vertretung: gez. Eck.

* Berlin, 22. Juli. Die bittersten Feinde der Kolonialpolitik des Reichskanzlers werden sich eines leisen Mitleidens nicht erwehren können, wenn sie hören, daß ihm ein Bundesge­nosse auf einem — Studeuten-Kommers er­standen ist. Und das kam so. Im Bandhause des Heidelberger Schlosses wurde am 5. Juli ein Kom­mers abgehalten. Da erhob sich in schon vorge­rückter Stunde ein studentischer Redner, welcher dem Fürsten Bismarck eine Ovation schuldig zu sein glaubte, sei es, weil er nicht mehr beim ersten Glas war, oder weil er den Kommers für eine kommerzielle Angelegenheit hielt, oder aus irgend welchen sonstigen Gründen. Wie er sich seiner Ge­fühle entledigte, darüber lesen wir in dem Kom­mersbericht der .Deutschen Studenten-Zeitung':

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W Der nächste Redner, stuck, zur. Nordenholz, fordert auf, einen Salamander dem Fürsten Bismark zu reiben,, tljm, der erhaben für religiöse wie politische Partei-Unterschiede den nationalen Sinn schaffe und kräftige. Verhandlungen, wie noch kürzlich im Reichstage, müßten unmöglich wer­den. (Lebhaftes Zischen.) Sodann pries der Hr. Redner den Fürsten Bismarck als Schöpfer der Kolomalpolmk, als Bekämpfer der internationalen Revolution, als sozialen Reformator (Wiederholtes Zischen) und als Führer einer nationalen innern Politik. Obgleich die Worte des Herrn Redners nicht allgemeinen Anklang fanden, folgte man allseitig gern seiner Aufforderung zum Salamander auf Fürst Bismarck. Nachdem stuck. Zimmermann der Stadt Heidelberg ein Hoch gebracht, erhob sich am Professoren« tisch ein Regierungsrath zu folgender Ansprache: „Als einer der Männer, welche dem Fürsten Bismarck geholfen haben, Geschichte zu machen, möchte ich an die Worte des Herrn anknüpfen, der einen Salamander auf den Fürsten Bismarck reiben ließ. Meine Herren! Ich will dem deut­schen Volk zu seinem Recht verhelfen: Fürst Bismarck ist groß, aber das deutsche Volk ist unendlich größer. Fürst Bisniarck hat viel geleistet, aber das deutsche Volk hat unendlich mehr geleistet! Darum rufe ich: das deutsche Volk soll leben!" (Minutenlanger Beifall.)

Die .Köln. Volksztg.' meint dazu: Hoffentlich wird der stuck. Nordenholz noch Rektor Magnifi- kus dec Universität zu Augra Pequena.

* Königsberg, 22. Juli. Beffel's hundertjähriger Geburtstag wird heute auf's Feierlichste begangen. Am frühen Morgen wurde Beffel's Denkmal vor der Stern­warte und Beffel's Grab von einer Deputation seiner Ver­ehrer, von dem preußischen geodätischen Institut, seiner Familie, und Privatpersonen mit zahlreichen Lorbeer- und Blumenkränzen geschmückt. Um 10 Uhr empfing die neun­zigjährige Wittwe des Gefeierten die Gratulanten. Von der internationalen astronomischen Gesellschaft und dem geodätischen Institut sind Adreffen eingegangen: Bei dem um 11 Uhr in der Aula der Universität veranstalteten Festakt hielt Professor Luther, ein Schüler Beffel's, die Festrede. Für den Abend hat die Studentenschaft zwei große Kommerse vorbereitet.

Koblenz, 21. Juli. Die Kaiserin ist Abends um 6 Uhr 40 Minuten nach der Insel Mainau abgereist.

* Konstanz, 22. Juli. Die Kaiserin ist auf Schloß Mainau eingetroffen.

• Bayreuth, 21. Juli. Die erste der dies­jährigen Parsifalaufführungen fand bei vollständig besetztem Hause unter Levi's vorzüglicher Leitung begeisterte Ausnahme seitens des Publikums. Unter den Darstellern traten besonders Frau Materna,

6 Das Mädchen von Speyer.

Eine historische Novelle von A. Linden.

3. Kapitel.

Der General Monclar hatte die bischöfliche Pfalz zu Speyer zu seiner Residenz gewählt. Er saß in einem kleinen Gemache, das an die Haus­kapelle stieß, mit Erdmann beim Schachspiele. Lange herrschte die tiefste Stille, denn die tobten Figuren wurden beiderseits bedächtig und von Meisterhänden geführt. Bald war es der Eine, bald der Andere, der einige Vortheile errang. Endlich, nach langem Schweigen, sagte der Gene­ral freudestrahlend: „Schach der Königin!" — Erdmann war überrascht und verwirrt; doch er­holte er sich bald wieder, that mit Besonnenheit einen Zug, um seine Königin zu decken und schien sein Spiel gesichert zu haben. Aber es währte nicht lange, als der General abermals eine Blöße in der Stellung seines Gegners entdeckte und „Schach und Schächin!" bot. Erdmanns Königin war verloren.

„Erdmann! Erdmann!" sagte Monclar, „wie spielst Du heute? Wenn Du so fortfährst, so mußt Du unterliegen."

Und der Kampf wurde von beiden Seiten wieder kunstgerecht angenommen und sorgfältig fortge­führt. Der General war bemüht, den einmal er­rungenen Sieg auf's vortheilhafteste zu benutzen, während sein Spieldiener nur noch das Feld zu behaupten suchte. Der General griff an — sein

Gegner suchte seine Blößen zu decken, urtb so ge­fährlich auch bie Lage bes Letztem war, so wußte ber gewandte Spieler seine Figuren boch immer roieber so zu schützen, baß Monclar, trotz seiner günstigen Stellung, boch alle Kunst aufbieten mußte, um bas Schlachtfelb als völliger Sieger zu be­haupten. Enblich rief er triumphirenb aus: „Schach unb — matt!"

„Nun", fügte er freubig hinzu, „ist es mir boch einmal gelungen, Dich zu besiegen! Es scheint mir aber in Deiner Vaterstabt auch Alles gelingen zu wollen; benn schon bei unserm Einzug ergab sie sich ohne Schwertstreich; ihre Nettesten überreichten mir bemüthig bie Schlüssel ihrer Thore; wir zogen als Sieger ein unb bie Be­wohner wetteifern mit unfern Soldaten, ihre Mauern unb Thürme niederzureißen. Aber nicht genug mit diesem unerwarteten Erfolg, werde ich auch noch Sieger im Schachspiel, Sieger über den größten Meister, den ich je kennen gelernt habe. Gestehe, Erdmann, daß ich ein Kind des Glückes bin!"

„Es ist nicht zu leugnen,, mein General, daß Ihr erhabener Geist in kurzer Zeit Manches zu Stande brachte, wozu ein Turenne Jahre gebraucht hätte, und es ist eine Lust, mit anzusehen, wie Männer und Jünglinge sich anstrengen, bas nieber- zureißen, was einst ihre Väter mit großer Mühe aufgebaut haben. Aber, verzeihen Sie, wenn ich es wage, ben Sieg, ben Sie über mich errungen haben, nur einen zweifelhaften zu nennen."

„Wie so?" fuhr ber General heftig auf.

„Eure Excellenz haben mir gnäbigft gestattet," erroiberte Ecbmann bemüthig, „bie Wahrheit immer im Herzen unb auf ben Lippen zu tragen. Ich muß daher als treuer Diener auch jetzt diesem Befehle nachkommen und Ihnen sagen, daß ich beim heutigen Spiele nicht unterlegen wäre, wenn ich nicht von einem Kummer niebergebeugt würbe, ber mich zu erbrücken broht."

„Du unb ein Kummer? Das ist zum Lachen! Der leichtsinnige Strickreiter, ber geübteste Schach­spieler unb ber schlaueste Kopf im ganzen Regiments wirb boch nicht so thöricht fein, sich über etwas zu betrüben? Ich bin begierig, ben Grund kennen zu lernen. Es ist boch nicht etwa ein Herzens­kummer?"

„Gerabe ein solcher, mein General! unb Sie mürben mich sehr beglücken, wenn Sie mir ge­statten wollten —"

„Erzähle, erzähle Erdmann!"

„Es sind jetzt drei Jahre," begann ber Bube mit erheuchelter Dernuth, „daß ich aus bem Dienste bes hiesigen Rathes treten mußte, bem ich mehrere Jahre als treuer Diener ergeben war. Die Ur­sache meiner Entfernung war allein die, baß mir bie Tochter bes Domglöckners in Liebe zugethau war unb ber Sohn eines Rathsherrn auch Ab­sichten auf bas Mäbchen hatte. Ich mußte natür­lich bem Mächtigen weichen unb bie Srabt ver­lassen. Ich hätte mich über biefen Unfall wohl