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1884

Montag, den 21. Juli

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Deutsches Reich.,

\ ß Berlin. 20. Juli. Zwei Artikel der .Nordd. Allgem. Ztg.' haben in der vergangenen Woche einiges Aufsehen erregt. Der auf die .Karlsruher Zeitung', das halbamtliche Organ der Regierung in Baden, also im Grunde genommen auf die letz­tere selbst gerichtete kalte Wasserstrahl hat, was von Produkten der .Nordd,' selten gesagt werden kann, in allen gutgesinnten Kreisen eine beifällige Beur- theilung gefunden, ja er hat den wahren Freun­den der Landwirthschaft, den Anhängern der katho­lischen und der konservativen Richtung. nicht nur. in Baden, sondern im ganzen Reiche eine große Genugthuung bereitet. Der Artikel der .Karlsruher Zeitung', welcher bekanntlich die im Wachsen begriffenen Sympathien für eine gründ­liche gesetzliche Unterstützung und Hebung der dar- niederliegenden Landwirthschaft auf das Schärfste kritisirte und dabei auch über die adeligen Großgrund­besitzer in Preußen und ihre Bestrebungen die Schale feines Zornes ergoß, hat eine sehr treffende Abwei­sung von bekannter hochpolitischer Seite erfahren. Wie sehr dieser Wink mit dem Zaunpfahl in Karls­ruhe seine Wirkung gethan hat, merkte man an der lendenlahmen, äußerst spärlichen Antwort des Karlsruher offiziösen Organs, welches nicht mehr zu sagen wußte, als daß der — übrigens an der Spitze des Blattes abgedruckt gewesene — Artikel der nationalliberalen Korrespondenz entnommen sei, und daß das Blatt deshalb für die einzelnen Wen- düngen des Artikels keine Verantwortung zu über­nehmen brauche. Das war für jeden mit den journa­listischen Gepflogenheiten Halbwegs Vertrauten ledig­lich der in etwa bemäntelte Ausdruck des „pater, pec- cavi“. Daß der Artikel der,Nordd.' auch gleichzeitig gegen die ganze nationalliberale Partei in Baden gerichtet war, ergiebt sich aus dem Zusammenhänge von selbst. Nachdem die Männer von Heidelberg so von oberoffiziöser Berliner Seite einen nicht mißzuverstehenden Nasenstüber besehen hatten, mußte es um so mehr Verwunderung erregen, daß gleich darauf wieder in den Spalten der ,Nordd.' die offenste Wahlagitation für die Herren National­

liberalen betrieben wurde. Aber man kennt ja die Gewohnheiten des Herrn „Geheimen" Kommissions- rathes Pindter und derjenigen, für welche er ge­heime Kommissionen zu besorgen pflegt. Diese Leute kennen für sich nur den Standpunkt des alles regierenden Jupiter, der von der erhabenen Höhe herab bald einen Platzregen, bald den schön­sten Sonnenschein spendet, je nach Laune und Gutdünken. Heute bekommt dieser, morgen jener seine Schelte oder umgekehrt seine Belobungen. Die Nationalliberalen gelten trotz ihrer kleinen Un­arten doch immer noch als die besten, wenigstens als die brauchbarsten Kinder, und darum wird Jedem eine strenge Verwarnung zu Theil, der sich weigert, mit der Gesellschaft Gemeinschaft zu haben. Die,Nordd.' will um jeden Preis die Konservativen zu einem festen, ja geradezu vertragsmäßigen Wahl- bündniffe mit den Nationalliberalen drängen. Allem Anscheine nach verspürt die Partei der „Deutsch- Konservativen" gar kein Verlangen nach dieser Brü­derschaft. .Kreuzzeitung' und .Reichsbote' haben den offiziösen Mahnruf sehr kühl und durchaus ablehnend beantwortet. Insbesondere der .Reichsbote' rechnet der .Nordd.' vor, wie unzuverlässig die Bundes­genoffenschaft der Nationalliberalen in den Fragen der Sozialpolitik sein würde, daß die Vergangen­heit der Partei für ein festes Eintreten für die Ziele der kaiserlichen Botschaft, - und dahin rechnet sie mit Recht auch die Beschränkung der koloffalen Uebermacht des Kapitals, Stärkung des gewerb- lichen Mittelstandes und soziale Befferstellung des Arbeiters. — keine Garantie bietet. Hoffen wir. daß die deutsch-konservative Partei der Auffassung der beiden Blätter folgt. Wenn der .Reichsbote' recht unterrichtet ist, beabsichtigt man, beim ersten Wahlgange überall eigene Kandidaten aufzustellen und bei eventuellen Stichwahlen genau zu prüfen, welcher Kandidat am besten den konservativen For- derungen entspricht.

»Berlin, 17. Juli. Die .Korrespondenz Majunke' schreibt: „Schon vor einigen Wochen überraschte die .Nordd. Allg. Ztg.' di- Welt mit der Mittheilung, es habe Mitte der siebziger Jahre eine „fortschrittlich-national- liberal-ultramontane Coalition" bestanden,welche beabsichtigt hätte, das Ministerium Bismarck zu stürzen

und unter dem Präsidium des Marineministers v. S losch ein Ministerium aus fortschrittlich-nationalliberal-ultra­montanen Mitgliedern zu bilden. Da indeß jene Mit­theilung mitten in die parlamentarische Campagne fiel, schenkte man ihr damals wenig Aufmerksamkeit; man legte sie zu den übrigen norddeutschen Flunkereien und hatte sie am nächsten Tage bereits vergefien. Die Hundstags­hitze hat aber die Phantasie der .Norddeutschen' wieder erregt, in ihrem neuesten Streite mit der »Magdeburger Zeitung' über den „Konflikt Bismarck-Stosch" hat sie jene Behauptung mit noch größerm Nachdruck aufgestellt und bereits hat das Magdeburger Blatt an sie das dringende Ansuchen gerichtet, doch diejenigen Kandidaten zu nennen, welche außer Herrn Stosch jenes „Koalitionsministerium" bilden sollten. Wir unsererseits können uns diesem Ver­langen nur anschließen. Auch wir möchten gern wissen, wer in diesem buntfarbigen Ministerrathe mit den einzel­nen Ressorts hätte betraut werden sollen. Das ganze Phantasiegebilde der »Norddeutschen' scheint lediglich ein Rückschlag der Sympathieen zu sein, welche Herr v. Stosch durch Fachtüchtigkeit und zugleich durch die Geradheit und Ehrlichkeit seines Charakters gleich Herrn v. Kamecke in parlamentarischen Kreisen sich erworben hatte. Beide Män­ner waren aber stets streng konservative Naturen, und es ist mehr als lächerlich, sie mit Herrn Eugen Richter in ein Anti-Kanzler-Complott hineinzudichten. Was speziell die Stellung des Centrums zu sHerrn v. Stosch anlangt, so hat dasselbe bei den Plenarbe- rathungen niemals Veranlassung genommen, dem Chef der Admiralität seine Sympathieen zu bezeugen, wie es auf „liberaler" Seite mitunter der Fall gewesen war; es ist dies vielmehr nur einmal innerhalb der Budget­kommission und zwar int vorigen Jahre geschehen, wo der Abgeordnete für Trier im Namen und Auftrage seiner Fraktion dem Marineminister alle Anerkennung für seine Amtsthätigkeit aussprach, aber zugleich erklärte, daß das Centrum außer Stande sei, die von der Marine - Verwaltung geforderten Millionen für die Erbauung eines neuen Panzerschiffes zu bewilligen. Die Folge dieser Erklärung war die Ablehnung der betreffenden Etatsposi- tton in der Kommission und da Herr Stosch nicht mehr den Versuch machte, die abgelehnte Summe im Plenum zu retten, so lag seitens des Centrumsvettreters keine Ver­anlassung vor, seine in der Kommission abgegebene Er­klärung bei den Plenarverhandlungen zu wiederholen. Gerade diese von Herrn v. Stosch schon früher bethätigte Rücksichtnahme auf parlamentarische Wünsche dürste es hauptsächlich gewesen sein, welche in den der.Nordd. Allg. Ztg.' „nahestehenden" Kreisen Mißfallen erregt hat. Es mag auch sein, daß Herr v. Stosch, gewöhnt an die frühere Selbständigkeit der preußischen Minister, dem Reichskanzler gegenüber nicht immer dasselbe Ent­gegenkommen wie den Abgeordneten gezeigt hat. Wrr wollen indeß diese Frage auf sich beruhen lassen; uns interessirt vor Allem die „Enthüllung" der ,Nordd. Allg.

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Das Mädchen von Speyer.

Eine histori che Novelle von A. Linden.

Eines Abends, als sich die Menge entfernt hatte, trat Heinrich in die Capelle, warf sich mit Wehmuth vor dem Grabe nieder, und betete aus der Tiefe seines Herzens. Die Nacht brach herein, und ermüdet von des Tages Lasten entschlief der Fromme am Grabe des Dahingeschiedenen.

Ein Traum umschwebte den Schlummernden. Es näherte sich ihm Wolfgang der Lehrer, zeigte mit dem Finger auf die Wand der Capelle und sprach die Worte: „Sieh dort den Willen des Allerhöchsten, der Dir in jenen Worten kund ge- than wird! Bedenke was der Ewige von Dir fordert! Lies die Worte und denk an Dein Ende!

Und Heinrich schaute zur bezeichnenden Stelle hin und gewahrte mit goldner Schrift die Worte: kost sex! — nach sechs! — Daraus entfloh die Erscheinung, und Heinrich erwachte. —

Mit Beben gedachte er des Traumes. Der frische Muth entsank ihm, denn nur zu gewiß war ihm die Deutung, daß man ihn nach sechs Tagen zu Grabe tragen werde.

Er durcheilte in Gedanken sein vergangenes Leben und mit Schrecken gewahrte er viele Ver­gehen, mit denen beladen er nicht vor seinem Rich­ter erscheinen konnte. — Inbrünstig flehte er zu Gott um Vergebung seiner Sünden, und in Thränen i gebadet rief er aus:

„O verzeih' Du ewig reine

Heil'ge Gottheit meine Sünden!

Laß vor Dir mich Gnade finden, Sieh, ich büße hier und weine! O, gib Licht, Du heil'ges Feuer, Daß ich auf dem dunklen Bette Mir die Seel' die einz'ge rette!" Und er spricht's und athmet freier»).

Gestärkt ging der Herzog zum Schlosse zurück, ließ die Edlen zu sich rufen und sprach die Worte: „Euer Herr und Gebieter stellt eine Bitte an Euch, die ihr ihm gewähren werdet. Seht, ich weiß, daß mein Ende nahe ist! Drum setze ich hier meinen letzten Willen auf. Stoßt mit mir euere Schwertknopf als Siegel darauf und schwöret, daß Ihr Alles getreulich erfüllen wollet, was diese Pergamentrolle enthält."

Die Treuen waren verlegen, als sie diese Worte ihres Herrn vernahmen. Wohl bemühten sie sich, ihm seinen Wahn auszureden — aber vergebens! Er befahl ihnen, sein Gebot zu erfüllen und fügte die Bemerkung hinzu: „Befolgt nur noch diesen Befehl, es ist der letzte!"

Und sie gehorchten seinen Worten. Er aber kasteite seinen Leib mit den härtesten Bußübungen, und je näher der sechste Tag heranrückte, jemehr war er bereit, vor seinem Richter zu erscheinen und Rechenschaft von seiner Haushaltung auf Erden abzulegen.

Fünf Tage waren verflossen und der verhäng-

*) Bamberger Legenden und Sagen von Dr. A. Haupt.

nißvolle sechste brach an. Da eilte er hin zur Capelle des heiligen Wolfgang und erwartete den Tod auf derselben Stelle, wo ihm die Erscheinung geworden war.

Abend ward's und wieder Abend, doch der Tod hatte seine Sense noch nicht über Heinrichs Haupt erhoben, und die Deutung des Traumes mußte eine andere sein.

Der fromme Büßende ermüdete nicht in Aus­übung guter Werke, und da der sechste Tag ihn nicht von hinnen abrief, so mußte es die sechste Woche fein. Und betend und fastend und Almosen vertheilend, erwartete er diese mit Ergebung in den göttlichen Willen.

Und die sechste Woche nicket, Stets zum Scheiden froh und fertig Ist des Stündleins er gewärtig, Wo der Friedensengel blicket. — Aber vergebens! Auch diese Zeit berührte seine Wangen nicht verderbend, und in Kraft und Lebens­fülle erfreute sich der junge Herzog, nach wie vor, der blühendsten Gesundheit.

Auch der sechste Monat zog vorüber, ohne des Jünglings Antlitz mit Spuren des Todes zu über­ziehen, und

Heinrich hat es längst vergessen,

Was ihm Wolfgang einst gemuthet: Denn der Krieg der ihn umfluthet. Haust verderbend und vermessen. Nur an Bayern, dem getreuen, Mit den blüthenreichen Gauen Hängt er; seine Völker schauen