Jü 164.
Sonnabend, den 19. Juli
Fuldser
1884.
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Zweites Blatt.
Au den Reichstagswahlen.
I.
Einleitung. (Nachdr. verb.)
In die politische Stille der Sommermonate tritt in diesem Jahre als belebendes und anregendes Element die Wahldiskusfion und die allgemeine Vorbereitung zu dem im Herbste stattfindenden großen Ringkampfe der politischen Meinungen. Etwa drei Monate trennen uns noch von dem voraussichtlichen Termine der Reichstagswahl, ein Zeitraum, in welchem gewiß noch viel geschafft und agitirt, noch viel nachgeholfen, aber auch viel gefehlt und vernachlässigt werden kann. Die katholische Partei, das Centrum, welches alle, in den Bundesstaaten theilweise unter anderen Bezeichnungen vereinten, parlamentarischen Vorkämpfer für die katholischen Interessen in der einen großen achtunggebietenden Fraktion zusammenfaßt, kann dem Wahlkampfe mit einer gewissen Ruhe und Würde entgegensehen, denn seine Schaaren sind wohlorganisirt, über seine Grundsätze und seine Ziele herrscht Einigkeit, und der Allianz mit an- deren Parteien bedarf es an sich nicht. Wurde der Centrumspartei doch noch vor wenigen Tagen auf dem rheinischen Parteitage der Nationalliberalen aus dem Munde eines leidenschaftlichen Gegners das schöne Lob zu Theil, es sei „die eigentlich wichtigste Partei an Zahl und Disciplin, es sei mächtig, weil es taktisch geschloffen erscheint und in sich einig marschirt." Dem Centrum schmeichelt nicht das Lob seiner Widersacher, ihm genügt das Bewußtsein der treu erfüllten Pflicht, der Verfolgung des strengen Rechtes und die Gerechtigkeit, zu Zeiten, wo man nicht übel Lust hatte, seine Anhänger, weil sie ihr Gewissen höher schätzten, als den äußeren Zwang, sammt und sonders vom deutschen Boden zu verjagen, aber auch zu Zeiten, wo bei milderer und gemäßigterer kirchenpolitischer Stellung der tonangebenden Elemente die Aufgabe an die Partei herantrat, für des Volkes Wohl, für die Hebung der Arbeiterklassen, für das daniederliegende Handwerk und den gedrückten Bauernstand, aber nicht minder auch für den Schutz des Handels und der Industrie thatkräftig einzutreten. Aber auch in dem Vollgefühle treuer Pflichterfüllung ist das Lob aus gegnerischem Munde wenigstens um dessentwillen nicht ganz zu ignoriren, weil die Erfahrung gelehrt hat, daß von ganz derselben Seite bei passender Gelegenheit und je nach den Umständen dem Centrum gleichwohl wieder der Vorwurf ins Gesicht geschleudert wird, es sei in sich zerfallen, die Einigkeit sei nur eine scheinbare, in Wirklichkeit gehe ein tiefer Riß durch die Fraktion, und dergleichen Phrasen mehr, welche sich nur an die allerdings feststehende Thatsache anklammern, daß das Centrum von seinen Mitgliedern kein Opfer des Intellekts und keinen Kadavergehorsam verlangt, daß es insbesondere in rein politischen Fragen gerne eines Jeden Urtheil und Ansicht respektirt. Man hat so oft im Tone des Vorwurfes gesagt, das Centrum sei keine politische, sondern nur eine religiöse, eine einseitig katholische Partei, und deshalb sei es auch nur in Fragen des Kulturkampfes einig. Diese Auffassung ist so falsch, wie nur möglich. Allerdings hat der Kulturkampf und die zwingende Nothwendigkeit, die katholischen Interessen gegen die mit wahnsinnigem Haß anstürmenden Widersacher der Kirche zu vertheidigen, das Centrum zu der kompakten, achtunggebietenden Macht, zu der taktisch geschlossenen und ausgezeichnet disziplinirten Phalanx gemacht, als welche es jetzt dasteht. Aber
deswegen hat das Centrum keineswegs nur religiöse und rein katholische Interessen. In gewissem Sinne ist es allerdings auch in Bezug auf die eigentliche Staatspolitik eine von religiösen Prinzipien geleitete Partei, aber nur insofern, als die Fraktion allen ihren Entschließungen, als sie der ganzen Auffassung des Staates, des staatlichen Lebens, der staatlichen Rechte und Pflichten die christliche Weltanschauung zu Grunde legt, als sie vor allen Dingen die Wiederherstellung des christlichen Staates in allen seinen Konsequenzen anstrebt. Dieser Grundzug der Parteipolitik ist auch in den sonst so wandelbaren und so vieldeutigen rein politischen Fragen das einigende, das fest aneinanderschließende Element. Das Centrum ist eine ch r i st l i ch e Partei, und weil gerade in den gegenwärtigen Zeitläuften der Kampf des glaubenslosen und liebeleeren Widerchristenthums gegen das positive Chri- stenthum und gegen die weltbeglückende Lehre der christlichen Nächstenliebe auch in fast allen politischen Kämpfen zum offenen oder verborgenen Schlachtruf gemacht wird, deshalb sindet die Centrumspartei fast fortgesetzt im parlamentarischen Leben Gelegenheit, von ihrer christlichen Auffassung des Staates Zeugniß abzulegen. Nehmen wir aus der jüngsten Zeit die beiden großen sozialpolitischen Gesetze, das Krankenkassengesetz und namentlich das Unfallgesetz, an dessen Zustandekommen das Centrum so große Verdienste hat, nehmen wir den Jnnungsantrag und selbst das Aktiengesetz u. s. w., so finden wir als maßgebend bei allen Erwägungen, Anträgen und Beschlüssen der Partei den einen großen Gedanken des Schutzes des Schwächeren gegen den Stärkeren, der Fürsorge für den Noth- leidenden, für den in seiner Lebensstellung durch Geburt oder mißliche Verhältnisse Zurückgesetzten, mit einem Worte — die erhabene Idee der christ- lichen Nächstenliebe.
Wie nach jeder Legislaturperiode des deutschen Reichstages, so kann die Centrumspartei auch jetzt wieder mit einer gewissen Genugthuung, mit freudigem Stolz vor die Schaaren ihrer Wähler hintreten, sie ist auch in den Wirrnissen der letzten dreijährigen Gesetzgebungskompagne der feste Thurm geblieben, als den sie selbst Fürst Bismarck pries, sie hat besonnen und pflichtgetreu mit alter Konsequenz festgehalten an Recht und Wahrheit und Freiheit. Ihre Feinde hatten frohlockend geglaubt, sie werde mit Rücksicht auf Konzessionen im preußischen Kulturkämpfe in diesem oder jenem Punkte der Regierung willfähriger sein, als ihre Prinzipien; aber diese Vermuthung wurde zu Schanden; gleich unempfindlich gegen Drohungen wie gegen nebelhaft lockende Geschenke folgte die Partei dem guten Rechte und ihrem Gewissen.
So ist die Geschichte des Centrums tadellos und ohne Fehl geblieben, sein Ehrenschild ist blank und rein, und das katholische deutsche Volk kann auf seine parlamentarische Vertretung im Reichstage mit Recht stolz sein. Dies ist aber kein Grund, nun auf den Lorbeeren zu ruhen und mit Siegesgewißheit in die Zukunft zu schauen. Die Gegner, vor allem die Erbfeinde des Centrums, die Nationalliberalen, rüsten mit Anspannung aller Kräfte zu der kommenden Wahlschlacht, sie halten in allen Gauen des Vaterlandes Parteitage ab und suchen namentlich den mittleren Bürgerstand durch gleißnerische Phrasen und durch eine künstliche Begeisterung für ihre Ideen zu gewinnen. Je nach den Eigenthüm- lichkeiten der Landschaft halten sie der Wählerschaft bald diesen, bald jenen bunten Lieblingslappen vor die Aug-n, gleichviel ob die Farbe des Lappens (wir erinnern nur an die in Elberfeld bereits dementirte Heidelberger Resolution von der Börsensteuer) in das nationalliberale Programm-Wappen hineinpaßt, oder nicht. Dieser rührigen Agitation
gegenüber ist es die nächste Pflicht der katholischen Partei, in der Presse und in Versammlungen das vielleicht hier und dort irregeleitete Volk aufzuklären und zu belehren, dann aber muß auch schon frühzeitig in die eigentliche Organisation des Wahlkampfes eingetreten werden, und zwar mit Nachdruck und Energie. Das Volk muß erkennen, daß die Ausübung des Wahlrechtes gerade diesmal zur heiligen Pflicht wird, daß es sich in der Wahlschlacht geradezu um die Frage handeln wird, ob, wie bisher, das christliche Element, die Veremigung der Centrumspartei mit den Konservativen, im Reiche die Oberhand behalten, oder ob wieder jene Unglückspartei, die nationalliberale, mit all' ihrem Kulturkampfsfanatismus und ihrer blinden Unterwerfung unter die oft wechselnden Neigungen des Fürsten Bismarck zur Herrschaft gelangen soll.
Deutsches Reich.
* B e r l i n, 18. Jüli. Gegenüber der Nachricht der ,Kreuzztg.' über den Stillstand in der Verwaltungs- Gesetzgebung für die westlichen Provinzen berichten die ,Berl. Pol. Nachr.', die Kreis- und Provinzialordnung für H e s s e n - N a s s a u habe das Staatsministerium bereits passirt und es sei dabei ein völliges Einverständniß darüber erzielt worden, daß die Entwürfe znnächst den Kommunal-Land- tagen der bezeichneten Provinz und sodann behufs Einbringung bei den Häusern des Landtages dem Staatsrath vorzulegen seien. Ueber den Inhalt der Entwürfe berichtet die Korrespondenz: Während die Provinzialordnung von dem Gedanken getragen ist, daß die drei die Provinz Hessen- Nassau bildenden Kommunalverbände: Regierungsbezirk Kassel, Wiesbaden und Stadt Frankfurt, unbeschadet ihrer kommunalen Selbstständigkeit, für die der Provinz obliegenden staatlichen Geschäfte zu einem mit Vertretungs-Organen ausgerüsteten Provinzialverbande zusammenzufaffen sind, schließt sich die Kreisordnung in mancher Hinsicht der hannoverschen an. Insbesondere ist, und zwar auch für Nassau, die polizeiliche Zwischeninstanz zwischen Landrath und Gemeindevorstand aufgegeben, dagegen, abweichend von Hannover ein wesentlicher Theil der Ortspolizei dem letzteren übertragen. Eine Reihe von anderen Sonderbestimmungen ergiebt sich aus dem in jenem San* destheile geltenden Partikularrechte. So kennt z. B. die nassauische Gemeinde-Ordnung den Unterschied zwischen Stadt* und Landgemeinde nicht, während das gleichzeitig mit der Kreisordnung einzuführende Kompetenzgesetz diesen Unterschied voraussetzt.
• Berlin, 18. Juli. Der .Reichsanzeiger' publizirt die Abberufung v. Alvenslebens aus dem Haag zu anderweitiger dienstlicher Verwendung und die Ernennung Herbert v. Bismarck's zum Ge- andten im Haag und v. Eisendecher's zum Gesandten in Karlsruhe.
• Leipzig, 18. Juli. Soeben wird bekannt, daß das Schützenfest zu nationalen Parteizwecken gemißbraucht wird. Das vom offiziellen Ausschüsse edirte Festblatt proklamirt den Vorsitzenden des Centralausschusses Bürgermerster Troendlin zum nationalliberalen Parteikandidaten Leipzigs. Rechtsanwalt S ch r e r> hatte beim Bankett schon das Schützenfest als großes nationalliberales Fest in einer Tischrede verherrlicht. (Frkf.Ztg.)
Oesterreich - Ungarn.
/ X Wien, 17. Juli. Trotz der tropischen Hitze herrscht auf politifchem Gebiete reges Leben. Die stattgehabten Landtagswahlen geben den Blättern Stoff zu fortgesetzten Rekriminationcn und