1884
Fuldm
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Erstes Blatt.
□ Die Cholera.
Die jüngsten Nachrichten aus Toulon und Marseille über die Zunahme der Cholera-Todesfälle haben allgemein Besorgniß und Furcht vor einer weiteren Ausdehnung der gefährlichen Epidemie verbreitet. Ob es zu einer solchen Ausbreitung kommen wird, ob auch Deutschland von dem Würgengel heimgesucht werden wird, weiß noch Niemand, das steht allein in Gottes Hand. Jedenfalls darf man aber mit gutem Gewissen brhaupien, daß die Cholera in ihrem bisherigen Verlaufe nicht eine solche gefährliche Ausdehnung angenommen hat, wie sie bei fast allen früheren Epidemien zu beobachten war. Die Zahl der Todesfälle ist groß und beklagenswerth, aber sie rechtfertigt nicht die Panik, welche namentlich in Frankreich die weitesten Kreise ergriffen hat. Auch ist die lokale lieber» tragung bisher auf Marseille beschränkt geblieben. Hoffen wir, daß die Cholera nicht jetzt noch, vielleicht in Folge der Massenauswanderung aus den beiden infizirten Städten, ihre Schrecken weiterhin verbreitet. Wir erblicken in jeder derartigen Massensterblichkeit, in jeder Epideinie, in jeder großen menschenmordenden Katastrophe den strafenden und warnenden Finger Gottes. Das offizielle Frankreich scheint diese entsetzliche Mahnung nicht zu verstehen oder nicht verstehen zu wollen. Während im Süden Schrecken und Todesahnung die Gemüther erfaßt Hut, hat die Regierung in Paris die Frivolität, trotz aller Abmahnungen wiffenschaftlicher Autoritäten und entgegen den Wünschen des vernünftigeren Theiles der Bevölkerung das Nationalfest, das große Fest der Republik, in hergebrachter Weise begehen lassen. Wenn jetzt in Folge des großen Menschenandranges plötzlich das schlimme Gespenst der Cholera auch in der Hauptstadt erscheint, dann wehe denen, welche die Gewissenlosigkeit Hatton, aus reinen Parteifanatismus eine Rücksicht bei Seite zu setzen, welche in jedem anderen civilisirten Lande nicht nur die Vernunft, sondern auch dys menschliche Gefühl, das Mitleid und-die
Trauer um die so schwer geprüften Landeskinder gefordert hätten. In Toulon und Marseille vernimmt man Tag und Nacht den klagenden Ton des Sterbeglöckleins, die Menschen schleichen vor Furcht und Schrecken bleich durch die Straßen, und Nachts künden große Feuer die furchtbare Gefahr, der man zu entrinnen sucht, — und in Paris, in der leichtlebigen, frivolen Hauptstadt feiert die Republick unter Jubelgeschrei, mit Scherzen und Lachen das Nationalfest. Möchte der Himmel diesen unerhörten Fehltritt der Regierung nicht rächen! Wenn die Cholera in Paris ihren Einzug hielte, dann dürfte die Zahl ihrer Opfer eine ganz immense werden. — Geheimrath Dr. Koch, der schnell zur Berühmtheit gelangte Entdecker des Cholera-Baecillus, des die Krankheit übertragenden Pilzes, hat sich in Toulon und Marseille von dem Charakter der Seuche überzeugt und neues Material für seine Studien gesammelt. Leider ist seine Entdeckung nach seinem eigenen Bekennt- niß deßhalb noch von geringem praktischen Werthe, weil er noch kein Mittel gefunden hat, um den Baeeillus im Körper zu zerstören, also die einmal entstandene Krankheit zu heben. Nur zur Feststellung der zweckmäßigsten Verkehrungsmaßregeln sind seine bisherigen Studien über den Cholerapilz von größerer Wichtigkeit. Deutschland darf auf den Entdecker des Cholera-Baccillus immerhin stolz sein; im Augenblick sind die Augen ganz Europas auf ihn und sein Urtheil gerichtet. Möchte Deutschland aber, auch, nicht zurückbleiben, wenn es sich durum handelt, energische Maßregeln gegen eine Jmpor- tirung der Cholera zu treffen, und möchten die einzelnen Städte und Gemeinden schon jetzt keine Mühen und Kosten scheuen, um durch die Sorge für die Reinheit und Frische der Luft, des Bodens und der Wohnungen, für gutes Trinkwasser und zweckmäßige Abführung aller unreinen Stoffe aus dem Bereiche menschlichen Aufenthaltes einer etwaigen Ausbreitung der Cholera den Boden zu entziehen. Wie gestern bereits gemeldet wurde, hat der Kultusminister bereits einen bezüglichen Erlaß an die Regierungspräsidenten gerichtet, um die Durchführung geeigneter Vorsichtsmaßregeln zu sichern.
Ein rationelles Verfahren bei der Getreideernte.
Von einem erfahrenen praktischen Landwirth erhalten wir nachstehende Zeilen:
Im vorigen Jahre brachte die .Fuldaer Zeitung' zur Erntezeit einen Artikel aus der .Kölnischen Volkszeitung', der von einem Hannoverschen Land- wirthe herrührte und ein „rationelles Verfahren bei der Getreideernte" behandelte. Die Rathschläge gipfeln darin, daß die gebundenen Garben aufgerichtet und mit einem sog. Hut bedeckt werden müßten. Dieses Verfahren habe ich in meiner Jugend schon mitgemacht, dasselbe ist jetzt aber nicht mehr rationell. Es sei mir gestattet, in Folgendem das von mir jetzt angewandte Verfahren zu erörtern. Möge sich dann Jeder sein Urtheil bilden, ob ich Recht habe ober nicht.
Bei der Ernte gilt es hauptsächlich, mit wenig Kraft und in kurzer Zeit sein Ziel zu erreichen. Deßhalb lasse ich^kein Getreide mehr mit der Sichel schneiden, sondern es wird nur mit der großen Gestellsense gehauen. Beim Hauen muß die Sense so gehalten werden, daß der Schnitt durch den Halm von unten her schräg erfolgt. Zu diesem Ende ist es nöthig, daß man das Gestell am linken Arm mit einen Riemen befestigt. Es gehört einige Hebung dazu, die Arbeit geht aber auf diese Weise um die Hälfte leichter vom Fleck. Hinter jedem Hauer geht eine Person her, welche das Getreide mittelst einer Sichel -abraffelt. - Ist das Korn stark, so müssen hinter 2 Hauern 3 Raffler gehen. Ein Knabe oder-Mädchen verfertigt für 2 Hauer die (Stile. Hiezu nehmen sie so viel von den gehauenen Halmen, als nöthig ist zu einem Seil, drehen 1 Fuß von der Spitze das Stroh unter den Aehren kräftig um und scheiteln das Stroh auseinander. Dann ist das Seil fertig und wird auf den Boden gelegt. In dieses Seil werden von den Rasslern sofort zwei Arme voll Korn hineingelegt und nachher locker zugebunden. Ich sage locker, und zwar so lose, daß man ganz leicht einen Schuh unter das Seil stecken kann. Dann werden die Garben, jedesmal 10 Stück auf
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Das Mädchen von Speyer.
Eine h storische Novelle von A. Linden.
2. Kapitel.
IN eir r einsamen Kämmerlein, hoch auf dem Gtockenthurme des Kaiserdoms zu Speyer, saß Marne, des Domglöckners Töchterlein, an dem Rocken, und drehte die Spindel mit geschäftiger Han'o. Ihr gegenüber saß ihr Vater, der Dom- Glöckner Werner, dessen weißes Haar verrieth, daß er Uber siebzig Winter durchlebt haben mochte. — Es war eine finstere Nacht; draußen heulte der Sturm und schlug gewaltig an die kleinen Fünfter, di) er heftig erbeben machte. Der Regen tzoß in Strömen herab und fiel mit Getöse auf die Thürme und das Dachwerk des Riesengebäudes.
„Ein böses Zeichen!" begann der Domglöckner kopfschüttelnd. „Wir hatten heute den Allerseelentag, wo die Natur das Fest für die Dahingeschiedenen in tiefster Stille mitfeiern sollte — und nun dieses Wetter, das uns den Zorn Gottes verkündet!"
„Das bringt die Jahreszeit mit sich, Vater!" erwiderte Marie. „Wir hatten viele schöne Tage, und es ist der Weltlauf, daß Sonnenschein mit Sturm und Regen, heitere mit trüben Tagen wechseln."
„Ja wohl, mein Kind! Aber diese Stürme sind selten um diese Jahreszeit. Horch, wie es tobt und wettert! Ist es nicht, als wollten die
wilden Elemente den Kaiserdom zertrümmern? Glaube mir, meine Tochter: Der Herr verkündet sich in seinen Wettern! Zudem leben wir in einer böfen Zeit, und ich habe seit einigen Tagen so Manches wahrgenommen, das mir eine schlimme Zukunft für die Stadt Speyer vorhersagt."
„Hast Du mich nicht selbst gelehrt, Vater, daß es eine Sünde sei, an Gottes Barmherzigkeit zu zweifeln? Gedenke Deines Wahlspruchs, der zu den ersten Lauten gehörte, die ich lallen konnte; des Trostes, der uns schon so oft aufrichtete, wenn wir niedergebeugt waren; des kräftigen Wortes: Der alte Gott lebt noch!"
„Noch heute ist dieses mein Trost, gutes Kind! Aber der alte Gott sendet uns zuweilen Boten seines Zornes, die uns mahnen sollen, daß sowohl wir selbst, als alle Dinge, die uns umgeben, vergänglich seien. Sieh, meine Tochter! Jede Nacht mit dem zwölften Schlage kommt es mir vor, als hörte ich ein leises Wimmern in der Glockenstube, ähnlich dem Röcheln eines mit dem Tode Kämpfenden, und es drückt sich mir dann immer der Gedanke auf: es sei der Grabgesang des Kaiserdoms."
„Dein Alter zeigt Dir Traumgebilde, lieber Vater!"
„Und wenn auch, meine Tochter? Hat sich der Herr nicht schon im alten Bunde seinen Dienern im Traume kund gegeben?",
„Aber nicht immer sind wir im Stande, diesen Träumen die richtige Deutung zu geben. So er
zählt uns die Legende vom Traumgesichte eines frommen, gottergebenen Mannes das nach menschlicher Deutung ein schlimmer Bote zu sein schien, in der Wirklichkeit aber ein Engel des Friedens war."
„Laß hören, meine Tochter! Du weißt ja, wie gerne ich Deinen Erzählungen lausche."
Und ohne sich in ihrer Beschäftigung zu stören, fing Marie erzählend an:
„Herzog Heinrich von Baiern, so lautet die Sage, erhielt von feinem Vater Hezilo den heiligen Wolfgang zum Erzieher. Wolfgang beeiferte sich die Saat der Tugend in des Pfleglings Herz zu streuen, und diese Saat entkeimte nach Wunsch und ließ die köstlichen Früchte reifen. Der Jüngling hing mit Leib und Seele an dem alten Lehrer und liebte ihn so sehr, daß sein heißester Wunsch der war: sein geliebter Lehrer und Freund möchte nie von ihm scheiden. Doch der unerbittliche Tod erhörte des Jünglings Flehen nicht, und bald stand der junge Herzog allein da, denn der alte Freund schlief den Schlaf der Gerechten.
Der dankbare Schüler ließ dem Heimgegangenen Lehrer eine Capelle erbauen, in welcher der Leichnam beigesetzt wurde. Von weiter Ferne strömte bald die Schaar der Gläubigen herbei und wall- fahrtete zum Grabe des heiligen Wolfgang. Auch der Herzog Heinrich mischte sich unter den Betenden und ließ manche Thräne auf die Sarkophag des schlummernden Freundes fallen. (Forts, folgt.)