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1884

Donnerstag, den 17. Juli

Fuldaer

Der rheinische Parteitag der Nationalliberalen.

2. Das „politische" Programm der Partei der „Bismarckknechte."

Auch bei der Behandlung der rein politischen Momente des Parteiprogramms finden wir die Wortführer auf dem rheinischen Parteitage der Nationalliberalen naturgemäß in erster Linie in lebhafter Opposition gegen das Centrum. Selt­samer Weise scheinen die verehrten Redner sich über diesen Punkt ebensowenig wie über die kirchen­politische Parteistellung vorher genau verständigt zu haben. Daher kommt es denn auch im Kampfe gegen die politische Haltung des Centrums zu den kostbarsten Widersprüchen. Herr von Benda spricht in pathetischem Tone von der „unnatürlichen Ver­bindung des ultramontanen und des politischen Radikalismus." Dahingegen ereifern sich die Herren Professor Enneccerus und Dr. Graf auf's Aeußersteüber die „konservativ-klerikaleReaktion". Wir dächten doch, „Radikalismus" und „Reaktion" seien die denkbar schärfsten Gegensätze. Und beiden soll das Centrum huldigen? — Jawohl, wir ver­stehen, was die edlen Herren mit diesen wider­spruchsvollen Phrasen sagen wollen. Sie denken daran, daß das Centrum in der Zoll- und Sozial­politik mit den Konservativen gemeinsame Sache macht, daß es aber in Fragen der bürgerlichen Freiheit theilweise mit den Deutschfreisinnigen gegen das Sozialistengesetz gestimmt hat, und daß es sich nicht allioaleich zu einer Bewilligung der schlecht motivirten Dampfersubvention herbeiließ und in dem Punkte scheinbar mit den Freisinnigen eines Sinnes war. Heißt das denn mit dem „Radi­kalismus" fraternisiren? Rein, nein, und dreimal nein! Aber es ärgert die Nationalliberalen, daß das Centrum mit den Konservativen das große Verdienst hat, die Unfallversicherung endlich unter Dach und Fach gebracht zu haben, es ärgert sie, daß die „konservativ-klerikale" Mehrheit des Reichs­tages durch ihre Stellung zur Jnnungsfrage sich in hohem Grade die Sympathieen der Handwerker erworben hat, es ärgert sie endlich, daß sich nach­träglich herausgestellt hat, wie das Centrum im

Das Mädchen von Speyer. *)

Eine historische Novelle von A. Linden.

1. Kapitel.

Das Jahr 1689 war für die Stadt Speyer ein Jahr des Schreckens und der Betrübniß. Der ehrsüchtige 'und ländergierige Ludwig der Vier­zehnte von Frankreich sandte seine Generale Melac und Monclar mit Kriegsheeren aus, um die ganze Pfalz zu verwüsten und ihre prachtvollen Denk­male zu zerstören. Auch Speyer wurde im Na­men Ludwig's des Vierzehnten aufgefordert, sich in französischen Schutz zu begeben und eine Be­satzung aufzunehmen. Die Einwohner mußten der Gewalt weichen, und kaum waren die französischen Truppen in der Stadt, als auch eine Reihe von Bedrückungen und Mißhandlungen begann, die nur barbarischer Uebermuth zu ersinnen und aus­zuführen vermag. Der Soldat, der noch von den Gräueln des kaum vor vierzig Jahren geendeten dreißigjährigen Krieges erzählen hörte, freute sich, nun auch Gelegenheit zu finden, sich mit dem Raube der Unglücklichen zu bereichern, und was den Kriegern selbst zu grausam und unmenschlich schien, wurde von einer Bande ausgeführt, die die französische Armee in ihrem Gefolge hatte und unter dem Namen der „Strickreiter" bekannt und gefürchtet war.

Diese Horde machte keinen wirklichen Theil der

*) Nachdruck nicht gestattet.

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der Resolution, ohne Erfolg bleiben. Die Bemühun­gen mehrerer Redner, das allmähliche Aufgeben vormals als wesentlich betonter grundsätzlicher Ein­wendungen gegen die Unfallvorlage zu entschuldigen und zu rechtfertigen, wollen wir wegen Raumman­gels unerörtert lasten. Daß die Pationalliberalen über den Stock springen können, wenn die Um­stände es erheischen, wissen wir ja schon längst, es hätte daher der gewissenhaften Aufzählung der verschiedenen mit Hintansetzung wichtiger Prinzipien von der Partei abgeschlossenen „Kompromisse" Sei­tens des Herrn von Eynern kaum bedurft, ebenso - wenig wie der Versicherung, daß sie, selbst auf die Gefahr hin, Bismarckknechte gescholten zu werden, diese Kompromißpolitik auch fernerhin so rt- setzen würden. — Hochinteressant waren endli ch auch die Geständnisse der rheinischen Herren bezüglich der Börsensteuer. Herr von Benda desavouirte geradezu den Wortlaut der Heidelberger Er­klärung, er behauptete, das Wort „Börsensteuer" sei erst nachträglich in den Entwurf hineinkorrigirt worden, nachdem sie bereits ihm, Miquel, Mar- quardsen und Hobrecht vorgelegen hätte. Die Elberfelder Erklärung will nun den Her- delberger faux pas wieder gut machen, indem sie mit aller Entschiedenheit gegen den preußischen „Geschäftssteuer"-Entwurf Verwahrung emlegt Zur Begründung heißt es in der Benda'fchen Rede, man wolle keine prozentuale Börsensteuer, sondern nur eine erhöhte Heranziehung des fundirten Ver­mögens, vielleicht auch in Form einer Börsensteuer, aber durch Auferlegung eines Pauschquantums rc. Die Herren haben gewiß nicht ohne Grund in dieser Weise der allmächtigen Börse wieder schweif­wedelnd ihre allerunterthänigste Reverenz bewiesen. Vielleicht haben sie auch den Reichskanzler, dessen Glorifizirung selbstredend einen großen Theil aller Reden ausfüllte, vorher um die nöthige Erlaubniß zu der obigen „Verwahrung" gebeten. Diese Ver­wahrung war ja auch eine recht wohlfeile Sache, nachdem der Bundesrath bereits den preußischen Entwurf wesentlich umgemodelt hat.

Alles in Allem genommen, können wir, die An­hänger der deutschen Centrumspartei, mit dem Tischler, „aber, Nachbar, wir wollen wenig von der Sache reden; die Wände haben Ohren, und wir sind von den Feinden umringt, die überall Herumschleichen, um unsere Gesinnungen zu be- lauschen."

„Ihr habt recht, Meister. Laßt uns schweigen und dulden. Aber, was hat denn unser Rhein- schiffer, der gute Heinrich? Warum sitzt er so allein in der Ecke und stützt den Kopf auf die Hand? He, Heinrich, nehmt Euer Glas und rückt näher zu uns! Ihr ändert doch nichts mit Eurem Nach­denken. Ja, wenn wir eine Armee von solchen Burschen hätten, wie Ihr einer seid, dann —"

Der Angeredete, ein Jüngling von blühendem Aussehen, näherte sich mit seinem Glase den freund­lichen Bürgern und setzte sich in ihre Mitte. Sein blondes Haar fiel in langen Locken auf seine Schultern; aus seinen Augen strahlte ein edles Feuer und der kräftige Bau feiner Glieder ver- rieth den gesunden unverdorbenen Jüngling. Sein schönes Gesicht, das von üppiger Fülle strotzte, zeigte Sanftmuth und Milde; doch lag ein Anflug von Schwermuth um seine Lippen, und seine Stirne wurde von Zeit zu Zeit mit tiefen Furchen überzogen.

„Ich ehre Euern Schmerz," fuhr Reinhold fort, „doch was nützt es, wenn wir unsere Lage mit Grübeln und Sinnen noch mehr erschweren?"

„Nicht unsere Lage ist es," erwiderte Heinrich, „die mich so sehr betrübt, denn daran ist wohl

Grunde genommen der Kolonialpolitik des Reichs­tages durchaus zugethan ist und auch der Dampfer- Subvention keineswegs eine prinzipielle Oppo­sition, sondern nur eine gewistenhafte Vorsicht entgegenbringt. Dies alles ärgert sie, und des­halb wird das Centrum wacker verläumdet, und im blinden Eifer springt die Uebertreibung einmal zu weit nach rechts und klagt über „Reaktion", dann greift sie nach links aus und jammert über „Radikalismus". Daß trotzdem auch ein hohes Lob der Centrumspartei unterläuft und Herr Dr. Graf von dem Centrum redet als der „eigent­lich wichtigsten Partei an Zahl und Disziplin, von dem Centrum, mächtig, weil es taktisch geschlossen erscheint und in sich einig marschirt," kann den Eindruck der haltlosen, inkonsequenten, mit einem Worte erbärmlichen politischen Taktik der National­liberalen nur erhöhen.

Sehr interestant waren auch die Aeußerungen über das Unfallgesetz. Die Partei hat es rich­tig erfaßt, daß dieses Gesetz die wichtigste Frucht des letzten Reichstages ist, und daß im Wahlkampfe die Frage, wem diese Errungenschaft zum Wohle der arbeitenden Klassen zu verdanken sei, eine Hauptrolle spielen wird. In dieser richtigen Er- kenntniß ist die „wiedergeborene" Partei mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig wäre, be­müht, sich den Schein zu geben, als sei sie an dem Zustandekommen des Gesetzes hervorragend mitbetheiligt. Sie erinnert uns unwillkürlich an jenen Sänger, der mit einem Gesangverein einer rheinischen'Stadt zu einem Gesangwettstreit aus­zog, wegen Heiserkeit an dem Sängerfeste nur passiv theilnehmen konnte, aber dennoch bei der Heimkehr der Sieger als einer der ersten und am lautesten sich vordrängte und den Lorbeerkranz um sein unschuldiges Haupt legen ließ. Um jeden Preis will die nationalliberale Partei das Unfallgesetz als ihre erste große That seit der „Wiedergeburt" ge­priesen sehen. Aber die offenkundige Wahrheit kann auch ein Nationalliberaler nicht umkehren, und des­halb wird auch das jetzt angewandte neueste Mit­tel, die Aufnahme des Unfallgesetzes und einer Zu­stimmungserklärung zu demselben in die Elberfel-

Truppen selbst aus, 'sondern bestand aus der niedrigsten Elaste von Menschen, denen der regel­mäßige Dienst nicht anvertraut wurde, und die nur geduldet waren, um durch sie manches Unter­nehmen zu wagen, besten Gelingen mehr als zweifelhaft war. Man nannte sie auch „Boten des Todes", da sie überall da verwendet wurden, wo ein Bubenstück ausgeführt werden sollte, und wenn dieses auch auf Kosten von Menschenleben erkauft werden mußte. Sie waren blau gekleidet; statt der französischen Lilien trugen sie Galgen, Rad und Schwert auf ihren Wehrgehängen gestickt, und auf ihren Achseln hing ein Bündel Stricke. Kein Wunder daher, daß diese Unholde mehr ge­fürchtet wurden, als die regulären Truppen, da manche verübte That, die den Soldaten geschändet hätte, den „Strickreitern" zur Last gelegt werden konnte.

Es war im September des Jahres 1689, als in der Schenke „zum Anker", die nahe am Rheine lag, mehrere Bürger bei einem Glase Wein saßen und von der traurigen Lage ihrer Nachbarstädte sprachen, die zum großen Theil sehr bedrängt waren. „Ja, ja, es ist eine harte Zeit," begann der Küfermeister Reinhold, „die Franzosen machen wenig Complimente, und der Hochweise Rath hat wohl daran gethan, ihnen die Thore zu öffnen, denn sonst könnte es heute schlimm um unsere gute Stadt stehen."

„Das will ich meinen," erwiderte Burghof, der