M 159
Montag, den 14. Juli
1884,
Die »Fuldaer Zeitung' erscheint tSglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. VierteljährlicherZAbonnemnüspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg.» belletristischen Wochenbeilage »Sterne «nd Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg-, auswärts 1 M. 75 Pfg.
Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg-! bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
— mit der
S Parteiverbündungen im Wahlkampfe. I.
In einem unserer letzten Artikel wurde dasZVer- hältniß der Centrumspartei zu den Nationalliberalen einer längeren Betrachtung unterzogen, welche in dem Satze gipfelte: „Mit allen anderen großen Parteien läßt sich, wenn die Verhältnisse es erheischen, auf Grund bestimmter Programm-Versprechungen paktiren, mit den Nationalliberalen niemals. Der Nationalliberalismus ist und bleibt unser Erbfeind, mit ihm dürfen wir uns auf der Wahlarena nicht anders antreffen laffen, als im Kampfe." Diese unzweideutige Stellung wird, dessen sind wir gewiß, in allen Gauen unseres deutschen Vaterlandes rücksichtslos gewahrt werden, wenn auch die nationalliberalen Sirenenstimmen noch so verlockend ertönen mögen. In den maßgebenden Kreisen der Partei gibt man sich auch keiner Täuschung hin über diese Stellung der Centrumspartei; in dem rheinischen Hauptorgan der Partei wird bei einer Besprechung der „erbitterten ultramontanen Angriffe" offen bekannt: „Nie hat ein Nationalliberaler im Wahlkampfe eine einzige ultramontane Stimme empfangen. Er mochte was immer für einen Gegner haben, der letztere hat unter allen Umständen die Unterstützung der Klerikalen gefunden." Wenn nichtsdestoweniger das offizielle Organ der badischen nationalliberalen Partei „das katholische Volk Badens" zur Unterstützung sogen, „maßvoller Männer liberaler Gesinnung" zu verlocken sucht, so wendet sich das Blatt dabei keineswegs an die maßgebende politische Vertretung des katholischen Volkes, sondern gegen diese an das Volk selbst, an die Wähler der Centrumspartei, um ihnen plausibel zu machen, daß sie von den guten Nationalliberalen gar nichts für ihre Religion und ihren Klerus zu befürchten hätten. Natürlich! die Nationalliberalen sind ja so fromme, so brave, so religionsfreundliche Leute, die den kirchlichen Frieden so ungemein lieb haben. Diese Heuchler! Man braucht ja nur an die denkwürdige Abstimmung jener 40 resp. 34 letzten Ritter des Kulturkampfes gegenüber dem Windt- horst'schen Antrag auf Aufhebung des Priester«
84 iry Penelope.
An einem schönen Sommernachmittaq, wo ganz Castle Chartres in Sonnenschein getaucht war, brachte Algy seine junge Gattin nach Hause. Penelope hatte Pferdegetrappel in der Allee gehört und stand wartend am offenen Thore, ein freundliches Willkommen lächelnd, als der Wagen jetzt anfuhr und Algy heraussprang.
„Willkommen zu Hause, mein Liebling!" sagte er, sehr stolz und glücklich aussehend, als er seiner jungen Gattin aus dem Wagen half.
Die lächelnde erröthende Nelly, die gar lieblich in ihrem hellblauen Kleid aussah, betrat am Arme ihres stattlichen Gatten die Stufen und sie und Penelope umarmten und küßten einander herzlich.
Penelope hatte Nelly auf der Hochzeit in Craigfell schon liebgewonnen und doch fühlte sie immereine leise Eifersucht, daß sie nun nicht länger Alles in Allem für Algy war. Freilich hatte er sie jetzt liebevoll umschlungen und küßte sie in der alten herzlichen Weise, aber dann wandte er sich und widmete sich ganz seinem hübschen jungen Weibchen. Und wie glücklich sah er aus — wie unaussprechlich zufrieden.
Penelope seufzte, als sie jetzt ihr Zimmer aufsuchte, um sich zum Diner anzukleiden. Algy hatte seine Gattin — er brauchte sie nicht mehr. Ein Lächeln von Nelly's Lippen brachte ihn an ihre Seite — es war, wie es sein sollte.
Nelly war an diesem Abend in weiß gekleidet
ausweisungsgesetzes zu erinnern. Und diese Leute versteigen sich zu der Behauptung: „Das katholische Volk Badens hat in immer weiteren Kreisen die Ueberzeugung gewonnen, daß eine aufrichtig liberale Staatsrichtung keineswegs die Pflege des religiösen Lebens schädigt, vielmehr dasselbe als ein wichtiges Gut des Volke (wer lacht da?) hochhält und nur die poli tischen Bestrebungen jener Friedensstörer be kämpft, welche die Religion zu unbefugten Eingriffen in das innere Gebiet des Staates mißbrauchen": Wir wollen den Nationalliberalen diese Wahnvorstellung von der Gesinnung des „katholischen Volkes in Baden" nicht rauben, sind aber überzeugt, daß auch in Baden das katholische Volk bei den Reichstagswahlen auf das jüngste nationalliberale Kulturkampfsvotum die passende Antwort ertheilen wird. Nicht mit Unrecht warnten wir in dem Artikel „Unser Erbfeind bei den Reichstagswahlen" eindringlich vor den Wölfen in Schafskleidern, die dem Volke Lobeshymnen singen würden auf die nationalliberale Toleranz und kirchliche Friedensliebe. Man sieht, die Schafspelze sind schon fertig, und alsbald werden den erst vereinzelt auftretenden Versuchern ganze Schaaren folgen, welche sich in's Volk mischen, um seine Ueberzeugung zu korrumpiren. Darum seid auf der Hut, katholische deutsche Männer, ihr kennt ja die Nationalliberalen und ihre Thaten und braucht euch dieselben nicht von ihnen selbst erzählen zu laffen. Die Nationalliberalen scheinen übrigens auch ihrerseits den Kampf mit den „Ultramontanen" mit ganz besonderer Schärfe aufnehmen zu wollen, und zwar selbst in denjenigen Wahlkreisen, wo ihre Aussichten gleich Null sind. Die ,Nat.« Lib. Korr.' verbreitet sich in einem längeren Artikel über „die Wahlkreise der Ultramontanen". Sehr interessant und theilweise ganz schmeichelhaft für die Centrumspartei und ihre vortreffliche Or« ganisation ist die Einleitung dieses Artikels. Dieselbe lautet: „Bei den Wahlen ist keine Partei in einer günstigeren Lage, als das Centrum. Vor einigen Tagen ist in Daun in der Eifel eine Nachwahl zum Reichstag vorgenommen worden; andere und sah bezaubernder als je aus, als sie von der untergehenden Sonne beleuchtet am offenen Fenster stand, und mit den veilchenblauen Augen, die denen Douglas' so ähnlich waren, schüchtern zu ihrem stattlichen, auf sie herabblickenden Gatten aufblickte.
Penelope betrachtete, unter der offenen Thüre stehend, das glückliche Paar und ihre Augen wurden traurig; Nelly's strahlendes Gesicht bildete einen solchen Contrast zu dem ihrigen. Algy erblickte sie und kam zu ihr herüber.
„Pen", flüsterte er, sich zu ihr neigend, „habe ich nicht ein süßes Weibchen?"
„Ja, Algy," antwortete sie und sie traten zusammen an da» Fenster, wo Nelly in schweigendem Entzücken über die sich vor ihren Augen auSbrei- tenden Schönheit von Castle Chartres stand.
„An was denkst Du, Nelly?" fragte Algy, seine Hand auf ihre Schultern legend.
„Ich dachte daran, Algy", antwortete sie, „wie traurig Du mußt gewesen sein, als Du Castle Chartres verlorst."
„Nicht halb so traurig," flüsterte er, sich ganz zu ihr herabbeugend, „als darüber, daß ich Dich verlor, mein Liebling."
Sie blickte zu ihm auf und der Strahl der Liebe, der sie aus seinen Augen traf, machte, daß sich die ihrigen mit Thränen füllten. Penelope entfernte sich leise, sie wollte die Verliebten allein mit einander lassen.
Jetzt erscholl die Essensglocke. Algy bot seiner
Stimmen als die für den ultramontanen Kandidaten wurden dabei kaum abgegeben. Der Vorgang ist typisch für die Mehrzahl der Centrumswahlkreise. In den rheinischen, westfälischen, oberschlesischen, bairischen Wahlkreisen der Partei ist ein ernstlicher Angriff auf den klerikalen Besitzstand niemals gemacht worden, ja, die Andersdenkenden halten es in der Regel gar nicht für der Mühe werth, ihre Stimmen abzugeben und Zeugniß für ihre gegensätzliche Gesinnung abzulegen." Den Grund für die Unantastbarkeit der meisten Wahlkreise der Centrumspartei findet das nationalliberale Organ in der „religiösen Fanatisirung der Massen" durch die katholische Geistlichkeit. Wörtlich heißt es sodann mit spezieller Beziehung auf preußische Zustände: „Es wird darin, je mehr der „Kulturkampf" an Heftigkeit verliert und die religiöse Agitation angesichts der wesentlichen Milderungen der Maigesetze und ihrer Handhabung den Stoff einbüßt, mit der Zeit Wandel eintreten, einstweilen aber sind wir noch nicht so weit." Werthvoll ist in dieser Meinungsäußerung das Ge- ständniß, daß der Kulturkampf doch noch heftig entbrannt ist. Jenachdem es die Gelegenheit erheischt, behaupten die Nationalliberalen bald, der Kulturkampf sei zu Ende, die Klagen über den Kulturkampf seien nur zur Aufreizung und Irreleitung des Volkes bestimmt, bald reden sie sich selbst wieder ein, der Kulturkampf fei doch noch lange nicht zu Ende. Das ist echt „nationalliberal." Wenn die ,Nat.-Lib. Korr.' recht berichtet ist, so beabsichtigt die Partei bei dm Reichstagswahlen auch dort, wo ihre Niederlage bestimmt vorauszusehen ist, Zählkandidaturen aufzustellen. Uns kann's schon recht sein, unsere Parteigenossen in nationalliberalen Wahlkreisen werden sich aber reiflich zu überlegen haben, ob für sie nicht auch die Aufstellung eigener Zählkandidaten zweckmäßig sein wird. Diese Frage hängt natürlich wesentlich davon ab, ob eine Unterstützung des antinationalliberalen Kandidaten rathsam ist oder nicht. In der Regel wird die Centrumspartei auch in aussichtslosen Wahlkreisen zunächst eigene Kandidaten aufzustellen haben.
Gattin den Arm und führte sie mit stolzem Lächeln in den Speisesaal und an den obersten Platz der langen Tafel, während der alte Michael Green, der wieder Hausmeister war, mit glücklichen Augen auf die neue junge Herrin sah, die in lieblicher Verwirrung über ihre neue Stellung, schüchtern ihrem lächelnden Gatten gegenübersaß.
„Penelope, dies ist Dein Platz", sagte Nelly. „Bitte, setze Dich hierher!"
Penelope schüttelte lachend den Kopf —
„Nein, Nelly — Du mußt sogleich beginnen die Honneurs zu machen.
„Gstt sei Dank, Pen ist nicht eifersüchtig!" dachte Algy beruhigt und fragte des Abends die geliebte Schwester:
„Nicht wahr, Du wirst Nelly sehr lieb haben, Pen?" und Penelope ergriff seine Hand und antwortete :
„Ich habe sie schon lieb, Algy, und ich glaube, sie ist auch würdig, meines Bruders Gattin zu sein."
„Sie ist zu gut für mich" — seine Stimme klang tiefernst — aber Gott weiß es, ich werde Alles thun, um sie glücklich zu machen."
Als Algy später am Abend auf der Terrasse rauchte, hatte Penelope eine lange Unterhaltung mit Nelly und schloß Algy's junges Weibchen mit jeder Minute mehr in ihr Herz, als sie sah, wie sich die hellen Augen trübten, während sie von Algy's langer Krankheit erzählte und wie er im Delirium so oft „Nelly, Nelly!" gerufen.