1884,
Fuldaer
eilung
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Die egyptische Konferenz.
Während aus dem Sudan die schreckliche Kunde zu uns dringt, daß die Anhänger des Mahdi die Stadt Debbah eingenommen und die ganze Einwohnerschaft nebst der Garnison, etwa 3000 Menschen, niedergemetzelt hätten, sitzen in London die Vertreter der europäischen Mächte über die finanziellen Verhältnisse Egyptens zu Gericht, und England ist, unbekümmert um dieses gefahrvolle Verdingen des Todfeindes christlicher Civilisation, auf nichts Anderes bedacht, als ein gutes Geschäft in Egypten zu machen. — Seitdem das Abkommen zwischen England und Frankreich in breiter Ausführlichkeit vorliegt, ist die Stimmung der beiden Länder gegenüber den Vereinbarungen ihrer Diplomaten eine fast vollständig umgekehrte geworden. Man hatte geglaubt, daß im englischen Parlament ein wahrer Sturm der Entrüstung über Gladstone's Nachgiebigkeit und Schwächlichkeit ausbrechen und die Stellung des Premiers nachhaltig erschüttern würde. Gladstone hat wieder einmal über seine Widersacher gesiegt, man gibt sich jetzt in England ohne Begeisterung, aber auch ohne Widerwillen mit der egyptischen Abmachung zufrieden, und nur Leute, welche die internationale Lage nicht begreifen wollen, setzen den aussichtslosen Kampf um eine unverhüllte Schutzherrschaft über Egypten fort. Unter- dessen erregt die auffallende Nachgiebigkeit Frankreichs in der egyptischen Frage nicht nur in der Republik selbst, sondern auch in ganz Europa das größte Aufsehen. Angesehene französische Blätter verfechten die Ansicht, daß Ferry sich von dem schlauen Gladstone habe übertölpeln lasien, daß der letztere nur anscheinend und momentan für eine schleunige Räumung schwärme, um in Wirklichkeit um so länger und sicherer in Egypten bleiben zu können. Andere Journale sind hingegen der Meinung, das heutige England habe wirklich definitiv mit der alten Eroberungspolitik gebrochen, und Gladstone wolle durch die Räumung Egyptens einen eklatanten Beweis hierfür liefern. Die Frage wird selbstredend erst durch die thatsächliche Erfahrung entschieden werden, ihre Entscheidung ist aber, weil in dem englisch-franzö
sischen Abkommen so ziemlich Alles von dem Abzüge der englischen Truppen abhängig gemacht ist, für das Gelingen des ganzen Planes von grundlegender Bedeutung. Nach den bisherigen Erfahrungen will es uns bedünken, daß bei England vorläufig noch die ernstliche Absicht, Egypten zu räumen, nicht ohne Weiteres angenommen werden darf. Die Bedingungen des englisch-französischen Abkommens sind in der That für England nicht so ungünstig, wie man beim ersten Bekanntwerden der ungenauen Umrisse des Vertrages glauben konnte. Vor Allem bieten die Finanzvorschläge der englischen Regierung große Vortheile und hätten die Herren Briten allen Grund, recht vergnügt zu sein, wenn die Konferenz denselben ihr Placet er» theilt. Ob dem armen verschuldeten Egypten dadurch wirklich geholfen wird, ist eine andere Frage. Obwohl England den größten Theil der Schuld an dem egyptischen Mißgeschick trägt, scheint es für die traurige Lage der egyptischen Bevölkerung weder Sinn noch Herz zu haben. England ist ja allerdings bereit, dem Nillande einen Vorschuß von acht Millionen Pfund, (etwa 160 Millionen Mark) zu 4 pCt. zu gewähren oder zu verbürgen; die Mittel zur Verzinsung desselben sollen auf Kosten der europäischen Gläubiger Egyptens durch Herabsetzung des Zinsfußes der älteren egyptischen Schulden flüssig gemacht werden. Die Höhe des Zinssußes dieses englischen Vorschusses sucht man damit zu begründen, daß Egypten sonst die acht Millionen nicht austreiben könne. England macht einerseits ein gutes Geschäfts verstärkt anderseits sein politisches egyptisches Interesse durch das finanzielle und verschafft sich so einen durchschlagenden Rechtsgruud für eine dauernde Einmischung in die egyptischen Angelegenheiten. Es entsteht nun aber die wichtige Frage, ob durch diese neue Finanzoperation wirklich dem egyptischen Volke, welches unter der allerdrückendsten Steuerlast seufzt, eine Wohlthat erwiesen wird, mit anderen Worten, ob Gladstone ohne Ueber- treibung von einem den Egyptern zu gute kommenden erheblichen Steuer-Nachlaß reden darf. Einem englischen Blatte entnehmen wir über die
einschlägigen Verhältnisse die folgenden Angaben, welche keines Kommentars bedürfen.
Die Hälfte der von dem armen Volke mit der größten Grausamkeit herausgeschundenen Staatseinnahmen dient dazu, die Zinsen der 80 Millionen Pfund zu bezahlen, welche dem früheren Kedive von europäischen Kapitalisten dargeliehen wurden, und von denen dem Volke selbst nur der kleinste Theil für productive Zwecke zu Gute kam. That- sächlich erhielt der Khedive trotz der guten Hypothek, die er bot, kaum die Hälfte des Betrages, für den er sein Land haftbar machte, und Egypten hat daher für die dem verschwendungssüchtigen Herrscher von europäischen Wuchern aufgedrängten 40,000,000 Pfund 80,000,000 Pfund zurückzuzahlen und inzwischen den dargeliehenen Betrag mit 10 Prozent zu verzinsen. — Jede der armen egyptischen Bauernfamilien hat jährlich eine Steuersumme von 16 Pfund (320 Mark) aufzubringen, die Grundsteuer von jedem Morgen Land beträgt 52 Mark! Und das in einem Lande, wo das Getreide kaum den halben Preis besitzt wie in Europa, und wo die animalen Producte gleichfalls einen weit geringeren Werth haben. In dem Finanzvorschlage der englischen Regierung heißt es, daß die Steuern in Egypten, um dem Volke die unbedingt erforderliche Erleichterung zu schaffen, um 3,500,000 Pfund bis 4,000,000 Pfund herabgesetzt werden müffen. Die ist etwa 40 Prozent der gesummten Steuern. Um dies möglich zu machen, stellt die englische Regierung an die braven Gelddarleiher die furchtbare jZumuthung, daß sie von ihren Zinsen */2 Prozent Nachlassen sollen. Dies macht im Jahre etwa 400,000 Pfund aus; dagegen sollen Egyptön zum Ausgleich der Forderungen, welche den bei dem von den Engländern ausgeführten Bombardement von Alexandrien zu Schaden gekommenen Europäern zugestanden wurden, von England 8,000,000 Pfund gegen vier Prozent dargeliehen werden, wofür Egypten demnach 320,000 Pfund Zinsen zu zahlen haben wird. Egypten erspart daher auf der einen Seite 400,000 Pfund und auf der anderen Seite hat es 320,000 Pfund mehr zu zahlen; sein Ge-
82 try Penelope.
Nun lebewohl, alter Junge, und fei recht besorgt für Dich; in Weston Abbey wirst Du Dich bald ganz erholen".
Algy Chartres sah nicht aus, als ob er noch vieler Erholung bedürfe, als er mit Douglas auf dem Perron des von Menschen wimmelnden Bahnhofes in Charing Croß stand, er glich wieder ganz dem Algy von früher, so heiter lachte und plauderte er. , , _ c
„Nun, lebe wohl", — Douglas' Hand schilt- telnd. „Gott segne Dich, Douglas!" fügte er mit weicher Stimme bei.
Dann schritt Douglas vor und blickte in den Eisenbahnwagen, in dem Penelope saß. Er streckte seine Hand aus.
„Noch einmal, leben Sie-wohl!"
Ihre Augen begegneten sich. Er las nur den alten sehnsüchtigen Blick in den ihrigen, als sie ihre Hand in die seine legte.
Ein schwarzgekleideter Herr kam vorbei, blickte in den Wagen und eilte hastig weiter, als er Penelope gewahrte. Douglas wunderte sich über ihr Erschrecken und die Erregung, die sich plötzlich in ihren Zügen malte.
Der Herr war Everard Daubeny, weiß, abgehärmt und ruhelos. Auch Algy hatte ihn erkannt nnd flüsterte Douglas seinen Namen zu, als er jetzt in den Wagen stieg. Douglas schloß fest seine Lippen aufeinander, als er in Penelope's An
gesicht blickte. Also der bloße Anblick seines Neben- buhlers hatte noch solche Macht über ihre Gefühle, dachte er mit Bitterkeit, als er sah, wie ihre Augen in Thränen schwammen.
Die Wagenthüre wurde geschlossen; Penelope lehnte sich aus dem Fenster und streckte ihre zitternde Hand aus.
„Sie haben mir Algy wiedergegeben; lassen Sie mich Ihnen danken, Douglas."
„Ich brauche keinen Dank," sagte er traurig und blickte bekümmert zu dem lieblichen Gesichtchen auf.
„Wollen Sie uns nicht manchmal besuchen? fragte sie schüchtern.
„Einmal —um Lebewohl zu sagen," antwortete er.
Und dann zog sie ihre Hand weg und der Zug setzte sich in Bewegung.
„Träumen Sie, Graham?" sagte eine fröhliche Stimme und ein joviales Angesicht tauchte vor dem seinen auf.
„Sie, Harry?" rief Douglas und blickte auf ein lustig ausfehendes Männchen herab, das ihm gerade bis an den Ellenbogen reichte. „Woher kommen Sie?"
„O, ich reife herum, wie gewöhnlich!"
Harry Fane war eines dieser Individuen, die ihr Leben damit zubringen, in der Welt herumzureisen. Jedermann nannte ihn „Harry"; Riemand sprach ihn „Mr. Fane" an. Seine Haare wurden schon grau, aber seine scharfen grauen Augen warey hell, wie immer. Er hatte viel Geld, keine
Frau und keine Sorgen — hielt eine Pacht, mit der er die Gewässer durchkreuzte, bis er dann wieder eine Zeitlag auf festem Boden in feinem Klub lebte.
So trug denn Harry Fane ein Herz in der Brust, leicht und fröhlich wie das eines Kindes und Douglas freute sich aufrichtig, fein herzliches Lächeln wieder einmal zu sehen.
„Ich mache es gerade wie Sie, Harry. Wir haben uns ja schon Jahre nicht mehr gesehen; kommen Sie und speisen Sie mit mir, wenn Sie nichts Besseres zu thun haben."
„Danke — nur zu gern komme ich. Aber sagen Sie mir 'mal, Graham, wer war denn dieser stattliche blonder Junge eben bei Ihnen?"
„Sie meinen Chartres — Algy Chartres. Wir dienten zusammen in der Armee und sind alte Freunde."
„Er ist das Abbild eines Chartres, den ich in Amerika kannte — ein schrecklicher Taugenichts — Jack Chartres."
„Er ist sein Neffe," erwiderte Douglas.
„Ah, dachte ich mir's doch! Das Gesicht war mir gleich bekannt. Er ist genau derselbe große schöne Junge mit gelbem Haar. Er ist das Porträt des armen Jack."
„Sagen Sie lieber, armer Algy," erroieberte Douglas. „Wenn man bedenkt, daß dieser Taugenichts eines Onkels die Ursache war, daß er seinen schönen Besitz verlor!"